Vijayadasami – aus meinem Tagebuch vom 21. Oktober 2007

1525CBD7-9E5A-4CA3-8A22-C0C4B18E21DF

Suriyan sieht aus wie ein kleiner Prinz in seiner traditionellen indischen Kurta und der dicken Goldkette, die er von seinen Grosseltern geschenkt bekommen hat.

In der Playschool feiern wir heute Vijayadasami, es ist der Tag des Neustarts. Eigentlich der ideale Zeitpunkt um ein Geschäft zu gründen oder eine Ausbildung anzufangen. An der Schule werden neue Kinder aufgenommen und alle Schüler dürfen an einer Segnung teilnehmen. Vijayadasami ist der zehnte und letzte Tag von Navaratri und in Tamil Nadu ist die Schirmherrin die Göttin Saraswati. Sie ist die Göttin des Wissens und der Künste. Wenn es um Lernen, Erziehung, Ausbildung und Kunst geht, ist sie die richtige Ansprechperson.

Im Unterrichtsraum haben die Lehrerinnen einen schönen Altar aufgebaut. Bilder von Saraswati und Gansha stehen mit Blumengirlanden geschmückt darauf. Lord Ganesha darf an diesem Tag natürlich auch nicht fehlen, denn er beseitigt alle Hindernisse.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Am Boden sind wunderschöne farbige Rangoli gestreut. Suriyan darf seiner Playschool-Auntie auf den Schoss sitzen und in eine grosse, silberne Schüssel gefüllt mit Reis das heilige Zeichen OM schreiben. Bevor die Kinder beginnen zu schreiben, wird dieses Ritual durchgeführt.

stick-schwarz-864.jpg

Suriyan faltet vor dem Altar kurz seine Hände zum Gebet und danach bekommt er ein kleines Geschenk.

Für die Lehrerinnen haben wir Früchte und einen grosszügigen Batzen mitgebracht, denn es ist auch ein Tag um sich beim Guru (Lehrer) zu bedanken, ihn zu ehren und zu beschenken.

Werbeanzeigen

Freunde – eine Geschichte aus der hinduistischen Götterwelt

59133EB5-F175-4CBA-B588-BEA6C069DE90

Sudama stammte aus einer armen Brahmanen-Familie. Als Knaben wurden Sudama und Lord Krishna gemeinsam vom Weisen Sandeepany unterrichtet. Die beiden waren vorbildliche Schüler und eine tiefe Freundschaft verband sie. Sie nahmen ihr Lernen sehr ernst und halfen auch bei einfachen Aufgaben im Haushalt mit. Nachdem ihre Ausbildung zu Ende war, segnete sie ihr Guru und sie mussten schweren Herzens von einander Abschied nehmen.

Krishna ging nach Dwaraka zurück und bald darauf wurde König. Er heiratete Rukmini, die Prinzessin von Vidarbha.

Sudama ging zurück in sein Dorf und lebte ein einfaches Leben als frommer Brahmane. Er betete täglich zu Krishna und lobpreiste ihn. Seiner lieben Frau Susheela erzählte er von seiner Freundschaft zu Krishna, die seine Kindertage sehr geprägt hatte. Obwohl sie nicht reich waren, führten die beiden ein zufriedenes und einfaches Leben. Die Jahre vergingen und sie bekamen ein Kind. Die Familie musste immer wieder Nachbarn um Hilfe bitten, denn es fehlte an allem. Susheela bat Sudama mehrmals Lord Krishna zu besuchen und ihn um Hilfe zu bitten, aber Sudama wollte Krishna nicht mit seinen Problemen belasten und aus eigennützigen Gründen vor ihn treten.

Die Familie wurde von Tag zu Tag ärmer und grosse Sorgen plagten die kleine Familie. Da sprach Susheela erneut zu ihrem Mann: „Mein Liebster, du musst Lord Krishna um nichts bitten. Du kannst ihn einfach besuchen und ihn um seinen Segen bitten. Ich bin sicher dies wird und Glück und Wohlergehen bringen.“

Sudama dachte über die Worte seiner Frau nach und er beschloss seinen Freund Krishna in Dwaraka zu besuchen. Bevor er das Haus verliess, fragte er seine Frau, ob sie etwas hätte, das er Lord Krishna überbringen könnte. Susheela erinnerte sich sofort daran, dass Sudama ihr erzählt hatte, dass Lord Krishna Reisflocken sehr mochte. Schnell eilte sie ins Nachbarhaus, borgte sich etwas und verpackte die Flocken sorgfältig in ein sauberes Tuch.

Auf dem Weg nach Dwaraka drehten sich Sudamas Gedanken. Einen Moment lang war er sehr aufgeregt und freute sich darauf seinen Freund zu sehen und im nächsten Moment zweifelte er, ob Lord Krishna ihn überhaupt einlassen und wiedererkennen würde.

Dwaraka war eine wunderschöne Stadt. Schon von Weitem erblickte Sudama den prachtvollen Palast aus Marmor, der im Sonnenlicht hell erstrahlte. Wachen standen vor dem Tor und als Sudama näher kam, reagierten sie sehr unhöflich. „Wer bist du? Was willst du hier?“, fragten sie. „Ich heisse Sudama und ich bin ein alter Freund von Lord Krishna. Würdet ihr dem König bitte ausrichten, dass ich hier bin?“, sprach Sudama mit sanfter Stimme.

Nach seiner langen Reise sah Sudama sehr schmutzig und elend aus und die Wachen reagierten sehr skeptisch, überbrachten Krishna aber die Nachricht. Als Krishna die Nachricht vernommen hatte, eilte er so schnell wie möglich zum Tor und schloss seinen Freund in die Arme.

„Sudama, ich bin so froh dich zu sehen. Es ist so lange her. Wie geht es dir, mein lieber Freund?“

Krishna nahm seinen Freund an der Hand und führte ihn in den Palast. Die Wachen waren sehr erstaunt, denn noch nie hatte Krishna einen Gast so empfangen. Krishnas Palast war riesig, die Böden waren aus weissem Marmor und die Wände waren mit wundervollen Schnitzereien verziert. Krishna führte Sudama in den Thronsaal und sagte zu seiner Frau Rukmini: „Das ist mein lieber Freund Sudama!“

Rukmini lächelte ihm zu und verbeugte sich. „Krishna hat immer so viel von dir erzählt. Ich bin so froh, dass du gekommen bist!“ Krishna und Rukmini liessen Sudama Platz nehmen und wuschen seine Füsse. Sudama wollte seinen Freund stoppen doch Krishna beharrte darauf. „Sudama, deine Füsse sind von der langen Reise sicher müde, lass sie mich bitte waschen,“ sprach Krishna sanft und besorgt. Als Sudama Krishnas Liebe und Fürsorge für ihn spürte, hatte er sogleich Tränen in den Augen.

Sudama wurde in den Speisesaal geführt und ein königliches Festessen wartete auf ihn. Rukmini selbst bediente ihn zuvorkommend. Sie verbrachten den ganzen Tag zusammen und sprachen über die guten alten Zeiten. Als es Nacht wurde, offerierte Lord Krishna seinem Freund sein eigenes Bett zum Schlafen. Doch Sudama war so überwältigt, dass er kaum schlafen konnte. Er fühlte sich so gesegnet und glücklich. Er war so zufrieden, dass er sogar vergessen hatte Krishna um Hilfe zu bitten.

69368978-4ADD-4B73-BEA2-FE9A6967122A

Am nächsten Morgen als er sich von Krishna und Rukmini verabschieden wollte, fragte Krishna: „Sudama, was hast du eigentlich für mich mitgebracht?“ Sudama schaute betroffen zu Boden und versuchte das kleine Bündel mit den Reisflocken zu verstecken. Nach allem was Krishna für ihn getan hatte, schämte er sich für das billige Geschenk. Aber Krishna entdeckte das Bündel und entriss es Sudama. Er öffnete es sofort und rief erfreut aus: „Sudama, du erinnerst dich noch daran? Ich liebe Reisflocken. Ich danke dir vielmals.“

Sudama war ganz überrascht als er sah wie Krishna die Reisflocken genüsslich ass. Er dachte für sich: „Krishna hat allen Reichtum, den man sich nur vorstellen kann und doch freut er sich wie ein kleines Kind über Reisflocken.“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, machte sich Sudama auf den langen Heimweg. Doch die Reise zurück war überhaupt nicht ermüdend und er dachte immer wieder an die gemeinsamen, wundervollen Momente in Dwaraka zurück. Die gemeinsamen Zeit mit Krishna liess ihn alle Sorgen und Ängste einfach vergessen.

Als er in seinem Dorf ankam, war er ganz überrascht. Er konnte seine eigene Hütte nicht wieder finden. An dessen Stelle stand ein wunderschönes Herrenhaus. Während er noch verdutz vor dem Haus stand, rannten seine Frau und sein Sohn ihm entgegen. Sie trugen schöne Kleider und Goldschmuck. Susheela erzählte ihrem heimgekehrten Mann von dem grossen Wunder, das in seiner Abwesenheit passiert war. Die kleine Hütte hatte sich über Nacht in dieses wunderschöne Haus verwandelt.

Sudama war sprachlos. Obwohl er seine Sorgen mit keiner Silbe erwähnt hatte, kannte der alleswissende Lord Krishna all seine Probleme. Krishna war Gott! Von da an wuchs seine Hingabe zu Krishna mehr und mehr. Letztendlich erreichte Sudama Moksha, die Befreiung der Wiedergeburt und er wurde eins mit Gott.

 

 

 

 

 

Hari – aus meinem Tagenbuch vom Dezember 2007

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Baugrundstück gegenüber ist eine Wächterfamilie mit ihrem kleinen Sohn Hariharan, kurz Hari genannt, hergezogen. Obwohl älter als Suriyan, ist er ganz schmächtig und etwa einen Kopf kleiner. Der Junge ist mehrheitlich sich selbst überlassen und spielt unbeaufsichtigt auf der Baustelle. Natürlich hat mich sofort das Mitleid gepackt. Erst war ich etwas unsicher, ob ich den Jungen wirklich zum Spielen einladen soll und darf. Meine Schwiegermutter hätte bestimmt keine Freude daran, wenn sie wüsste, dass ihr einziger Enkelsohn mit  einem „verwahrlosten“ Jungen aus einer unteren Kaste spielt.  Ehrlich gestehe ich ein, dass auch ich einen Moment lang gezögert und an Krankheiten und Läuse gedacht habe. Doch Prabhu hat mich beruhigt. Die Kinder seien geimpft und dies würde Suriyans Abwehrkräfte nur stärken, seiner Mutter müssten wir dies jedoch nicht grade unter die Nase binden. Recht hat er! Hier in Indien bin ich irgendwie übervorsichtig und ängstlich geworden.  Wir laden Hari zum Spielen ein und er kommt sehr gerne. Die beiden Jungs spielen gemeinsam in unserem Hof und Hari staunt über Suriyans Dreirad und sein Auto. Jetzt hat Suriyan wenigstens ab und zu einen Spielkameraden in seinem Alter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Kindermund hat Gold im Mund – aus meinem Tagebuch vom Oktober 2008

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, werum tüe üs aui immer so aaluege?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weissen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kes Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. „I tue di deheim brun amale!“

 

Wer eine Übersetzung in Standardsprache braucht:

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, warum schauen uns alle immer an?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weissen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kein Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. “ Ich male dich zu Hause braun an!“

 

Wasser und Melone – aus meinem Tagebuch vom August 2007

24-6-06-007.jpg

Wasser ist in unserem Haushalt ein immerwährendes Thema. Rund alle zwei Tage bestellen wir für je 30 Rupien zwei grosse 20 Literflaschen Trinkwasser, die dann jeweils vom Quartierlädeli geliefert werden. Damit der sonstige Haushalt mit Wasser versorgt ist, muss man regelmässig die Wasserpumpe anstellen, ansonsten steht man plötzlich eingeseift und wasserlos unter der Dusche.

Suriyan leuchtet es nur schwer ein, dass man das normale Wasser, das aus dem Wasserhahn fliesst, nicht trinken darf. Beim Plantschen und Baden ist es halt gar verlockend schnell mal einen Schluck in den Mund zu nehmen.

Inzwischen scheint er es jedoch begriffen zu haben und er unterscheidet eifrig zwischen Wasser und Trinkwasser.

Heute Nachmittag essen wir Wassermelone. Jedes kleine schwarze Kernchen muss ich unter Suriyans scharfem Blick chirurgisch entfernen, damit er es genüsslich in seinen Mund schiebt. Der Saft tropft an seinem Kinn herunter und hinterlässt auf dem neu gekauften T-Shirt, das er mit Stolz trägt, seine Spuren. Der Esslatz, der hinten am Stuhl hängt, kommt erst mit Verspätung zum Einsatz.

Da  zeigt unser Sonnenschein auf die Wassermelone und fragt: “Tlinkwassel dinne?“

 

Playschool – aus meinem Tagebuch vom Dezember 2006

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Suriyans sprachliche Entwicklung geht im Moment grade explosionsartig voran. Nachdem wir lange auf die ersten Sätzchen gewartet haben, werden wir nun mit berndeutschen und auch tamilischen Satzkonstruktionen beglückt und immer öfters hört man das bedeutende Wort Ig. Damit Suriyan mehr Kontakte mit Gleichaltrigen hat, sind wir langsam auf der Suche nach einer guten Playschool.

Unsere Nachbarn von gegenüber sind nach Dubai gezogen und so erhofften wir uns den Spielgruppen-Platz der jüngeren Tochter Pumpkin (so nennen sie das arme Kind!) Sie haben uns die Blue Bell Playschool wärmstens empfohlen und waren damit sehr zufrieden. Nach einem Besuch waren wir jedoch sehr ernüchtert. Die 30 kleinen Knöpfe im Alter von 2-3 Jahren mussten eine ganze dreiviertel Stunde in einem kleinen Raum auf dem Boden sitzen und den schlechtesten Frontalunterricht, den ich je gesehen habe, über sich ergehen lassen. Die Lehrerin sass vorne mit einem kleinen Büchlein und sprach englische Wörter vor, die teilweise abgebildet waren und die Kleinen wiederholten das Ganze mehr oder weniger im Chor. Von Spielen, wie es bei uns üblich ist, keine Spur. Es wird unterrichtet und die Kinder bekommen sogar Hausaufgaben.

In der Hoffnung doch noch eine Playschool zu finden, die uns einigermassen entspricht, besuchten wir eine Montessori-School. Dort durften wir den Unterricht gar nicht sehen, da dies nicht erlaubt sei und die Kinder stören würde. Nach dem Unterricht zeigt uns die arrogant wirkende Leiterin die Klassenräume und erwartet scheinbar, dass es uns vor Begeisterung aus den Socken haut, was barfuss jedoch etwas schwierig zu bewältigen ist. Auch dort 30-35 Kinder in einer Klasse. Es wird voll und ganz nach dem Montessori-System unterrichtet und die Kinder können frei mit altem Montessori-Material, das wir in der Schweiz schon längst entsorgt hätten, handeln und experimentieren. Draussen gibt es für indische Verhältnisse einen recht guten Spielplatz, wo die Kinder aber nur vor und nach dem Unterricht spielen dürfen.

Mit dieser Variante hätte ich, obwohl nicht überzeugt, 2-mal pro Woche noch leben können, aber man muss das Kind jeden Morgen von 9-12 in die Schule schicken und das finde ich einfach zu viel für Suriyan.

So geht die Suche weiter…

Füttern durch Verfolgen – aus meinem Tagebuch vom April 2007

A6E47984-CE70-48A0-9B43-4A5936DA5874

Am Frühstückstisch ist es wieder der Fall, dass unser Sohn nicht richtig essen mag. Ich mache mir deswegen keine Sorgen, nehme es gelassen, vertraue darauf, dass unser Sonnenschein sich schon das nimmt, was er braucht und das tut er auch. Mein Mann hat jedoch ständig das Gefühl, dass unser Sohn zu wenig isst und stresst mit der Esserei. Dabei ist unser Sohn gewichtsmässig völlig in der Norm. Kaum ist Suriyan nur etwas erkältet, meinen unsere indischen Verwandten sofort, dass er Gewicht verloren hat!

Schnell merke ich, dass indische Mütter und Väter komplett anders ticken. Eine indische Mutter trägt das Essen dem Kind nach, überall hin und füttert es auf dem Sofa, auf dem Fahrrad, ….. Ob es sitzt, steht, rennt oder am Boden krabbelt, ist egal. Die Hauptsache ist, dass die Nahrung aufgenommen wird. Das Kind selber essen zu lassen, ist hier nicht üblich und die Fütterei dauert teilweise bis ins Schulalter. Ich, aus der Schweiz kommend, zweifle diese Methode natürlich an, finde dies, na ja wie soll ich sagen, eher Essensverwöhnung oder Essensverziehung? Ich vertrete die These „Üben der Tischsitten“, denn was gibt es Schöneres als harmonisch am Familientisch zu sitzen und gemeinsam das feine Essen zu geniessen? Das ist doch wahrlich ein Kulturgut, das es zu erhalten gibt. Hier in Indien findet gemeinsames Essen mit der ganzen Familie weniger statt. Meistens bedient die Hausfrau die Familie und isst dann später alleine.

Doch heute, ich weiss nicht, was mich dazu getrieben hat (war wohl indisch inspiriert), habe ich diese indische Fütterung durch Verfolgung ausprobiert. Resultat: Es funktioniert! Sogar sehr gut! Im Hof draussen hat unser Suriyan doch tatsächlich ein ganzes Dosai mit Drumsticks gegessen und Prabhu, der draussen die Zeitung las, murmelte etwas von Fitnessprogramm für die Mutter.