Ausnahmezustand

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Gestandene Männer weinen und schluchzen öffentlich in die Fernsehkameras. Frauen raufen sich die Haare, schlagen sich selbst und überbieten sich mit Tränen und Weinen gegenseitig im Ausdruck ihrer Trauer. Riesige Menschenmassen steigern sich immer mehr in eine Ekstase von Trauer und Hoffnungslosigkeit. Hunderte von Polizisten versuchen mit ihrer Präsenz und mit Absperrungen die Massen im Griff zu haben.

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Ich staune wiedereinmal mehr über dieses Land und seine Menschen. Der 94-jährige Ex-Chiefminister Karunanidhi liegt im Sterben und sein Zustand ist äusserst kritisch. Schon seit fast 2 Wochen im liegt er im Spital und hunderte von seinen treuen Anhängern belagern seither die Umgebung des Spitals. Doch nach der Ankündigung seines kritischen Zustandes hat sich die Menschenmenge um ein Vielfaches verdoppelt. Tausende von Menschen warten, schreien, weinen und schluchzen vor dem Spital. Man könnte meinen, all die Menschen hätten durch einen tragischen, schrecklichen Unfall ihre Kinder verloren. Karunanidhi ist ein indischer Politiker der DMK-Partei (Dravida Munnetra Kazhagam). Er war von 1969-2011 mehrmals als Chiefminister von Tamil Nadu im Amt. Bevor er in die Politik einstieg, war er Journalist und Autor für die tamilische Filmindustrie. Karundanidhi war ein charismatischer Führer seiner Partei und ein exzellenter Rhetoriker.

Trotzdem kann ich schlecht nachvollziehen und verstehen, was hier passiert. Ich kann über die Zurschaustellung dieser übersteigerten Trauer eigentlich nur ungläubig den Kopf schütteln und staunen. So ging es mir schon beim Tod von der Chiefministerin Jayalalitha im Dezember 2016. Obwohl sie sich unsachgemäss bereichert hatte und vor Gericht für schuldig gesprochen wurde, liebte sie das Volk wie eine Heilige.

Wie kommt es in Indien immer wieder zu diesem Personenkult?

Morgen werden alle Geschäfte und Schulen für zwei Tage geschlossen sein und so haben sich die meisten noch mit dem Nötigsten eingedeckt.

Wie seine damalige Rivalin Jayalalitha wird Karunanidhi am Marina Beach erdbestattet und dort seine letzte Ruhe finden.

Noch während dem Schreiben dieses Artikels ist Karunanidhi um 18:10 verstorben. RIP!

 

 

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Blumen auf dem letzten Weg – über den Tod

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Als ich in der Schweiz lebte, kam ich mit dem Thema Tod eigentlich selten in Berührung. Erst im jungen Erwachsenenalter sah ich einen toten Menschen, meinen Grossvater. Es war ein beängstigendes Gefühl diesen nun seelenlosen Körper zu sehen, und endgültig Abschied zu nehmen.

In der westlichen Welt ist der Tod und das Sterben ein grosses Tabuthema. Obwohl wir alle einmal gehen müssen und uns das Sterben und der Tod gewiss ist, sprechen die wenigsten darüber. Die Toten verschwinden schnell, leise und diskret in Särgen, grauen Leichenwagen und Aufbahrungshallen. Der Tod fällt nicht auf, er ist ganz leise und bescheiden. Erst wenn die Todesanzeige im Briefkasten liegt oder wir die Anzeige in der Zeitung lesen, realisieren wir, dass jemand von dieser Erde gegangen ist.

Hier in Chennai ist dies ganz anders. Bei den Hindus ist der Tod sichtbar und laut. Auch wenn man die verstorbene Person nicht gekannt hat, kommt man nicht darum herum den Tod zu sehen und wahrzunehmen.

Wenn in Indien jemand stirbt, findet sich die ganze Trauergemeinde am Wohnort des Verstorbenen ein. Meistens wird vor dem Haus ein Stoffzelt aufgebaut und viele Stühle werden arrangiert. Der Verstorbene wird aufgebahrt und alle nehmen Abschied und bringen Blumengirlanden. Es ist sehr wichtig, dass man den Körper nochmals sehen kann, um sich zu verabschieden und um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Durch das tropische Klima bedingt, geht es meistens schnell zum Krematorium. Auf einem Wagen wird der tote Mensch für alle sichtbar aufgebahrt und im Schritttempo zur nächsten Verbrennungsanlage gezogen oder gefahren. Hier im Süden gehen nur die Männer zum Krematorium. Je nach Kastenzugehörigkeit wird wild getanzt, getrommelt, Böller werden losgelassen und die Blumen der vielen Girlanden werden auf die Strasse gestreut. Manchmal geht es auch etwas ruhiger zu und man hört nur ein Muschelhorn.

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Am Verbrennungsort werden die letzten Rituale durchgeführt. In der Regel entzündet der älteste Sohn das Feuer für den Vater und der jüngste Sohn für die Mutter. Nach neun oder fünfzehn Tagen kommt die ganze Trauergemeinschaft nochmals zusammen um endgültig Abschied zu nehmen und bestimmte Rituale auszuführen.

An jedem Todestag wird dem Verstorbenen gedacht, man kocht seine Lieblingsspeise und führt eine Pooja durch. Da die Krähen als Boten zwischen der dies- und jenseitigen Welt angesehen werden, bekommen sie immer einen Leckerbissen davon ab.

Hier in Indien erlebe ich den Tod also immer wieder ganz nah, sehe die Toten auf dem Weg ins Krematorium, höre die Trommeln, die Böller, bemerke die gestreuten Blumen auf der Strasse, … und doch bin ich bis jetzt auch hier verschont geblieben und habe keine nahestehende Person verloren. Trotzdem wird einem die eigene Endlichkeit immer wieder präsent und ich habe mir auch schon überlegt, wie dies bei mir wohl sein wird, falls ich in Indien sterbe.