Wie sicher ist Indien?

Sicherheit ist immer ein subjektives, persönliches Empfinden. Wer Indien bereist oder sogar dort lebt, erwartet in der Regel auch nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

In diesem Artikel möchte ich die zwei großen Sicherheitsthemen „Sicherheit als Frau“ und „Straßenverkehr“ ausblenden, denn darüber habe ich schon mehrfach geschrieben und berichtet.

Sicherheit zu Hause und unterwegs

Als ich 2006 das erste Mal nach Indien auswanderte, staunte ich nicht schlecht, denn unser Haus war komplett vergittert. Das fand ich sehr gewöhnungsbedürftig und anfangs fühlte ich mich wie in einem Käfig. Auch unser Haus, in dem wir heute leben, hat vor jedem Fenster und vor jeder Tür ein hässliches Gitter.

Apartment-Häuser, in denen mehrere Parteien leben, haben in der Regel immer einen Watchman, der zum Rechten schaut und jeden Besucher kontrolliert. Oft muss man sich in ein Besucherbuch eintragen.

Ein Trend, der immer mehr aufkommt, ist das Leben in sogenannten Gated Communities. Das sind in sich geschlossene Gemeinschaften, wo jeder sein eigenes Haus oder seine Wohnung hat. Rund um die Uhr sorgen Security-Angestellte für Ordnung und Sicherheit. Inzwischen gibt es riesige Anlagen, wo Hunderte Familien in Hochhäusern leben. In solchen Großanlagen gibt es Spielplätze, ein Klubhaus, Einkaufsläden, Fitnesscenter, Swimmingpool, manchmal gibt es sogar eine eigene Community-Schule.

Nachrichten über Einbruchdiebstähle finden sich leider täglich in den Zeitungen. Oft sind diese auch sehr lukrativ, denn die meisten bewahren Schmuck und Wertsachen zu Hause auf.

Was auch häufig vorkommt, ist das Chain-Snatching. In Indien tragen viele Frauen Goldschmuck. Die Thali, die Hochzeitskette der verheirateten Frau, wird in der Regel nie abgelegt. Diese Goldketten sind wertvoll und so werden Frauen oft gezielt beraubt. Früher waren die Chain-Snatcher vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs, aber inzwischen gibt es auch tagsüber Raubfälle. Diese sind oft nicht harmlos, denn manchmal reißen die Ketten nicht sofort, und es kann zu schlimmen Verletzungen am Hals kommen. Ich trage meine Thali aus diesem Grund kaum mehr und halte mich mit Schmuck auch sonst zurück.

Nachts sind in vielen Quartieren Gorkha unterwegs. Die Vorfahren der Gorkha stammten ursprünglich aus Nepal und waren Soldaten. Viele dienten in der britischen Armee. Heutzutage sorgen sie mit Trillerpfeifen und Stöcken für Sicherheit. Als Lohn für ihre Dienste holen sie sich von Zeit zu Zeit von den Anwohnern kleinere Beträge.

Unterwegs und auf Reisen

Wenn wir in Indien auf Reisen sind, sagt mein Mann noch nach fast 12 Jahren zu mir: „Sei jetzt etwas präsent und pass auf deine Handtasche auf!“ Diese fürsorglichen und unnötigen Hinweise könnte er sich inzwischen sparen, denn ich bin grundsätzlich vorsichtig mit meinen Wertsachen. Wenn wir als Touristen unterwegs sind, trage ich meine Handtasche immer über der Schulter und nehme sie nach vorne.

Indien ist ein überbevölkertes Land und an Menschen mangelt es definitiv nicht. Es gibt hier leider viele, die sich mit schlecht bezahlten Jobs knapp über Wasser halten oder sich mit Betteln oder Taschendiebstahl ihr Überleben zu sichern versuchen. Diese Menschen haben nichts zu verlieren. Vor allem an touristischen Plätzen und im Gedränge treiben Taschendiebe ihr Unwesen. Wie überall auf der Welt sind sie überaus geschickt, organisiert und in Gruppen unterwegs.

Meinem Mann wurde vor Jahren in Tiruvannamalai die Tasche geklaut. Ein netter Mann machte ihn auf einige kleine Geldscheine aufmerksam, die plötzlich vor seinen Füssen am Boden lagen. „Sie haben Geld verloren“, meinte er hilfsbereit. Ein Blick nach unten und seine Tasche, die er kurz auf sein Motorrad gelegt hatte, war weg. Eine kleine Ablenkung genügt den Langfingern, um ihr Handwerk auszuführen.

Der Rat, „präsent zu sein“, kann ich jedem Indienreisenden ans Herz legen. Indien ist für uns oft so überfordernd und chaotisch, dass man sich tatsächlich etwas verlieren kann. Eine gewisse Aufmerksamkeit und Wachsamkeit sollte man stets aufrechterhalten.

Die wichtigsten Sachen wie Pass und Kreditkarte in einem Bauchgurt zu tragen, macht Sinn. Noch wichtiger wird dies, wenn man alleine unterwegs ist und keinen Reise-Buddy oder sogar eine ganze Reisegruppe als Back-up hat. Praktisch ist es, wenn man einige kleine Scheine schnell zur Hand hat, ohne dass man sein Portemonnaie erst mühsam aus der Handtasche oder dem Rucksack kramen muss.

Überrascht wird der Indienreisende über die Sicherheitsvorkehrungen in 5-Sterne-Hotels, Malls und bekannten Tempelanlagen sein. Denn da kommt Flughafen-Feeling auf. Mit Metalldetektoren wird man durchgecheckt und die Handtasche wird durchsucht. Doch wie mein Sohn oft sagt: „Feel safe and be safe sind zweierlei.“ Diese Maßnahmen geben zwar ein Gefühl der Sicherheit, aber um wirkliche Sicherheit zu gewährleisten, ist das Personal eindeutig nicht geschult.

Unvorhersehbare Ereignisse

Indien ist ein riesiger Subkontinent und die Sicherheitslage kann sich durch politische, terroristische Ereignisse schnell ändern. Daher ist wichtig, sich über die laufenden Geschehnisse immer etwas zu informieren.

In diesen Dingen tickt Indien wirklich anders. Schon viele Male habe ich erlebt, dass sich innerhalb von Stunden Situationen völlig verändert haben.

Da braucht nur eine Chiefministerin oder ein Ex-Chiefminister zu sterben und eine riesige Metropole wie Chennai steht still.

Am 8. November 2016 wurde am Abend plötzlich angekündigt, dass ab dem 9. 11. alle 500er und 1000er Rupienscheine ungültig wären. So versuchte Premierminister Modi gegen das viele Schwarzgeld vorzugehen. Diese Entscheidung hatte verheerende Folgen, denn ab sofort herrschte Mangel an Bargeld. Die ATMs waren dauernd leer und wer keine Kreditkarte hatte, war aufgeschmissen. Alte Scheine einzutauschen, wurde zur Tortur, denn man musste sich stundenlang anstellen. Die kleinen Leute traf diese unvorbereitete, meiner Ansicht nach völlig unsinnige Aktion hart. Auch als endlich die neuen 2000er Scheine in Umlauf kamen, gab es kaum Erleichterung, denn niemand hatte für einen 2000er Wechselgeld. Natürlich waren auch Reisende massiv davon betroffen.

Damals waren kleine Scheine Mangelware.

In Indien kochen die Gemüter schnell hoch, und es braucht oft wenig, damit es zu Ausschreitungen und Gewalt kommt. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als zwei politische Parteien, eine davon eine Dalit-Partei, aneinander gerieten. Häuser wurden in Brand gesetzt und darauf mit Gewalt reagiert. Wir fuhren damals nichts ahnend von Pondicherry nach Hause und waren plötzlich Mitten drin. Wütende Massen mit langen Stöcken bewaffnet, blockierten die Straße, stoppten und drohten uns. Angst überkam mich, aber mein Mann blieb ruhig und überlegt. Schließlich ließ man uns unbehelligt weiterfahren. Erst etwas später gestand mir mein Mann, dass er noch niemals so Angst um mich hatte wie damals.

Naturereignisse

Gottlob können die Wetterdienste heftige Niederschläge oder Zyklone heutzutage besser voraussagen. Immer wieder kommt es in ganz Indien zu flutartigen Monsun-Niederschlägen, die in kurzer Zeit alles überfluten. Im Dezember 2015 beispielsweise gab es in Chennai große Überschwemmungen. Sogar die Parterrewohnung meiner Schwiegereltern wurde mit rund 5-8 cm Wasser geflutet, so gesellten sich die beiden für einige Tage zu uns in den ersten Stock. Viele andere, tiefer gelegene Gebiete wurden total überschwemmt und mussten evakuiert werden.

Unsere Straße

Nur ein Jahr darauf fegte der Cyclon Vardah über Chennai hinweg. Er hinterließ Tausende von geknickten Bäumen und Stromleitungen und legte die Metropole innerhalb einiger Stunden lahm. Über eine Woche hatten wir keinen Strom, kein Handy funktionierte, kein Internet- keine Kommunikation mit der Außenwelt.

Auch in unserem Quartier gab es viele umgeknickte Bäume.

Indienreisende sollten die Reisezeit gut wählen und sich informieren. Ist man in der Regenzeit unterwegs, muss man damit rechnen, dass es durch heftige Niederschläge zu Verzögerungen oder Unannehmlichkeiten kommen kann. Wichtig finde ich auch, vor allem, wenn man alleine oder in Kleingruppen und unabhängig von einer Reiseorganisation reist, dass man jemanden regelmäßig über seinen Standort informiert. Große Menschenansammlungen sollte man in der Regel zu seiner eigenen Sicherheit meiden.

Möchtest du mehr zu den Themen „Sicherheit als Frau“ und „Straßenverkehr“ erfahren?

Dann lies hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/07/05/indien-ein-gefaehrliches-land-fuer-frauen/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/07/07/alleine-reisen-in-indien/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/03/17/verkehrsunfaelle-in-indien/

Verkehrsunfälle in Indien

Strassensicherheit

Es wurde spät gestern Nacht und eigentlich planten wir heute, etwas länger zu schlafen. Doch bereits vor sieben Uhr weckt mich Prabhu. Er ist angezogen und bereit zum Gehen. „Ganeshs Schwiegervater ist mit dem Motorrad tödlich verunglückt, ich muss los“, informiert er mich. Noch schlaftrunken dringt die Nachricht langsam zu mir durch. Erst Anfang des Monats ist ein Freund meines Mannes schwer verunfallt. Er ist immer noch im Spital. Mit schweren Kopfverletzungen, einem zertrümmerten Kiefer (er fuhr ohne Helm) und einem schlimmen Beinbruch lag er lange auf der Intensivstation und sein Leben hing an einem seidenen Faden.

Seit wir hier in Chennai leben, werden wir immer wieder mit schrecklichen Verkehrsunfällen konfrontiert. Vor zwei Jahren wurde der Vater von Prabhus bestem Freund, der zu Fuß unterwegs war, von einem Auto angefahren und verstarb noch auf der Unfallstelle. Es gibt so viele traurige Geschichten, die ich hier erzählen könnte.

Sehr erschüttert hatte uns damals (2012) die Nachricht über den Tod eines sympathischen jungen Mannes, der in der engeren Auswahl stand, meine Nichte zu heiraten. Er verunglückte schwer mit dem Motorrad. Wenn in Indien etwas passiert, sind zwar schnell viele Gaffer zu Stelle, aber couragierte Menschen zu finden, die wirklich helfen, sind leider rar. Alle befürchten, dass sie unter Umständen für die Spitalkosten aufkommen müssen und halten sich daher lieber zurück. In diesem Fall gab es jedoch einen solchen Helden. Ein mutiger Rikshafahrer brachte den Schwerverletzten ins nächste Spital. Dort wollte man jedoch ohne Vorauszahlung nichts unternehmen. Verzweifelt versuchte der Fahrer alles, was möglich war. Er bot dem Krankenhaus sogar seine eigene goldene Kette als Anzahlung an, was jedoch nicht akzeptiert wurde. Noch während des Kampfes um die Kostenübernahme, verstarb der Mann, das einzige Kind seiner Eltern, im Spital.

Wie viele Stoßgebete ich bereits himmelwärts geschickt habe, als wir selbst unterwegs waren, kann ich gar nicht sagen. Unzählige Male haben wir gefährlichste Überholmanöver miterlebt und sind an schlimmen Verkehrsunfällen vorbeigefahren. In den Städten kann man, durch die hohe Verkehrsdichte bedingt, nur langsam fahren und im Auto ist man sicher. Für Fußgänger und Motorräder sieht die Situation wieder anders aus. Es gibt beispielsweise kaum Zebrastreifen und auch Bürgersteige sind selten.

Die Sicherheit im Auto ändert sich jedoch abrupt, wenn man die Städte verlässt und auf die Highways gelangt. Viele können schnelle Geschwindigkeiten nicht einschätzen, halten viel zu geringe Abstände und es kommt immer wieder zu haarsträubenden Überholmanövern. In der Nacht fahren die meisten mit Scheinwerfer, ob ein Fahrzeug entgegenkommt, ist egal. Dazu kommt das große Problem, dass viele Fahrer angetrunken unterwegs sind. Aus diesem Grund versuchen wir Fahrten in der Dunkelheit zu vermeiden.

Statistisch gesehen sind Verkehrsunfälle in Indien die häufigste Todesursache. 2015 gab es 261‘367 Verkehrstote (16.6 Anzahl Verkehrstote je 100‘000 Einwohner) und 500‘279 Verletzte. 62 Prozent der Unfälle waren auf überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen. Nach China mit  einer Rate von 18.8 Verkehrstoten je 100‘000 Einwohnern steht Indien auf Platz zwei der Weltrangliste.

Zum Vergleich:

  • Deutschland: 4.3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern
  • Schweiz: 3,3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern

Mit dem Unfallrisiko-Rechner von Maki Car kann man das Unfallrisiko verschiedener Länder auf Grundlage der Anzahl Fahrzeuge vergleichen.

  • In Indien gibt es 19.13-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in Deutschland.
  • In Indien gibt es 27.68-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in der Schweiz.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Sicherheit auf indischen Straßen durch bessere Infrastruktur, Prävention, Bildungsmaßnahmen und durch vermehrtes Durchgreifen der Polizei verbessert.

 

Als Frau alleine in Indien

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Die schreckliche Massenvergewaltigung mit anschließendem Mord an einer jungen Frau in der Nähe von Hyderabad (November 2019) haben ganz Indien erschüttert. Auch mich hat dieser Fall sehr aufgewühlt. Die Täter haben es gezielt auf die Frau abgesehen, ihrem geparkten Scooter die Luft rausgelassen und sich bei ihrer Rückkehr als freundliche Helfer ausgegeben. Wie kann man da noch jemandem trauen, der seine Hilfe anbietet?

Ich lebe nun schon fast 11 Jahre in Indien und meiner Meinung nach ist Indien kein geeignetes Land für alleinreisende Frauen. Hätte ich eine Tochter, würde ich so einem Vorhaben mit sehr grosser Besorgnis entgegensehen. Vor allem jungen, unerfahrenen Indienreisenden mit einem kleinen Reisebudget rate ich davon ab. Um einen Eindruck von Indien zu bekommen, empfehle ich, sich das erste Mal eine Reisebegleitung zu suchen oder sich einer Gruppenreise anzuschließen. So kann man in die indische Kultur reinschnuppern und mal schauen, wie sich dies anfühlt.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass das Abenteuer Indien mit zunehmendem Alter einfacher wird. Je älter man ist, desto mehr Respekt wird einem entgegengebracht. Mit 48 kann ich es mir jetzt auch ab und zu erlauben, mit jungen Männern zu scherzen, ohne dass es falsch verstanden wird. Irgendwie bekommt man eine gewisse Oma-Aura, die durchaus seine Vorteile hat.

Recht sicher, aber halt auch relativ teuer ist man mit einem eigenen Fahrer unterwegs. Ein Fahrer wird sich automatisch für euch verantwortlich fühlen und stets um eure Sicherheit bemüht sein.

Je mehr man selbst organisieren und planen muss, desto anstrengender und nervenaufreibender zeigt sich der indische Subkontinent. Dieses Land kann einem schnell an die eigenen Grenzen bringen. Um das Abenteuer überhaupt in Betracht zu ziehen, sind meiner Meinung nach gute bis sehr gute Englischkenntnisse und eine vorgängige Auseinandersetzung mit der indischen Kultur unabdingbar.

Kurzeinblick in die indische Kultur

Indische Frauen reisen in der Regel nicht alleine. Dies würden die Eltern und Ehemänner doch mit grosser Besorgnis sehen. Man ist sehr auf Sicherheit bedacht und will nichts riskieren. Weibliche Fahrgäste nutzen Uber nur mit GPS-Kontrolle und nachts ist man zu Hause oder sicherlich nicht alleine unterwegs.

In den Großstädten Mumbai, Delhi und Bangalore sieht man indische Frauen in westlicher Kleidung, aber die große Mehrheit ist doch indisch gekleidet. Hier in Chennai (Tamil Nadu) ist man noch sehr traditionell und konservativ eingestellt. Im Alltag sieht man eigentlich nur Frauen in Saris oder Churidars (Salwar Kameez). Nur wenn ich in eine Mall, ein 5-Sterne-Hotel oder eine Bar gehe, sehe ich westlichen Kleidungsstil. Da präsentieren sich auch einige indischen Frauen der höheren Mittel- und Oberschicht gerne knapp und körperbetont. Ein ähnliches Bild präsentiert sich im geschützten Rahmen eines besseren Hotels oder Resorts, wo Indiens Mittelschicht anzutreffen ist.

In Indien kennt man keine Badekultur. Eigentlich auch nicht erstaunlich, denn die meisten können nicht schwimmen. Eine indische Frau würde niemals in einem Bikini oder Badeanzug an einen normalen Strand gehen. Ist der Strand privat, gesichert oder sehr touristisch wie in Goa, dann sieht es wieder anders aus.

Sexualität ist in Indien ein grosses Tabu. In indischen Filmen sieht man nicht mal einen Kuss. Westliche Filme mit Sexszenen werden zensuriert und im Kino wird sofort eine Altersgrenze von 18 gesetzt. Gewaltszenen und Brutalität hingegen sind kein Problem, damit werden schon Säuglinge und Kleinkinder berieselt. Indische Paare tauschen in der Öffentlichkeit keine Zärtlichkeiten aus, sie gehen nicht mal Hand in Hand. Höchstens wenn sie in den Flitterwochen weilen, sieht man händchenhaltende Paare.

Die indischen Mädchen werden sehr behütet und auf Sicherheit bedacht aufgezogen. Schon früh wird ihnen beigebracht, dass man fremden Männer mit Distanz begegnet, da wird nicht gelächelt und oft sogar der Blickkontakt vermieden. Keinesfalls sollen falsche Signale ausgesendet werden.

In den indischen Männerköpfen herrscht oft das Bild, dass weiße Frauen leicht zu haben sind und ihre Sexualpartner gerne wechseln. Wenn ich in Chennai oder selbst auf Reisen dann Touristinnen begegne, die sich scheinbar überhaupt nicht mit der indischen Kultur auseinandergesetzt haben, kann ich nur den Kopf schütteln. Junge hübsche Frauen in Spaghettiträger-Tops und Hotpants, die jedem nett zulächeln. Fast jeder Inder dreht sich um, starrt und in den Gesichtern steht geschrieben, worum sich ihre Gedanken wohl kreisen. Ich habe ja grundsätzlich nichts gegen kurze Röcke und lachende Frauen und wären diese im 5-Sterne-Hotel oder in einer angesagten Bar, dann passt dies durchaus- auch hier in Indien. Jedoch nicht auf offener Straße, nicht in einem ungeschützten Raum.

In den letzten Jahren hat sich in Indien leider ein schrecklicher Selfiekult ausgebreitet. Vor allem Selfies mit Touristen und noch lieber Touristinnen sind absolut im Trend. Auch hier überschreiten indische Männer oft die Grenzen des Anstandes. So suchen viele gezielt Körperkontakt und legen sogar den Arm um die Touristin. In der indischen Kultur ein absolutes NO GO. Ich rate dringend davon ab, sich alleine mit fremden Männern abzulichten. Erstens ist schon die Frage nach einem Selfie grenzwertig, zweitens werdet ihr euch kaum von Anfragen retten können und drittens weiß man nie, was danach mit diesen Bildern passiert.

12 Tipps für alleinreisende Frauen

  1. Versuche deine Reise gut zu planen und vorzubereiten. Mit einer guten Reiseplanung kannst du bereits im Vorfeld viele Risiken eliminieren. Dadurch verliert deine Reise keineswegs an Spontanität, denn oft klappt in Indien nicht alles nach Plan.
  2. Höre gut auf deine innere Stimme. Diese warnt dich in der Regel sehr genau vor Gefahren und Ungereimtheiten. Hast du ein schlechtes Gefühl, dann suche nach einer anderen, sicheren Möglichkeit.
  3. Trete selbstbewusst und wenn nötig bestimmt auf.
  4. Kleide dich eher „konservativ“. Es müssen nicht unbedingt indische, traditionelle Kleider sein, aber die Knie und die Schultern sollten bedeckt sein. Es lohnt sich, einen Schal in Griffnähe zu haben. Der hilft, wenn man damit die Brust und den Ausschnitt abdeckt, nicht nur gegen aufdringliche Blicke, sondern ist auch sehr nützlich gegen eine Erkältung durch Zugluft oder die Klimaanlage. Auch bei einem Tempelbesuch unerlässlich.
  5. Die Sicherheit sollte immer vorgehen. Suche dir nicht aus Spargründen die billigsten Unterkünfte in einer schlechten Gegend, sondern achte darauf, dass die Hotels oder Herbergen gute Empfehlungen haben und sicher sind. Das Zimmer sollte immer mit einem Riegel von innen zu schließen sein.
  6. Vermeide das Reisen spät in der Nacht. Wenn es nicht anders geht, lass dich am Ankunftsort abholen. Auch einsame Plätze und Gegenden sind keine gute Idee. Nachts solltest du nicht alleine unterwegs sein.
  7. Informiere jemanden über deinen Reiseverlauf.
  8. Ein aufgeladenes Handy und eine Powerbank in der Tasche geben Sicherheit. Notiere dir wichtige Adressen und Telefonnummern und speichere sie in deinem Phone ab.
  9. Nutze bei Bus- und Bahnreisen die Bereiche für Frauen oder Familien. Wenn es eng wird, empfiehlt es sich, den Rucksack oder die Tasche vorne an die Brust zu nehmen, so bist du wenigstens von vorne besser gegen sexuelle Belästigung und natürlich auch gegen Diebstahl geschützt. Wenn Drängler von hinten kommen, darfst du ruhig den Ellbogen ausfahren. Die indische Bahn warnt auch immer wieder vor Trickbanden, die einem ganz nett als Mitfahrende Esswaren und Getränke mit Betäubungsmittel anbieten. Achte gut auf deine innere Stimme und iss nichts aus reiner Höflichkeit. Niemals solltest du offene Getränke annehmen. Bist du in einer Bar, behalte dein Getränk im Auge. Knock-out-Tropfen sind leider auch hier ein Thema.
  10. Fahren mit dem Taxi oder der Rikscha: Wenn du unsicher bist, mach gut sichtbar ein Foto der Autonummer und verschickt diese per WhatsApp an eine Vertrauensperson. Handle den Preis immer vorher aus oder bestehe darauf nach Taxameter zu fahren. Inzwischen kann man in vielen Städten auch Autorikshas mit UBER oder Ola buchen. Steige niemals ein, wenn der Fahrer noch einen Freund oder Bekannten mitfahren lässt.
  11. Hast du Schwierigkeiten, halte dich vor allem an Frauen, Familien oder bitte in einem Laden um Hilfe. Auch wenn man mit der Polizei droht, lösen sich Probleme oft von selbst.
  12. Ab 2020 sollte in ganz Indien die Emergency Nummer 112 aufgeschaltet sein. Ansonsten erreichst du die Polizei unter der Nummer 100. Wenn es ganz schlimm kommen sollte, informiere deine zuständige Botschaft (Nummer im Handy speichern). Sie können dich beraten, und manchmal ist dies die schnellere und bessere Option als die indische Polizei.

Wenn du das Abenteuer wagst, wünsche ich dir wunderschöne Momente und eine gute, sichere Reise in Incredible India. Take care!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indien- ein gefährliches Land für Frauen?

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Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien seit einigen Jahren ein trauriges Dauerthema. Obwohl die Strafen gegen Sexualstraftäter verschärft wurden, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Immer wieder liest man von schrecklichen Gruppenvergewaltigungen, von Missbrauch an Kindern und von sexueller Gewalt gegen Frauen. Einige kehren dies schnell unter den Teppich und meinen die Medien würden solche Ereignisse gezielt ausschlachten, um bessere Einschaltquoten und Absatzmärkte zu erzielen. Das mag wohl zutreffen, aber so rückt ein wichtiges gesellschaftliches Thema in den Fokus: Die Sicherheit von Frauen und Kindern!

Auch ich persönlich habe schon einen sexuellen Übergriff erlebt. Wenn ich mich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, dann ist es schon einigen Frauen so ergangen. Bekannte mit Töchtern sind übervorsichtig und begleiten die Mädchen ständig und überall hin.

Als kürzlich die neuste Liste der gefährlichsten Länder für Frauen von der Stiftung Thomson Reuters herauskam, gab es großen Wirbel. Indien an erster Stelle! Indien ist das gefährlichste Land für Frauen! Das kann, darf doch nicht sein! Das schadet dem indischen Ansehen und der ganzen Tourismusbranche. Sofort wird mit Statistiken herumgewirbelt, argumentiert und vor allem kritisiert. Insgesamt wurden für diese Liste 548 Experten aus aller Welt detailliert befragt. Experten für Frauenrechte, Akademiker, Gesundheitsfachkräfte, Organisationen, Journalisten und Sozialexperten beurteilten die 193 Mitgliedstaaten der UNO nach den folgenden sechs Kriterien: Medizinische Versorgung, sexuelle und nicht sexuelle Gewalt, kulturelle Traditionen, Menschenhandel und Diskriminierung

Hier die Top Ten:

  1. Indien
  2. Afghanistan
  3. Syrien
  4. Somalia
  5. Saudi-Arabien
  6. Pakistan
  7. Demokratische Republik Kongo
  8. Jemen
  9. Nigeria
  10. USA

Indien ist laut der Stiftung das gefährlichste Land für Frauen, da eine hohe Wahrscheinlichkeit von sexueller Gewalt oder Belästigung besteht. Aber auch die außergewöhnlich hohe Sterblichkeitsrate von weiblichen Säuglingen und die illegale Abtreibungspraxis von weiblichen Föten hat zum ersten Platz geführt. Dadurch ist es in Indien zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern gekommen und es herrscht Frauenmangel. Außerdem sind Frauen in Indien immer wieder Säure-Attacken und Zwangsehen ausgesetzt und sie haben einen stark eingeschränkten Zugang zu Bildung. Auch im Bereich Menschenhandel hat Indien keine weiße Weste. Nach Angaben der staatlichen Ermittlungsbehörde gab es in Indien 2009 rund 3 Millionen Prostituierte, 40 Prozent davon minderjährig. Menschenhandel ist ein lukratives, schmutziges Geschäft. Durch die hohe Korruption wird oft verhindert, dass die Polizei ernsthaft aktiv wird.

Aus Indien kommt natürlich große Kritik an dem neuen Ranking. Klar muss und darf man solche Statistiken kritisch begutachten. Die Ergebnisse basieren lediglich auf den Meinungen und Einschätzungen von rund 548 Fachleuten und haben daher nur bedingt statistischen Wert. Und doch sagt diese Studie einiges über Indien aus und sollte zum Umdenken anregen.

Doch wo findet man zuverlässige Aussagen? Um Antworten zu finden, habe ich mir die letzte Statistik (2012) der United Nations Office on Drugs an Crime angesehen. Es ist eine Statistik, die gemeldete Vergewaltigungen im weltweiten Vergleich in einem Wert von 1/100‘000 abbildet. Diese Statistik zeigt nun wieder ein komplett anderes Bild auf. http://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/statistics/crime/CTS2013_SexualViolence.xls

Indien hat in den Jahren 2003  bis 2010 Werte zwischen 1.6 und 1.8. Seltsamerweise findet man für die Jahre 2011 und 2012 keine Angaben. Vergleicht man diese Werte mit andern Ländern, staunt man nicht schlecht. Indien (2010) 1.8, Schweiz (2012) 7.1, Deutschland (2012) 9.7, Russland (2011) 3.3, USA (2012) 26.6, Schweden (2012) 66.5!

Wo hat Indien da ein Problem mit Vergewaltigungen? Da sind ja die Vergewaltigungsraten in der sicheren Schweiz höher! Wie kann man solche Statistiken beurteilen?

Hier ein Versuch der Interpretation:

1. Jedes Land beurteilt Vergewaltigungen anders. Wird beispielsweise ein Mädchen in Schweden von seinem Onkel 18-mal vergewaltigt, dann sind dies 18 verschiedene Fälle. In Indien und teilweise auch in anderen Ländern wird dies nur als 1 Fall registriert.

In vielen europäischen Ländern wird Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anerkannt. Indien hält die Ehe als kulturelle und traditionelle Institution hoch und sieht hier keinen strafrechtlichen Handlungsbedarf.

2. Jedes Land hat hohe Dunkelziffern, wenn es um Vergewaltigungen geht. Ob eine Vergewaltigung zur Anzeige gebracht wird, hängt stark mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zusammen. Hier einige Gründe, weshalb indische Frauen und Mädchen Vergewaltigungen nicht anzeigen:

In Indien ist die Haltung noch sehr verbreitet, dass man glaubt, das Opfer hätte den Täter in irgendeiner Weise ermutigt oder sexuell erregt. Es ist das Mädchen oder die Frau, die einen Fehler gemacht hat. So werden viele Vergewaltigungen entschuldigt oder für den Täter wird sogar Verständnis aufgebracht. Mädchen und Frauen, die körperbetonte Kleider oder einfach nur Jeans und T-Shirt tragen und sich einem westlichen Lebensstil zuwenden, sind in vielen indischen Augen selbst Schuld, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt.

Dann kommt in Indien das Kastenwesen zum Tragen. Eine Frau aus einer unteren Kaste hat kaum Möglichkeiten, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen. Oft wird die ganze Familie des Opfers massiv bedroht. Es kann durchaus sein, dass alle Mädchen und Frauen der Familie brutal vergewaltigt werden oder sogar zu Tode kommen.

Auf dem Lande regeln diese Fälle die Dorfältesten. Als Hilflosigkeit und Unverständnis wird das Opfer nach einer Vergewaltigung oft zu einer Heirat mit dem Täter gedrängt.

Auch wenn der Täter aus der Oberschicht kommt und über gute Kontakte verfügt, hat das Opfer keine Chance Gerechtigkeit zu bekommen. Mit Drohungen an Leib und Leben wird jedes Opfer mundtot gemacht.

Der Weg vor Gericht ist für das Opfer extrem schwierig und frustrierend. Die meisten finden keine Gerechtigkeit.

Viele brutale Vergewaltigungen mit Todesfolge werden einfach als Gewaltverbrechen in die Statistik aufgenommen, es wird keine Biopsie vorgenommen, um die Ehre der Familie des Opfers hochzuhalten.

Eine andere Statistik findet man auf der Webseite des National Crime Records Bureau NCRB (www.ncrb.gov.in).

Nach den letzten erhobenen Daten (2016) hatte Indien täglich 106 Vergewaltigungen zu verzeichnen. Vier von zehn Opfer sind minderjährig. 94.6 Prozent der Opfer kannten ihre Täter. Sie stammten aus dem vertrauten familiären Umfeld des Opfers. Scheinbar steigen die Anzeigen jedes Jahr an. In 2016 kam es nur in einem von vier Fällen zu einer Verurteilung des Täters.

Doch wird durch Statistiken und Vergleiche die Situation für die Frauen und Kinder besser? Nein, die PolitikerInnen sollten endlich Verantwortung übernehmen, umdenken und Veränderungen auf den Weg bringen. Indien hat noch einen langen Weg vor sich, wenn es um Frauenrechte und Gleichstellung geht.