Chandigarh – die geplante Stadt von Le Corbusier

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Zum Schluss unserer Punjab-Reise besuchten wir die geplante Stadt Chandigarh. Bereits als wir in die Stadt hineinfuhren, hatte sie mich in ihren Bann gezogen. Le Corbusier, der schweizerisch-französische Stararchitekt des 20. Jahrhunderts, hat definitiv eine gute Arbeit geleistet. 1950 wurde er von Jawahalal Nehru, dem ersten Premierminister Indiens, mit der Planung beauftragt. Nach der Unabhängigkeit Indiens von den Briten, die eine Teilung des Punjabs zur Folge hatte, wollte Nehru eine neue Hauptstadt für den Bundesstaat schaffen. Lahore, der ehemalige Hauptort, wurde nämlich Pakistan zugesprochen. Auch wollte er den vielen heimatlos gewordenen Flüchtlingen aus dem pakistanischen Teil des Punjabs ein neues Zuhause bieten.

Heute ist Chandigarh die gemeinsame Hauptstadt der Bundesstaaten Haryana und Punjab. Offiziell hat die Stadt den Status eines Unionsterritoriums, das unter der Verwaltung der Zentralregierung steht.

Chandigarh zeigt sich wohlhabend, weltoffen und kosmopolitisch. Le Corbusier lagen bei seiner Planung vor allem die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner am Herzen. Die großzügigen, breiten Boulevards, die vielen Gärten und Parks und auch der künstlich angelegte See sollten den Menschen einen Lebensraum bieten, in dem man sich wohlfühlen kann. Die Stadt ist in verschiedene Sektoren unterteilt, die es einfach machen sich zu orientieren. Jeder Sektor ist in sich abgeschlossen und fußgängerfreundlich.

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Auch wenn kein Park in der Nähe ist, hat man das Gefühl in der Natur zu sein.

Bei unserem Besuch habe ich auch separate Fahrradwege entdeckt. Die Stadt ist insgesamt sehr grün und viele Bäume säumen die Straßen. Im Sektor 17 findet man vor allem Geschäfte, im Sektor 35 Restaurants und im Sektor 22 Hotels. Leider hatten wir nicht genügend Zeit, um die Stadt richtig zu erkunden. So liessen wir das Architektur-Museum und das Le Corbusier Centre aus.

Doch den berühmten Rock Garden haben wir uns nicht entgehen lassen. Eigentlich war es ursprünglich nie geplant, diesen Ort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um die geplante Stadt zu bauen, wurden 50 Dörfer abgerissen und plattgemacht. Nek Chand Saini, ein ehemaliger Flüchtling aus dem pakistanischen Teil des Punjabs, hatte ein Hobby, eigentlich eine große, künstlerische Passion. Ab 1957 begann er aus dem Abfall und Gerümpel der Abrisse Skulpturen und Gebilde zu schaffen. Auf einem abgelegenen Stück Brachland erschuf er seine eigene, kreative Wunderwelt. Lange blieb sein Wirken unentdeckt, bis die Stadt nach 15 Jahren für das Land Pläne hatte. Fast wäre alles zerstört worden. Der Stadtrat jedoch erkannte den künstlerischen Wert des Gartens sofort und beschloss Nek Chand finanziell zu unterstützen. Sogar Arbeiter wurden ihm zur Verfügung gestellt, damit er sein Kunstwerk vollenden konnte. Die riesige Anlage beherbergt heute über 5000 verschiedene Skulpturen von Menschen, Tieren und Fabelwesen. Eine eindrückliche Welt, die man da bestaunen darf!

2015 ist der Künstler gestorben, aber durch sein künstlerisches Schaffen hat er sich für immer verewigt.

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Im Sektor 1 befindet sich der künstlich angelegte Sukhna-See. Ein toller Platz für Freizeitaktivitäten und Erholung. Am Ufer entlang kann man wunderbar spazieren gehen und sogar einen Joggingpfad hat die Stadt angelegt. Viele flanieren dem See entlang oder sind mit Tretbooten auf dem Wasser unterwegs.

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Auch einige Porträt-Zeichner warten am See auf Kundschaft

Der Einkaufssektor 17 blieb von uns auch nicht ganz unberührt. Ich wollte mir vor der Abreise noch einen Phulkari-Schal kaufen. Der Punjab ist berühmt für die wunderschönen, reichen Stickereien. Im Phulkari Kunstha, einem staatlich geführten Kaufhaus mit fixen Preisen, bin ich dann tatsächlich noch fündig geworden.

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Insgesamt hat mir Chandigarh sehr gut gefallen. Alles war so sauber und organisiert, dass ich oft das Gefühl hatte, nicht mehr in Indien zu weilen. Doch der größte Trumpf der Stadt ist für mich eindeutig die Naturnähe.

Ich wünschte mir, in Chennai gäbe es so viele Parkanlagen und Bäume!

Gestern jedoch traf Prabhu einen Golfkollegen, der erst kürzlich von Chandigarh nach Chennai gezogen ist. „Wie kannst du so verrückt sein und von Chandigarh nach Chennai ziehen?“ fragte mein Mann ihn verwundert, den auch ihm hat die Stadt sehr gefallen.

Er antwortete: „Ich habe zwei Töchter! Du kannst dir nicht vorstellen, wie gefährlich das Leben als Frau im Punjab und in Haryana ist. Frauen sind in ihrem Alltag sehr eingeschränkt. Chennai ist so sicher und ich bin froh, dass wir hier sind!“

 

 

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Attari-Wagah-Border

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Nach rund 45 Minuten Autofahrt erreichten wir von Amritsar aus den berühmten Grenzort Attari. Kurz vor der Ankunft wurden uns mehrmals Indienflaggen und Indien-Caps zum Verkauf angeboten. Als wir den riesigen Parkplatz erreichten, wurde sofort klar, dass wir nicht die Einzigen sein sollten, die das militärische Spektakel an der Grenze zu Pakistan besuchten. Kaum ausgestiegen, bemalte ein junger Mann bereits Suriyans Hand mit der Indienflagge und auch unsere indischen Freunde waren bemalt und hatten, ganz patriotisch, Caps und Fahnen gekauft.

Unsere Taschen mussten wir im Auto zurücklassen, denn diese darf man nicht mitnehmen. Nur das Handy und das Portemonnaie hatte ich in der Jackentasche dabei. In geschlechtsgetrennten Reihen passierten wir die strengen Sicherheitskontrollen. Vor mir wurde eine junge Frau mit einer Powerbank nicht durchgelassen.

Eine lange Allee führte zum Grenzübergang und immer wieder gab es Verkaufsstände mit allerhand grün- weiß-safran-gestreiften Souvenirs.

Als Prabhu und ich bei der Tribüne ankamen, waren unsere Freunde und Suriyan bereits außer Sichtweite. Die Grenzsoldaten wiesen uns, dank meiner weißen Haut, zu den besseren Plätzen auf die rechte Seite. In der 2. Sitzreihe setzten wir uns zwischen die vielen ausländischen Besucher. Da die Sonne sehr unangenehm blendete, kauften wir jetzt etwas widerwillig auch zwei Caps und mein Liebster entdeckte für meine Kühlschrank-Magnet-Sammlung auch noch einen Attari-Wagah-Border Magneten.

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Die Tribünen füllten sich immer mehr. Suriyan und unsere Reisegefährten entschlossen sich, den Platz nicht mehr zu wechseln. So erlebten wir die Grenzschließung aus der Nähe von der rechten, sonnigen Seite und sie aus der Ferne von der linken, schattigen Seite. Was für eine Symbolik!

Die meisten Inder sind Patrioten und sehr stolz auf ihre Armee und insbesondere auf die Border Security Force. Diese leisten an den Grenzen auch unglaubliche und gefährliche Dienste. Bei uns im Süden bekommt man davon, da wir so weit entfernt sind, natürlich kaum etwas mit.

Etwa 10 Minuten nachdem wir Platz genommen hatten, fuhr der letzte Reisebus dieses Tages mit grossem Jubel nach Lahore.

Kurz darauf ohrenbetäubende indische Musik! Die vielen Menschen auf den Tribünen jubelten und johlten. Frauen und Mädchen durften auf indischer Seite mit Nationalflaggen, die ihnen von Grenzsoldatinnen übergeben wurden, hin und her laufen und danach ausgelassen tanzen.

Danach begann die militärische Show. Die Border Security Force marschierte erst mit Hunden der Grenze zu. In den khakifarbenen Uniformen und den roten Fächerhüten erinnerten sie mich mit eher an Gockel, als an Soldaten. Synchronisiert mit der pakistanischen Grenzwache, die ähnliche Uniformen in Schwarz trugen, begann das Spektakel. In Stechschritten, bei denen ich schon fast beim Zuschauen einen Bandscheibenvorfall kriegte, marschierten sie aufeinander zu. Sie kickten theatralisch mit den Füssen in die Luft und zeigten einander die Fäuste. Die Zuschauer auf beiden Seiten wurde zusätzlich angeheizt. „*Bharat Mata ki Jai!“, schrie das indische Publikum immer wieder, sodass mir fast das Trommelfell platzte.

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Ich muss sagen, dass mich das Ganze etwas traurig stimmte und Prabhu ging es ebenso. Auch viele im Publikum erhoben Richtung Pakistan ihre Fäuste. Ich weiß, dass die beiden Länder eine schlimme, problematische Vergangenheit haben und bin mir bewusst, dass auch heute noch viele Konflikte bestehen. Doch die Wut gegeneinander so mitzuerleben, gab mir doch zu denken.

Endlich wurden dann die riesigen Flaggen auf beiden Seiten eingeholt und penibel gefaltet. Ich war froh, dass in der einstudierten Choreografie am Schluss noch ein Händedruck zwischen Indien und Pakistan zustande kam.

 

*Bharat Mata ist die Personifizierung Indiens als Mutter. Das Motto „Bharat Mata ki Jai“ bedeutet soviel wie „Sieg für Mutter Indien“. Es wird vor allem in der indischen Armee gebraucht.

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Informationen zum Goldenen Tempel von Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Mehr über die Geschichte des Punjabs findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

1984 wurde der Goldene Tempel von der indischen Armee gestürmt. Mehr Informationen dazu findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Jallianwallah Bagh, Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/30/jallianwala-bagh-in-amritsar/

 

 

 

 

 

 

Jallianwala Bagh in Amritsar

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In der Nähe des Goldenen Tempels liegt Jallianwala Bagh. Die heutige Gedenkstätte erinnert an das Massaker von Amritsar. Am 13. April 1919 ließ der britische Brigadegeneral Reginald Dyer hier friedlich demonstrierende Männer, Frauen und Kinder von einem Trupp Soldaten unbarmherzig niederschießen.

Friedlich und unbewaffnet protestierten die Menschen gegen den Rowlatt Act, den die Briten im März 1919 eingeführt hatten. Das Gesetz, das nach dem Richter Sir Sidney Rowlatt benannt ist, erlaubte es den Briten, jede tatverdächtige Person in Britisch-Indien ohne Gerichtsverfahren festzunehmen und einzusperren.

Da die Anlage ummauert war, konnte sie nur durch einen schmalen Weg erreicht werden. Zu entkommen, war unmöglich, da die enge Gasse durch die britischen Soldaten blockiert wurde. Viele sprangen in ihrer Verzweiflung in den Brunnen, denn es gab keinen Weg zu entkommen.

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Die enge Gasse – damals einziger Zugang
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Der heutige Brunnen als Gedenkstätte

Nach offiziellen Angaben der Briten kamen dabei 379 Menschen ums Leben und 1200 wurden verletzt, darunter viele Frauen und Kinder. Andere schätzten die Zahl der Toten auf 1000. Viele der Patroneneinschüsse sind noch heute in den Ziegelmauern zu sehen.

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Der Indische Nationalkongress kaufte daraufhin das Land für 565‘000 Rupien und errichtete eine Gedenkstätte mit Gartenanlage. In ganz Indien und auch im Ausland wurde dafür Spenden gesammelt.

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Die ewige Flamme zum Gedenken der Toten

Nach dem Massaker erschütterten heftige Proteste gegen die Kolonialmacht das Land. Der berühmte indische Dichter Tagore gab darauf sogar seine britische Ritterwürde zurück.

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Informationen zum Goldenen Tempel von Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Mehr über die Geschichte des Punjabs findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

 

1984 wurde der Goldene Tempel von der indischen Armee gestürmt. Mehr Informationen dazu findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/02/01/attari-wagah-border/

Im Land der Sikhs – die Operation Blue Star

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Bereits in den 1940er Jahren gab es im Punjab Bestrebungen einen eigenen unabhängigen Staat zu gründen.

In den 70er und 80er Jahren bekam diese Idee neuen Auftrieb. Die religiösen Minderheiten fühlten sich von der zentralen Regierung kaum vertreten. Jarnail Singh Bhindranwale entpuppte sich immer mehr zum Kopf dieser extremistischen Separationsbewegung. In seinen Reden sprach er vor allem der Jugend aus der Seele und konnte bald eine große Gruppe junger Menschen für sich und seine Ziele gewinnen. Khalistan, so sollte das neue Land der Sikhs heißen, lag jedoch in weiter Ferne.

Indira Gandhi, damals Premierministerin, sah dies mit äußerster Besorgnis. Die Kongress Partei verlor im Punjab immer mehr an politischem Machteinfluss. Mit harter Hand griff sie ein, um die Abspaltung des fruchtbaren Punjabs auf jeden Fall zu verhindern. Um der immer angespannteren Lage Herr zu werden, verlegte sie im Mai 1984 Truppen nach Punjab. Viele Verhandlungen führten zu nichts und so verschanzten sich die radikalen Separatisten um Bhindranwale, bis zu den Zähnen bewaffnet, im Akal Takht. Das Gebäude im Tempelkomplex des Goldenen Tempels gilt als der Sitz des Einen, als Sitz Gottes. Unter dem Kommando von Bhindranwale wurde der Tempel des Friedens zu einer waffenstarren Festung.

Am 3. Juni 1984 wurde der Befehl gegeben, das Areal des Goldenen Tempels zu stürmen. Mit Panzern fuhr die indische Armee vor. Das Ziel der Operation war Bhindrawale zu töten und seine Anhänger zu vertreiben. Doch genau an diesem Tag feierten die Sikhs ein Fest und mehr als 10‘000 Menschen pilgerten zum Goldenen Tempel, dem Allerheiligsten der Sikhgemeinschaft.

In der Nacht zum 4. Juni begannen die Soldaten mit der Einvernahme des Goldenen Tempels. Es kam zu heftigen Feuergefechten, die vier Tage andauerten. Am 7. Juni hatte die indische Armee ihr Ziel erreicht: Bhindranwale war tot! Mit ihn starben, laut Angaben der indischen Armee, 493 Widerstandskämpfer und Zivilisten. Die Gemeinschaft der Sikhs ging jedoch von 5000 Toten aus.

Die Zerstörung der Tempelanlage war gewaltig. Der Akal Takht und viele wertvolle heilige Schriften wurden bei Angriff vernichtet.

Doch damit war es Indira Gandhi noch nicht genug. Sie verhängte eine Nachrichtensperre über den Punjab und ließ keine Journalisten in den Bundesstaat. Um die Unabhängigkeitsbewegung des Punjabs gänzlich auszumerzen, fanden in den nächsten Monaten mehrere militärische Aktionen statt. Jugendorganisationen, Studentenverbände und Parteien wurden aufgelöst und es fanden Massenverhaftungen statt.

Viereinhalb Monate später rächten sich die Extremisten, indem sie zwei Sikh-Leibwächter Indira Gandhis dazu anstifteten, die Premierministerin am 31. Oktober 1984 zu erschießen. Dies wiederum löste, insbesondere in der Hauptstadt Neu-Delhi, eine grausame Sikh-Verfolgung aus, bei der gegen 3000 Sikhs ihr Leben verloren.

Obwohl die indische Regierung später den Akal Takht reparieren ließ, wollten die Sikhs den entweihten Bau nicht mehr nutzen und errichteten einen neuen Turm.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese schlimmen Vorkommnisse erst 36 Jahre zurückliegen.

Was diese traurigen Ereignisse wohl in der Gemeinschaft der Sikhs ausgelöst haben und noch heute für Spuren hinterlassen?

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Willst du mehr über die Geschichte des Punjabs erfahren?

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Mehr über den Goldenen Tempel in Amritsar findest du hier:

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Jallianwallah Bagh, Amritsar:

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Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

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Das Land der Sikhs – blutgetränkt und zweigeteilt

Unsere Reise in den Punjab hat mir sehr gut gefallen. Nach zwei Tagen in Amritsar sind wir in die Nähe von Hoshiarpur gefahren und haben dort auf einer Farm übernachtet. Obwohl es regnete, war die Fahrt dorthin wunderschön. Ich konnte mich fast nicht sattsehen an den fast endlos erscheinenden, grünen Weizenfeldern. Ab und zu sorgten gelb leuchtende Streifen mit Raps und Pappelwälder für Abwechslung. Die Dörfer, die wir durchquerten, wirkten armselig und die Straßen waren in einem sehr schlechten Zustand. Der Punjab gehört zu den reichsten Bundesstaaten Indiens. Auf dem Land spürt man jedoch von diesem Wohlstand, bis auf einige herrschaftliche Farmhäuser, wenig.

In Citrus County übernachteten wir in gemütlichen Zelten. Der Bauer und seine Familie, die eine Orangenplantage besitzen, generieren mit diesen Unterkünften einen Zusatzverdienst. Auch stehen viele Pappeln auf seinem Land. Diese werden alle fünf Jahre abgeholzt und zu Sperrholz verarbeitet. Da gerade die Orangensaison begonnen hatte, konnten wir verschiedene Sorten probieren und uns die riesige Plantage ansehen.

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Der indische Bundesstaat, der an Pakistan grenzt, ist jedoch definitiv mehr als die Kornstube Indiens.

Punjab bedeutet „das Land der fünf Flüsse“ und ist das spirituelle Zuhause der Sikhs. Der Sikhismus ist eine relativ junge Religion, die erst im 15. Jahrhundert von Guru Nanak Dev ins Leben gerufen wurde. Es gibt rund 25 bis 27 Millionen Anhänger und davon leben 75 % im indischen Bundesstaat Punjab.

Überall sieht man die schönen Männer mit ihren knallbunten Turbanen und den gepflegten Bärten. Je mehr ich über den Sikhismus lese und erfahre, desto spannender finde ich diese Religion. Es ist eine weltoffene Gemeinschaft, die versucht religiöse Weisheit ohne Dogmen und Aberglauben im Alltag zu praktizieren. Sie glauben an einen gestaltlosen Schöpfergott, der weder weiblich noch männlich ist. Das Kastenwesen lehnen sie ab und betonen immer wieder die Gleichheit aller Menschen, auch Frauen nehmen bei den Sikhs eine gleichberechtigte Stellung ein.

In den Gurdwaras, den Tempeln der Sikhs, sind auch Andersgläubige stets Willkommen. Sikhs versuchen, allen Menschen als Bruder oder Schwester zu begegnen. Seinen Wohlstand und seine Erträge mit anderen zu teilen, ist ein wichtiger Grundsatz. So führt jeder Gurdwara einen Langar, eine ehrenamtliche Gemeinschaftsküche, die kostenlos vegetarisches Essen abgibt.

Schaut man jedoch in die geschichtliche Vergangenheit des Punjabs, dann tun sich tiefe Abgründe auf. Der Punjab wurde schon früh besiedelt und ist die Wiege der Induszivilisation. Um das fruchtbare Land wurde jedoch schon immer gekämpft. In seiner Geschichte hat es Griechen, Perser, Mongolen, Mogul-Kaiser, afghanische Könige, Sikh-Herrscher und natürlich die britische Besatzung gesehen.

Bis 1605 konnte sich der Sikhismus weitgehend ungestört entwickeln. Danach änderte sich dies abrupt. Unter dem Mogulkaiser Jahangir wurde ein Zeitalter der Gewalt gegen Andersgläubige eingeleitet und die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft wurden verfolgt und getötet. Als der fünfte Guru Arjan zu Tode gefoltert wurde, beschlossen die Sikhs sich zur Wehr zu setzen und bauten ihre Streitkräfte aus. 1675 wurde der neunte Guru von den Machthabern in Delhi hingerichtet.

Der zehnte und letzte Guru Gobind Singh gründete 1699 die Bruderschaft Khalsa. Diese machte es sich zum Ziel gegen Tyrannei und religiöse Intoleranz zu kämpfen.

Nach dem Zusammenbruch der Mogulherrschaft befand sich das Land wieder im Krieg. Nach den Marathen übernahmen 1759 die Afghanen die Herrschaft. In dieser unstabilen politischen Situation gelang es dem Sikh-Herrscher Ranjit Singh, die Macht im Punjab an sich zu bringen und ein Reich der Sikhs zu etablieren. Doch nach seinem Tod 1839 zerfiel das Reich rasch und nach weiteren Kriegen wurde der Punjab 1849 von der britischen Kolonialmacht eingenommen. Die Briten hatten grosses Interesse, die Sikhs zu fördern. Sie rekrutierten viele der tapferen Sikh-Kämpfer für ihre Armee. Der Punjab spielte für die Briten eine wichtige Rolle und sie investierten viel in die Infrastruktur und in Bildungsmaßnahmen.

Ab den 1920er Jahren entwickelte sich jedoch die Unabhängigkeitsbewegung.

Im August 1947 sah sich Großbritannien gezwungen sein indisches Kolonialreich in die Selbstständigkeit zu entlassen.

Am Kartentisch zog der englische Rechtsanwalt Cyril Radcliffe die Grenze zwischen Indien und Pakistan, wobei zu diesem auch noch Ostbengalen fiel, das heutige Bangladesch. Die Radcliffe-Linie teilte die großen Provinzen Punjab und Bengalen, deren Bevölkerung etwa zur Hälfte muslimisch und hinduistisch war, faktisch in der Mitte.

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Schreckliche Gewalt auf beiden Seiten waren die Folge. Schätzungen gehen davon aus, dass auf jeder Seite rund sieben Millionen Menschen ihre Heimat verlassen mussten, um in die neuen Landesteile zu fliehen. Bis zu einer Million sollen getötet worden sein. Die Sikh-Gemeinschaft war von der Teilung des Punjabs natürlich stark betroffen und viele Sikhs waren gezwungen alles zurückzulassen und aus dem neuen pakistanischen Punjab zu fliehen. Das Machtvakuum, das die Briten durch ihren schnellen Abzug hinterliessen, nutzten einflussreiche Menschen schamlos aus, um sich Land und Besitz anzueignen oder einfach vollendete Tatsachen zu schaffen. Noch Monate später fand man an Straßenrändern zerstückelte Leichen. Die indische Stadt Amritsar, die an der Grenze zu Pakistan liegt, wurde im Zuge der wochenlangen Ausschreitungen in Schutt und Asche gelegt. Es dauerte über 5 Jahre sie wieder aufzubauen.

Die tiefen Wunden, die den Menschen durch die Teilung zugefügt wurden, sind noch heute spürbar.

Auch die Operation Blue Star (1984), die von der damaligen Premierministerin Indira Gandhi genehmigt wurde, richtete ein erneutes Blutbad gegen die Sikhs an. Doch davon mehr in einem nächsten Artikel.

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Mehr über die Operation Blue Star findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Möchtest du mehr über den Golden Tempel in Amritsar wissen?

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Jallianwallah Bagh, Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/30/jallianwala-bagh-in-amritsar/

Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/02/01/attari-wagah-border/

 

 

Der Goldene Tempel von Amritsar

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Schon seit Jahren wollte ich den Goldenen Tempel von Amritsar besuchen, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen. Als Suriyan hier in Chennai die zweite Klasse besuchte, wurden für die Weihnachtsfeier alle Schüler einem indischen Bundesstaat zugeordnet. Die Kinder sollten entsprechende traditionelle Kleidung und ein passendes Symbol tragen. Suriyan war Vertreter vom Punjab. Bei einer Kleidervermietung fanden wir schnell ein grünes Kostüm mit Turban. Doch das Symbol, der Goldene Tempel, zeigte sich als große Herausforderung. In ganz Chennai suchte ich vergeblich ein Modell und schließlich blieb mir nichts anderes übrig als selbst zu basteln. Mein home-made Kunstwerk überlebte natürlich nicht lange und landete kurz darauf im Müll.

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So freute es mich unglaublich, als wir anfangs Januar 2019 einige Tage in den Punjab reisten. Am späteren Nachmittag erreichten wir Amritsar. Die Stadt wirkte auf mich im Vergleich zu Chennai ärmlich und heruntergekommen. Sofort fielen mir am Himmel, den Bäumen und den elektrischen Leitungen die bunten Drachen auf. Drachen steigen zu lassen, hat im Punjab Tradition.

Am späten Abend gingen wir dann zum wichtigsten Pilgerort der Sikhs, dem Goldenen Tempel von Amritsar.

Hier einige interessante Fakten über den Goldenen Tempel:

Man erzählt, dass dieser Ort, lange bevor der Tempel gebaut wurde, ein ganz besonderer Ort war. Ursprünglich mitten im Wald an einem kleinen, stillen See sollen viele Heilige und Weise an dieser Stelle gebetet haben. Der Legende nach soll sogar der heilige Buddha hier gewesen sein. Auch Guru Nanak, der die Religion der Sikhs gestiftet hat, suchte am See die Stille und meditierte.

Gegründet wurde das Heiligtum der Sikhs im 16. Jahrhundert vom vierten Guru Ram Das Sahib. Im Laufe der Zeit wurde der Tempel immer wieder von den Mogulen und den Afghanen zerstört und danach noch prächtiger aufgebaut.

Maharaja Ranjit Singh, der Herrscher über Punjab im frühen 19. Jahrhundert ließ das Heiligtum mit Gold überziehen. Nach vielen umfangreichen Renovationen, die von Künstlern und Fachleuten aus ganz Indien vorgenommen wurden, ist das Heiligtum heute mit 750 Kilo Gold bestückt. Der heutige Wert des Goldes beläuft sich auf mehr als 26 Millionen Euros!

Die Architektur der Anlage ist ein Stilmix aus hinduistischen und islamischen Einflüssen. Viele Blumen und Tiermotive sind kunstvoll in die Goldplatten eingraviert.

Umgeben ist der Goldene Tempel von dem künstlich angelegten Amrit Sarovar, dem Nektarbecken, das vom Ravi Fluss gespeist wird. Viele Koifische schwimmen darin und viele glauben, dass das Wasser heilende Kräfte hat.

Der Harmandir Sahib, so wird der Goldene Tempel auch genannt, ist von vier verschiedenen Seiten zu erreichen. Dies soll alle Willkommen heißen und die Offenheit symbolisieren. Die Sikhs lehnen das Kastensystem ab und glauben an die Gleichheit aller Menschen, egal welchen Status, Bildung und Hintergrund jemand hat.

Die umfangreichen Kosten der Instandhaltung wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Viele Freiwillige helfen ehrenamtlich bei allen anfallenden Arbeiten.

Mehr als drei Millionen Besucher kommen jeden Monat nach Amritsar.

Vor dem Tempelareal kauften sich die Männer unserer Gruppe für 10 Rupees orange Kopftücher. Die nette Verkäuferin warnte uns vor Taschendieben, die in den großen Menschenmengen von Gläubigen und Touristen erfolgreich ihre Geschäfte betreiben.

In Amritsar müssen sowohl Frauen wie auch Männer eine Kopfbedeckung tragen. Viele Sikh-Wächter mit gefährlich aussehenden Speeren passen gut auf, dass die Regeln umgesetzt werden. Bevor man den Tempel betreten darf, muss man seine Schuhe und Socken abgeben. Durch ein Wasserbecken watend, wäscht man die Füße. Der Marmorboden fühlte sich eiskalt an und ich war froh, dass fast überall Teppiche ausgelegt waren. Langsam stieg uns Kälte des Winters in die Knochen.

Doch der Anblick der riesigen Tempelanlage entschädigte uns mehr als genug. Der glanzvolle, wunderschöne Goldene Tempel, der sich im Nektarbecken spiegelte, nahm mir fast den Atem und ich staunte wie ein kleines Kind. Dieses Gefühl der Ergriffenheit und der Andacht erleben wohl die meisten Besucher, bevor die Handys und Kameras gezückt werden, um viele Bilder zu knipsen.

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Jeden Abend findet gegen 22:15 Uhr (je nach Jahreszeit) die Palki Zeremonie statt. Die Heilige Schrift des Sikhismus, der Guru Granth Sahib wird in einer goldig- verzierten Sänfte (Palki) vom Harmandir Sahib zum Akal Takht getragen. Der Akal Takht, ein Gebäude im Komplex der Anlage, ist der Thron des zeitlosen Einen, d. h. der Sitz vor Gott. Dort wird das heilige Buch über die Nacht sorgfältig gelagert. Die Heilige Schrift der Sikhs ist eine Sammlung von hingebungsvollen Gedichten und Hymnen, die von den zehn Gurus und auch von islamischen und hinduistischen Weisen komponiert und geschrieben wurden.

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Die Palki Zeremonie ist ein besonderes Erlebnis. Andächtig und mit viel Liebe wird zuerst die goldene Sänfte (Palki) von einigen Männern mit vielen orange-gelben Blumengirlanden geschmückt. Danach ziehen sie, die Palki auf ihren Schultern tragend, zum Harmandir Sahib, zum Allerheiligsten. Mit der Heiligen Schrift kehren sie danach zurück, die ganze Zeit über Lobgesänge singend und verschwinden schließlich im Akal Takht.

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Morgens gegen 4:15 Uhr wird die Heilige Schrift wieder zeremoniell in den Harmandir Sahib getragen.

Sofort nach der Zeremonie begannen viele junge Sikhs die Teppiche aufzurollen, die Absperrgitter zu polieren und den Boden putzen. Es ist unglaublich, was hier an Freiwilligenarbeit (Seva) geleistet wird.

Nach der Palki Zeremonie machten wir uns auf dem Weg zum Harmandir Sahib. Je näher wir zum Heiligtum kamen, desto größer würde das Gedränge. Ich versuchte, mich dicht hinter Prabhu zu halten, aber beim Eingang verlor ich ihn in der Menschenmenge. Dicht gedrängt, zwängte ich mich durch die Menschenmassen. Es war mir echt zu viel und ich geriet fast etwas in Panik. Trotzdem nahm ich die wunderbare Musik und den Gesang wahr. Auch die unermessliche Pracht und die wunderschönen Stoffe im Innern fielen mir auf. Zwei Männer rollten einen äußerst kostbaren Teppich zusammen und ich war froh, dass ich im Gedränge langsam den Ausgang erreichte und wieder auf meine Leute traf.

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Eigentlich hatten wir geplant im Langar, der Gemeinschaftsküche zu essen. Jeder Gurdwara (Sikh Tempel) bietet den Besuchern kostenlose vegetarische Mahlzeiten. Im Langar des Goldenen Tempels wird rund um die Uhr gekocht. Auch hier helfen viele Freiwillige mit und es werden gegen 35‘000 bis 40‘000 Essen pro Tag abgegeben. An bedeutsamen Fest- und Feiertagen auch 100‘000! Die warmen Mahlzeiten nimmt man in langen Reihen am Boden sitzend zu sich. Alle müssen auf dem Boden sitzen. Auch dies ein Symbol der Gleichheit aller Menschen.

Doch wir waren so durchgefroren, dass wir beschlossen, unser wohlverdientes Nachtessen im Hotel zu uns zunehmen.

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Mehr über die Geschichte des Punjabs findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

1984 wurde der Goldene Tempel von der indischen Armee gestürmt. Mehr Informationen dazu findest du hier:

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Jallianwallah Bagh, Amritsar:

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Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

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