Der Kampf ums Wasser

Wasserkrise

Der letzte Monsun brachte uns nur 45 Prozent der üblichen Regenmenge. Bereits im Januar sprachen die Behörden Tamil Nadus von einem kommenden Wassermangel.

Im Verlauf des Jahres hat sich die Situation nun massiv verschärft. In Chennai haben wir seit Monaten keinen Tropfen Regen gesehen. Die Wasserreservoirs der Stadt sind weitgehend leer und die Grundwasserspiegel sind auf Tiefstand. Normalerweise bekommen wir mit der beginnenden Regenzeit an der Südwestküste etwas Regen ab. Außer ein paar dunklen, hoffnungsvollen Regenwolken, die am Himmel vorbeizogen, sahen wir bis jetzt keinen Tropfen. Im Fernsehen rufen sie schon länger dazu auf, Wasser zu sparen.

Die neusten Nachrichten zeigen nun lange Warteschlangen vor öffentlichen Wasserabgabestellen. Vielerorts hat es kein Wasser mehr und die Menschen müssen die schweren Wasserbottiche nach Hause schleppen. Viele Schulen haben die Eltern aufgefordert, ihren Kindern zwei Liter Trinkwasser mitzugeben. Das hat zu grosser Empörung geführt, denn die zusätzlichen Kosten belasten das Budget armer Familien und die Schultaschen der Kinder sind schon ohne Wasser zu schwer. Manche Schulen klagen darüber, dass sie nicht mal Wasser für die Toiletten haben.

Bereits kam es zu Messerstechereien und Kämpfen um das wertvolle Nass. Es ist beängstigend zu sehen, wozu Menschen in ihrer Not fähig sind. Die Regierung berichtet von illegalem Wasserklau und für viele Anwohner wird es immer schwieriger, Wassertanker zu bestellen. Auch unser Brunnen ist trocken. Da wir in der Nähe eines Sees wohnen, sind wir gut mit Grundwasser versorgt. Doch heute Morgen kam die Nachbarin von gegenüber. Ihre Pumpe bringt kein Wasser mehr hervor und wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch wir auf dem Trockenen liegen.

Der Zyklon Fani weckt schlechte Erinnerungen

 

Zyklon Fani

Die Bilder, die ich in der Zeitung und im Fernseher sehe, zeigen die Zerstörung, die der Zyklon Fani angerichtet hat. Bäume, die entwurzelt am Boden liegen, umgestürzte Strommasten, zerstörte Häuser und Hochwasser lassen die Gewalt dieses Sturmes nur erahnen. Mit 180 – 200 Stundenkilometer ist Fani auf die Küste Odishas getroffen. Diesmal hatte die indische Regierung ihre Hausaufgaben gemacht und über eine Million Menschen evakuiert. Vor 20 Jahren war dies anders. Damals starben bei einem Zyklon in der gleichen Region fast 10‘000 Menschen. Einmal mehr wird mir bewusst, wie hilflos wir doch den Naturgewalten ausgeliefert sind.

Als Ende April per WhatsApps Warnungen verschickt wurden, dass sich im Golf von Bengalen ein Zyklon aufbaut hatte und dieser direkt auf Chennai zusteuern würde, machte ich mir schon etwas Sorgen. Prabhu meinte schon, dass ich dann Notvorräte und extra Wasser kaufen sollte. Gottlob hatte Fani dann andere Pläne und wechselte die Richtung. Heftigst zugeschlagen hat der Zyklon nun doch – einfach woanders.

Erinnerungen werden wach, wenn ich diese Verwüstung sehe. 2016 fegte der Zyklon Vardah über Chennai hinweg. Doch im Vergleich zu Fani war Vardah noch gnädig und fegte nur mit 140 Stundenkilometern übers Land. Es war trotzdem ein Albtraum. Überall hatte es umgeknickte Bäume und Stromleitungen. Einige Menschen verloren sogar ihr Leben. In unserem Quartier hatten wir über eine Woche lang keinen Strom.

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Das Wasser war damals das kleinste Problem
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Nach dem Zyklon Vardah in unserem Wohnquartier

 

 

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Viele wunderschöne, schattenspendende Bäume sind wie Streichhölzer umgekippt.

Viel mehr Tote hatten wir in Chennai im Dezember 2015 zu beklagen. Über 300 Menschen starben in der Chennai Flut. Starke Regenfälle führten zu schlimmsten Überschwemmungen und legten die ganze Stadt lahm. Auch damals hatten wir Glück. Unser Haus hatte zwar im Erdgeschoss rund 5 cm Wasser und meine Schwiegereltern wohnten rund eine Woche bei uns im ersten Stock, aber ansonsten sind wir glimpflich davongekommen. Die Wohnung unserer Freunde wurde damals ganz geflutet, Kühlschrank, Waschmaschine, Möbel und vieles mehr gingen kaputt und sie konnten sehr lange nicht in ihre Wohnung zurück. Hier hat fast niemand eine Versicherung, die in solchen Fällen für Schäden aufkommt. Da muss man alles selbst bezahlen und die Armen trifft es immer am schlimmsten.

Wenn man den Klima-Wissenschaftlern glaubt, dann werden wir wohl öfters mit solchen schlimmen Naturkatastrophen rechnen müssen.