Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0

95‘735 Covid-19-Fälle und 1‘172 Todesfälle wurden heute in Indien innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Beides neue Höchstwerte! Inzwischen hat Indien nach den USA die zweithöchste Anzahl an Covid-19-Fällen. Und wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Siegerpodest stehen.

Die Lockerungen schreiten zusehends voran. Inzwischen scheint schon fast alles wieder „normal“ oder eben „back to the new normal“. Viele tragen ihre Masken und viele leider auch nicht. Social Distancing scheint immer noch ein Fremdwort zu sein. Die Menschen wirken müde und vielen ist Covid-19 inzwischen egal. Ich merke es auch bei mir selbst. Nach fast einem halben Jahr ist es einfach genug! Ich versuche mir immer wieder Covid-Auszeiten zu nehmen, denn ständig mag dies niemand hören. Doch dies ist gar nicht so einfach und die Aluhut-Träger aus meiner alten Heimat und aus Deutschland scheinen mir überall zu begegnen und gehen mir unglaublich auf die Nerven. Irgendwie scheinen Verschwörungstheorien salonfähig geworden zu sein.

Inzwischen fahren die Busse wieder. Auch religiöse Stätten, Fitness-Center und auch die Golfplätze (da freut sich mein Liebster) sind wieder geöffnet. Scheinbar sollen sogar die 9. -12. Klässler bald wieder die Schulbank drücken, natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen. Von der Schule unseres Sohnes haben wir diesbezüglich noch nichts vernommen und seit Mitte März ist Online-Learning angesagt. Suriyan sehnt sich nach seinen Freunden und möchte sie gerne treffen. Einige tun dies scheinbar und so erhöht unser Teenager seinen Druck. Ich bin diesbezüglich immer noch unschlüssig. Macht es Sinn, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben, und dann, wenn die Fallzahlen am höchsten sind, Freunde zu treffen?

Regelmäßig kommt eine Frau der Regierung zum Fiebermessen und neu auch zum Messen des Sauerstoffgehalts im Blut vorbei.

Vor einigen Wochen stellten sie in unserer Straße sogar ein Zelt auf, um sich gratis auf Covid-19 testen zu lassen. Wir sind jedoch nicht hingegangen. Eine Erkältung mit Schnupfen und leichtem Fieber legte mich einige Tage flach. Ja, da macht man sich schon seine Gedanken. In eine Corona-Ward zu kommen, wo man keinen Besuch empfangen darf, wäre für mich ein absoluter Albtraum. Da würde ich nur hingehen, wenn es wirklich ganz schlimm wäre.

Die Frau von Prabhus Freund hat dies grade erlebt und gottlob überlebt. Sie musste sich im Spital einen Tumor entfernen lassen und war kurz darauf Covid-19 positiv. Im Spital hat sie sich angesteckt, denn vor dem Eintritt war sie negativ getestet worden. Einige Tage war ihr Zustand sehr kritisch und sie musste beatmet werden. Kurz darauf wurde von der Regierung die Wohnung desinfiziert und das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, wurde als Covid-19-Hotspot gekennzeichnet.

Für mich persönlich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin zu Hause, ab und zu begleite ich meinen Mann zum Einkaufen und mache die Runde mit unseren Hunden. Leider sind die Strände immer noch zu. Ich träume von einem Spaziergang am Strand, aber Geduld ist in Indien wohl immer gefragt.

Die Nachrichten auf den indischen Kanälen drehen sich schon seit Wochen um den verstorbenen Schauspieler Sushant Singh Rajput. Ob er Selbstmord begonnen hat oder ob er ermordet wurde, ist immer noch nicht klar.

Doch heute stehen die 5 neuen Kampfjets Rafale im Zentrum. Stolz präsentiert die Indian Air Force die neuen Flieger. 35 Jets für rund 7.8 Milliarden Euro hat Indien von Frankreich gekauft. Im Gegensatz zum Schweizerländchen, wo Ende September das Volk abstimmt, ob neue Kampfjets angeschafft werden, kann das indische Volk nur stolz zu dieser Entscheidung nicken. Die Jets kommen nicht ungelegen, denn Indien zeigt gerne militärische Stärke. Der Grenzkonflikt mit China ist noch nicht ausgestanden und scheint wieder zu eskalieren.

Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen. Seid herzlich gegrüßt und bleibt gesund!

Mein Leben mit der Corona-Situation in Indien – 23. Juli 2020

Das Coronavirus hat unser aller Leben mehr oder weniger durcheinandergebracht. In Tamil Nadu hat die Regierung bereits am 15. März einen strikten Lockdown durchgesetzt. Seitdem sind wir im Lockdown. Manchmal etwas lockerer und manchmal etwas strenger. Die Schulen sind immer noch geschlossen und unser Sohn hat nun das Schuljahr online begonnen.

Die Covid-19-Fälle steigen in Indien zur Zeit täglich um etwa 40‘000 Fälle und überschreiten inzwischen längst die Millionengrenze. Tamil Nadu liegt in Indien mit seinen Fallzahlen nach Maharashtra schon länger auf Platz 2. Weltweit gesehen liegt Indien nach den USA und Brasilien auf Platz 3. Olympisch gesehen wären dies endlich mal gute Ränge! Einigen Experten zufolge hat Indien sogar die besten Aussichten auf die Corona-Goldmedaille.

Die Situation setzt mir persönlich immer mehr zu. Als letzte Woche noch gesundheitliche Beschwerden dazu kamen, fand ich es ganz schwierig. Ich war nur noch schlecht gelaunt und bei jeder Kleinigkeit reagierte ich ärgerlich. Ich gehe wirklich nur zum Arzt, wenn es nicht anders geht. Nach einigen Tagen mit Schmerzen war ich widerwillig bereit unsere Ärztin aufzusuchen. Doch wegen dem Coronavirus arbeitet sie nicht mehr in der Klinik und die Notfallaufnahme wollte ich vermeiden. Gottlob hat mein Mann ihre Privatnummer. Schließlich verschrieb sie mir nach einem telefonischen Gespräch für 3 Tage Medikamente und wäre netterweise auch bereit gewesen mich privat zu treffen. Wir verblieben dabei, dass ich es vorerst mit den Tabletten versuchen würde. Ohne die Tabletten zu googeln, schluckte ich sie und tatsächlich ging es mir besser. Es ist noch nicht ganz okay, aber viel besser.

In einer Spezialsendung zum Thema „Corona – back to the new normal“ sprach ein Arzt vom Entstressen. Man solle Yoga machen und meditieren. Viele seien gestresst und scheinbar gehöre nun auch ich zu dieser Gruppe. Meine Blumenmeditation macht mich tatsächlich ruhiger.

Auch meine täglichen 10‘000 Schritte, die ich in unzähligen Runden auf unserer Dachterrasse ablaufe, sorgen nach über 10 Wochen für einen Ausgleich, für eine gewisse Balance. Ich habe meinen Newskonsum massiv eingeschränkt. Dauernd diese negativen Meldungen zu hören, hat mich zunehmend deprimiert.

Gestern machten wir einen kleinen Ausflug mit dem Auto. Unsere Hunde machten etwas erstaunte Gesichter, als wir alle gemeinsam das Haus verliessen. „Was soll das jetzt? Ihr könnt uns doch nicht alleine lassen!“, schienen sie zu sagen. Doch nach so vielen Wochen wollte ich wieder mal das Meer sehen. Der Strand in Besant Nagar war leider immer noch abgesperrt. Wir versuchten es in der Nähe von Akkarai. Auch dort waren alle Zugänge zum Meer blockiert. Eine Blockade jedoch hatte eine Lücke und wir beschlossen, diese zu nutzen.

Wie schön war es, wieder einmal das Meer zu sehen und über den Sand zu gehen. Nur wenige hatten die gleiche Idee und schlenderten gemütlich den Strand entlang oder sahen den Wellen zu. Glücklich badete ich meine Füße in der bengalischen See und knipste mit dem Handy einige Fotos.

Doch als ich mich umdrehte, winkte mir ein Polizist in einer sandfarbenen Uniform harsch zu. Aus dem Nichts war er plötzlich aufgetaucht und waltete seines Amtes. Es war unmissverständlich, dass er alle aufforderte, den Strand zu verlassen. Keine fünf Minuten waren uns vergönnt! Wenigstens klebte noch etwas Sand an meinen Füssen …

Zu Hause angekommen, wartete ein neuer Glücksmoment im Doppelpack auf uns. Wir wurden so freudig und aufgeregt begrüßt, als ob wir ein ganzes Jahr lang weggewesen wären.

Im indischen Lockdown – 10. Juli 2020

Wie die Zeit vergeht! Erst lag der Juli in weiter Ferne und ich war voller Zuversicht, dass dieser Spuk bis dahin ein Ende finden würde. Weit gefehlt. In Indien steigen die Covid-19-Fälle weiter an. Heute Morgen ein neuer Höchstwert von 26‘506 Fällen und 475 Toten in den letzten 24 Stunden. Weltweit steht Indien mittlerweile mit 793‘802 Fällen an 3. Stelle, und bis jetzt sind 21‘604 an Covid-19 gestorben. Einige Experten erwarten den Peak erst im November.

Hier in Chennai sieht es leider auch nicht gut aus. Wir haben täglich immer noch hohe Fallzahlen und Tamil Nadu hat nach Maharashtra am meisten Covid-19-Fälle. Auch in Assam, Westbengalen und vielen andern Bundesstaaten steigen die Zahlen. Karnataka, galt im Kampf gegen Corona lange als Vorzeigebundesstaat, nun auch dort ein massiver Anstieg. Bangalore hat den Lockdown gerade wieder verschärft. Immer mehr spitzt sich auch der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal zu. Schockierend der Hilferuf per Video von Dr. Taha Mateen vom HBS Spital in Bangalore: „Ich habe Betten, ich habe Betten mit Sauerstoff- und Beatmungsgeräten, aber keine Ärzte!“ Viele Ärzte sind scheinbar nicht willig zu arbeiten und andere sind erkrankt. So schieben die wenigen, die übrig geblieben sind lange, zu lange Schichten und sind völlig überarbeitet.

Am Montag ist der strikte Lockdown in Chennai wieder etwas gelockert worden. Neben den Lebensmittelgeschäften durften nun auch andere Läden wieder öffnen. Auf den Straßen ist wieder Leben eingekehrt.

Die meisten sind mit Masken unterwegs, viele halten die Abstände jedoch nicht ein. „Mit der Maske bin ich geschützt und mir kann nichts passieren“, scheinen viele zu denken. Regelmäßig kommen nun Angestellte der Regierung unangemeldet bei uns zu Hause vorbei, um Fieber zu messen. Alle müssen zur Fieberkontrolle antraben und ich bin immer erleichtert, wenn wir alle fieberfrei sind.

Die Schule unseres Sohnes wird Mitte Juli das Schuljahr online beginnen. Wann wird wohl wieder normaler Unterricht stattfinden? Mein Sohn und ich haben eine Wette laufen. Optimistisch habe ich auf November getippt – mein Sohn eher realistisch auf Januar 2021!

Wenn ich dran denke, dass wir nun fast vier Monate zu Hause sitzen, wird mir ganz anders. Ein Drittel des Jahres! Und es scheint noch kein Ende in Sicht.

Die indische Regierung hat bezüglich Schule nun auch reagiert. Der CBSE-Lehrplan (Central Board of Secondary Education) wurde für die Klassen 9 bis 12 um 30 % reduziert. Dies wird die Schulen und Lehrkräfte vor ein Dilemma stellen. Die Konzepte sollten nämlich trotzdem gelehrt, aber im kommenden Jahr nicht geprüft werden. Unser Sohn geht in eine internationale Schule mit dem Cambridge-Lehrplan (IGCSE). Ob auch da Anpassungen und Reduktionen vorgesehen sind?

Ein grosses Thema ist momentan auch die geplante Ausschaffung aller ausländischen Studenten aus den USA. Viele indische Studenten würden so ihre Studentenvisa und somit ihre Aufenthaltsbewilligungen in den Staaten verlieren.

Der schreckliche Fall von Jayaraj und seinem Sohn Fenix, die im Juni von der Polizei zu Tode geprügelt wurden, hat in ganz Indien hohe Wellen geworfen. Die Behörden haben schnell reagiert. Inzwischen steht die Mordanklage und 10 Polizisten wurden festgenommen. Eine Polizistin, die in dieser Nacht Dienst hatte, hat unter grosser Angst schließlich ausgesagt, dass Jayaraj und Fenix die ganze Nacht mit Schlagstöcken misshandelt wurden. Das Personal der gesamten Polizeistation wurde ausgewechselt.

Etwas Positives zum Schluss? Na ja, es wird wieder Cricket gespielt, aber wie beim Fußball ohne Publikum. Mein Mann findet dies toll, ich weniger 😉!

Back to Lockdown 1.0

Die Covid-19-Fälle in Indien steigen weiterhin rasant an. Fast täglich werden neue Spitzenwerte erreicht. Am schlimmsten trifft es die drei großen Metropolen Mumbai, Delhi und Chennai. Heute Morgen wurden für ganz Indien folgende Zahlen bekannt gegeben:

13‘586 neue Fälle, 380‘532 Fälle, bisher 12‘573 Tote

Ich vermute, dass die Zahlen um einiges höher liegen. Indien hat zwar die Testkapazitäten massiv gesteigert, aber diese reichen immer noch nicht aus.

Ab heute sind wir in Chennai und drei weiteren Distrikten in Tamil Nadu bis am 30. Juni wieder im Lockdown. Nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Tankstellen sind von 6.00 bis 14.00 geöffnet. Der Verkauf von Fleisch ist während des Lockdowns verboten, was uns als Vegetarier nicht betrifft. An den beiden Sonntagen wird ein kompletter Lockdown durchgesetzt werden. Sonntags dürfen nur die Milkshops offenbleiben. In Containment Zones, Zonen mit vielen Covid-19-Fällen, sind auch die Lebensmittelgeschäfte geschlossen und die Leute bekommen das Notwendigste an die Tür geliefert.

Für uns ändert sich dadurch eigentlich nichts. Wir gehen seit 3 Monaten nur für die notwendigsten Dinge nach draußen, ansonsten sind wir zu Hause. Ich hoffe, dass die 12 kommenden Tage die Corona-Ansteckungen tatsächlich bremsen werden. Wird der Lockdown in Chennai von Erfolg gekrönt, dann werden Mumbai und Delhi mit grosser Sicherheit nachziehen.

Gestern habe ich uns noch mit Lebensmittel eingedeckt und war im großen Supermarkt Spencer‘s, der wegen Corona für zwei Wochen gesperrt war. Nach Handdesinfektion und Temperatur messen, konnte ich den Laden betreten. Ich war positiv überrascht über die gut gefüllten Regale. Auch die Non-Food-Abteilungen waren wieder frei zugänglich. In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Engpässen bei bestimmten Produkten.

Einkaufen ist definitiv anstrengender geworden. Ich versuche, möglichst wenig anzufassen, und alle Dinge wasche ich zu Hause gründlich mit warmem Wasser ab. Auch unsere Smartphones, Schlüssel und Türklinken desinfiziere ich häufig. Sogar den Hunden wasche ich nun nach jeder Runde die Pfoten. Manchmal denke ich selbst, dass dies wohl etwas übertrieben ist. Aber die Krankenhausbetten werden knapp und es hat zu wenig Ärzte und Pflegepersonal. Die Vorstellung, ernsthaft krank zu werden, macht langsam Angst. Das Gesundheitssystem in Indien kann diese Pandemie eindeutig nicht stemmen.

In Kashmir und Ladakh kommt es immer wieder zu Spannungen. In Pampore, Kashmir wurden gestern 8 Terroristen, die sich in einer Moschee verschanzt hatten, getötet.

Die schlimmen Vorfälle in der Grenzzone zwischen Indien und China in Ladakh sind immer noch Thema in den indischen Nachrichten. Die 20 getöteten Soldaten wurden mit allen Ehren bestattet. Beide Regierungen machen sich gegenseitig Schuldvorwürfe. China hält sich immer noch bedeckt darüber, wie viele chinesische Soldaten ums Leben gekommen sind. Die Regierung Indiens reagiert sofort mit der Aufforderung, chinesische Produkte zu meiden.

Wenigstens sind sich beide Seiten einig, dass diplomatisch verantwortungsvolle Lösungen gesucht werden müssen.

Covid-19-Koller und Zitronenstreit

Seit meinem letzten Blogartikel war ich nicht mehr draußen. Langsam, aber sicher setzt mir das ewige zu Hause bleiben zu, und die täglichen Nachrichten deprimieren mich zunehmend.

Die Fallzahlen steigen weiterhin an und fast jeden Tag werden neue Spitzenwerte gemeldet. In Mumbai und Delhi sind die Spitalbetten knapp, und es werden Notfallpläne ausgearbeitet.

Indien steht in der weltweiten Pandemie mit 308‘993 Covid-19-Fällen nun an 4. Stelle. Heute Morgen habe ich wieder mal die Nachrichten geschaut. 11‘458 neue Fälle in ganz Indien und bisher 8884 Tote. In Tamil Nadu haben wir 42‘687 Fälle davon 30‘444 in Chennai. 1989 Fälle wurden in Tamil Nadu in den letzten 24 Stunden gemeldet.

Nachdem Indien und China lange diplomatische Verhandlungen über die Grenzzone in Ladakh geführt haben, wurde scheinbar ein friedlicher Konsens gefunden. Doch kaum ein Disput beigelegt, folgt bereits der nächste. Nepal erhebt Ansprüche auf indisches Territorium. Indien blockt diese kurz und bündig ab und meint nur, dies sei historisch nicht zu begründen.

Ich hingegen streite mich heute Morgen mit meinem Schwiegervater, ob die drei Limetten, die ich auspressen soll, noch gut sind. Ich bin ja nicht pingelig, aber diese bereits braunen Limetten sind wirklich verdorben. (Ein Beweisfoto zu schießen, habe ich mich dann jedoch nicht getraut.) Mein Schwiegervater schnaubt ärgerlich und meint, dass wir ja nur den Saft brauchen. Seiner Meinung nach bin ich sowieso eine Verschwenderin. Schließlich schneide ich die Limetten auf und lasse ihn daran riechen. Tatsächlich gibt er darauf klein bei und klaubt zwei gelbe, frische Limetten aus dem Kühlschrank und überreicht sie mir. 1:0 for Switzerland!

Die verdorbenen Limetten hingegen stellt er auf die Seite und schmeißt sie nicht in den Abfalleimer. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, denke ich für mich.

Ich presse den Saft aus. Nach indischer Weise drehe ich die Schale um, sodass ja kein Tropfen verloren geht und lege die Schalen zur Seite.

Wieder wird mein Schwiegervater ärgerlich und meint, ich müsste die Schalen noch in Wasser auspressen, dieses Wasser könne man auch noch brauchen …

Schweizerisches Verschwendertum gegen indische Sparsamkeit!

Ich würde mich selbst ja auch nicht als verschwenderisch bezeichnen und habe mich hier in vielen Dingen sehr angepasst, aber gegen meine Schwiegereltern komme ich definitiv nicht an. Da wird jeder Paisa zweimal umgedreht und jeder Milchbeutel zweimal mit Wasser ausgewaschen, um ja keinen Tropfen Milch zu verschwenden. Gottlob ist mein Göttergatte in diesen Dingen großzügiger, ansonsten hätte ich wohl schon lange das Weite gesucht.

Nun hoffe ich, dass meinem Mann das Zitronen-Ingwer-Rasam* auch schmeckt. Ich jedenfalls werde es nicht kosten – ich mag kein Rasam.

*Rasam ist eine scharfe Pfeffersauce, die hier in Tamil Nadu zum Mittagessen stets dazugehört.

Im indischen Lockdown 4.0 – Tag 67

Der 67. Tag im indischen Lockdown ist angebrochen. Langsam kann ich die Wörter Covid-19 und Coronavirus nicht mehr hören, aber so wird es mit Sicherheit nicht nur mir ergehen.

Da die Fallzahlen stetig steigen, kam es bei uns in Chennai kaum zu Lockerungen. Heute in Tamil Nadu ein Spitzenwert von 874 neuen Ansteckungen in den letzten 24 Stunden. Tamil Nadu meldet heute insgesamt 20‘246 Fälle, davon über 13‘362 in Chennai. So sind wir weiterhin zu Hause und gehen nur für die nötigsten Lebensmitteleinkäufe nach draußen.

Obwohl Mitte Mai die langen Sommerferien begonnen hätten, hat unser Sohn immer noch Online-Klassen. Er ist jetzt schon vor den Sommerferien ins 10. Schuljahr befördert worden. Viele Eltern machen sich Sorgen, dass der Lernplan nicht eingehalten wird, dass die Kids schulisch zurückfallen. Gottlob gibt es auch Eltern, die es etwas anders sehen und für Ferien plädieren. Jetzt wurde quasi ein Kompromiss gefunden, der beiden Parteien versucht, gerecht zu werden. Im Juni geht es weiter mit täglich einer Stunde Unterricht von 11 bis 12 Uhr. Die Schule hofft, dass sie Mitte Juli wieder öffnen kann. Wieder wird offensichtlich, wie privilegiert wir sind. Selbstverständlich hat jedes Kind Internetzugang, sodass Online-Learning überhaupt möglich ist. Andere Schulen in Indien haben jetzt bereits den Lehrplan reduziert und alle Kinder sind ins nächste Schuljahr befördert worden.

Gestern war ich wieder einmal draußen, um einzukaufen. Das Straßenbild hat sich schon wieder etwas verändert und mehr Menschen sind unterwegs. Neue Stände am Straßenrand verkaufen jetzt Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel.

Während vorher nur Lebensmittelgeschäfte offen waren, so sieht man jetzt auch geöffnete Kleidergeschäfte, Optiker, Fahrradgeschäfte, … Restaurants können „Parcels“ und „home delivery“ anbieten, so entdecke ich wieder Swiggy- und Zomato-Angestellte, die mit ihren Motorrädern Essen ausliefern.

Als wir bei unserem Supermarkt Spencers ankommen, sind wir überrascht, denn alles ist geschlossen. Der Wächter informiert uns von Weitem: „Seven days – closed – Corona!“ Holy Cow! Das hat uns noch gefehlt. Corona ist plötzlich wieder omnipräsent, und ich überlege schon, wann wir zum letzten Mal dort waren.

Wir machen noch eine kurze Fahrt durch die Stadt. Ich war schon so lange nicht mehr draußen. Der Mini-Ausflug im Auto führt uns an den Besant Nagar Beach. Normalerweise würde man am frühen Abend kaum durchkommen, aber jetzt ist es kein Problem. Der Strand ist immer noch abgeriegelt. Wie lange dies noch so weitergeht? Der Lockdown 4.0 geht morgen zu Ende, und alle warten schon auf Informationen. Ich denke, dass es in den Hotspots zu keinen Lockerungen kommen wird.

In ganz Indien steigen die Fälle. Heute Morgen ein neuer Spitzenwert von 7964 Fällen in 24 Stunden. In ganz Indien haben wir 173‘763 registrierte Fälle. Wie hoch die Schwarzziffer liegt, kann man nur erahnen. Die Zahl der Toten ist auf 4980 angestiegen. Ganz schlimm betroffen ist Mumbai. Hotels werden nun zu Krankenstationen umgebaut, und der Bundesstaat Kerala schickt Ärzte und Krankenpersonal zur Unterstützung.

Doch Indien kämpft nicht nur gegen Covid-19.

  • Eine Heuschreckenplage in Rajasthan, Delhi, Haryana und Punjab lässt die Bauern zittern. Mit Trommeln, Lärm, Sirenen versuchen sie, ihre Felder vor den gefräßigen Heuschrecken zu schützen. Einige setzen zeitgemäß auf DJs und lassen ihre Felder mit hohen Dezibels beschallen.
  • Der Zyklon Amphan, der am 20. Mai in Westbengalen auf Land getroffen ist, hat verheerende Schäden angerichtet. Viele Bäume wurden entwurzelt und Gebäude beschädigt. In den indischen Nachrichten ist Amphan jedoch kaum noch Thema. Das Militär hilft bei den Aufräumarbeiten.
  • Kashmir bleibt auch während Corona ein Konfliktgebiet. In Pulwama gab es eine Terrorattacke mit einer Autobombe und in Ladakh an der nördlichen Zone rüstet China auf. Donald Trump hat sich als Mediator zwischen beiden Parteien angeboten. Obwohl er in seinem eigenen Land viel zu tun hätte, hat er mit beiden Ländern gesprochen. Premierminister Modi sei „not in a good mood“, wenn es um China ginge. Die indische Regierung informierte darauf nur, dass man gedenke, die Probleme mit China friedlich zu lösen.
  • In Assam haben hefige Niederschläge zu Überschwemmungen geführt und die Menschen kämpfen gegen die Fluten.
  • In vielen Bundesstaaten kam es zu Hitzewellen. In Delhi war es vor einigen Tagen 46 Grad. In Rajasthan wurden sogar 50 Grad gemessen.
  • Viele Wanderarbeiter sind immer noch unterwegs und täglich kommt es zu menschlichen Tragödien. Tausende warten in brennender Hitze auf Züge und Busse. In Zügen ist es wegen der Hitze und zu wenig Wasser und Essen zu Todesfällen gekommen. Die Zentrale Regierung schiebt die Verantwortung auf die Bundesstaaten und die Bundesstaaten an die Zentrale Regierung. Immer noch sind Tausende ohne genügend Nahrung und Wasser zu Fuß unterwegs. Es ist eine Katastrophe!

Im indischen Lockdown 4.0 – Tag 55

Mit der bisher höchsten Tagesanzahl von 5242 neuen Covid-19-Fällen hat bei uns heute der Lockdown 4.0 begonnen. Die indische Regierung hat die Maßnahmen gegen das Corona-Virus bis zum 31. Mai verlängert. In vielen Bundesstaaten und Distrikten kommt es zu Lockerungen. Die Bundesstaaten haben nun wieder mehr Entscheidungsgewalt und können Erleichterungen beschließen.

Bei uns in Chennai ändert sich leider kaum etwas. Wir haben immer noch steigende Fallzahlen. In 25 Distrikten in Tamil Nadu kommt es jedoch zu Lockerungen.

Hier die neusten Bestimmungen des Lockdowns 4.0

Keine Lockerungen in stark betroffenen Covid-19-Zonen. Die Bundesstaaten entscheiden über eventuelle Erleichterungen. Ausgangssperre von 19.00 bis 7.00 Uhr

Erlaubt:

  • Online Education
  • Heimlieferungen von Essen und Esswaren
  • Kantinen für Gestrandete und Bedürftige
  • Stadien dürfen geöffnet werden, jedoch ohne Zuschauer
  • Restaurants dürfen Heimlieferungen anbieten
  • Allein stehende Shops dürfen öffnen

Weiterhin geschlossen:

  • Schulen und Universitäten
  • Flugreisen und Metros
  • Religiöse Zentren
  • Fitness-Zentren, Malls, Kinos

Covid-19-Management:

  • „Social Distancing“ muss befolgt werden
  • Es ist obligatorisch eine Maske zu tragen.
  • Nur 5 Personen zur gleichen Zeit in einem Geschäft.
  • Nicht mehr als 50 Gäste an Hochzeiten

Die neusten Zahlen von heute:

Indien: 96‘492 Fälle, 36‘824 recovered, 3041 Tote

Am stärksten betroffen:

  • Maharashtra: 33‘053 Fälle, 1198 Tote
  • Gujarat: 11‘379 Fälle, 659 Tote
  • Tamil Nadu: 11‘224 Fälle, 78 Tote
  • Delhi: 10‘054 Fälle, 160 Tote

Immer noch sieht man tagtäglich erschreckende Bilder von Wanderarbeitern, die verzweifelt versuchen in ihre Dörfer zurückzukehren. Viele Verzweifelte sind zu Fuß, mit Fahrrädern und Fahrrad-Rikschas meist in der Nacht auf den Highways unterwegs. Einige haben auch ihre letzten Rupees zusammengelegt, um eng zusammengepfercht in Lastwagen mitzufahren. Wie sich rausstellte, zeigten die Truckfahrer jedoch kein Mitleid oder Verständnis für die Wanderarbeiter. Bis zu 2000 Rupees pro Person mussten sie bezahlen und Fahrer verdienten insgesamt 1 Lakh (100‘000 Rupees) – eine richtige Abzockerei!

In dieser Woche sind viele schreckliche Verkehrsunglücke passiert, bei denen viele Wanderarbeiter ums Leben kamen.

Über die Handhabung der Wanderarbeiter ist nun eine politische Auseinandersetzung entbrannt. Die Opposition, vor allem die Congress-Partei kritisiert die Zentrale Regierung massiv.

Die Bundesstaaten wurden nun angewiesen, dass sie mehr Busse und Züge zur Verfügung stellen müssen, um die Arbeiter endlich nach Hause zu lassen. Dies führte heute wieder zu Massenansammlungen an verschiedenen Zug- und Busbahnhöfen.

Sehr berührt hat mich die Geschichte eines Wanderarbeiters, der in seiner Not ein Fahrrad gestohlen hat, und dem Besitzer einen Brief hinterlassen hat.

Seit Tagen informiert die Finanzministerin Nirmala Sitharaman täglich live über die Verteilung der 20 Lakh Crore Rupees (250 Milliarden Euro), die die indische Regierung als Wirtschaftspaket geschnürt hat.

Die Aufteilung kommt jedoch eher einer neuen Budgetierung gleich, als einer Hilfe, die sofort zum Einsatz kommt. Viele bezeichnen das Ganze als Augenwischerei. Der Fokus soll vor allem auf lokalen Marken liegen und Indien möglichst unabhängig vom Ausland machen.

Maharashtra, vor allem Mumbai ist vom Corona-Virus am schlimmsten betroffen. Die Spitäler haben ihre Kapazitäten erreicht und alle Intensivbetten sind besetzt. Auch im Slum Dharavi steigen die Fälle weiter an. Gestern zählte man 1198 Fälle.

Wieder einmal zieht ein Zyklon nordwärts an uns vorbei. 2016 fegte Zyklon Fani über Chennai hinweg. Die Verwüstungen, die zurückblieben, werden mir immer in Erinnerung bleiben.

Der Zyklon Amphan bewegt sich nun auf die Ostküste von Odisha und Westbengalen zu.

Laut Meteorologen wird sich der Zyklon in den nächsten 12 Stunden zu einem Super-Zyklon aufbauen und am 20. Mai auf die Küste treffen. Ich hoffe nur, dass es die Menschen nicht zu sehr trifft.

Gestern mussten wir mit unserem Sohn zum Arzt. Eigentlich wollten wir einen Dermatologen aufsuchen, aber wegen der Corona-Situation ist dieser nicht im Dienst. Nach Fiebermessen und Handdesinfizierung konnten wir das Spital betreten. In der Notfallaufnahme sah sich eine Assistenzärztin in voller Corona-Montur den Hautausschlag an, und es war ziemlich klar, dass sie in diesem Fall nicht kompetent war. Der Kinderarzt, der danach dazu geholt wurde, schien etwas fachkundiger und verschrieb eine Lotion und Tabletten.

Jetzt versuchen wir es mal so, ansonsten müssen wir uns auf die große Suche nach einem Hautarzt machen.

Weiter geht es … stay home – stay safe!

Im indischen Lockdown – Tag 47

Während es in vielen europäischen Ländern nun zu Lockerungen kommt und die Planung zu „Back to the new normal“ in vollem Gange ist, stecken wir hier immer noch im Lockdown, bereits in der 2. Verlängerung.

Indien versucht, das Virus durch einen Covid-19-Zonenplan einzuschränken. Während es in den grünen und orangen Zonen keine oder nur wenige Fälle gibt, sind die roten Zonen die Corona-Hotspots. In den grünen und orangen Zonen sind bereits viele Lockerungen getroffen worden und industrielle Betriebe können unter Berücksichtigung des „Social Distancing“ und anderen Vorsichtsmaßnahmen wieder produzieren. In den roten Zonen hingegen sieht es anders aus. Hier wurde der Lockdown kaum gelockert. Wie fast alle indischen Großstädte ist auch Chennai tiefrot.

Die Hoffnung, dass das Virus die Hitze und tropisches Klima nicht mag, hat sich leider nicht bestätigt. Auch hier breitet es sich rapide aus. Die Fallzahlen steigen stetig. Am allerschlimmsten hat es Mumbai getroffen, aber auch Chennai hat täglich steigende Fallzahlen. Zu sehr vielen Ansteckungen hat der Großmarkt für Gemüse- und Früchte geführt. Nun wasche auch ich alle Früchte und Gemüse gründlich nach dem Kauf.

Diese Woche wurden viele gestrandete Inder aus dem Ausland mit Evakuierungsflügen nach Hause geholt. Alle müssen nun für 14 Tage in Quarantäne. Entweder können sie dies kostenlos in Unterkünften der Regierung oder kostenpflichtig in dafür vorgesehenen Hotels.

Anfangs Woche wurden in vielen Bundesstaaten die Likör- und Weinshops geöffnet. Die Bilder und Videos, die man kurz darauf überall sehen konnten, zeigten umgehend auf, dass dies ein Fehler war. Der riesige Ansturm auf Alkohol geriet vielerorts außer Kontrolle.

Mit etwas Menschenverstand wäre dies eigentlich voraussehbar gewesen, aber die Regierung braucht wohl dringend das Geld, das dadurch in die Staatskasse gespült wird.

Wer noch nie in Indien war, weiß vielleicht nicht, dass man Alkohol nur in bestimmten Shops kaufen kann. Da Spirituosen nicht unter essenzielle Lebensmittel fallen, hatten die Menschen seit über 40 Tagen keine Gelegenheit mehr Alkohol zu kaufen. Mein Mann hat mir erzählt, dass ein grosser Likör-Shop in Bangalore einen Tagesumsatz von 2 Millionen Schweizer Franken gemacht hat!

Hier in Chennai sind die Wine-Shops immer noch geschlossen. In Tamil Nadu wurde grade ein Gerichtsbeschluss erlassen, der besagt, dass die Wine-Shops geschlossen bleiben sollen, dass man jedoch einen Online-Verkauf in Betracht ziehen kann.

Unser Vorrat ist auch schon länger aufgebraucht. Anstelle von alkoholischen Drinks genehmigen mein Mann und ich uns nun täglich einen Immunbooster-Detox-Drink!

Keine Mango-Lassi 😉!

Unser Sohn rümpft darüber nur die Nase und erfreut sich an den komischen Gesichern, die wir bei der Einnahme machen.

Nach einem ayurvedischen Rezept mixe ich Ingwer, Amla, Zitrone, Tulsi-Blätter (indischer Basilikum) und Kurkuma.

Diese Mischung wird empfohlen, um das Immunsystem zu stärken und den Körper zu entgiften. Ich gebe zu, dass mir ein Gin Tonic definitiv besser schmecken würde.

Hier noch die neusten Zahlen von heute Morgen:

  • 19‘358 Recovered
  • Jeder 11. Tag eine Verdoppelung der Fälle
  • 62‘939 Fälle, 2108 Tote, Mortalitätsrate 3 %
  • In den letzten 24 Stunden:  3277 neue Fälle, 128 Tote

Stay home – Stay safe!

 

 

Vom Glück des Habens

Heute kommt mein Liebster genervt vom Einkaufen zurück. „Diese Deppen!“, empört er sich über seine eigenen Landsleute. „Jetzt hat es überall Kreise am Boden und sie bringen es nicht fertig, sich da reinzustellen.“

Indien versucht mit allerhand Kampagnen und Aufklärungsarbeit über das Coronavirus zu informieren. Doch wie soll in einem Land wie Indien „Social Distancing“ funktionieren? Allein in Chennai leben 10 Millionen Menschen. Unser Teenager hängt sich sofort rein. „Als ich neulich mit den Hunden die Runde machte, habe ich genau das Gleiche gesehen. Vorne in der Ecke sitzen sie ohne Mundschutz in Gruppen draußen. Von „Social Distancing“ keine Spur! Warum bleiben diese Deppen nicht einfach zu Hause?“

Obwohl mich die Inderinnen und Inder mit ihrer Ellbogen- und Wettbewerbskultur oft auch ärgern, muss ich die Menschen nun in Schutz nehmen. Die Corona-Maßnahmen treffen viele sehr hart. Die Wohnsituationen sind meistens sehr eng und ungemütlich. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer werden auch für den Mittelstand die finanziellen Nöte. Dazu haben wir jetzt Hochsommer, und es ist sehr heiß geworden. Die Temperaturen liegen momentan bei 35 Grad und drüber. Der Strom für Klimaanlagen und Ventilatoren kostet Geld. Geld, das viele nicht haben. „Sie können doch einfach zu Hause ein Buch lesen“, meint unser Sohn. „Erst muss man überhaupt Bücher haben“, gebe ich ihm zur Antwort.

Wie bewusst wird mir in diesem Land immer wieder, wie privilegiert wir sind. All die Dinge, mit denen ich in der Schweiz so selbstverständlich aufgewachsen bin, sind für viele Menschen hier ein Wunschtraum. Der Lockdown ist für alle ein leidiges Thema. Sich einzuschränken fällt uns allen schwer, aber wie viel einfacher ist es mit Büchern, Internet, Brettspielen, Kunstmaterial, Musik, Netflix, Audiobüchern, Staubsauger, …

Brettspiele wurden wieder hervorgeholt. Brändi-Dog ist definitiv unser Favorit und wird täglich gespielt.

All dies steht uns auch hier zur Verfügung. Dazu leben wir in einem schönen, gemütlichen Haus mit genügend Wohnraum, sodass sich jeder auch mal zurückziehen kann. Das selbstverständlich Normale wird hier zum absoluten Luxus. Wir können die Klimaanlage anstellen, uns mehr oder weniger sinnvoll beschäftigen und haben unbeschränkt Zugang zu Highspeed-Internet. Okay, so schnell ist es oft dann wieder nicht. Prabhu hat grade erst ein Upgrade bei unserem Internetanbieter gemacht, da unser Verbrauch in der Corona-Zeit gestiegen ist.

In letzter Zeit bekommt mein Mann oft Anrufe von Menschen, die in Not sind. Auch Bekannte, die normalerweise gut verdienen, haben nun finanzielle Engpässe. Unseren Möglichkeiten entsprechend, unterstützen wir, so gut es geht. Obwohl Prabhus Baustelle seit fast 2 Monaten stillsteht, bezahlt er seine Arbeiter weiterhin. Als Selbstständigerwerbende beschert das Coronavirus auch uns finanzielle Einbußen, zwingt uns zum Stillstand. Doch sind wir gottlob in der glücklichen Lage diese Situation finanziell zu stemmen und zu überbrücken.

Wenn ich das Gefühl habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, brauche ich nur im Fernseher die News zu schauen. Abertausende Wanderarbeiter und Mittellose, die vor dem Nichts stehen und ohne Geld, Essen und Unterkunft ums tägliche Überleben kämpfen.

Wie kann ich da noch jammern und mich über diese unsägliche Situation beklagen?

 

Im indischen Lockdown – Tag 39

Am Mittwoch ging unser strikter Lockdown in Chennai zu Ende. Da die Covid-19-Fälle zunehmend anstiegen und leider immer noch ansteigen, standen wir für 4 Tage unter einem totalen Lockdown. Um den großen Ansturm in den Lebensmittelgeschäften zu vermeiden, beschlossen wir erst gestern einkaufen zu gehen.

Ganz in der Nähe von uns wurde ein Corona-Fall gemeldet, so mussten wir einen Umweg nehmen, da die Straße gesperrt war. Prabhu bekam diese Nachricht per WhatsApp. Ein 70-jähriger Nordinder ist wahrscheinlich durch Community Spread angesteckt worden. Die Nachricht machte inklusive Adresse des Erkrankten umgehend die Runde. Von Datenschutz kann man in Indien nur träumen!

Im Supermarkt konnte ich mich erst in eine lange Reihe von Wartenden stellen.

Bei 37 Grad anstehen.

Bevor man den Laden überhaupt betreten darf, muss man neu seine Hände desinfizieren und natürlich eine Maske tragen. Verschwitzt und mit einer langen Einkaufsliste bewaffnet, betrat ich schließlich den Supermarkt. Halbleere und leere Regale gähnten mir entgegen. Kein einziges Brot, kein Dal, kein Mehl, kein Zucker, … Die lange Liste von meinem Schwiegervater wurde kaum kürzer. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt! Einige Dinge konnte ich noch ergattern und mein Mann holte mich wieder ab. In einem kleinen Laden am Straßenrand konnten wir noch ein paar fehlende Sachen kaufen.

Auf den Straßen tragen die meisten Masken oder binden sich wenigstens ein Taschentuch ums Gesicht. Trotzdem halten sich leider viele nicht an Social Distancing. Ich habe das Gefühl, dass die Leute echt genug haben von all diesen Corona-Maßnahmen. Viele werden nun zusätzlich von finanziellen Sorgen geplagt und dies nicht nur in der Unterschicht. Auch viele im Mittelstand mit einem regelmäßigen Einkommen kommen nach fast 2 Monaten nun an ihre Grenzen.

Auf dem Rückweg entdeckte ich dann ein Corona-Tuk-Tuk. Da musste ich doch wieder über die Kreativität und den Einfallsreichtum der Inder schmunzeln. Mit Lautsprecher bestückt, fährt das Virus-Gefährt durch die Straßen und klärt die Menschen auf.

Am Abend kam die Nachricht, dass der Lockdown um zwei Wochen verlängert wird. Ich hatte es nicht anders erwartet. Die Hotspots mit vielen Covid-19-Fällen bekommen kaum Erleichterungen. Das sind die roten Zonen. Lockerungen gibt es in den orangen und grünen Zonen, die nur wenige oder gar keine Fälle haben.

Wenigstens gibt es bei den Wanderarbeitern und all den Gestrandeten endlich eine Erleichterung. Viele Sonderzüge wurden bereitgestellt, um sie endlich nach Hause zu bringen. Trotzdem warten viele Tausende noch immer …

In Chennai werden nun alle Schulen zu Covid-19-Spitälern umgerüstet. Die Behörden erwarten scheinbar noch Schlimmeres. Hoffen wir, dass diese vielen Betten nicht gebraucht werden und die Fallzahlen endlich zurückgehen.

In den letzten 24 Stunden hatten wir mit 2293 Fällen den größten Anstieg bisher. Total haben wir heute Morgen 37‘336 Fälle und 1218 Tote.

Obwohl inzwischen jeder genug hat, geht es weiter mit dem sich ständig wiederholenden Mantra „Stay homeStay safe“!