Herzlichen Glückwunsch zur Geburt!

Über den Mundschutz hinweg strahlen die Augen des frischgebackenen jungen Vaters. Nochmals gratuliere ich herzlich und er überreicht uns Soan Papdi, indische Süßigkeiten zur glücklichen Geburt seines Sohnes.

In dieser schwierigen Corona-Zeit war die Schwangerschaft und Geburt eine besondere Herausforderung. Das Kindlein kam letzten Sonntag per Kaiserschnitt zur Welt. Der Arzt wollte nicht weiter zuwarten und der Sonntag war scheinbar astrologisch gesehen ein guter Tag. Bereits eine halbe Stunde nach der Geburt rief uns Ganesh an und überbrachte seinem Boss die guten Nachrichten.

Wir freuen uns alle mit dem jungen Paar. Endlich dürfen sie ein Kindlein in ihre Arme schließen.

Bei vielen Paaren klappt es mit dem Kinderwunsch schon lange nicht mehr auf Anhieb. Fertility Centers, Kinderwunsch-Kliniken schießen auch in Indien nur so aus dem Boden. Klappt es mit dem Kinderwunsch nicht, gehen indische Paare, vor allem die Frauen durch die Hölle. Bereits ein Jahr nach der Hochzeit wird man von Verwandten ungeniert auf eine mögliche Schwangerschaft angesprochen. Wenn man nicht vor Glück strahlend berichten kann, dass man in Erwartung ist, dann wird mit Tipps und Ratschlägen nicht gespart. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist sicherlich für jedes Paar schwierig. In Indien jedoch ist Elternschaft für die meisten ein selbstverständliches Lebensziel, das kaum infrage gestellt wird. Die Lebensbiografie ist klar vorgegeben: Man heiratet – man hat Kinder! Wer da nicht reinpasst, hat es oft nicht einfach.

Für untere Schichten ist ein Kind, vor allem ein Sohn auch immer die Vorsorge fürs Alter. In einem Land, wo die wenigsten Altersrenten beziehen und es kaum soziale Auffangnetze gibt, sorgen die Nachkommen, vor allem die Söhne für die betagten Eltern. Mädchen werden von vielen Familien als Belastung gesehen. Obwohl die Mitgift per Gesetz verboten ist, werden immer noch „Brautgeschenke“ in der Höhe von mehreren Jahresgehältern erwartet. So sind Mädchen mit immensen Kosten verbunden. Einen Sohn zu haben, ist für viele Familien sehr wichtig, denn oft ist er alleinige Altersvorsorge und nur so wird der Familienstamm weitergeführt.

Gerne hätte ich das Neugeborene und die frischgebackenen Eltern besucht, aber wegen Corona ist dies zur Zeit nicht möglich. Auch kein Foto gibt es. Ganesh erklärt mir, dass es in der tamilischen Tradition nicht üblich sei, in den ersten drei Lebensmonaten Bilder des Kindes zu machen. Man will das Kind vor Neid und dem „evil eye“, dem bösen Auge schützen. Zum Schutz gegen das Böse werden Kleinkindern auch immer hässliche schwarze Flecken ins Gesicht gemalt. Diese sollen den bösen Blick ablenken.

In Indien ist es üblich, dass die werdende Mutter Ende Schwangerschaft zurück ins Elternhaus zieht. Die eigene Mutter wird bei der Geburt dabei sein und die Tochter unterstützen. Ehemänner sind im Kreißsaal in der Regel nicht mit von der Partie.

Die meisten Mütter bleiben auch die ersten Wochen nach der Geburt im Haus der eigenen Eltern. Die Pflege des Kindes übernimmt meist die Großmutter. Bei meiner Nichte kam zum Baden und zur Babymassage sogar eine Frau aus dem Dorf vorbei.

Auch der Name des Sohnes ist noch nicht entschieden. Hier in Indien kann man sich dafür Zeit lassen. Viele Familien suchen auch für die Namensgebung einen Astrologen auf. Der Astrologe berechnet nach der Geburtszeit geeignete Anfangssilben.

So hoffe ich nun, dass ich das Büblein in einigen Monaten besuchen kann.

Weitere Informationen zu diesem Thema findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/06/20/arrangiert-in-die-ehe/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/03/18/von-grossmuettern-und-grossvaetern-und-der-tatsache-dass-wir-alle-miteinander-verwandt-sind/

Nach Indien reisen mit Kind?

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Krishnas Butterball in Mamallapuram

Da unser Alltag oft mit wiederholender Routine erfüllt ist, sehnen sich viele im Urlaub oder auf Reisen nach Abwechslung und träumen vielleicht sogar von aufregenden Abenteuern in fremden Kulturen und Ländern. Reisen ist für viele selbstverständlich geworden und schier jedes Reiseziel ist heutzutage möglich und durch billige Flüge bezahlbar.

Auch das Reisen mit Kindern hat sich verändert. Während man zu meiner Zeit noch Ferien auf Balkonien oder höchstens Campingurlaub in den Nachbarländern machte, so gehören Flugreisen für viele Familien zum Urlaub dazu. Die Möglichkeiten sind riesig und alles scheint machbar.

Macht es Sinn, mit Kind oder Kindern nach Indien zu reisen?

Ich habe große Indienerfahrung. Seit über 10 Jahren lebe ich mit meiner Familie in Indien und unser Sohn hat die Mehrheit seiner Kindheit in Indien verbracht. Auf vielen Reisen haben wir dieses riesige, vielfältige Land auch entdeckt und kennengelernt.

Indien ist schon ohne Kinder ein schwieriges Reiseland, das viele Touristen an ihre persönlichen Grenzen bringt. Armut, Müll, Umweltverschmutzung und Krankheiten gehören zu Incredible India dazu. Viele Reisende erleben erst mal einen Kulturschock. Man braucht Zeit, um sich an das indische Chaos zu gewöhnen. Je kleiner die Kinder und je neuer das Land für die Eltern, desto mehr muss ich von Reisen nach Indien abraten. Wenn man nicht aus familiären oder beruflichen Gründen mit kleinen Kindern nach Indien reisen muss, würde ich die Reise definitiv ein paar Jahre aufschieben.

Ab dem siebten Lebensjahr kann man die Kinder besser auf eine Indienreise vorbereiten. Ab diesem Alter können sie Gefahren besser einschätzen und verstehen. Auch bekommen sie etwas vom Land und der Kultur mit, das ihnen sicherlich in Erinnerung bleiben wird.

Vor allem Kleinkindern kann man auf Reisen durch Indien schlecht gerecht werden. Ständig muss man aufpassen, dass sie nichts in den Mund stecken, dass sie nicht davon laufen, dass sie kein Tier anfassen. Das Kind oder mehrere Kinder ständig im Auge zu behalten, ist für die Eltern anstrengend. In Indien wird ihr Kind wohl dauernd hören: „Lass das! Nimm das nicht in den Mund! Nein! Das darfst du nicht! Gib mir die Hand!“

Die Kinder sind sich gewöhnt, dass sie gewisse Bewegungsfreiheiten haben. Diese werden in Indien doch arg beschnitten. Obwohl es hier so viele Kinder gibt, ist das Land alles andere als kinderfreundlich. Es gibt kaum Spielplätze oder Parks und von sauberen Toiletten und Wickeltischen kann man nur träumen.

Das andere Essen

Das Essen in Indien ist oft scharf, ungewohnt und schmeckt den Kleinen in der Regel nicht. Natürlich kann man sich im Supermarkt mit Bananen, Zwieback, Biskuits, … eindecken und im Restaurant milde Gerichte bestellen, aber die Umstellung ist für die Kleinen ziemlich schwierig. Grade bei Kleinkindern, die ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt haben, ist ständig Vorsicht angebracht. Die hygienischen Bedingungen in Garküchen und Restaurants lassen oft zu wünschen übrig und durch längere Stromausfälle werden die Kühlketten immer wieder unterbrochen. Auf frischgepresste Fruchtsäfte, Eiswürfel, Eiscreme, Milchspeisen, bereits geschnittene Früchte sollte man verzichten.

Impfen und Krankheiten

Dazu kommt, dass man sich schon im Vorfeld Gedanken über das Impfen machen muss. Ich weiß, dass Impffragen für viele Eltern ein sensibles Thema sind, und dass viele sehr impfkritisch eingestellt sind. Doch hier kann ich einfach nur zu bedenken geben, dass es einen großen Unterschied macht, ob man sich in Deutschland oder der Schweiz gegen Impfungen entscheidet, oder ob man in Indien ist. Erstens ist ein Kind in der Regel durch den flächendeckenden Impfschutz im Heimatland recht gut geschützt. Zweitens steht rund um die Uhr eine hervorragende medizinische Versorgung zur Verfügung, wenn eben doch etwas passieren sollte.

Mit Kindern ohne Impfschutz in tropische Länder zu reisen, ist meiner Meinung nach verantwortungslos. In Indien gibt es in den Metropolen gute Spitäler, die man mit „westlichen“ Standards vergleichen kann, aber außerhalb der Großstädte nimmt die Qualität der medizinischen Versorgung rapide ab. Erkrankt ein Kind, dann muss man oft schnell handeln und innerhalb kurzer Zeit einen Arzt aufsuchen. Ich habe dies einmal mit unserem Sohn erlebt, als er zwei Jahre alt war. Trotz großer Vorsicht erkrankte er nach einem Restaurantbesuch.

Erbrechen, Durchfall und Fieber haben ihn innerhalb nur weniger Stunden dehydriert, sodass ich umgehend mit ihm zum Arzt musste. Man weiß, dass Kleinkinder schnell dehydrieren, aber diese Geschwindigkeit hätte ich nie erwartet.

Auch die lange Flugreise, die Zeitumstellung und das andere Klima sind für Kleinkinder oft schwierig.

Leider gibt es in Indien auch gefährliche Krankheiten, die man noch nicht impfen kann. Malaria, Dengue-Fieber und Chikungunya werden von Moskitos übertragen. Mein Sohn und ich sind 2014 an Dengue erkrankt und lagen fast eine Woche im Spital.

Ein Kleinkind ständig mit deethaltigen Moskitosprays einzusprühen, ist für die empfindliche Kinderhaut auch nicht das Wahre.

Auch Tollwut ist in Indien leider immer noch nicht ausgerottet. Viele Kinder sind von Strassenhunden und Affen fasziniert und es zieht sie oft, wie magisch angezogen, in ihre Nähe.

Kinderliebende und wangenkneifende Inder

Was in Indien wirklich wunderschön ist, ist die Tatsache, dass man mit Kindern immer und überall willkommen ist. Die Inderinnen und Inder lieben Kinder über alles und sind diesbezüglich sehr tolerant und hilfsbereit. Allerhand Sonderwünsche werden für Kinder sehr gerne erfüllt.

Auf der anderen Seite empfinden „Westler“ Inderinnen und Inder oft distanzlos und übergreifend. Sehr gerne werden auch fremde Kleinkinder liebevoll in die Wange gekniffen. Hier in Indien ein Zeichen, dass man dieses Kind besonders mag und süß findet.

Doch ein hellhäutiges, eventuell sogar blondes und blauäugiges Kleinkind wird in Indien halt oft in die Wange gekniffen. Gerne werden Kinder auch auf den Arm genommen oder einfach berührt. Heutzutage kommt auch noch der Selfiekult dazu, den ich absolut schrecklich finde. So werden viele euer Kind fotografieren wollen, teilweise auch ungefragt. Viele ausländische Kleinkinder sind sich dies nicht gewöhnt, und es wird ihnen oft zu viel. Eltern sind da sehr gefragt und müssen in einem Balanceakt solche Situationen schnell erfassen und reagieren. Einerseits möchte man die netten Inderinnen und Inder nicht vor den Kopf stoßen, andererseits muss man sein Kind schützen und für Abgrenzung sorgen.

Ich beispielsweise hätte gar keine Freude daran gehabt, mein Kind von fremden Personen ablichten zu lassen. Aus diesem Grund würde ich Kleinkinder auch nicht nackt baden oder spielen lassen. Nicht weil dies gegen das Schamgefühl der Inder verstößt, sondern um das Kind vor Nacktaufnahmen zu schützen. Letztlich weiß man nämlich nie, was mit diesen Fotos passiert.

Tipps, wenn man mit einem Kleinkind in Indien unterwegs ist:

  • Einige Monate vor der Reise die Impffragen für sich selbst und das Kind klären und sich von einem Reisemediziner beraten lassen. Ich finde es für Erwachsene und Kinder sinnvoll, einige Wochen vor der Reise das Immunsystem zu stärken. Ich fand die Echinacea-Tropfen von Dr. Vogel immer hilfreich, aber es gibt eine Fülle an verschiedenen guten Präparaten.
  • Eine Reiseapotheke, die speziell auf die Bedürfnisse von Kleinkindern ausgerichtet ist, gibt Sicherheit. Am besten man lässt sich professionell in der Apotheke oder beim Kinderarzt beraten. Hat das Kind intensiven Kontakt mit einheimischen Kindern, sollte man auch auf Läuse achten. Wir wurden immer wieder mit Läusen beglückt.
  • Die Reise sorgfältig und möglichst kinderfreundlich planen. Weniger ist mehr! Auch sollte man versuchen, immer wieder kleine Ruheoasen einzuplanen. In Indien bleibt einem nichts anderes übrig als sich flexibel dem Kleinkind anzupassen. Wir haben beispielsweise eine dreiwöchige Reisetour abgebrochen, weil unser Sohn am fünften Tag erkrankte. Doch auch die Eltern müssen gut zu sich selbst schauen, denn von ihnen wird 100 Prozent Fitness und Aufmerksamkeit abverlangt werden.
  • Für den Flug sollte man den Babies einen Schnuller geben. Durch das Saugen können sie den Ohrendruck besser ausgleichen. Als unser Sohn etwas älter war, durfte er beim Starten und Landen jeweils einen kleinen Lollipop schlecken. Übrigens ein Tipp von meinem damaligen Kinderarzt. Das hat sich immer sehr bewährt. Unser Sohn konnte so den Druckausgleich gut meistern und war überglücklich mit seinem Lollipop, den es nur auf Flugreisen gab.
  • Bei den Reisezielen und bei der Hotelwahl die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen. Oft ist die Hotelanlage der einzige Ort, wo man Kindern etwas mehr Freiraum geben kann. Etwas bessere Hotels mit Pool und Spielplatz lohnen sich auf jeden Fall.
  • Mit einem Kleinkind würde ich es mir leisten, mit einem eigenen Fahrer zu reisen. Das ist definitiv komfortabler, stressfreier und man ist immer flexibel. So kann man jeder Zeit anhalten, wenn das Kind mal muss oder man kann bequem im Auto die Windeln wechseln oder das Kind stillen. Das Auto ist auch Rückzugsort vor dem oft etwas hektischen, chaotischen und lauten Indien.
  • Beim Essen und Trinken enorme Vorsicht walten lassen. Ein Taschenmesser, Sparschäler und Tupperware-Behälter mitnehmen, sodass man Früchte und Gemüse selbst schneiden kann. Früchte und Gemüse sollte man immer schälen, da sie oft gespritzt und mit Chemikalien behandelt sind.
  • Immer genügend sauberes Trinkwasser und etwas zum Essen dabei haben. Dabei darauf achten, dass die Wasserflaschen beim Kauf versiegelt sind.
  • Hut, Sonnencreme und Moskitospray immer in der Handtasche haben und einsetzen. Dengue-Fieber und Chikungunya werden durch tagaktive Mücken übertragen.
  • Wenn das Kind hohes Fieber bekommt oder an Durchfall erkrankt nicht lange warten und einen Arzt aufsuchen. Kleinkinder dehydrieren enorm schnell.
  • Feuchttücher leisten oft gute Dienste. Vor dem Essen und auch sonst ab und zu die Hände waschen. Manche nehmen auch Desinfektionsmittel für die Hände mit. Ich mag dies weniger und wasche mir lieber öfters die Hände. Für das große Geschäft Toilettenpapier dabei haben.
  • Ein sauberes Tuch, das als Bettdecke, Schlafunterlage oder als Kopfkissen umfunktioniert werden kann, ist sehr hilfreich.
  • Lieblingsspielsachen mitnehmen. Unser Sohn zeigte praktischerweise immer Interesse am Zeichnen und Basteln. So hatte ich immer kleine Minifarbstifte, einen Block Papier und Klebstreifen in meiner Handtasche. Oft haben wir auch Papier gefaltet. Die entstandenen Papierschiffe, Portemonnaies, Frösche, Schmetterlinge und vieles mehr haben für Abwechslung gesorgt und wurden zu Spielmaterial.
  • Musik und Hörspiele für die Kleinen sind oft Gold wert.

 

 

 

 

 

Von Großmüttern und Großvätern und der Tatsache, dass wir alle miteinander verwandt sind

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Gestern bin ich Großmutter geworden! Die Nachricht, dass ich nun eine Paati (Großmutter) bin, hat mich doch etwas überrumpelt. Während ich die kleine neugeborene Tochter unserer Nichte auf den Armen hielt und wieder einmal mehr über das Wunder der Natur staunte, meinte Prabhu plötzlich: „Jetzt sind wir Paati und Thaatha (Großvater)!“

So schnell kann es in Indien gehen! Wenigstens sorgte diese Tatsache im Raum für Heiterkeit. Auch die frischgebackene und überglückliche Mutter, die nach langen Jahren des Wartens und Bangens, endlich ein Kindlein bekommen durfte, lachte fröhlich. Ich bin so happy für die kleine Familie.

Akka (ältere Schwester) und Maama (mein Schwager, den ich Onkel nenne), die „richtigen“ Großeltern mütterlicherseits, saßen auch im Raum.

Seit ich in Indien lebe, wurde mein westliches, einfaches Familienkonzept arg durchgeschüttelt. Hier gibt es eine Hülle und Fülle von Verwandtschaftsbeziehungen und entsprechenden Begriffen, die bei uns gar nicht existieren. So wird beispielsweise zwischen älteren und jüngeren Geschwistern unterscheidet.

Akka (ältere Schwester)

Thangai (jüngere Schwester)

Anna (älterer Bruder)

Thambi (jüngerer Bruder)

Die Begriffe sind zwar sehr genau, aber die Anwendung ist global zu verstehen. Cousinen und Freunde werden auch als Brüder und Schwestern angesprochen. So ist Prabhu zwar Thambi für seine leiblichen Geschwister, aber seine jüngeren Freunde nennen ihn Anna und mich Anni (die Frau von Anna). Für Suriyan ist das alles noch etwas komplizierter, da er wieder andere Begriffe verwenden muss. So ist die ältere Schwester vom Vater Athai und der ältere Bruder des Vaters Periyappa. Seine Cousinen, die er bisher Akka nannte, sind jetzt, da sie verheiratet sind, auch Athai.

Dass alle Menschen dieser Welt miteinander verwandt sind, wird einem spätestens in Indien bewusst.

Da es unhöflich ist, ältere Personen mit Namen anzusprechen, sind einfach alles Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten oder Großväter und Großmütter.

So wird der alte, unbekannte Mann auf der Straße zum Thaatha und Kinder sprechen alle Erwachsenen respektvoll mit Aunty oder Uncle an.

Das neue Erdenkind hat übrigens noch keinen Namen. Nach Angaben des Geburtstags und der Geburtszeit wird von einem Astrologen ausgerechnet, mit welchen Silben der Name des Kindes beginnen sollte. Ich erinnere mich noch an gut daran, wie sie uns damals in der Schweiz gedrängt haben, endlich einen Namen zu wählen. Suriyans Zweitnamen haben wir auch astrologisch berechnen lassen und konnten uns nicht sofort entscheiden. Hier in Indien gibt man den Eltern Zeit. Innerhalb eines Monates muss das Kind registriert werden. Oft wählen die Schwiegereltern den Namen aus.

Ich bin schon gespannt, wie das Mädchen heißen wird!

Unerwartete Probleme

Sieb

Ich beobachte die Situation von der Küche aus. Die beiden Jungs sitzen nach einem Sleep Over bei uns am Esstisch und essen Frühstück. Suriyan, heute nicht sehr gastfreundlich, isst bereits seine Kellogg’s und sein Schulkamerad hält verloren und verwirrt das Sieb in der Hand. Er möchte auch Milch zu seinen Cornflakes, aber auf den ersten Blick wird klar, dass er noch niemals, in seinem 13-jährigen Leben, ein Sieb in der Hand hatte.      Ich hasse die Milchhaut, die sich hier in Indien immer wieder hartnäckig auf der Milch bildet und Suriyans Schulkamerad ergeht es wohl ebenso.

Als ehemalige Heilpädagogin ploppt sofort ein riesiges, rotes Schlagwort in meinem Kopf auf: „Problemlösungsverhalten“! Neugierig, überrascht, ich gebe zu, auch etwas amüsiert bleiben meine Augen auf dem Jungen ruhen.  Nach kurzer Analyse der Situation beschliesst er das Sieb einfach auf dem Krug zu lassen, das Sieb festhaltend, gedenkt er sich so Milch in seine Schale zu giessen. Doch jetzt hat er definitiv auch Suriyans Aufmerksamkeit und der ist nicht weniger erstaunt als ich. Hilfreich greift er ein, erklärt und zeigt mit einer Handbewegung wie es eigentlich gehen sollte.

Man kann ein Sieb durchaus in verschiedene Richtungen halten, das scheint unseren Problemlöser nun doch zu verwirren. Seitwärts? Mit der Wölbung nach oben? Hilfe suchend wirft er einen Blick zu mir. Obwohl ich noch gerne weiter observiert hätte, kann ich nicht anders und zeige ihm mit einer Handbewegung das Sieb zu drehen und das Problem ist bewältigt.

Kurz danach gebe ich ihm die zwei bestellten Toastscheiben auf einem kleinen Teller. Confitüre und Butter stehen schon lange auf dem Tisch. Sich ein eigenes Marmalade-Toast zu schmieren, ist er augenscheinlich auch nicht gewohnt. Etwas überrascht, dass ich das nicht übernehme, beginnt er unbeholfen die Butter aufs Brot zu streichen. Unsere super teure Bonne Maman Confitüre, die wir uns hier leisten, weil uns die indischen Marmalade-Anbieter einfach gar nicht schmecken, landet teilweise auf dem Tischtuch, aber was soll’s! Wieder etwas geübt, dass sonst Mama für ihn macht.

Vor etwa 2 Jahren war ein anderer Schulfreund bei uns zu  Besuch und die Jungs wollten unbedingt ein Cake backen. Die beiden machten dies auch recht gut. Suriyan übernahm die Führung, instruierte und erklärte, denn auch hier war klar, dass dies sein Freund noch niemals zuvor getan hatte. Bei den 2 Eier, die das Rezept verlangte, staunte ich nicht schlecht. Legte sein Freund die Eier doch mit Schale in den Teig!

Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, wie für mich selbstverständliche, alltägliche Dinge für einige Kinder hier zum Problem werden. Wie kann man einem Kind, das bereits 13 Jahre alt ist immer noch das Brot schmieren? Wie kann man sein eigenes Kind dermassen zur Unselbständigkeit erziehen?

Auch Suriyan zeigt manchmal solche Allüren und meint dann: „Amma, glaube mir, das muss niemand von unserer ganzen Klasse machen!“ Ich kann nicht mal sagen, dass ich dies nicht glaube, denn mit grösster Wahrscheinlichkeit ist es so. Wenn die Mutter nicht alles für die Kinder tut, dann macht es sicherlich die Maid, der Koch oder der Chauffeur. Schmutzige Kleider in den Wäschekorb legen, das Geschirr raustragen, das Zimmer aufräumen, abwaschen, … Eigentlich weiss ich ja, dass die Erziehung hier in Indien etwas anders funktioniert und trotzdem bin ich immer wieder etwas geschockt, wenn ich es selbst erlebe.

Hari – neuer Spielkamerad

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Aus meinem Tagebuch vom Dezember 2007

Auf dem Baugrundstück gegenüber ist eine Wächterfamilie mit ihrem kleinen Sohn Hariharan, kurz Hari genannt, hergezogen. Obwohl älter als Suriyan, ist er ganz schmächtig und etwa einen Kopf kleiner. Der Junge ist mehrheitlich sich selbst überlassen und spielt unbeaufsichtigt auf der Baustelle. Natürlich hat mich sofort das Mitleid gepackt. Erst war ich etwas unsicher, ob ich den Jungen wirklich zum Spielen einladen soll und darf. Meine Schwiegermutter hätte bestimmt keine Freude daran, wenn sie wüsste, dass ihr einziger Enkelsohn mit  einem „verwahrlosten“ Jungen aus einer unteren Kaste spielt.  Ehrlich gestehe ich ein, dass auch ich einen Moment lang gezögert und an Krankheiten und Läuse gedacht habe. Doch Prabhu hat mich beruhigt. Die Kinder seien geimpft und dies würde Suriyans Abwehrkräfte nur stärken, seiner Mutter müssten wir dies jedoch nicht grade unter die Nase binden. Recht hat er! Hier in Indien bin ich irgendwie übervorsichtig und ängstlich geworden.  Wir laden Hari zum Spielen ein und er kommt sehr gerne. Die beiden Jungs spielen gemeinsam in unserem Hof und Hari staunt über Suriyans Dreirad und sein Auto. Jetzt hat Suriyan wenigstens ab und zu einen Spielkameraden in seinem Alter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Annual Concert – Theateraufführung in der Playschool

D51F1ED6-B56D-496D-A01B-C9354FEE98AA

Aus meinem Tagebuch vom März 2009

Heute findet das Annual Concert von Suriyans Schule „Learning Tree“ statt. Sogar Thaatha* und Yamuna Akka* kommen mit. Paatti* hat sich kurzfristig dagegen entschieden, weil sie sich nicht wohlfühlte. Da Suriyan früher dort sein muss, bin ich mit ihm schon vorausgefahren. Langsam füllen sich die Sitzreihen und ich habe im vorderen Bereich Plätze reserviert. Ich wechsle einige Worte mit Jayants Mutter, warte und beobachte das Treiben. Der Anlass beginnt erstaunlicherweise pünktlich und natürlich kommen Prabhu und die anderen zu spät und verpassen den Anfang. Dabei habe ich noch angerufen, dass sie früher starten sollen. Nach den Bhajans* treffen auch sie endlich ein.

Erst werden viele Lieder gesungen und danach wird die Geschichte vom Zebra, das seine Streifen verloren hat, gespielt. Die Kinder strahlen in ihren Tierkostümen und manche genießen den Auftritt sichtlich. Für einige Knöpfchen wird es dann aber doch zu viel. Nach einigen Minuten kommt unser Sonnenschein als Krokodil zum Zug. Der erste Satz: „Come on reptils and insects, let’s go“, spricht er deutlich und hörbar ins Mikrofon, aber er ist sehr aufgeregt und hüpft auf der Bühne herum wie ein Pingpong-Ball. Beim zweiten Einsatz vergisst er prompt den Text und ärgert sich darüber, bis schließlich eine Auntie weiter hilft. „The amimals, the birds and the fishes are fighting”, spricht er dann erleichtert ins Mikro. Das Üben Animals richtig auszusprechen, hat nicht gefruchtet, aber das ist ja auch nicht so wichtig.

0991EA6E-43A2-485C-BBD0-76780AA9D6C9

Die Tanzdarbietung hat mir am besten gefallen. Die Kinder sahen so schön aus in ihren Kostümen. Für wenig Geld kann man sich hier alles nähen lassen. Wirklich eindrücklich, was der Dance Master da zustande gebracht hat. Alles in allem ein gelungener Anlass, man spürt und merkt, dass viel Engagement und Arbeit dahinter steckt.

FB2415E9-AE86-4710-B29D-D18715D47664

Ein professioneller Fotograf macht Bilder und ein Video wird gedreht, trotzdem knipsen einige Väter und Mütter eifrig Bilder ihrer Sprösslinge und nehmen anderen Zuschauern die Sicht auf die Bühne. Die Schulleiterin hat in einem Schreiben ausdrücklich darum gebeten dies zu unterlassen, aber wie so oft in Indien hält man sich nicht an Anweisungen und Regeln. Beim Abholen der Kinder das Gleiche, es geht  indisch zu und her. Eine lange, chaotische Reihe bildet sich, um die 95 Kinder abzuholen. Immer wieder drängeln Eltern nach vorne. Das Hilfspersonal und die Lehrkräfte haben alle Hände voll zu tun. Sie weisen die Eltern zurecht und bitten sie, sich hinten anzustellen damit eine Lücke für den Rückweg frei bleibt. Ich staune wieder einmal und bin sprachlos über das Verhalten, das hier einige Eltern an den Tag legen.

____________________________________________________________________________________________

*  Erklärungen

  1. Thaatha = Großvater in Tamil
  2. Akka = große Schwester in Tamil, hier seine Cousine Yamuna, die auch so genannt wird
  3. Patti = Großmutter in Tamil
  4. Bhajans = religiöse Lieder im Hinduismus

Kindermund hat Gold im Mund – aus meinem indischen Alltag

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Aus meinem Tagebuch vom Oktober 2008

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, werum tüe üs aui immer so aaluege?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weißen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kes Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. „I tue di deheim brun amale!“

 

Wer eine Übersetzung in Standardsprache braucht:

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, warum schauen uns alle immer an?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weissen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kein Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. “ Ich male dich zu Hause braun an!“

 

Was kreucht und fleucht – Läuse in Indien

762c7ffd-f2a0-4ee4-96dd-f81fbd0ef302.jpeg

Aus meinem Tagebuch vom September 2007

Ich gebe es gerne zu: Ich bin übertrieben ängstlich, wenn es um Insekten, Kleingetier und Schlangen geht. Unter diesem Aspekt ist Indien wohl nicht grade das perfekte Auswanderungsziel. Ich finde diese Krabbeltiere einfach ekelhaft! Bei der ersten Kakerlake, die im Badezimmer den Abfluss hoch krabbelte, bekam ich fast eine Panikattacke und bei der zweiten und dritten fiel mir fast mein Herz in die Hosen. Inzwischen habe ich es etwas in den Griff bekommen, ich will ja unserem Sohn auch keine Insektenphobie antrainieren.  So versuche ich, mich zusammenzureißen und mit Herzklopfen schlage ich die Dinger tot oder setze Giftspray ein.

Als unsere Nachbarin neulich eine Schlange im Haus entdeckte, weil sie scheinbar die Türe offengelassen hatte, atmete ich erst mal tief durch. Das graue Untier, das die zwei Schlangenfänger aus dem Haus trugen, war zwar ungiftig, aber wer kennt sich als Fremde schon mit indischen Schlangen aus? Gut, eine Kobra würde wahrscheinlich sogar ich erkennen! Gottlob habe ich eine Gittertür machen lassen, die wegen der Moskitos immer geschlossen ist.

Ich habe es mir schlimmer vorgestellt, als es wirklich ist. Mit den kleinen Springspinnen, die oft im Haus anzutreffen sind, habe ich mich ziemlich schnell arrangiert. Ist das Haus sauber, lässt man nichts Krümeliges rumliegen, hat man im Großen und Ganzen seine Ruhe.

Doch heute finde ich wieder zwei Läuse in Suriyans Haaren! Seit er zu den Tiny Teddies in die Playschool geht, sind wir bereits das dritte Mal heimgesucht worden. Großzügig hat mein Sohn die kleinen Biester jeweils auch an mich weiter verschenkt. Dabei hatte ich doch noch nie zuvor Läuse! Prabhu nimmt es cool, ich inzwischen ein klein bisschen cooler. In der Schweiz habe ich einen Läuseschutzspray mit ätherischen Ölen gekauft, den ich bei Suriyan regelmäßig anwende- doch scheinbar ohne Erfolg. Sofort beginnt es auch mich zu jucken. Schon nur die Vorstellung von Läusen löst bei mir einen ungemeinen Juckreiz auf meiner Kopfhaut aus. Auch ich wasche meine Haare mit Läuseshampoo und kämme mit dem Läusekamm aus der Schweiz gründlich durch. Auch ich werde fündig! Nun geht das ganze Prozedere wieder von vorne los. Ich hasse es!

Wasser und Melone – indischer Alltag

24-6-06-007.jpg

Aus meinem Tagebuch vom August 2007

Wasser ist in unserem Haushalt ein immerwährendes Thema. Rund alle zwei Tage bestellen wir für je 30 Rupien zwei große 20 Literflaschen Trinkwasser, die dann jeweils vom Quartierlädeli geliefert werden. Damit der sonstige Haushalt mit Wasser versorgt ist, muss man regelmäßig die Wasserpumpe anstellen, ansonsten steht man plötzlich eingeseift und wasserlos unter der Dusche.

Suriyan leuchtet es nur schwer ein, dass man das normale Wasser, das aus dem Wasserhahn fließt, nicht trinken darf. Beim Planschen und Baden ist es halt gar verlockend schnell mal einen Schluck in den Mund zu nehmen.

Inzwischen scheint er es jedoch begriffen zu haben und er unterscheidet eifrig zwischen Wasser und Trinkwasser.

Heute Nachmittag essen wir Wassermelone. Jedes kleine schwarze Kernchen muss ich unter Suriyans scharfem Blick chirurgisch entfernen, damit er es genüsslich in seinen Mund schiebt. Der Saft tropft an seinem Kinn herunter und hinterlässt auf dem neu gekauften T-Shirt, das er mit Stolz trägt, seine Spuren. Der Esslatz, der hinten am Stuhl hängt, kommt erst mit Verspätung zum Einsatz.

Da  zeigt unser Sonnenschein auf die Wassermelone und fragt: “Tlinkwassel dinne?“

 

Aunty, can we do some crafts?

778c660b-8957-45d3-936c-669d3437d221.jpeg

Aus meinem Tagebuch vom März 2008

“Aunty, can we do some crafts?”, fragen mich Lakshmi und Suresh, die bei uns zu Besuch sind erwartungsvoll. Seit ich mit Suriyan und Vanitha, dem Mädchen von gegenüber, ein Osternestchen gefaltet habe, wollen die Kinder mit mir basteln. Lakshmi will ein Tessinerschiff falten, Suresh entscheidet sich für eine Schachtel und Suriyan möchte ein Portemonnaie. Wir sind noch nicht fertig, da müssen die Kinder nach Hause und ich versorge die angefangenen Arbeiten sorgfältig für den nächsten Besuch.

Für mich ist es erschreckend zu sehen, wie unbeholfen die Kinder im Umgang mit Schere, Bostitch und Leim sind. In der Schweiz würde man wohl umgehend eine Ergotherapie einleiten. Die Kinder haben darin kaum Erfahrungen. Zu Hause macht man Hausaufgaben oder schaut fern und in der Schule wird nicht gebastelt, geleimt und geschnitten. Vanitha, die 7-Jährige, getraut sich erst mit der Schere zu schneiden, als sie sieht, wie Suriyan (damals noch nicht ganz 4 Jahre) damit selbstverständlich und angstfrei hantiert.

Kurz nach dem Nachtessen trudelt die ganze Mannschaft wieder ein. Lakshmi hat noch ihren jüngeren Bruder dabei und Vanitha ist natürlich auch mit von der Partie. Alle sitzen an unserem Esstisch und warten abwechslungsweise auf meine Anweisungen. Suresh gibt sich mit seiner Faltschachtel besonders Mühe. Er will sie morgen einem Mädchen zum Geburtstag schenken und malt zur Dekoration feine Blumenmuster darauf. Als ich noch kleine Pailletten zum Verzieren bringe, wird gestaunt. Alle Arbeiten werden grade fertig, als die Mütter die Kinder nach Hause rufen. Vanitha und Lakshmi fragen mich beim Gehen schüchtern, ob sie das nächste Mal auch eine Schachtel falten dürfen.

Jetzt bin ich wohl die Bastel-Tante in unserem Quartier!