Von Großmüttern und Großvätern und der Tatsache, dass wir alle miteinander verwandt sind

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Gestern bin ich Großmutter geworden! Die Nachricht, dass ich nun eine Paati (Großmutter) bin, hat mich doch etwas überrumpelt. Während ich die kleine neugeborene Tochter unserer Nichte auf den Armen hielt und wieder einmal mehr über das Wunder der Natur staunte, meinte Prabhu plötzlich: „Jetzt sind wir Paati und Thaatha (Großvater)!“

So schnell kann es in Indien gehen! Wenigstens sorgte diese Tatsache im Raum für Heiterkeit. Auch die frischgebackene und überglückliche Mutter, die nach langen Jahren des Wartens und Bangens, endlich ein Kindlein bekommen durfte, lachte fröhlich. Ich bin so happy für die kleine Familie.

Akka (ältere Schwester) und Maama (mein Schwager, den ich Onkel nenne), die „richtigen“ Großeltern mütterlicherseits, saßen auch im Raum.

Seit ich in Indien lebe, wurde mein westliches, einfaches Familienkonzept arg durchgeschüttelt. Hier gibt es eine Hülle und Fülle von Verwandtschaftsbeziehungen und entsprechenden Begriffen, die bei uns gar nicht existieren. So wird beispielsweise zwischen älteren und jüngeren Geschwistern unterscheidet.

Akka (ältere Schwester)

Thangai (jüngere Schwester)

Anna (älterer Bruder)

Thambi (jüngerer Bruder)

Die Begriffe sind zwar sehr genau, aber die Anwendung ist global zu verstehen. Cousinen und Freunde werden auch als Brüder und Schwestern angesprochen. So ist Prabhu zwar Thambi für seine leiblichen Geschwister, aber seine jüngeren Freunde nennen ihn Anna und mich Anni (die Frau von Anna). Für Suriyan ist das alles noch etwas komplizierter, da er wieder andere Begriffe verwenden muss. So ist die ältere Schwester vom Vater Athai und der ältere Bruder des Vaters Periyappa. Seine Cousinen, die er bisher Akka nannte, sind jetzt, da sie verheiratet sind, auch Athai.

Dass alle Menschen dieser Welt miteinander verwandt sind, wird einem spätestens in Indien bewusst.

Da es unhöflich ist, ältere Personen mit Namen anzusprechen, sind einfach alles Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten oder Großväter und Großmütter.

So wird der alte, unbekannte Mann auf der Straße zum Thaatha und Kinder sprechen alle Erwachsenen respektvoll mit Aunty oder Uncle an.

Das neue Erdenkind hat übrigens noch keinen Namen. Nach Angaben des Geburtstags und der Geburtszeit wird von einem Astrologen ausgerechnet, mit welchen Silben der Name des Kindes beginnen sollte. Ich erinnere mich noch an gut daran, wie sie uns damals in der Schweiz gedrängt haben, endlich einen Namen zu wählen. Suriyans Zweitnamen haben wir auch astrologisch berechnen lassen und konnten uns nicht sofort entscheiden. Hier in Indien gibt man den Eltern Zeit. Innerhalb eines Monates muss das Kind registriert werden. Oft wählen die Schwiegereltern den Namen aus.

Ich bin schon gespannt, wie das Mädchen heißen wird!

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Unerwartete Probleme

Sieb

Ich beobachte die Situation von der Küche aus. Die beiden Jungs sitzen nach einem Sleep Over bei uns am Esstisch und essen Frühstück. Suriyan, heute nicht sehr gastfreundlich, isst bereits seine Kellogg’s und sein Schulkamerad hält verloren und verwirrt das Sieb in der Hand. Er möchte auch Milch zu seinen Cornflakes, aber auf den ersten Blick wird klar, dass er noch niemals, in seinem 13-jährigen Leben, ein Sieb in der Hand hatte.      Ich hasse die Milchhaut, die sich hier in Indien immer wieder hartnäckig auf der Milch bildet und Suriyans Schulkamerad ergeht es wohl ebenso.

Als ehemalige Heilpädagogin ploppt sofort ein riesiges, rotes Schlagwort in meinem Kopf auf: „Problemlösungsverhalten“! Neugierig, überrascht, ich gebe zu, auch etwas amüsiert bleiben meine Augen auf dem Jungen ruhen.  Nach kurzer Analyse der Situation beschliesst er das Sieb einfach auf dem Krug zu lassen, das Sieb festhaltend, gedenkt er sich so Milch in seine Schale zu giessen. Doch jetzt hat er definitiv auch Suriyans Aufmerksamkeit und der ist nicht weniger erstaunt als ich. Hilfreich greift er ein, erklärt und zeigt mit einer Handbewegung wie es eigentlich gehen sollte.

Man kann ein Sieb durchaus in verschiedene Richtungen halten, das scheint unseren Problemlöser nun doch zu verwirren. Seitwärts? Mit der Wölbung nach oben? Hilfe suchend wirft er einen Blick zu mir. Obwohl ich noch gerne weiter observiert hätte, kann ich nicht anders und zeige ihm mit einer Handbewegung das Sieb zu drehen und das Problem ist bewältigt.

Kurz danach gebe ich ihm die zwei bestellten Toastscheiben auf einem kleinen Teller. Confitüre und Butter stehen schon lange auf dem Tisch. Sich ein eigenes Marmalade-Toast zu schmieren, ist er augenscheinlich auch nicht gewohnt. Etwas überrascht, dass ich das nicht übernehme, beginnt er unbeholfen die Butter aufs Brot zu streichen. Unsere super teure Bonne Maman Confitüre, die wir uns hier leisten, weil uns die indischen Marmalade-Anbieter einfach gar nicht schmecken, landet teilweise auf dem Tischtuch, aber was soll’s! Wieder etwas geübt, dass sonst Mama für ihn macht.

Vor etwa 2 Jahren war ein anderer Schulfreund bei uns zu  Besuch und die Jungs wollten unbedingt ein Cake backen. Die beiden machten dies auch recht gut. Suriyan übernahm die Führung, instruierte und erklärte, denn auch hier war klar, dass dies sein Freund noch niemals zuvor getan hatte. Bei den 2 Eier, die das Rezept verlangte, staunte ich nicht schlecht. Legte sein Freund die Eier doch mit Schale in den Teig!

Ich bin immer wieder erstaunt zu sehen, wie für mich selbstverständliche, alltägliche Dinge für einige Kinder hier zum Problem werden. Wie kann man einem Kind, das bereits 13 Jahre alt ist immer noch das Brot schmieren? Wie kann man sein eigenes Kind dermassen zur Unselbständigkeit erziehen?

Auch Suriyan zeigt manchmal solche Allüren und meint dann: „Amma, glaube mir, das muss niemand von unserer ganzen Klasse machen!“ Ich kann nicht mal sagen, dass ich dies nicht glaube, denn mit grösster Wahrscheinlichkeit ist es so. Wenn die Mutter nicht alles für die Kinder tut, dann macht es sicherlich die Maid, der Koch oder der Chauffeur. Schmutzige Kleider in den Wäschekorb legen, das Geschirr raustragen, das Zimmer aufräumen, abwaschen, … Eigentlich weiss ich ja, dass die Erziehung hier in Indien etwas anders funktioniert und trotzdem bin ich immer wieder etwas geschockt, wenn ich es selbst erlebe.

Freunde – eine Geschichte aus der hinduistischen Götterwelt

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Sudama stammte aus einer armen Brahmanen-Familie. Als Knaben wurden Sudama und Lord Krishna gemeinsam vom Weisen Sandeepany unterrichtet. Die beiden waren vorbildliche Schüler und eine tiefe Freundschaft verband sie. Sie nahmen ihr Lernen sehr ernst und halfen auch bei einfachen Aufgaben im Haushalt mit. Nachdem ihre Ausbildung zu Ende war, segnete sie ihr Guru und sie mussten schweren Herzens von einander Abschied nehmen.

Krishna ging nach Dwaraka zurück und bald darauf wurde König. Er heiratete Rukmini, die Prinzessin von Vidarbha.

Sudama ging zurück in sein Dorf und lebte ein einfaches Leben als frommer Brahmane. Er betete täglich zu Krishna und lobpreiste ihn. Seiner lieben Frau Susheela erzählte er von seiner Freundschaft zu Krishna, die seine Kindertage sehr geprägt hatte. Obwohl sie nicht reich waren, führten die beiden ein zufriedenes und einfaches Leben. Die Jahre vergingen und sie bekamen ein Kind. Die Familie musste immer wieder Nachbarn um Hilfe bitten, denn es fehlte an allem. Susheela bat Sudama mehrmals Lord Krishna zu besuchen und ihn um Hilfe zu bitten, aber Sudama wollte Krishna nicht mit seinen Problemen belasten und aus eigennützigen Gründen vor ihn treten.

Die Familie wurde von Tag zu Tag ärmer und grosse Sorgen plagten die kleine Familie. Da sprach Susheela erneut zu ihrem Mann: „Mein Liebster, du musst Lord Krishna um nichts bitten. Du kannst ihn einfach besuchen und ihn um seinen Segen bitten. Ich bin sicher dies wird und Glück und Wohlergehen bringen.“

Sudama dachte über die Worte seiner Frau nach und er beschloss seinen Freund Krishna in Dwaraka zu besuchen. Bevor er das Haus verliess, fragte er seine Frau, ob sie etwas hätte, das er Lord Krishna überbringen könnte. Susheela erinnerte sich sofort daran, dass Sudama ihr erzählt hatte, dass Lord Krishna Reisflocken sehr mochte. Schnell eilte sie ins Nachbarhaus, borgte sich etwas und verpackte die Flocken sorgfältig in ein sauberes Tuch.

Auf dem Weg nach Dwaraka drehten sich Sudamas Gedanken. Einen Moment lang war er sehr aufgeregt und freute sich darauf seinen Freund zu sehen und im nächsten Moment zweifelte er, ob Lord Krishna ihn überhaupt einlassen und wiedererkennen würde.

Dwaraka war eine wunderschöne Stadt. Schon von Weitem erblickte Sudama den prachtvollen Palast aus Marmor, der im Sonnenlicht hell erstrahlte. Wachen standen vor dem Tor und als Sudama näher kam, reagierten sie sehr unhöflich. „Wer bist du? Was willst du hier?“, fragten sie. „Ich heisse Sudama und ich bin ein alter Freund von Lord Krishna. Würdet ihr dem König bitte ausrichten, dass ich hier bin?“, sprach Sudama mit sanfter Stimme.

Nach seiner langen Reise sah Sudama sehr schmutzig und elend aus und die Wachen reagierten sehr skeptisch, überbrachten Krishna aber die Nachricht. Als Krishna die Nachricht vernommen hatte, eilte er so schnell wie möglich zum Tor und schloss seinen Freund in die Arme.

„Sudama, ich bin so froh dich zu sehen. Es ist so lange her. Wie geht es dir, mein lieber Freund?“

Krishna nahm seinen Freund an der Hand und führte ihn in den Palast. Die Wachen waren sehr erstaunt, denn noch nie hatte Krishna einen Gast so empfangen. Krishnas Palast war riesig, die Böden waren aus weissem Marmor und die Wände waren mit wundervollen Schnitzereien verziert. Krishna führte Sudama in den Thronsaal und sagte zu seiner Frau Rukmini: „Das ist mein lieber Freund Sudama!“

Rukmini lächelte ihm zu und verbeugte sich. „Krishna hat immer so viel von dir erzählt. Ich bin so froh, dass du gekommen bist!“ Krishna und Rukmini liessen Sudama Platz nehmen und wuschen seine Füsse. Sudama wollte seinen Freund stoppen doch Krishna beharrte darauf. „Sudama, deine Füsse sind von der langen Reise sicher müde, lass sie mich bitte waschen,“ sprach Krishna sanft und besorgt. Als Sudama Krishnas Liebe und Fürsorge für ihn spürte, hatte er sogleich Tränen in den Augen.

Sudama wurde in den Speisesaal geführt und ein königliches Festessen wartete auf ihn. Rukmini selbst bediente ihn zuvorkommend. Sie verbrachten den ganzen Tag zusammen und sprachen über die guten alten Zeiten. Als es Nacht wurde, offerierte Lord Krishna seinem Freund sein eigenes Bett zum Schlafen. Doch Sudama war so überwältigt, dass er kaum schlafen konnte. Er fühlte sich so gesegnet und glücklich. Er war so zufrieden, dass er sogar vergessen hatte Krishna um Hilfe zu bitten.

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Am nächsten Morgen als er sich von Krishna und Rukmini verabschieden wollte, fragte Krishna: „Sudama, was hast du eigentlich für mich mitgebracht?“ Sudama schaute betroffen zu Boden und versuchte das kleine Bündel mit den Reisflocken zu verstecken. Nach allem was Krishna für ihn getan hatte, schämte er sich für das billige Geschenk. Aber Krishna entdeckte das Bündel und entriss es Sudama. Er öffnete es sofort und rief erfreut aus: „Sudama, du erinnerst dich noch daran? Ich liebe Reisflocken. Ich danke dir vielmals.“

Sudama war ganz überrascht als er sah wie Krishna die Reisflocken genüsslich ass. Er dachte für sich: „Krishna hat allen Reichtum, den man sich nur vorstellen kann und doch freut er sich wie ein kleines Kind über Reisflocken.“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, machte sich Sudama auf den langen Heimweg. Doch die Reise zurück war überhaupt nicht ermüdend und er dachte immer wieder an die gemeinsamen, wundervollen Momente in Dwaraka zurück. Die gemeinsamen Zeit mit Krishna liess ihn alle Sorgen und Ängste einfach vergessen.

Als er in seinem Dorf ankam, war er ganz überrascht. Er konnte seine eigene Hütte nicht wieder finden. An dessen Stelle stand ein wunderschönes Herrenhaus. Während er noch verdutz vor dem Haus stand, rannten seine Frau und sein Sohn ihm entgegen. Sie trugen schöne Kleider und Goldschmuck. Susheela erzählte ihrem heimgekehrten Mann von dem grossen Wunder, das in seiner Abwesenheit passiert war. Die kleine Hütte hatte sich über Nacht in dieses wunderschöne Haus verwandelt.

Sudama war sprachlos. Obwohl er seine Sorgen mit keiner Silbe erwähnt hatte, kannte der alleswissende Lord Krishna all seine Probleme. Krishna war Gott! Von da an wuchs seine Hingabe zu Krishna mehr und mehr. Letztendlich erreichte Sudama Moksha, die Befreiung der Wiedergeburt und er wurde eins mit Gott.

 

 

 

 

 

Das Festessen – eine Geschichte aus der hinduistischen Götterwelt

Beim Aufräumen in Suriyans Bücherschrank sind wir auf alte Bilderbücher mit Göttergeschichten gestossen. Ich liebe diese Geschichten! Und so habe ich angefangen, bevor ich die Bücher verschenke, einige Geschichten auf Deutsch zu übersetzen und sie in meinem Blog zu veröffentlichen. Während Kinder in der westlichen Kultur mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufwachsen, so erzählt man hier in Indien die unzähligen Göttergeschichten…

Das Festessen

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Vor langer Zeit regierte Kubera über Lanka (heutiges Sri Lanka). Er war ein freundlicher König und teilte seine Güter und seinen Reichtum mit seinen Brüdern. Sein ehrgeiziger Bruder Ravana nutzte dies schamlos aus und scheute sich nicht davor ganz Lanka zu verlangen. Auf Rat von seinem Vater und um Blutvergiessen zu verhindern, gab Kubera Lanka auf und überliess es seinem Bruder.

Er war verzweifelt, deprimiert und mittellos. Als treuer Anhänger von Shiva begann er darauf Tag und Nacht zu meditieren und zu beten. Er wünschte sich sehnlichst seinen Reichtum zurück. Seine aufrichtigen Gebete aus tiefstem Herzen erfreuten Lord Shiva. Eines Tages als Kubera im Gebet versunken war, erschien Lord Shiva vor ihm.

„Ich weiss, dass du dich nach Reichtum sehnst. Von jetzt an sollst du sehr wohlhabend werden und grossen Reichtum erlangen. Was auch immer du ausgibst, dein Vermögen wird nicht weniger werden. Aber sei gewarnt: Reichtum alleine kann dich nie ganz zufriedenstellen und glücklich machen!“

Kurz darauf war Kubera ein reicher und wohlhabender Mann. Sein Traum wurde wahr und er dankte Lord Shiva überschwänglich für seine Grosszügigkeit. Shivas Warnung jedoch vergass er schnell.

Kubera baute eine prächtige Stadt auf dem Berg Mandara in der Nähe des Himalaya-Gebirges.

Alakapuri war die prachtvollste Stadt, die es je gegeben hatte. Der mächtige Palast war mit wundervollen Gärten umgeben. Anfangs herrschte Kubera freundlich, respektvoll und bescheiden über Alakapuri. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr änderte er sich. Er wurde arrogant und wollte seine Macht und seinen Reichtum überall zur Schau stellen. So beschloss er ein riesiges Fest zu veranstalten, um allen seinen Wohlstand zu zeigen. Er arrangierte die besten Köche des Landes, suchte die besten Designer um die Stadt und den Palast zu dekorieren. Er scheute keinerlei Ausgaben um das perfekte Fest auszurichten.

Auch die Götter lud er zu seinem Fest ein. Mit seiner fliegenden, goldenen Kutsche Pushpaka, die selbst die Götter in Erstaunen versetzte, flog er nach Kailash um Lord Shiva und Parvati zum Fest einzuladen. Dass Lord Shiva ihm all diesen Reichtum erst möglich gemacht hatte, vergass er dabei. Shiva durchschaute Kuberas Absichten und meinte:

„Es tut mir leid, ich bin im Moment sehr beschäftigt, aber ich werde zu meiner Repräsentation meinen Sohn Ganesha schicken.“

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Ganesha liebte gutes Essen. Auch wenn er noch ein Kind war, hatte er oft einen unbändigen Appetit. Als er hörte, dass er zum Fest durfte, freute er sich sehr und Kubera dachte, dass es ein leichtes sein würde ein Kind zufrieden zu stellen.

Als sie Alakapuri erreichten, zeigte Kubera stolz seine Stadt, den Palast, die Gärten, … und Ganesha wurde immer hungriger. Als es endlich zum Speisesaal ging, begann Ganesha sofort zu essen.

Die königlichen Diener tischten die besten Speisen auf und in einigen Sekunden hatte Ganesha alles aufgegessen. Danach brachten sie die Süssspeisen und auch die waren im Nu verschwunden. Ganesha verlangte nach mehr und mehr. So servierten sie alles was die Küche hergab. Doch auch dies befriedigte den kleinen Ganesha nicht. Er hatte immer noch einen unstillbaren Appetit. So begann er Teller, Stühle und alles was im Palast herumstand zu verschlingen. Kubera verzweifelte und bat Ganesha aufzuhören, aber der kleine Elefantengott konnte nicht mehr stoppen.

Kubera hatte Ganeshas Kräfte unterschätzt und flog in Panik wieder nach Kailash.

„Grosser Lord Shiva, bitte hilf mir! Dein Sohn isst meine ganze Stadt auf!“, bat er.

Shiva blieb ganz ruhig und er wusste, dass Kubera seine Lektion gelernt hatte.

Er sprach: „Gib Ganesha diese Reisflocken. Übergebe sie mit Liebe und Demut, so wird mein Sohn genährt und erfreut sein.“

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Kubera dankte Lord Shiva und eilte zurück in seine Stadt. Währenddessen war Ganesha dabei die ganze Stadt aufzuessen. Kubera rannte zu ihm und bot ihm in Demut und Liebe die Reisflocken an. Sobald Ganesha die Flocken gegessen hatte, fühlte er sich satt und zufrieden.

Jetzt realisierte Kubera, dass er trotz seines unendlichen Reichtums nicht in der Lage war den Appetit eines kleinen Jungens zu stillen und sah seinen Fehler ein.

Demut, Liebe und Respekt sind wichtiger sind als aller Reichtum dieser Welt.

Das Wettrennen – eine Geschichte aus der hinduistischen Götterwelt

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Shiva und Parvati lebten mit ihren zwei Söhnen, Ganesha und Murugan auf dem Berg Kailash im Himalaya.

Ganesha, der ältere Sohn, war weise, bescheiden und geduldig. Murugan, der jüngere Sohn, war intelligent, voller Energie und mutig. Die beiden liebten und achteten sich gegenseitig und machten ihre Eltern Shiva und Parvati sehr stolz.

Eines Tages als die zwei miteinander spielten, hörten sie jemanden singen: „Narayana, Narayana,…“ Ganesha und Murugan wussten sofort, dass dies nur Narada, der Götterbote sein konnte. Narada war ein grosser Verehrer von Lord Vishnu, den man auch Narayana nennt. Narada war dafür bekannt immer etwas Unsinn und Unmut zu stiften, aber er tat es immer mit guten Absichten.

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Lord Shiva fragte: „Was führt dich zu uns, weiser Narada?“ Narada verbeugte sich vor der göttlichen Familie und sprach: „Ich bringe euch die Mango der göttlichen Weisheit und des Allwissens. Wer von dieser Frucht kostet, wird damit gesegnet sein, aber nur eine Person darf davon essen.“

Sofort rannten die beiden Brüder zu ihrem Vater.

„Lieber Vater, ich bin der Ältere, bitte gib mir die Mango“, sprach Ganesha höflich.

Lieber Vater, das ist nicht richtig. Die Älteren sollten zurückstehen und etwas für die jüngeren Geschwister opfern“, sprach Murugan überzeugend.

Narada meinte: „Grosser Lord Shiva, beide deiner Söhne haben Recht. Wem willst du die Frucht nun geben?“

Lord Shiva überlegte, versank kurz in sich und verkündete:

„Liebe Söhne, ich konnte keine Entscheidung treffen. Derjenige soll die göttliche Frucht erhalten, der die Erde schneller umkreist hat.“

Murugan war begeistert. Er rief sofort seinen Pfau, stieg auf und startete die Umrundung der Erde. Murugan freute sich, denn er war sich sicher zu gewinnen. Ganesha würde mit seiner Ratte kaum eine Chance haben als Sieger ins Ziel zu kommen.

Ganesha jedoch war etwas enttäuscht. Er wusste, dass er mit seiner Ratte nicht so lange reisen konnte. Er war jedoch weise und wusste, dass man Probleme am besten lösen konnte, wenn man sich richtig konzentriert und fokusiert. So setzte er sich hin und meditierte. Da kam ihm eine wundervolle Idee. Er stand auf, bat seine Eltern aufzustehen, faltete seine Hände zum Gebet und umrundete Shiva und Parvati mit Ehrerbietung dreimal.

Danach streckte er liebevoll seine Hände aus und meinte: „Ich habe die Welt nicht nur einmal, sondern dreimal umrundet. Kann ich bitte die Mango haben?“

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Narada schaute verwirrt und sagte: „Wie kannst du gewinnen ohne die Welt zu umrunden?“

„Meine Eltern sind die ganze Welt für mich und ich habe sie dreimal umrundet.“

Shiva und Parvati waren berührt und ergriffen von der Weisheit ihres kleinen Ganeshas. Sie gratulierten ihm und Shiva übergab ihm die göttliche Mango.

Als Murugan zurückkehrte, war er überrascht seinen Bruder Ganesha mit der Frucht zu sehen. Doch nachdem er vernahm, wie alles geschehen war, akzepierte er Ganesha als Sieger.

Doch die Niederlage gab Murugan zu denken. Er beschloss nach Südindien zu reisen und die Hügel in Palani zu besuchen um dort zu meditieren und zu beten. Seine Eltern Shiva und Parvati holten ihn einige Zeit später ab um nach Kailash zurückzukehren. Ein wunderschöner Murugan-Tempel steht noch heute in Palani (Tamil Nadu). Es gibt sechs Haupttempel für Lord Murugan in Indien. Sie heissen die „Arupadai Veedu“ und dieser in Palani ist einer davon.

Hari – aus meinem Tagenbuch vom Dezember 2007

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Auf dem Baugrundstück gegenüber ist eine Wächterfamilie mit ihrem kleinen Sohn Hariharan, kurz Hari genannt, hergezogen. Obwohl älter als Suriyan, ist er ganz schmächtig und etwa einen Kopf kleiner. Der Junge ist mehrheitlich sich selbst überlassen und spielt unbeaufsichtigt auf der Baustelle. Natürlich hat mich sofort das Mitleid gepackt. Erst war ich etwas unsicher, ob ich den Jungen wirklich zum Spielen einladen soll und darf. Meine Schwiegermutter hätte bestimmt keine Freude daran, wenn sie wüsste, dass ihr einziger Enkelsohn mit  einem „verwahrlosten“ Jungen aus einer unteren Kaste spielt.  Ehrlich gestehe ich ein, dass auch ich einen Moment lang gezögert und an Krankheiten und Läuse gedacht habe. Doch Prabhu hat mich beruhigt. Die Kinder seien geimpft und dies würde Suriyans Abwehrkräfte nur stärken, seiner Mutter müssten wir dies jedoch nicht grade unter die Nase binden. Recht hat er! Hier in Indien bin ich irgendwie übervorsichtig und ängstlich geworden.  Wir laden Hari zum Spielen ein und er kommt sehr gerne. Die beiden Jungs spielen gemeinsam in unserem Hof und Hari staunt über Suriyans Dreirad und sein Auto. Jetzt hat Suriyan wenigstens ab und zu einen Spielkameraden in seinem Alter.

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Annual Concert – aus meinem Tagebuch vom März 2009

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Heute findet das Annual Concert von Suriyans Schule „Learning Tree“ statt.

Sogar Thaatha* und Yamuna Akka* kommen mit. Patti* hat sich kurzfristig dagegen entschieden, weil sie sich nicht wohlfühlte. Da Suriyan früher dort sein muss, bin ich mit ihm schon voraus gefahren. Langsam füllen sich die Sitzreihen und ich habe im vorderen Bereich Plätze reserviert. Ich wechsle einige Worte mit Jayants Mutter, warte und beobachte das Treiben. Der Anlass beginnt erstaunlicherweise pünktlich und natürlich kommen Prabhu und die anderen zu spät und verpassen den Anfang. Dabei habe ich noch angerufen, dass sie früher starten sollen. Nach den Bhajans* treffen auch sie endlich ein.

Erst werden viele Lieder gesungen und danach wird die Geschichte vom Zebra, das seine Streifen verloren hat, gespielt. Die Kinder strahlen in ihren Tierkostümen und manche geniessen den Auftritt sichtlich. Für einige Knöpfchen wird es dann aber doch zu viel. Nach einigen Minuten kommt unser Sonnenschein als Krokodil zum Zug. Der erste Satz: „Come on reptils and insekts, let’s go“, spricht er deutlich und hörbar ins Mikrofon, aber er ist sehr aufgeregt und hüpft auf der Bühne herum wie ein Pingpong-Ball. Beim zweiten Einsatz vergisst er prompt den Text und ärgert sich darüber, bis schliesslich eine Auntie weiter hilft. „The amimals, the birds and the fishes are fighting”, spricht er dann erleichtert ins Mikro. Das Üben Animals richtig auszusprechen, hat nicht gefruchtet, aber das ist ja auch nicht so wichtig.

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Die Tanzdarbietung hat mir am besten gefallen. Die Kinder sahen so schön aus in ihren Kostümen. Für wenig Geld kann man sich hier alles nähen lassen. Wirklich eindrücklich, was der Dance Master da zustande gebracht hat. Alles in allem ein gelungener Anlass, man spürt und merkt, dass viel Engagement und Arbeit dahinter steckt.

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Ein professioneller Fotograf macht Bilder und ein Video wird gedreht, trotzdem knipsen einige Väter und Mütter eifrig Bilder ihrer Sprösslinge und nehmen anderen Zuschauern die Sicht auf die Bühne. Die Schulleiterin hat in einem Schreiben ausdrücklich darum gebeten dies zu unterlassen, aber wie so oft in Indien hält man sich nicht an Anweisungen und Regeln. Beim Abholen der Kinder das Gleiche, es geht  indisch zu und her. Eine lange, chaotische Reihe bildet sich um die 95 Kinder abzuholen. Immer wieder drängeln Eltern nach vorne und müssen vom Hilfspersonal und den Lehrkräften zurechtgewiesen und gebeten werden sich doch hinten anzustellen und eine Lücke für den Rückweg frei zu lassen. Ich ärgere mich über dieses Verhalten. Gebildete Menschen ohne Disziplin und Anstand!

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*  Erklärungen

  1. Thaatha = Grossvater in Tamil
  2. Akka = grosse Schwester in Tamil, hier seine Cousine Yamuna, die auch so genannt wird
  3. Patti = Grossmutter in Tamil
  4. Bhajans = religiöse Lieder im Hinduismus