Das Kastensystem in Indien

Lange habe ich mich nicht an dieses komplexe und vielschichtige Thema herangewagt. Aus einer westlich-christlichen Kultur stammend, fällt es auch unheimlich schwer, einigermaßen einen Durchblick zu gewinnen.

Nach über 10 Jahren in einer hinduistischen Familie wage ich nun mal einen Versuch.

Meine indische Familie gehört zu der Kaste der Saiva Mudaliar, einer höheren Kaste in Tamil Nadu. Wie die Brahmanen sind die Saiva Mudaliar Vegetarier und essen kein Fleisch und auch keine Eier. Meine Schwiegereltern sind sehr gläubig und fromme Hindus. Von Anfang an habe ich gemerkt, dass die gesamte Sippschaft stolz auf ihre Kastenzugehörigkeit ist und diese von andern auch respektvoll behandelt werden. Die Saiva Mudaliars sind vernetzt und es gibt auch immer wieder große Kastenversammlungen, wo man sich trifft. „Er ist auch ein Mudailar, aber kein Saiva Mudaliar, denn er isst Fleisch“, erklärte mir mein Mann manchmal. So gibt es auch in Kasten Subkasten und von diesen nicht wenige. Das Ganze ist für Außenstehende undurchschaubar. Mein Mann kann in Tamil Nadu von der Art, wie jemand spricht, wie er heißt und wie er angezogen ist, ungefähr einschätzen aus welcher Kaste jemand stammt. Ich finde dies echt beängstigend. Mir ist es höchstens möglich aufgrund der Kleidung einzuschätzen, ob jemand eher arm oder reich ist.

Entstehung des Kastensystems

Das Kastensystem entstand ursprünglich in der hinduistischen Mythologie. In der Rig Veda, einer alten hinduistischen Schrift werden die vier Hauptkasten, die Varnas erklärt. Demzufolge sind die Varnas aus dem Ur-Menschen Purusha entstanden, der sich selbst zerstörte, um eine menschliche Gesellschaft zu schaffen.

Aus seinem Mund wurde die höchste Kaste erschaffen. Dies sind die Brahmanen. Es ist die Kaste des Wissens und Denkens. Zu ihnen gehören die Priester und die Gelehrten.

Aus der Schulter erschuf Purusha die Kaste der Kshatriya. Es sind die Krieger, Beschützer und Führer des Landes.

Aus dem Schenkel wurde die Kaste der Vaishya erschaffen. Es sind die Händler, Kaufleute und Großgrundbesitzer, die das Land mit dem Nötigen versorgen.

Aus der Fußsohle entstanden die Shudras. Die Shudras sind die Knechte, Dienstleister, Handwerker, Pachtbauern und Tagelöhner in der Gesellschaft.

Unter den 4 Varnas, die aus dem göttlichen Ur-Menschen Purusha entstanden sind, gibt es die Kastenlosen, die Dalits. Da sie nicht aus dem Göttlichen entsprungen sind, gelten diese Menschen als unrein. Es sind die Unberührbaren der Gesellschaft. Sie werden auch Parias, oder wie Gandhi sagte, Harijans (Kinder Gottes) genannt. Sie verrichten die unreinsten Arbeiten, die anfallen. Müllentsorgung, Latrinenreiniger, Wäscher. Auch unter den Dalits gibt es eine Art Kastensystem, in dem einige besser und höher gestellt sind als andere.

Im Zusammenhang mit dem Kastenwesen hört man oft auch den Begriff Varna Dharma. Dharma ist die Aufgabe, die Pflicht, die ein Mensch zu erfüllen hat. So werden die Varnas von vielen als vorgegebene Pflicht gesehen. Im Hinduismus glauben die Menschen an Karma und Reinkarnation. Sie glauben daran, dass ihre Taten und ihre Denkweisen Einfluss auf zukünftige Wiedergeburten haben. So wird das Geborenwerden in eine untere Kaste dadurch erklärt und gerechtfertigt, dass man im früheren Leben schlechtes Karma angesammelt hat.

Auch unter der 200 Jahren langen britischen Herrschaft blieb das Kastensystem bestehen. Die Engländer profitierten davon und hatten kein Interesse dieses aufzulösen. Der große Bedarf an vielen billigen Arbeitskräften konnte so problemlos gedeckt werden.

Nach der Unabhängigkeit 1947 wurde das Kastensystem in Indien offiziell abgeschafft. Laut indischer Verfassung sind alle Inderinnen und Inder gleich und haben die gleichen Rechte.

Viele Berufe und Hochschulen waren lange Zeit nur höheren Kasten zugänglich. Solche Ungerechtigkeiten führten dazu, dass gegen die alleinherrschende Macht der Brahmanen langsam Widerstand gärte.

Tamil Nadu war einer der ersten Bundesstaaten, der gegen die Brahmanen politisch aktiv wurde und in öffentlichen Ämtern und Universitäten Quoten für untere Kasten und Dalits einführte. So sind für untere Kasten (Shudras), Scheduled Castes (Dalits), Scheduled Tribes (Stämme Eingeborener), aber auch für andere religiöse Minderheiten in Tamil Nadu insgesamt 69 % der Plätze reserviert. Heute gilt eine Quotenregelung von 50 Prozent in allen andern Bundesstaaten. Dass die Brahmanen (rund 4.3 % der Bevölkerung) darüber nicht erfreut sind und sich benachteiligt fühlen, ist klar. Um seine Brahmanen-Wählerschaft wohlwollend zu stimmen, hat Premierminister Modi nun kürzlich eine spezielle Quote für höhere Kasten, die im Jahr weniger als 8 Lakhs (800‘000 Rupees/10‘000 Euro) verdienen, eingeführt.

Einflüsse des Kastenwesens im heutigen Alltag

Auch heute noch beeinflusst das Kastenwesen das Leben der Menschen in hohem Masse. Die Kasten oder Jatis, wie sie in Indien genannt werden, trennen die Gesellschaft in hierarchisch angeordnete Gruppen. Man schätzt, dass es in Indien über 2000 verschiedene Jatis gibt, die wiederum in Subkasten unterteilt sind. In eine Jati wird man hineingeboren und sie bleibt bis zum Tod unveränderbar bestehen.

Die Kastenzugehörigkeit muss heutzutage jedoch nicht mehr zwingend mit dem sozialen Status und den finanziellen Möglichkeiten übereinstimmen. So gibt es durchaus arme Brahmanen-Familien, aber auch reiche Shudras oder sogar Dalits. Durch die Quotenregelung haben es einige Dalits sogar in hohe Ämter geschafft. Ram Nath Kovind, der Staatspräsident Indiens stammt beispielsweise aus einer Dalit-Familie. Die Mehrzahl der unteren Kasten und die Dalits gehören jedoch immer noch den unteren, benachteiligen sozialen Schichten an.

Während in den Großstädten das Kastensystem langsam aufbricht, bleibt es in den Dörfern jedoch hartnäckig bestehen. In Indien werden 90 Prozent der Ehen arrangiert. Ob in der Stadt oder auf dem Land, es wird in der Regel in der gleichen Kaste geheiratet.

Unberührbare, die auf dem Land leben, haben ihre Hütten stets am Rande des Dorfes und sind nach wie vor riesigen Diskriminierungen ausgesetzt. Es schockiert mich immer wieder von Neuem, wenn ich über solche Vorfälle lese.

Verliebt sich beispielsweise ein Mädchen aus einer höheren Kaste in einen Jungen aus einer tieferen Kaste oder sogar in einen Dalit oder einen Andersgläubigen sind große Probleme vorprogrammiert. Dies findet in der Familie kaum Zustimmung und auf dem Land ist dies ein absolutes NO GO! Immer wieder hört und liest man in diesem Zusammenhang von schrecklichen Ehrenmorden. Auch wenn es dem Paar gelingen sollte zu fliehen, muss es alle familiären Kontakte abbrechen und in ständiger Angst leben, entdeckt zu werden.

In manchen Dörfern Indiens ist es den Unberührbaren immer noch verwehrt, den Dorftempel zu betreten. Prabhu hat mir erzählt, dass es in Tamil Nadu und sicherlich auch in anderen Bundesstaaten noch Dörfer gibt, in denen der Teeladen zwei separate Becher hat. Der Dalit-Becher darf mit keinem aus einer höheren Kaste in Berührung kommen und muss selbst gespült werden. Dalits dürfen beispielsweise auch keine Rüden besitzen. Ein Dalit-Rüde könnte ja eine Hündin eines Hundebesitzers begatten, der einer höheren Kaste angehört.

Erst neulich passierte es in Tamil Nadu, dass einem Trauerzug der Dalits der kürzeste Weg zur Verbrennungsanlage, der durch ein Quartier einer höheren Kaste führte, verwehrt wurde. Sie mussten schließlich einen Umweg von vielen Kilometern in Kauf nehmen, um den Leichnam zur Verbrennungsstätte zu bringen.

In den Köpfen vieler Inderinnen und Indier existiert das Kastensystem weiter, da ändert auch eine moderne Gesetzgebung nichts daran. Das Allerschlimmste ist, dass sogar Angehörige von unteren Kasten und Dalits die gleiche Diskriminierung weiterführen, unter der sie selbst so leiden.

So wird es noch sehr viel Zeit, Aufklärung und Bildung brauchen, bis sich dies verändern kann.