Oh, du heilige Kuh! Die traurige Wahrheit über Indiens Kühe

Kuehe am Strassenrand
Kuh mit Kalb am Strassenrand

Wer nach Indien reist, kommt manchmal aus dem Staunen nicht heraus. Mitten im dichten Stadtverkehr oder auf den schnell befahrenen Highways überqueren Kühe die Fahrbahn, durchwühlen den Müll oder liegen gemütlich wiederkäuend am Straßenrand. Die Menschen Indiens reagieren auf die großen Vierbeiner respektvoll und gelassen. Mehr oder weniger geduldig wird gewartet, bis die Kuh ihres Weges gegangen ist.
In Indien verehren die Hindus, die rund 80 % der indischen Bevölkerung ausmachen, die Kuh als heiliges Tier. Sie wird als Mutter aller angesehen und für die meisten Hindus ist es eine Sünde eine Kuh zu schlachten, geschweige denn ihr Fleisch zu essen. Die Gründe dafür finden sich vor allem in den hinduistischen Schriften und Mythologien.

Die Bedeutung der Kühe in der hinduistischen Mythologie

Lord Shiva wird von seinem Begleittier Nandi, einem Bullen begleitet. Nandi ist quasi die direkte Telefonverbindung zu Lord Shiva. Wenn man ihm seine Sorgen und Nöte ins Ohr flüstert, hört sie Shiva umgehend.

Nandi
Nandi – meistens findet man den Bullen in Shivatempeln

Auch Lord Krishna war in seiner Jugend eng mit Kühen verbunden. Als Hirtenjunge hat er diese gehütet und sie und die Gopis (Hirtenmädchen) mit seinem Flötenspiel bezaubert. Daher wird er auch unter den Namen Gopala und Govinda (Herr und Beschützer der Kühe) verehrt.

Lord Krishna

Kamadhenu ist eine Kuhgöttin, die in den vedischen Schriften als Mutter aller Kühe beschrieben wird. Sie beschert Überfluss und erfüllt alle Wünsche. Dargestellt wird sie als weiße Kuh mit einem weiblichen Kopf oder als weiße Kuh, die verschiedene Gottheiten in ihrem Körper hat.

Kamadhenu

 

Die heiligen Produkte der Kuh

Alle Ausscheidungen der Kuh (Milch, Dung und Urin) gelten als heilig. Der Kuhdung wird getrocknet und als Brennmaterial, als Mörtel zum Bauen und natürlich auch als Dünger verwendet. Der Kuhurin findet in der ayurvedischen Medizin Anwendung. Panchagavya ist eine Mixtur, die aus fünf Kuhprodukten besteht und in hinduistischen Ritualen und für medizinische Zwecke gebraucht wird. Sie besteht aus Milch, Urin, Dung, Ghee (geklärte Butter) und Joghurt. Ohne Milch und Ghee wären viele hinduistische Andachten (Poojas) und Riten undenkbar.

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Schön geschmückte Kuh im Tempel von Madurai

Fakten über die Milch- und Fleischindustrie in Indien

Was viele im Land der heiligen Kühe nicht vermuten würden, ist die Tatsache, dass Indien ist einer der grössten Exporteure für Rindfleisch und Leder ist.
Dies wird in Indien sehr zwiespältig gesehen, einerseits bringt der Export viel Geld, andererseits geht es um die heilige Kuh, die doch eigentlich verehrt werden sollte.
Indien ist der größte Milchproduzent der Welt. Wenn 1.33 Milliarden Menschen mit Milch versorgt werden müssen, erstaunt dies nicht wirklich. Seit Narendra Modi mit der hindu-nationalistischen Partei BJP (Bharatiya Janata Party) an der Macht ist, wurden illegale Schlachtungen, Transporte und auch der illegale Handel von Rindern nach Bangladesch stark eingeschränkt. In 22 Bundesstaaten von 29 ist es verboten, Kühe zu schlachten. Wer dagegen verstößt, muss mit hohen Gefängnisstrafen rechnen. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu schrecklichen Lynchmorden gegen vermeintliche Schlachter oder Rindfleisch-Esser.
Das Geschäft um Rindfleisch und Leder liegt vor allem in muslimischen Händen. Da diese Arbeiten, aus hinduistischer Sicht, als unrein angesehen werden, arbeiten vorwiegend Moslems und Dalits (Kastenlose) in Schlachthöfen und in der Lederverarbeitung. Unter der Herrschaft der BJP wurden vor allem im Norden viele Schlachthöfe geschlossen. Muslimische Dörfer und Städte, die von diesem Geschäft über mehrere Generationen gelebt hatten, stehen nun ohne Arbeit da.
Wenn man die Milchproduktion genauer unter die Lupe nimmt, dann sind auch die indischen Kühe plötzlich nicht mehr so heilig, sondern schlicht Business. Während es klar ist, dass Fleisch von geschlachteten Tieren stammt, wird die Milchproduktion doch sehr beschönigt. So stellen wir uns die Kühe friedlich grasend auf grünen Wiesen vor. Auch das Bild von der Kuh mit ihrem säugenden Kälbchen gibt uns das Gefühl, dass Milch für Kalb und Mensch im Überfluss vorhanden ist. Leider sieht die Realität anders aus. Damit die Milchwirtschaft finanziell rentabel ist, müssen die Kühe einmal im Jahr ein Kalb bekommen. Büffel, die einen Großteil der indischen Milchwirtschaft ausmachen und im Gegensatz zu den Kühen nicht heilig sind, müssen alle 15 Monate kalbern.

Bueffelherde
Eine Herde schwarzer Büffel, die in Indien nicht als heilig gelten

Die Kälbchen werden nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und auch danach haben sie nur erheblich eingeschränkt Kontakt zu ihren Müttern. Diese Trennung ist sowohl für das Muttertier, als auch für das Kalb traumatisch, führt jedoch zu einer Erhöhung der Milchproduktion. Nach der Trennung werden die Kälber hauptsächlich mit Milchersatz gefüttert und dürfen nur begrenzt säugen. Die Muttermilch wird stattdessen für den menschlichen Verzehr gebraucht.
Männliche Tiere sind wirtschaftlich unerwünscht. Eine begrenzte Anzahl wird für die Zucht verwendet und einige landen als Arbeitstiere in der Landwirtschaft. Diese werden ohne Betäubung kastriert und um sie fügsam zu machen, bekommen sie Nasenseile. Schläge und harte Arbeit an der prallen Sonne sind für die Tiere meistens Alltag. Wenn sie alt und schwach sind, werden sie oft sich selbst überlassen oder an Zwischenhändler verkauft. Heutzutage werden sie nicht einmal mehr für die Besamung der Kühe eingesetzt. Auch dies geht in den Großbetrieben wirtschaftsfreundlich durch künstliche Befruchtung. Diese Technologie ist beliebt, weil sie effizient ist, die selektive Zucht ertragreicher Tiere ermöglicht und den Bedarf an männlichen Stieren verringert.

Arbeitstiere bei der Zuckerrohrernte
Arbeitstiere bei der Zuckerrohrernte in Nordindien

Gesunde Kühe werden für die Verwendung in der Milchindustrie am Leben erhalten. Für sie beginnt der stetig wiederholende Zyklus von Trächtigkeit, Geburt, Trennung vom Kalb, schmerzhaftes Melken und immer wieder Entzündungen am Euter. Die Milchproduktion beginnt nach drei bis vier Trächtigkeiten zu sinken. In diesem Stadium werden Kühe und Büffel zum Schlachten an Zwischenhändler oder an kleinere Landwirte verkauft. Der Kleinbauer behält die Kühe für rund zwei bis drei zusätzliche Trächtigkeiten, bevor er sie sich selbst überlässt oder zum Schlachten verkauft.
Aus diesem Grund sieht man in indischen Städten viele herrenlose, oft abgemagerte Kühe, die im Abfall nach Resten suchen. Hier in Chennai gibt es auch Kühe. Mir zieht es beim Anblick jedes Mal das Herz zusammen. Die meiste Zeit an kurzen Seilen am Straßenrand und ohne Unterstand angebunden, fristen sie ihr Leben und die Kälbchen sind von den Müttern getrennt.

Kuehe am Strassenrand angebunden in unserem Quartier
Die Kühe bei uns im Quartier- kurz angebunden am Strassenrand
Die Kaelber von den Muttern getrennt in unserem Quartier
Die Kälber getrennt von den Muttertieren auf der gegenüberliegenden Strassenseite

Einige Kühe, die im Quartier herumstreifen und sich bei den Abfallcontainern verköstigen, haben jedoch einen Besitzer. Um Geld für Futter zu sparen, lassen einige die Kühe tagsüber frei und sammeln sie abends wieder ein. Manche Kühe gehen scheinbar auch von sich selbst nach Hause, um gemolken zu werden und etwas Futter zu bekommen. Die Kühe fressen leider auch allerhand Plastikmüll zusammen, was ihnen oft sehr schlecht bekommt und manchmal sogar tödlich endet.

Natürlich spielen Büffel, die mehr als die Hälfte der indischen Milch liefern, in dieser Debatte keine Rolle. Sie leiden aber genauso, wenn nicht noch mehr. Da sie jedoch nicht heilig sind, regt sich kein gläubiger Hindu darüber auf. Ich habe auf den Highways Richtung Kerala schon viele Viehtransporter mit Büffeln gesehen. Zusammengepfercht, ohne Wasser und Schatten werden sie stundenlang nach Kerala gefahren. Ein trauriger Anblick! In Kerala ist das Schlachten von Kühen erlaubt. Obwohl auch dort die Hindus in der Mehrzahl sind, wird der Umgang mit Kühen viel liberaler gesehen.

 

Die Politik und die heilige Kuh

Unter der Regierung der BJP hat sich einiges verändert. Viele Hindu-Nationalisten zeigen plötzlich grosses Engagement für die heilige Kuh. So kontrollieren sie eigenmächtig Straßen, um illegale Viehtransporte aufzuspüren. Wehe dem, den sie erwischen!
Für viel Geld wurden von der Regierung Modis neue Gnadenhöfe, sogenannte Gaushalas geschaffen. Dies sind traditionelle Einrichtungen in denen alte, unfruchtbare, erkrankte oder gerettete Kühe ihren letzten Lebensabschnitt verbringen. Man schätzt, dass es ungefähr 3000 Gaushalas in Indien gibt. 1837 Gnadenhöfe werden von der Regierung durch die staatliche Organisation Animal Welfare Board of India (AWBI) betrieben. Doch wie ergeht es den Kühen in den Gaushalas? Eine Studie, die im März 2019 veröffentlicht wurde, zeigt deutlich auf, dass auch hier großer Handlungsbedarf besteht. Die Studie weißt auf folgende Mängel hin:

– geringes Platzangebot pro Kuh
– geringe Bewegungsfreiheit
– mangelnder Zugang zu Weiden
– ungleichmäßiger Bodenbelag
– Schädigungen und Verletzungen an Gelenken und Haarausfall (bei der Hälfte der untersuchten Tiere)
– Probleme mit ansteckenden Infektionskrankheiten

Warum rückt die heilige Kuh grade jetzt unter der hindu-nationalistischen Regierung so sehr in den Fokus? Geht es wirklich, um die heilige Kuh oder ist es nicht auch eine Anti-Muslim-Bewegung? Oder geht es der BJP um Wählerstimmen? Gäbe es nicht dringendere Probleme zu bewältigen?

Indien hat mit mehr als 190 Millionen Rindern den weltweit größten Rinderbestand. Auf dem Land besitzt fast jeder ein paar Kühe, aber nicht alle haben Weideland. Dies führt dazu, dass Kühe oft frei auf Straßen umherstreifen, den Verkehr behindern und Unfälle verursachen. In vielen Bundesstaaten kommt es zu großen Konflikten zwischen frei laufenden Kühen und der Landwirtschaft. Denn natürlich machen die Kühe auch vor den Feldern keinen Halt und können in kurzer Zeit ganze Ernten vertilgen. Viele Bauern müssen nun sogar ihre Felder bewachen. Da es die Bauern in Indien sehr schwer haben und keine Entschädigungen vorgesehen sind, durchaus ein Grund zum Klagen und eventuell die aktuelle Regierung abzuwählen. Dies dürfte mit Sicherheit auch ein Grund dafür sein, dass die Regierung viel Geld für neue Gaushalas ausgegeben hat.

Als überzeugte Vegetarierin schwanke ich hin und her. Einerseits freut es mich, dass es den Kühen unter Modi etwas besser ergeht, andererseits hinterlässt die Bewegung bei mir einen etwas bitteren Nachgeschmack. Geht es hier wirklich um die heilige Kuh? Oder sind es vielmehr politisch geschickte Strategien?
Auch würde ich mich freuen, wenn dieses Engagement für die heilige Kuh auf den gesamten Tierschutz übergreifen würde.

Quellenangaben und weitere Informationen:

https://www.thehindu.com/opinion/open-page/the-sorry-tale-of-the-milch-animals/article6578663.ece

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6523919/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/heilige-kuh-in-indien-die-geschundene-goettin.979.de.html?dram:article_id=320433

https://www.deutschlandfunk.de/indien-heilige-kuh-hungernde-kuh.886.de.html?dram:article_id=440720

Videos:

https://www.arte.tv/de/videos/082926-000-A/indien-im-namen-der-heiligen-kuh/

 

Das Kastensystem in Indien

Lange habe ich mich nicht an dieses komplexe und vielschichtige Thema herangewagt. Aus einer westlich-christlichen Kultur stammend, fällt es auch unheimlich schwer, einigermaßen einen Durchblick zu gewinnen.

Nach über 10 Jahren in einer hinduistischen Familie wage ich nun mal einen Versuch.

Meine indische Familie gehört zu der Kaste der Saiva Mudaliar, einer höheren Kaste in Tamil Nadu. Wie die Brahmanen sind die Saiva Mudaliar Vegetarier und essen kein Fleisch und auch keine Eier. Meine Schwiegereltern sind sehr gläubig und fromme Hindus. Von Anfang an habe ich gemerkt, dass die gesamte Sippschaft stolz auf ihre Kastenzugehörigkeit ist und diese von andern auch respektvoll behandelt werden. Die Saiva Mudaliars sind vernetzt und es gibt auch immer wieder große Kastenversammlungen, wo man sich trifft. „Er ist auch ein Mudailar, aber kein Saiva Mudaliar, denn er isst Fleisch“, erklärte mir mein Mann manchmal. So gibt es auch in Kasten Subkasten und von diesen nicht wenige. Das Ganze ist für Außenstehende undurchschaubar. Mein Mann kann in Tamil Nadu von der Art, wie jemand spricht, wie er heißt und wie er angezogen ist, ungefähr einschätzen aus welcher Kaste jemand stammt. Ich finde dies echt beängstigend. Mir ist es höchstens möglich aufgrund der Kleidung einzuschätzen, ob jemand eher arm oder reich ist.

Entstehung des Kastensystems

Das Kastensystem entstand ursprünglich in der hinduistischen Mythologie. In der Rig Veda, einer alten hinduistischen Schrift werden die vier Hauptkasten, die Varnas erklärt. Demzufolge sind die Varnas aus dem Ur-Menschen Purusha entstanden, der sich selbst zerstörte, um eine menschliche Gesellschaft zu schaffen.

Aus seinem Mund wurde die höchste Kaste erschaffen. Dies sind die Brahmanen. Es ist die Kaste des Wissens und Denkens. Zu ihnen gehören die Priester und die Gelehrten.

Aus der Schulter erschuf Purusha die Kaste der Kshatriya. Es sind die Krieger, Beschützer und Führer des Landes.

Aus dem Schenkel wurde die Kaste der Vaishya erschaffen. Es sind die Händler, Kaufleute und Großgrundbesitzer, die das Land mit dem Nötigen versorgen.

Aus der Fußsohle entstanden die Shudras. Die Shudras sind die Knechte, Dienstleister, Handwerker, Pachtbauern und Tagelöhner in der Gesellschaft.

Unter den 4 Varnas, die aus dem göttlichen Ur-Menschen Purusha entstanden sind, gibt es die Kastenlosen, die Dalits. Da sie nicht aus dem Göttlichen entsprungen sind, gelten diese Menschen als unrein. Es sind die Unberührbaren der Gesellschaft. Sie werden auch Parias, oder wie Gandhi sagte, Harijans (Kinder Gottes) genannt. Sie verrichten die unreinsten Arbeiten, die anfallen. Müllentsorgung, Latrinenreiniger, Wäscher. Auch unter den Dalits gibt es eine Art Kastensystem, in dem einige besser und höher gestellt sind als andere.

Im Zusammenhang mit dem Kastenwesen hört man oft auch den Begriff Varna Dharma. Dharma ist die Aufgabe, die Pflicht, die ein Mensch zu erfüllen hat. So werden die Varnas von vielen als vorgegebene Pflicht gesehen. Im Hinduismus glauben die Menschen an Karma und Reinkarnation. Sie glauben daran, dass ihre Taten und ihre Denkweisen Einfluss auf zukünftige Wiedergeburten haben. So wird das Geborenwerden in eine untere Kaste dadurch erklärt und gerechtfertigt, dass man im früheren Leben schlechtes Karma angesammelt hat.

Auch unter der 200 Jahren langen britischen Herrschaft blieb das Kastensystem bestehen. Die Engländer profitierten davon und hatten kein Interesse dieses aufzulösen. Der große Bedarf an vielen billigen Arbeitskräften konnte so problemlos gedeckt werden.

Nach der Unabhängigkeit 1947 wurde das Kastensystem in Indien offiziell abgeschafft. Laut indischer Verfassung sind alle Inderinnen und Inder gleich und haben die gleichen Rechte.

Viele Berufe und Hochschulen waren lange Zeit nur höheren Kasten zugänglich. Solche Ungerechtigkeiten führten dazu, dass gegen die alleinherrschende Macht der Brahmanen langsam Widerstand gärte.

Tamil Nadu war einer der ersten Bundesstaaten, der gegen die Brahmanen politisch aktiv wurde und in öffentlichen Ämtern und Universitäten Quoten für untere Kasten und Dalits einführte. So sind für untere Kasten (Shudras), Scheduled Castes (Dalits), Scheduled Tribes (Stämme Eingeborener), aber auch für andere religiöse Minderheiten in Tamil Nadu insgesamt 69 % der Plätze reserviert. Heute gilt eine Quotenregelung von 50 Prozent in allen andern Bundesstaaten. Dass die Brahmanen (rund 4.3 % der Bevölkerung) darüber nicht erfreut sind und sich benachteiligt fühlen, ist klar. Um seine Brahmanen-Wählerschaft wohlwollend zu stimmen, hat Premierminister Modi nun kürzlich eine spezielle Quote für höhere Kasten, die im Jahr weniger als 8 Lakhs (800‘000 Rupees/10‘000 Euro) verdienen, eingeführt.

Einflüsse des Kastenwesens im heutigen Alltag

Auch heute noch beeinflusst das Kastenwesen das Leben der Menschen in hohem Masse. Die Kasten oder Jatis, wie sie in Indien genannt werden, trennen die Gesellschaft in hierarchisch angeordnete Gruppen. Man schätzt, dass es in Indien über 2000 verschiedene Jatis gibt, die wiederum in Subkasten unterteilt sind. In eine Jati wird man hineingeboren und sie bleibt bis zum Tod unveränderbar bestehen.

Die Kastenzugehörigkeit muss heutzutage jedoch nicht mehr zwingend mit dem sozialen Status und den finanziellen Möglichkeiten übereinstimmen. So gibt es durchaus arme Brahmanen-Familien, aber auch reiche Shudras oder sogar Dalits. Durch die Quotenregelung haben es einige Dalits sogar in hohe Ämter geschafft. Ram Nath Kovind, der Staatspräsident Indiens stammt beispielsweise aus einer Dalit-Familie. Die Mehrzahl der unteren Kasten und die Dalits gehören jedoch immer noch den unteren, benachteiligen sozialen Schichten an.

Während in den Großstädten das Kastensystem langsam aufbricht, bleibt es in den Dörfern jedoch hartnäckig bestehen. In Indien werden 90 Prozent der Ehen arrangiert. Ob in der Stadt oder auf dem Land, es wird in der Regel in der gleichen Kaste geheiratet.

Unberührbare, die auf dem Land leben, haben ihre Hütten stets am Rande des Dorfes und sind nach wie vor riesigen Diskriminierungen ausgesetzt. Es schockiert mich immer wieder von Neuem, wenn ich über solche Vorfälle lese.

Verliebt sich beispielsweise ein Mädchen aus einer höheren Kaste in einen Jungen aus einer tieferen Kaste oder sogar in einen Dalit oder einen Andersgläubigen sind große Probleme vorprogrammiert. Dies findet in der Familie kaum Zustimmung und auf dem Land ist dies ein absolutes NO GO! Immer wieder hört und liest man in diesem Zusammenhang von schrecklichen Ehrenmorden. Auch wenn es dem Paar gelingen sollte zu fliehen, muss es alle familiären Kontakte abbrechen und in ständiger Angst leben, entdeckt zu werden.

In manchen Dörfern Indiens ist es den Unberührbaren immer noch verwehrt, den Dorftempel zu betreten. Prabhu hat mir erzählt, dass es in Tamil Nadu und sicherlich auch in anderen Bundesstaaten noch Dörfer gibt, in denen der Teeladen zwei separate Becher hat. Der Dalit-Becher darf mit keinem aus einer höheren Kaste in Berührung kommen und muss selbst gespült werden. Dalits dürfen beispielsweise auch keine Rüden besitzen. Ein Dalit-Rüde könnte ja eine Hündin eines Hundebesitzers begatten, der einer höheren Kaste angehört.

Erst neulich passierte es in Tamil Nadu, dass einem Trauerzug der Dalits der kürzeste Weg zur Verbrennungsanlage, der durch ein Quartier einer höheren Kaste führte, verwehrt wurde. Sie mussten schließlich einen Umweg von vielen Kilometern in Kauf nehmen, um den Leichnam zur Verbrennungsstätte zu bringen.

In den Köpfen vieler Inderinnen und Indier existiert das Kastensystem weiter, da ändert auch eine moderne Gesetzgebung nichts daran. Das Allerschlimmste ist, dass sogar Angehörige von unteren Kasten und Dalits die gleiche Diskriminierung weiterführen, unter der sie selbst so leiden.

So wird es noch sehr viel Zeit, Aufklärung und Bildung brauchen, bis sich dies verändern kann.

 

Mein indisches ABC

A – wie Affen

Affenbanden streifen immer wieder durch unser Quartier. Die Mütter tragen ihre süßen Babies unter dem Bauch und die Teenager klettern draufgängerisch an Strom- und Wasserleitungen herum. Doch aufgepasst, denn so süß, wie sie aussehen, sind sie nicht!

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Ein Affenmännchen zeigt seine gefährlichen Beisserchen.

B – wie Bananen

Lange Zeit kannte ich nur Chiquita-Bananen. Wie tat sich hier in Indien eine neue Bananen-Welt für mich auf. Hier gibt es über 20 verschiedene Bananensorten. Rote Bananen, Kochbananen, gelbe und grüne, kleine und große, …

Banane ist definitiv nicht Banane. Ich mag die Malai Vazhaiparam am liebsten. Das sind kleine, süße Bananen aus den Niligrisbergen. Wusstet ihr, dass Indien weltweit am meisten Bananen produziert?

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Bananenstaude bei uns zu Hause.

C – wie Cricket

Cricket ist in Indien im Moment omnipräsent. Seit Ende Mai findet nämlich der Cricket World Cup 2019 statt. Heute spielt Indien gegen Neuseeland im Halbfinal. Mein Mann, der früher ein ausgezeichneter Cricket-Spieler war und für den Bundesstaat Tamil Nadu gespielt hat, ist absolut verrückt nach dieser Sportart. Er ist damit nicht der Einzige, denn die meisten Inder und Inderinnen stehen auf Cricket. Bis jetzt fand ich diesen Sport, der ein Mix zwischen Baseball und Brennball ist, eher langweilig. Doch ich muss gestehen, dass ich mir bei diesem World Cup einige Spiele angesehen habe. Und ja, manchmal war es sogar richtig spannend!

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D – wie Dämonenfratzen

Diese findet man vor allem an Häusern und an Lastwagen. Diese scheußlichen Fratzen sind eigentlich zur Dämonenabwehr gedacht. Sie sollen das Böse und Schlechte abwenden. Auch an unserem Haus hängt eine Dämonenfratze.

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E – wie Elefanten

Ich liebe Elefanten! Wir haben in Nationalparks schon oft wilde Elefanten gesehen. Gefangene Tiere, die zum Kommerz und zum Arbeiten brutal abgerichtet wurden, tun mir jedoch schrecklich leid.

Der Lebensraum dieser wunderschönen Tiere wird leider immer mehr eingeschränkt, sodass es häufig zu Konflikten kommt. Von 2015-2018 kamen in Indien mehr als 1700 Menschen durch Elefanten zu Tode. Im Gegenzug werden jährlich rund 80 Elefanten getötet.

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Wilde Elefanten in Bandipur

F – wie Feiertage

An Feiertagen mangelt es hier nicht. Hat man schulpflichtige Kinder, sind im Jahresverlauf viele Tage schulfrei. Die indische Regierung hat neben nationalen und hinduistischen Feiertagen auch andere Religionen berücksichtigt.

So ist der Karfreitag und Weihnachten schulfrei. Auch an einigen muslimischen Feiertagen, wie Eid ul-Fitr und Eid ul-Adha müssen indische Kinder nicht zur Schule.

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Das wichtigste hinduistische Fest für die Tamilien ist das viertägige Erntedankfest Pongal.

 

G – wie Ganesha

Mein Lieblingsgott in der vielfältigen hinduistischen Götterwelt ist definitiv Lord Ganesha. Der Gott mit dem Elefantenkopf wird in Indien sehr verehrt. Er ist der Gott des guten Anfangs und der Überwinder aller Hindernisse. Für alle neuen Herausforderungen wird er um Hilfe gebeten und auf Hochzeitseinladungen ist er stets präsent, um den Beginn der Ehe zu unterstützen. Was ihn für mich so sympathisch macht, ist dass er nie ungeduldig oder zornig wird.

Wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam, erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/09/13/happy-vinayaka-chaturthi/

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H – wie Hanuman

Ein anderer populärer Gott ist Hanuman. Er ist quasi der Superman der hinduistischen Götterwelt und ein treuer Anhänger von Lord Rama.

Im großen hinduistischen Epos Ramayana spielt er eine wichtige Rolle. Mit seinen übermenschlichen Kräften half er Lord Rama seine Frau Sita, die von dem bösen Dämonen Ravana entführt wurde, zu befreien.

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I – wie Idly

Die kleinen Reis-Linsen-Küchlein sind aus der südindischen Küche nicht wegzudenken. In Tamil Nadu werden sie zum Frühstück oder zum Nachtessen zubereitet. Mit verschiedenen Chutneys und Sambar schmecken sie einfach herrlich.

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Idly mit Sambar und Tomaten- und Kokosnuss-Chutney

J – wie Jackfruit

Eine Frucht, die ich erst in Indien kennenlernte, ist die Jackfruit. In den heißen Sommermonaten hat die süße Frucht Hochsaison. Ich liebe sie! Auch die Kerne kann man kochen und essen. Sie schmecken leicht nussig und passen gut zu Drumsticks.

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Jackfruits auf dem Weg nach Ooty

K – wie Kingfisher

Der wunderschöne Eisvogel ziert das Label der indischen Bierfirma Kingfisher. Mein Mann mag dieses Bier mit Abstand am liebsten. Ich kann mit Bier, ob indisch, deutsch oder schweizerisch nichts anfangen. Doch Eisvögel in natura liebe ich über alles. Der White-throated Kingfischer lässt sich in unserem Quartier immer wieder blicken. Höre ich sein lautes, durchdringendes Geschnatter, dann entdecke ich ihn meistens auf einem Hausdach oder einer Stromleitung.

Kingfisher Beer

 

L – wie Lungi

Wie lustig und komplett neu fand ich am Anfang meiner Indienzeit die traditionelle Männermode in Tamil Nadu. Neben dem traditionellen weißen Wickelrock Dhoti, tragen viele Arbeiter oft karierte Lungis.

Auch der Lungi ist eine Art Wickelrock, der lang oder wie ein Minirock zur Hälfte gefaltet, getragen wird.

M – wie Monsun

In Tamil Nadu beginnt die Regenzeit normalerweise im Oktober, November manchmal auch erst im Dezember. Doch der Monsun kann es den Menschen kaum recht machen. Da gibt es Jahre, wo die riesigen Wassermassen Häuser fluten, Strassen zu Flüssen anschwellen lassen und wo Menschen Hab und Gut verlieren. Und dann gibt es Jahre, wie das letzte, wo es kaum regnet. 2018 hatten wir nur 45 Prozent der normalen Niederschläge. Wie abhängig das Land und die Menschen vom Monsun sind, zeigt sich momentan besorgniserregend in Tamil Nadu. Meine neue Heimatstadt Chennai leidet unter akutem Wassermangel. Die Wasser-Reservoirs sind leer und die Grundwasserspiegel auf Tiefstand. Vielerorts hat es kein Wasser mehr und die Menschen müssen Wasser in schweren Wasserbottichen nach Hause schleppen. Wasser ist für viele nicht mehr selbstverständlich.

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Unsere Quartierstrasse

 

N – wie No problem

„No problem, Madam!“ Diese drei kleinen Worte höre ich in meiner neuen Heimat immer wieder. Sei es die Schneiderin, die den Halsausschnitt meiner Kurta zu eng geschneidert hat oder der Elektriker, der die vorgängig bestellte LED-Lampe auswechseln sollte, aber die falsche mitbringt. In Indien gibt es keine Probleme, sondern nur Lösungen. Manchmal sind diese nicht perfekt und zufriedenstellend, aber Lösungen.

 

O – wie Old Monk

Der indische Rum Old Monk ist inzwischen fester Bestandteil in unserem Haushalt.

In heissem Wasser und mit etwas Honig wirkt er super bei allen Erkältungs- und Durchfallerkrankungen.

Er schmeckt uns jedoch auch zum Cricketmatch mit Cola und Zitrone ;-).

Old Monk

 

P – wie persönliche Fragen

Für Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind, wirken die indischen Landsleute manchmal ungehobelt und frech. Während man bei uns die Konversation mit unbekannten Menschen sorgfältig beginnt und sich über das Wetter austauscht, so fällt der Inder sofort mit der Tür ins Haus. „Are you married? Do you have children? What’s your profession? What’s your husband’s profession? Is this your own house? How much rent do you pay?“ Ich wurde sogar schon noch dem Gehalt meines Mannes gefragt! Ehrlich gesagt, finde ich dies immer noch gewöhnungsbedürftig und nicht grade kommunikationsfördernd.

 

Q – wie Qualität

In meiner alten Heimat ist gute Qualität immer und überall die Norm. Als Schweizerin bin ich damit aufgewachsen, dass Wände gerade sind, dass Fenster auf den Millimeter genau passen, dass Fließen perfekt gelegt und dass sanitäre Installationen funktionieren. Tja, in Indien werden Perfektionisten hart auf die Probe gestellt und manch ausgebildeter Handwerker würde sich hier die Haare raufen und nach zwei Wochen kahlköpfig nach Hause reisen.

Den Vogel hat bei uns ein Sanitär abgeschossen, der weil das WC-Rohr nicht genau passte, still und heimlich zu breitem Klebeband griff. Das Ende der Geschichte: ein riesiger Wasserschaden, der mit viel Geld und Aufwand behoben werden musste.

Quality

 

R – wie Rangoli

Rangoli oder auch Kolams sind Muster, die indische Frauen jeweils am Morgen und am späten Nachmittag mit weissem Kalk- oder Reispulver vor den Hauseingang streuen.

Die Muster sollen Besucher willkommen heißen und das Böse abwenden. Zuerst wird der Boden mit Wasser gereinigt und gewischt. Danach werden die Dots, die Punkte, die sich je nach Kolam oder Rangoli unterschiedlich anordnen, in gleichmäßigen Abständen ausgelegt.

An Festtagen werden die Rangoli bedeutend aufwendiger und es werden teilweise auch farbige Pulver eingesetzt.

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S – sehr scharf

Karam bedeutet in Tamil scharf und so muss das Essen in meiner indischen Familie sein. Bei fast allen Gerichten kommen Chilis oder Chilipulver dran. Als mein Schwiegervater im Spital lag, war er gänzlich unzufrieden mit dem Essen, das serviert wurde. „Karam ille!“, hörte man ihn bei jeder Mahlzeit jammern. Das bedeutet, dass es nicht scharf ist, dass es keinen Geschmack hat.

Schließlich bekam der Arme dann sein gewohntes, scharfes Essen von Zuhause. Ich habe mich inzwischen sehr an das scharfe Essen gewöhnt und liebe es.

Chili

 

T – wie Tuk-Tuk

Die gelb-schwarzen Tuk-Tuks sind aus dem Straßenbild Chennais kaum wegzudenken. Die wendigen, dreirädrigen Rikshas werden hier in Tamil Nadu jedoch Outo genannt, was anfänglich durchaus zu Missverständnissen führen kann. Im dichten Straßenverkehr finden sie jede Lücke und drängeln sich überall durch. Sehr praktisch kann man sich ein Tuk-Tuk nun über Ola oder Uber buchen. So entfällt das nervige Handeln um den Fahrpreis und man ist, da man den Namen des Fahrers und die Autonummer bekommt sicher unterwegs.

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U – wie unpünktlich

Nach über 10 Jahren in Chennai sollte ich es eigentlich wissen.

Habe ich Gäste eingeladen, kommen die in der Regel eine halbe bis eine Stunde zu spät. Punkto Zeit bin und werde ich wohl immer Schweizerin bleiben. Es könnte ja sein, dass plötzlich die Gäste doch pünktlich oder früher als erwartet eintreffen.

Auch bei Schulanlässen kommen viele immer zu spät und so verzögert sich der Beginn immer um mindestens eine Viertelstunde. Die Indian Stretchable Time werde ich wohl nie lieb gewinnen.

 

V – wie Vishnu

Der Gott Vishnu ist einer der Hauptgötter im Hinduismus. Er ist mit Brahma und Shiva Teil der Trimurti, einem Konzept, das den Kosmos in drei verschiedene Kräfte (Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung) aufteilt. Brahma ist der Schöpfer, Shiva der Zerstörer und Vishnu der Erhalter. Er sorgt auf der Erde für ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse.

Um die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten, hat sich Vishnu immer wieder inkarniert. Berühmte Inkarnationen sind Rama und Krishna.

Vishnu

 

W – wie was kriecht und fleucht

Ich mag krabbelnde Insekten überhaupt nicht. Inzwischen bin ich jedoch viel relaxter im Umgang mit Kakerlaken, Ameisen und sonstigem Ungeziefer geworden. Da ich mit Gifteinsatz sehr zurückhaltend bin, gibt es in unserem Haus immer wieder mal eine Kakerlake, die den Abfluss rauf krabbelt oder eine Ameisenstraße, die durch unseren Küchenschrank führt. Manchmal kommt es auch vor, dass ich trotz vorsichtigem Check beim Einkaufen irgendwelche Käferchen einschleppe. Am schlimmsten war es jedoch, als Suriyan die Playschool besuchte. Da wurden wir immer wieder mit Läusen beglückt.

Kakerlake

 

X – wie Xerox

Anfangs schnallte ich es überhaupt nicht.

„I need a Xerox of this document.“

So wie die Firma Google nun zum Verb googeln geworden ist, so ist es mit der US-Firma Xerox, die die Drucktechnologie nach Indien brachte. Lasst euch also nicht verwirren. Eine Kopie bedeutet a Xerox!

Xerox

 

Y – wie YES, Madam

Eines habe ich inzwischen auch gelernt. Sei dir nie sicher, ob dein Gegenüber dich auch wirklich verstanden hat. So frage ich immer: „Did you understand?“ Meistens kommt ein selbstbewusstes „YES, Mam!“ Doch ich kann euch versichern, dass auch ein selbstbewusstes YES keine Garantie ist, dass das eben sorgfältig Erklärte, verstanden wurde.

yes

 

Z – wie Zärtlichkeiten

Während es in der Schweiz selbstverständlich war, dass mein Mann und ich Hand in Hand spazieren gingen, benahm sich mein Mann in Indien plötzlich ganz sonderlich. In der Öffentlichkeit gab es ab sofort kein Hand in Hand-Gehen mehr und nicht mal ein Küsschen auf die Wange. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist in Indien ausschließlich privat und gehört ins Schlafzimmer.

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Dakshina Chitra – Heimatmuseum in Chennai

Altes Tor

Nach langen Jahren waren Suriyan und ich wieder einmal im Dakshina Chitra Museum, das sich ausschließlich mit der Kultur, Architektur und Kunst Südindiens auseinandersetzt. Verschiedene alte Traditionen und Kunstfertigkeiten werden hier gezeigt und durch Workshops aufrechterhalten.

Im Museum kann man achtzehn alte, authentisch eingerichtete Häuser aus Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh  besichtigen. Alle Häuser wurden vom Heimatmuseum erworben, transportiert und auf dem Museumsgelände wieder im ursprünglichen Zustand aufgebaut. Die Häuser bilden einen guten Mix zwischen den südindischen Bundesstaaten, aber auch verschiedene Gesellschaftsschichten und Religionen wurden in der Planung berücksichtigt.

Typisches Keralahaus
Typisches Keralahaus
Kuestenhaus aus Andhra Pradesh
Küstenhaus aus Andhra Pradesh
Chettinad-Haus aus Tamil Nadu
Chettinad Haus aus Tamil Nadu
Muslimisches Händlerhaus aus Karnataka
Muslimisches Händlerhaus aus Karnataka

Was das Ganze besonders macht, sind die kleinen Workshops, wo man selbst aktiv werden kann. So gibt es eine Fülle von Aktivitäten, die gegen kleines Geld Einblicke in verschiedene Kunsthandwerke gewähren. Töpfern, Palmblatt-Dekorationen, Kolam, Töpfe bemalen, Block printing, Masken, Speckstein, … sind nur eine kleine Auswahl davon. Dakshina Chitra bietet auch Kurse an, wo man sich intensiv und über längere Zeit mit einem Kunsthandwerk auseinandersetzen kann. Auf dem Gelände hat es auch verschiedene Stände, wo Künstler die Möglichkeit haben, ihre Waren zu verkaufen. Zu bestimmten Zeiten werden auch unterschiedliche Tänze aus Südindien dargeboten.

Dekorationen aus Palmblättern
Palmblatt-Dekorationen
Weben Silk Saree
Seidensaree weben

 

Taenzer Tamil Nadu
Tänzer aus Tamil Nadu

 

Das Museum ist durchaus einen Besuch wert und ich kann es nur empfehlen. Um alles zu erkunden, braucht man Zeit. Wir verbrachten rund 3 Stunden im Dakshina Chitra und haben nicht alles gesehen. Für Verpflegung ist gesorgt. Es gibt einen Stand mit Snacks und Getränken und auch ein kleines Restaurant mit einfachen Gerichten.

Das Heimatmuseum liegt rund eine Autostunde vom Stadtzentrum entfernt an der East Cost Road.

Adresse: Dakshina Chitra East Cost Road, Muttukadu, Chennai 603112

Webseite: http://www.dakshinachitra.net

Öffnungszeiten:                                                                                                                      

Montag bis Freitag 10.00 – 18.00

Wochenende und Feiertage: 10.00 – 19.00

Am Dienstag ist geschlossen!

 

PS: Alle Bilder hat mein Sohn Suriyan aufgenommen. Vielen Dank!

Mehendi – traditionelle Kunst mit Henna

Mehendi 1

Bisher habe ich mich immer erfolgreich vor Mehendi oder auch Mehndi gedrückt. Ich hatte noch nie Lust und Laune mir meine Hände mit Henna-Paste verzieren zu lassen. Erstens muss man lange still sitzen, um das Ganze aufmalen zu lassen, zweitens müssen die Ornamente danach lange einwirken und trocknen und drittens hat mich die Kunst der Körperbemalung nie wirklich interessiert. Es ist nicht so, dass mich Kunst und Kunsthandwerk nicht interessiert, aber die eigene Haut zu verzieren, finde ich sehr befremdend. Obwohl Tattoos heute in Mode sind und es inzwischen absolut normal ist, kann ich mir dies für mich selbst nicht vorstellen.

Doch was mache ich nicht alles für meine Leserinnen und Leser!

Am Samstag habe ich mir tatsächlich ein Mehendi aufmalen lassen. Eine Handfläche kostete nur 50 Rupees (rund 60 Cents) und so habe ich mich auf dieses Experiment eingelassen. Dass ich keine professionelle Mehendi-Künstlerin vor mir hatte, wurde schnell klar. Mit einer kleinen Plastiktüte, ähnlich einem kleinen Spritzsack, den man zum Torten verzieren braucht, trug sie die Henna-Paste recht lieblos, schnell und mit recht dicken Linien auf meine Handfläche auf. Die zweite Hälfte meiner Hand verzierte sie sogar, während sie mit ihrem Mann telefonierte. Nach rund 5 Minuten war das “Kunstwerk” bereits fertig und ich wurde entlassen. Das Ganze sollte ich eine Stunde einwirken lassen.

Draußen schaute ich enttäuscht auf meine linke Handfläche. “Nein, das geht überhaupt nicht!”, entschied ich sofort und suchte die nächste Toilette auf, um die Paste abzuwaschen.

Mehendi 2

Die alte Tradition der Mehendi wird im Mittleren Osten, Indien und in Teilen Afrikas schon sehr lange praktiziert.

Das Henna wurde ursprünglich aufgetragen, um den Körper zu kühlen. Zuerst wurden einfach Punkte auf die Handflächen gemalt. Aus diesen Punkten entstanden mit der Zeit kunstvolle, ornamentale Muster, die sich immer mehr verfeinerten und sich schließlich zur heutigen Kunstform entwickelte.

In Indien werden vor allem die Bräute kunstvoll mit Mehendi geschmückt. Im Norden ist die Tradition viel mehr verwurzelt als hier im Süden. Die Mehendi-Zeremonie wird von der Seite der Braut organisiert und bringt die Frauen beider Familien zusammen. Meistens werden dafür professionelle Mehendi-Künstlerinnen engagiert oder besonders geschickte Frauen in der Familie übernehmen das Mehendi-Design.

Die Henna-Tattoos sollen kühlen und Stress reduzieren, so werden sie bewusst auch an den Nervenenden aufgetragen. Sie sollen der Braut aber auch Glück, Gesundheit und Wohlergehen in der Ehe bringen. Der Volksmund sagt, je dunkler ein Mehendi ist, desto mehr würde der zukünftige Ehegatte seine Frau lieben. Aus diesem Grund werden den traditionell natürlichen Henna-Pasten oft schwarzes Haarfärbemittel beigefügt. Dadurch wird die Wartezeit verkürzt und die Muster werden schön dunkelbraun.

Die natürlichen Pasten aus getrockneten Henna-Blättern färben in rot-braun Tönen. Um etwas dunklere Töne zu bekommen, werden Kaffee, Zitrone, Tee und teilweise auch ätherische Öle beigefügt. Die Einwirkzeit beträgt 6-8 Stunden.

Werden Haarfärbemittel eingesetzt, wird die Einwirkzeit auf ½ bis eine Stunde verkürzt, aber es kann durchaus zu Allergien kommen. Da nur die Oberhaut eingefärbt wird, verblassen die Mehendi nach rund 2-3 Wochen.

Auf meiner Handfläche sieht man die orangen Muster noch immer und ich hoffe, dass sie ganz schnell verblassen.

Mehendi 3

 

Schnelle Rangoli

Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Hier geht es nicht um Ravioli und auch nicht ums Essen, sondern im weitesten Sinne um indisches Brauchtum, indische Kultur. Für diejenigen, die bisher nur die berühmten italienischen Teigtaschen kannten, erkläre ich gerne nochmals, was Rangoli überhaupt sind.

Rangoli oder auch Kolams sind Muster, die indische Frauen jeweils am Morgen und am späten Nachmittag mit weissem Kalk- oder Reispulver vor den Eingang malen, d. h. streuen. Die Muster sollen Besucher willkommen heißen und das Böse abwenden. Zuerst wird der Boden mit Wasser gereinigt und gewischt. Danach werden die Dots, die Punkte, die sich je nach Kolam, Rangoli unterschiedlich anordnen, in gleichmäßigen Abständen ausgelegt. Das Pulver wird zwischen Daumen und Fingern gehalten und gestreut.

Während beim Rangoli die Punkte verbunden werden und so Flächen entstehen, werden bei den südindischen Kolams die Punkte umwoben, Sodass letztlich kein Punkt mehr frei stehen bleibt.

Viele Inderinnen sind darin sehr geschickt und streuen die Muster auswendig und fehlerlos. Einfach wunderschön! An Festtagen werden die Rangoli bedeutend aufwendiger und es werden teilweise auch farbige Pulver eingesetzt.

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Farbiges Rangoli an einem Festtag
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Südindischen Kolam aus Tamil Nadu am Lichterfest Deepam

Was der McDonald’s im Fast-Food-Bereich, das sind diese praktischen Siebe, wenn es um schnelle Rangoli geht. Hat die indische Hausfrau nicht viel Zeit und möchte ihren Pooja-Room (Raum um zu beten und die Götter zu preisen) oder den Eingangsbereich mit Rangoli verzieren, dann sind diese Rangoli-Siebe perfekt.

Siebe für Rangoli
Das Sieb wird hingelegt, etwas Rangoli-Pulver darauf gestreut, gleichmäßig auf dem Sieb verteilt und sorgfältig aufgehoben.

Rangoli sieb

Rangoli Sieb 1

So einfach kann es gehen und das Resultat lässt sich durchaus sehen.

Rangoli Muster mit Sieb

Pad Man – Tabuthema Menstruation in Indien

Film Pad Man

Endlich habe ich mir den Bollywood-Film Pad Man angeschaut. Der Film widmet sich dem Thema Menstruation in Indien. Ein trauriges Kapitel, denn in Indien ist die Monatsblutung mit viel Aberglauben, Scham und uralten Traditionen verknüpft. So gilt eine Frau während ihrer Tage als unrein. Ein Besuch im Tempel ist undenkbar und viele Frauen, vor allem auf dem Land, dürfen während ihrer Tage nicht einmal das Haus, geschweige denn die Küche betreten.

Eine andere erschreckende Tatsache ist, dass nur 18 Prozent der indischen Frauen Zugang zu sicheren Hygieneartikel während ihrer Menstruation haben. Viele helfen sich mit alten Lappen, Zeitungspapier, trockenen Blättern und Asche.

Dadurch erkrankten jährlich viele Frauen an Infektionskrankheiten und werden teilweise sogar unfruchtbar. Viele junge Mädchen bekommen ihre erste Menstruation völlig unvorbereitet und haben keine Ahnung, was mit ihrem Körper geschieht. Die Aufklärung, wenn sie in der Schule überhaupt unterrichtet wird, ist laut Lehrplan im zehnten Schuljahr geplant. Die meisten Mädchen bekommen ihre Menstruation aber viel früher.

Der Film Pad Man beruht auf einer wahren Begebenheit, die jedoch bollywoodmäßig noch etwas dramatisiert und mit Tänzen farbig aufgefrischt wird. Die Geschichte des Tamilen Arunachalam Muruganatham aus Coimbatore wird im Film aufgenommen. Sie erzählt von einem Mann, der seine Frau liebt, sich sorgt und etwas verändern will.

Als er die schmutzigen, alten Lappen sieht, die seine Frau während ihrer Tage verwendet, kauft er ihr in der Apotheke ein Päckchen Binden. Seine Frau freut sich erst darüber, aber als sie den hohen Preis sieht, schickt sie ihn umgehend zur Apotheke zurück. Die Familie kann sich diese teueren Hygieneprodukte nicht leisten.

Doch er gibt nicht auf, untersucht die Binden und stellt fest, dass die Materialkosten einen kleinen Bruchteil des Verkaufspreises ausmachen. So beginnt er mit Watte und Gazestoff selbst Binden herzustellen. Nach langem Überreden lässt sich seine Frau darauf ein, diese zu testen. Die ersten Versuche scheitern kläglich und seine Frau bittet ihn eindringlich aufzuhören und sich aus diesem mit grosser Scham verbundenen Frauenthema endlich rauszuhalten.

Doch Lakshmikank, wie der Held im Film heißt, gibt nicht auf und bleibt hartnäckig daran eine Binde zu entwickeln, die auch für arme Frauen bezahlbar ist. Er experimentiert selbst mit Ziegenblut und zunehmend wird er aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen und als verrückt erklärt. Die Scham ist so groß, dass seine Ehefrau und seine Mutter ihn schließlich verlassen.

In jahrelanger Entwicklungsarbeit hat er mit Cellulose endlich Erfolg, und er entwickelt einfache und preisgünstige Maschinen zur Herstellung von Binden. An einem Innovationswettbewerb in Delhi gewinnt er den Preis „Life-changing Innovation of the Year“ und gewinnt ein Preisgeld von 200‘000 Rupees.

Unser Held sucht jedoch mit seiner Erfindung nicht das große Geld, das er jetzt verdienen könnte. Nein, er bleibt seinen ursprünglichen Idealen treu. Sein Ziel ist es, Binden für unterprivilegierte Frauen preiswert und erschwinglich herzustellen. Mit seinen Maschinen zieht er von Dorf zu Dorf und verkauft seine Binden für nur 2 Rupees an die Frauen. Mit der Zeit entstehen Frauengemeinschaften, die mit Mikrokrediten den Verkauf und die Herstellung der Binden übernehmen. So kann er immer mehr Maschinen bauen und seine Idee fasst in vielen Dörfern in ganz Indien Fuss.

Pad Man wird langsam berühmt. Er wird sogar von der UNICEF nach New York eingeladen, um dort eine Rede zu halten. Durch seinen Erfolg kommt er auch mit seiner Ehefrau wieder ins Reine.

Mir hat der Film sehr gut gefallen und ich bewerte ihn mit 8 von 10 Punkten.

Pad Man
Der richtige Pad Man! Arunachalam Muruganantham mit dem Schauspieler Akshay Kumar

Hier noch ein Video mit dem wahren Pad Man. Arunachalam Muruganatham hat mich in diesem Video sehr berührt. Absolut sehenswert!