Rangoli-Wettbewerb

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Gestern fanden bei uns im Quartier wieder verschiedene Wettbewerbe statt. Diese werden immer im Januar von den Vorständen unserer Kolonie organisiert. Als Suriyan noch jünger war, hat er auch beim Wettrennen und beim Zeichnungswettbewerb mitgemacht, aber jetzt findet er dies nicht mehr so toll.

Die Frauen können am späteren Nachmittag an einem Rangoli-Wettstreit teilnehmen. Zu zweit hat man zwei Stunden Zeit und eine Jury der Colony bewertet danach die Kunstwerke. Dieses Jahr nahmen nur wenige Frauen und Mädchen teil und die Rangoli sind eher bescheiden ausgefallen. Auch ich habe vor einigen Jahren mal mit meiner Nichte mitgemacht und wir erreichten sogar den dritten Rang. Die billigen Aufbewahrungsboxen aus Plastik, die wir gewonnen haben, wollte jedoch keine von uns haben und wir haben sie weiterverschenkt.

Die Teilnehmerinnen sind immer gut vorbereitet. Bereits vorher wurden die Farben mit Kalkpulver oder Sand gemischt und liegen in kleinen Behältern bereit.

Hier ein paar Eindrücke vom gestrigen Rangoli-Wettbewerb:

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Auch einige Kinder machen mit:

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Einige fertige Kunstwerke:

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Dieses Rangoli hat den 1. Preis gewonnen.

Willst du mehr über Rangoli oder Kolams erfahren?

Dann lies hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/05/29/schoenes-vor-dem-tor/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/08/23/kolams-vergaengliche-kunst-im-alltag-mit-anleitung-zum-selbstversuch/

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Happy Pongal!

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Pongal-Töpfe

Vom 14. bis am 17. Januar feiern wir das Erntedankfest Pongal, das wichtigste hinduistisches Fest für die Tamilen.

Am ersten Tag, an Bhogi, verbrennt man symbolisch etwas Altes, um sich fürs Neue, für das Kommende bereit zu machen. Die Luftverschmutzung, die jeweils daraus resultiert, ist immens.

Der Hauseingang wird mit kleinen Palmblätter-Girlanden und mit frisch geerntetem Zuckerrohr geschmückt.

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Palmblätter-Girlande

Überall an den Straßenrändern sieht man kleine Stände, die Zuckerrohr, Palmblätter-Girlanden, Gelbwurz und Pongal-Töpfe verkaufen. Viele Leute sind mit den langen, nicht sehr transportfreundlichen Zuckerrohrstangen unterwegs.

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Zuckerrohr
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Gelbwurz
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Unterwegs mit langen Zuckerrohrstangen
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Pongal-Töpfe aus Ton, manche sind auch bunt bemalt

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Der zweite Tag, das große Pongal, ist der bedeutsamste Feiertag. An diesem Tag tragen die meisten neue Kleidung. Es ist der Tag der Sonne, der dem Sonnengott gewidmet ist. Vor den Hauseingängen streuen die Frauen oft bereits am Vorabend in stundenlanger Arbeit wunderschöne farbige Rangolis.

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Rangoli von meiner Schwägerin

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Viele Familien kochen oft im Hinterhof unter freiem Himmel Pongalreis. Pongal bedeutet in Tamil wörtlich „überkochen“. Neben dem normalen Pongalreis kochen wir auch immer Sakkarai-Pongal, einen süssen Reis mit Jaggery und Cashew-Nüssen.

Ein kleiner, schön geschmückter Altar wird gegenüber den Töpfen aufgebaut. Allerhand wird dort dem Sonnengott dargeboten. Zuckerrohr, Mangoblätter, Neemblätter, Gelbwurz, elf verschiedene Gemüse und natürlich auch die üblichen Altargaben (Bananen, Kokosnuss und Bettelnussblätter) dürfen nicht fehlen.

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Kleiner Altar im Hinterhof bei meiner Schwägerin
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11 verscheidene Gemüse

Mit den 11, manchmal auch noch mehr Gemüsesorten (Kochbanane, Süßkartoffel, Kartoffel, Kürbis, Aubergine, Bohnen, Elefantenfuß, Bananenstamm, Yam, Arum und Kefenwird ein spezieller Sambar (Gemüse-Soße) zubereitet. Wichtig hierbei ist, dass die Anzahl der verschiedenen Gemüse ungerade ist. Nachdem das Essen auf einem Bananenblatt angerichtet wird, beginnt die Pooja-Zeremonie. Man betet zu den Göttern, zu den Ahnen und am Schluss unter freiem Himmel zur Sonne. Man bedankt sich für die reiche Ernte und ruft „Pongal-o-Pongal“. Eigentlich sollte man den Pongalreis, um Wohlstand, Glück und Überfluss zu bewirken, überkochen lassen. Bevor man selbst etwas zu essen bekommt, wird auf einem kleinen Bananenblatt von allen feinen Speisen etwas daraufgelegt. Dieses wird dann draußen für die Ahnen hingelegt. Wenn man „Kaa, kaa, kaa“ ruft, geht es nicht lange und die Krähen machen sich über die Leckereien her. In Indien stehen die schwarz Gefiederten den Ahnen nahe und sind die Boten zwischen dem Dies- und Jenseits.

Am dritten Tag, an Maattu-Pongal, dankt man den Kühen und Büffeln für ihre Dienste. Sie werden an Maattu-Pongal richtig verwöhnt. Am späten Nachmittag werden die Tiere schön geschmückt, gesegnet und die Hörner werden farbig bemalt. Die Ochsen werden vor einen Wagen gespannt und eine kleine Fahrt zum nächstgelegenen Tempel wird unternommen.

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Rangoli für Maattu-Pongal

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Auch landwirtschaftliche Fahrzeuge werden gereinigt, geschmückt und gesegnet.

Der letzte Tag ist Fun und Spaß. Man besucht Familie und Freunde. Die Kinder bekommen Geld und Süßigkeiten. Viele machen einen Ausflug an den Strand, so ist der Marina Beach in Chennai an diesem Tag völlig überbevölkert.

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Marina Beach an Pongal

 

 

 

Aberglauben im indischen Alltag

Ganapathi, Prabhus Freund, hat uns heute wohl vor der Armut bewahrt. Prabhu vergass nämlich sein Portemonnaie und Ganapathi holte es bei uns ab. Ich öffnete die Tür und streckte ihm das Geld entgegen, aber seltsamerweise nahm er es nicht an sich. Leicht verwirrt schaute ich zu, wie er einen Schritt über unsere Türschwelle machte und erst dann die Geldbörse an sich nahm. Jetzt dämmerte es mir langsam. Geld sollte man nie über die Türschwelle übergeben! Viele glauben, dass dies die eigenen Vermögenswerte schmälert und man auf diese Art sozusagen das eigene Geld zum Fenster rausschmeißt. So wird dies von den meisten im Alltag beherzigt.

Aberglaube ist in Indien sehr präsent und allgegenwärtig. Es gibt viele Alltagsrituale, die das Böse, das Unglück abwenden sollen. Die Fülle an abergläubischen Praktiken ist schier unendlich und früher erstaunte es mich, dass auch gebildete Menschen immer noch an diesen Ritualen festhalten. Erklärung fand ich bei meinem Göttergatten. Seit Kindheit ist er auf einige Sachen getrimmt worden und so wurde das abergläubische Ritual zur Gewohnheit. So beispielsweise seine Art die Füsse zu waschen. Am Schluss lässt er das Wasser auch immer noch von hinten über die Ferse laufen. Wenn man dies nicht tut, bringt es Unglück.

Um das Geld und den Wohlstand zu erhalten, gibt es im indischen Alltag kleine Dinge zu beachten. Wie oben schon erzählt, sollte man Geld niemals über die Türschwelle übergeben. Entweder man überreicht es draussen oder drinnen.

Am Freitag, am Tag der Göttin Lakshmi, zahlen die meisten Inder keine Rechnungen. Damit der Wohlstand erhalten bleibt oder sich die finanzielle Situation verbessert, sollte das Geld an diesem Tag Zuhause ruhen. Aus diesem Grund begleicht Prabhu seine Rechnungen und die Lohnzahlungen seiner Arbeiter immer am Samstag.

Bevor es ganz dunkel wird, gehen in Indien die Lichter an und die Haustüren werden weit geöffnet. Man will die Göttin Lakshmi ins Haus einladen und willkommen heissen. Lakshmi bringt Wohlstand und Glück ins Haus.

Nachdem es dunkel geworden ist, sollte man das Haus nicht mehr reinigen oder die Böden wischen, denn mit dem Schmutz würde man auch den Wohlstand zum Haus heraustragen.

Bei Geldgeschenken sollte man immer darauf achten, dass man eine Rupie als Glücksbringer dazu gibt. Auf manchen Geschenkumschlägen sind sie bereits aufgeklebt.

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In Indien glaubt man an das evil Eye – das böse Auge. Man geht davon aus, dass negative Gedanken, wie Hass und Neid, Einfluss auf unser Leben haben. Um sich davor zu schützen, gibt es viele Rituale und Schutzsymbole. Dämonenfratzen draussen vor dem Gate oder am Haus, soll das böse Auge ablenken. Auch ein aufgehängter Stein vor dem Hauseingang hat diese Schutzfunktion. Kollams oder Rangolis heissen nicht nur die Besucher willkommen, sondern halten auch negative Energien fern. Auch unser Haus ist mehrfach vor dem evil Eye geschützt.

Babies und Kleinkinder muss man besonders vor dem bösen Auge schützen. Aus diesem Grund werden ihnen mit Kohle schwarze Flecken ins Gesicht gemalt. Diese sollen den bösen Blick ablenken und vom Kind fernhalten.

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An Autos und Lastwagen entdeckt man zum Schutz oft ein Kinderschuh oder schwarzen Schnüre. Natürlich stehen die Autos meistens auch unter göttlichem Schutz. Die kleinen Altäre, die viele in ihren Autos pflegen und mitfahren lassen, finde ich immer sehr berührend. Gehen Inder auf eine längere Reise wird in der Regel auch eine „spirituelle Reiseversicherung“ im Tempel abgeschlossen. Ohne Pooja, die Segnung der Götter, geht in Indien fast gar nichts.

Vor Geschäften sieht man oft die Chilli-Limetten Abwehr (Nimbu-Mirchi). Auch dies ein Symbol gegen das Böse. Es soll vor allem die unglücksbringende Göttin Alakshmi fernhalten. Da sie scheinbar eine Vorliebe für Scharfes und Saures hat, nimmt sie ihr Lieblingsessen bereits draussen ein und kommt so nicht ins Haus herein. Nimbu-Mirchi ist übrigens auch eine gute Abwehr gegen Moskitos.

Nimbu Mirchi

Auch Tiere werden als Glücks- oder Unglückssymbole gesehen. Auch hier in Indien kommt die Katze, insbesondere die schwarze Katze, schlecht weg. Überquert eine Katze die Strasse wird dies als schlechtes Omen gedeutet. Elefanten hingegen bringen Glück, da sie mit Lord Ganesha, dem Elefantengott, in Verbindung gebracht werden.

Auch um die Geckos, die hier in Südindien in jedem Haus leben, weben sich viele abergläubische Geschichten. Wenn jemand beispielsweise am Sprechen ist und ein Gecko seine Schnalzgeräusche macht, dann kann man sicher sein, dass dieser die Wahrheit spricht. Manchmal kommt es vor, dass Geckos sich nicht mehr halten können und auf Menschen herunterfallen. Je nach dem, wo der Gecko hinfällt, bringt es Glück oder Unglück.

Mehr über Geckos findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/05/22/geckos/

Krähen sind meistens Glücksboten und werden in Indien als Boten zwischen dem Jenseits und dem Diesseits gesehen. Kräht eine Krähe, so darf man Besuch von der Familie erwarten.

Mehr über Krähen findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/06/23/kraehen-verbindung-zwischen-leben-und-tod/

Sehr lustig finde ich das Ritual von Ganapathi, das ich eben neu entdeckt habe. Schreibt er etwas auf ein neues Blatt Papier, macht er, bevor er startet, immer ein kleines Ganesha-Symbol. Ganeshas Ohren und der angedeutete Rüssel sollen die Hindernisse überwinden und Glück bringen.

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Eine Sonnen- oder Mondfinsternis ist ein sehr schlechtes Omen und man sollte zu diesen Zeiten vermeiden nach draussen zu gehen. Insbesondere schwangere Frauen sollten zu Hause bleiben, da sie ansonsten ihr ungeborenes Kind gefährden. Manche Familien kochen und essen an diesen Tagen nichts.

Ein trauriges Thema ist der Aberglaube, der sich um den Monatszyklus der Frau dreht. Die erste Menstruation eines Mädchens wird gross gefeiert und es bekommt viele Geschenke und Aufmerksamkeit. Doch der Glaube, dass eine Frau während ihrer Tage unrein ist, hält sich hartnäckig in vielen Köpfen fest. Frauen dürfen während der Tage keinen Tempel besuchen und manche, vor allem auf dem Land Lebende, dürfen nicht mal das Haus oder die Küche betreten. Viele glauben, dass Esswaren und Wasser durch eine menstruierende Frau schlecht werden. So wird die Menstruation für viele Frauen zum wahren Albtraum.

Aberglaube ist im indischen Alltag täglich zu beobachten. Man könnte als Außenstehende, aufgeklärte Frau aus dem Westen, leicht darüber lächeln und es als Unsinn, eben als Aberglaube abstempeln. Doch das wird den Indern in ihrer Frömmigkeit und ihrem Glauben einfach nicht gerecht. Irgendwie berühren mich diese kleinen Dinge, die niemandem schaden und bei uns schon längst aus dem Alltagsleben verschwunden sind. Es hat mich gerührt, dass es Ganapathi wichtig ist, dass ich unser Geld nicht einfach so über die Türschwelle herausgebe, dass er sich um uns sorgt. Ich finde er rührend, wie er auf jedes neue Blatt das Ganesha Symbol zeichnet. Ich glaube zwar nicht an solche Dinge, aber solange sie niemanden zu Schaden kommen lassen, respektiere ich sie. Mit dem Aberglauben über die Menstruation sieht dies natürlich wieder ganz anders aus. Doch auch hier findet in den Städten ein Wandel statt und ich hoffe, es ist eine Frage der Zeit bis sich die Situation auch für die Frauen in den Dörfern zum Positiven wandelt.

Der liegende Shiva in Surutapalli

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Letzten Sonntag fuhren wir wiedermal zum Pallikondeswara Tempel in Surutapalli. Der Tempel liegt in Andhra Pradesh in der Nähe zum Bundesstaat Tamil Nadu und man erreicht ihn in rund zwei Autostunden von Chennai aus.

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Renovierungsarbeiten in Surutapalli

Die Gegend ist voller spannender Geschichten. Lord Brahma wollte hier in der Nähe seine Sünden mit einem Opferfeuer wieder gut machen und zu Shiva beten. Mitten im Urwald suchte er Feuerholz und wollte mit dem Arani-Holz ein Feuer entfachen. Doch aus dem Holz entsprang kein Feuer, sondern ein Fluss, der Arani-Fluss. Tatsächlich erschien Shiva und er fragte Brahma, was er für ihn tun könnte. Brahma bat Shiva, sich am Fluss Arani entlang den Menschen fünfmal zu offenbaren und zu zeigen. Shiva erfüllte ihm diesen Wunsch und so entstanden fünf Tempel am Arani-Fluss. Einer davon ist in Surutapalli.

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Der Nandi-Bulle, das Reittier von Lord Shiva beim Tempeleingang

Der Tempel ist etwas Besonderes in ganz Indien. Hier findet man den einzigen liegenden Shiva auf dem Schoss von Parvati und den einzigen Dakshinamurthy (ein Aspekt von Lord Shiva als Guru), der mit seiner Frau dargestellt ist. Auch das Prinzip von Pradosham soll hier entstanden sein. Pradosham ist die günstige Zeit, die zweimal im Monat stattfindet, um seine Sünden Lord Shiva zu übergeben. Immer am 13. Tag von jeder Fortnight (14 Tage), 1,5 Stunden vor und nach dem Sonnenuntergang herrscht eine besonders günstige Zeit um sich mit Lord Shiva zu verbinden und ihm die Sünden und Fehler zu übergeben.

Nachdem die Devas (Götter) und die Asuras (Dämonen) den Milchozean aufgerührt hatten, um den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen, entstand auch das tödliche Gift Halahala. Um die Menschheit zu retten, trank Lord Shiva das Gift. Parvati hielt ihm jedoch die Kehle zu damit er es nicht runterschlucken konnte, das Gift stoppte in seinem Hals und färbte ihn blau.

Der Legende nach erreichte er ganz erschöpft und schwach Surutapalli. Hier lag er auf der Schoss seiner Frau Parvati und ruhte er sich aus. Die gesamte Götterwelt und viele Weise versammelten sich besorgt um den liegenden Shiva. Ganesha, Murugan mit seinen Frauen Valli und Deivanai, Vishnu, Brahma, Surya (Sonnengott), Chandra (Mondgott), Narada (Götterbote) und viele mehr standen um ihn herum und sorgten sich.

Ich finde diesen Tempel immer wieder schön und irgendwie kommt man hier zur Ruhe. Wir hatten einen wunderbaren Darshan und mit Sicherheit waren wir nicht zum letzten Mal in Surutapalli.

Vijayadasami – aus meinem Tagebuch vom 21. Oktober 2007

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Suriyan sieht aus wie ein kleiner Prinz in seiner traditionellen indischen Kurta und der dicken Goldkette, die er von seinen Grosseltern geschenkt bekommen hat.

In der Playschool feiern wir heute Vijayadasami, es ist der Tag des Neustarts. Eigentlich der ideale Zeitpunkt um ein Geschäft zu gründen oder eine Ausbildung anzufangen. An der Schule werden neue Kinder aufgenommen und alle Schüler dürfen an einer Segnung teilnehmen. Vijayadasami ist der zehnte und letzte Tag von Navaratri und in Tamil Nadu ist die Schirmherrin die Göttin Saraswati. Sie ist die Göttin des Wissens und der Künste. Wenn es um Lernen, Erziehung, Ausbildung und Kunst geht, ist sie die richtige Ansprechperson.

Im Unterrichtsraum haben die Lehrerinnen einen schönen Altar aufgebaut. Bilder von Saraswati und Gansha stehen mit Blumengirlanden geschmückt darauf. Lord Ganesha darf an diesem Tag natürlich auch nicht fehlen, denn er beseitigt alle Hindernisse.

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Am Boden sind wunderschöne farbige Rangoli gestreut. Suriyan darf seiner Playschool-Auntie auf den Schoss sitzen und in eine grosse, silberne Schüssel gefüllt mit Reis das heilige Zeichen OM schreiben. Bevor die Kinder beginnen zu schreiben, wird dieses Ritual durchgeführt.

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Suriyan faltet vor dem Altar kurz seine Hände zum Gebet und danach bekommt er ein kleines Geschenk.

Für die Lehrerinnen haben wir Früchte und einen grosszügigen Batzen mitgebracht, denn es ist auch ein Tag um sich beim Guru (Lehrer) zu bedanken, ihn zu ehren und zu beschenken.

Ayudha Pooja – die Vereherung der Werkzeuge

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Die Geschäfte am Strassenrand haben die Eingänge mit jungen Bananenstauden, mit Blumen- oder mit Palmblattgirlanden dekoriert und viele geschmückte Autos, Lastwagen und Motorräder sind heute auf den Strassen unterwegs.

Es ist Ayudha Pooja. Als Teil von Navaratri werden heute, am neunten Tag,  alle Werkzeuge lobpreist und gesegnet. Für die Pooja sind Bananen absolut unerlässlich, denn die Bananenpflanze steht für Fruchtbarkeit und Reichtum, denn von der Bananenpflanze kann alles verwendet werden. Die Blätter werden als Teller gebraucht, der Stamm, die Früchte und auch die Blüten werden gegessen.

Ayudham bedeutet in Tamil Waffen, Werkzeuge. In den meisten Familien werden die wichtigsten Gebrauchsgegenstände durch eine Pooja gereinigt und gesegnet.

Nach der Pooja vor dem Hausaltar geht der Hausherr oder die Hausherrin mit einem Deepa-Aradhana (Deepa= Flamme, Aradhana= Umkreisung), einem Messinggefäss mit einer kleinen Flamme, im Haus umher und umkreist mit der Flamme alles was im Haus von Bedeutung ist. Dabei wird immer eine kleine Glocke geläutet. Die Wasserpumpe, der Sicherungskasten, der Mixer, die Nähmaschine, der Fernseher, der Computer, der Kochherd, der Kühlschrank, der Schmucktresor, die Waschmaschine … all diese selbstverständlichen Dinge, die uns den Alltag ungemein erleichtern, rücken ins Zentrum und werden gesegnet und lobpreist.

Auch die Schulbücher und Stifte der Schulkinder und Studenten liegen beim Hausaltar und werden gesegnet.

In jeder Berufsgruppe sieht die Ayudha-Pooja etwas anders aus. Soldaten und Polizisten segnen ihre Waffen, Handwerker ihre Werkzeuge, Schüler und Studenten ihre Bücher und Stifte, Rikshafahrer ihre Tuk-Tuks, …

Bei Prabhu auf der Baustelle werden immer alle Werkzeuge gereinigt und die Baustelle wird dekoriert. Jeder Arbeiter zerschlägt in einem kleinen Ritual einen gesegneten Backstein in zwei Teile. Danach bekommen alle Früchte, Süssigkeiten und einen Batzen, der dem Tageslohn entspricht.

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Besuch in einem Hindutempel – das solltest du wissen

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Thanjavur 

Wer eine Reise nach Indien wagt, kommt um einem Besuch in einem hinduistischen Tempel nicht vorbei. Berührungsängste braucht man eigentlich keine mitzubringen, denn in der Regel stehen Tempel Menschen aller Religionen offen. Manchmal darf man als AusländerIn nicht ins Allerheiligste, was man mit Gelassenheit respektieren sollte. Es gibt auch Tempel, die AusländerInnen keinen Zutritt gewähren. Im Guruvayur Tempel in Kerala wurde ich, obwohl ich ganz traditionell gekleidet war und meine Thali (die traditionelle Hochzeitskette), Zehenringe und Pottu (in Hindi Bindi) trug, nicht eingelassen. Nur mit einem hinduistischen Ehezertifikat hätte ich Zutritt bekommen. Diese Entscheidungen muss man einfach ruhig hinnehmen, denn argumentieren, bringt meistens gar nichts.

Tempel sind für gläubige Hindus heilige, bedeutsame Orte. Hier kommt man her um die Götter zu preisen, zu beten und oft auch um seine Sorgen und Nöte kundzutun.

Als ausländischer, andersgläubiger Gast sollte man sich daher immer ruhig und respektvoll verhalten.

 

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Chidambaram

Kleidung

Dies beginnt mit angemessener Kleidung.      Wenn man einen Tempelbesuch plant, sollte man unbedingt auf saubere, gepflegte und eher konservative Kleidung achten. Es müssen nicht unbedingt traditionelle, indische Kleider sein, die Kleidung sollte jedoch die andern Tempelbesucher nicht stören und ablenken.

Männer sollten lange Hosen und ein sauberes Hemd oder T-Shirt tragen. Kurze Hosen werden nicht gerne gesehen und oft bekommt man so auch keinen Zutritt. In einigen Tempeln in Südindien müssen Männer einen Dhoti (Wickelrock) tragen. Den kann man sich oft in einem Geschäft ausserhalb des Tempels gegen ein kleines Entgelt ausleihen. Es gibt auch Tempel, wo Männer nur mit Dhoti und nacktem Oberkörper rein dürfen.

Frauen sollten lange Hosen oder einen langen Rock tragen und ihre Schultern sollten bedeckt sein. Es empfiehlt sich einen Schal mitzunehmen mit dem man die Schultern und die Brust abdecken kann.

Man sollte vermeiden Lederprodukte in einen Tempel mitzubringen.

 

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Thiruvannamalai

Opfergaben

Vor dem Tempel kann man meistens Opfergaben kaufen. Kokosnüsse, Früchte und Blumen gehören immer dazu. Hindus glauben, dass Opfergaben die Götter erfreuen und so die Gebete eher in Erfüllung gehen. Die Opfergaben werden vor dem Schrein dem zuständigen Priester überreicht und im innersten Zimmer dem entsprechenden Gott dargeboten. Ins Innerste des Schreins hat nur der Priester Zutritt. Nachdem der Priester die Gaben vor Gott gesegnet hat, lässt er einen Teil bei der Gottheit und den anderen Teil bringt er zurück und übergibt ihn.

Opfergaben sind kein Muss und man ist in keinster Weise verpflichtet etwas zu kaufen und mitzubringen. Wir bringen beispielsweise nur selten Opfergaben mit. Das Gleiche gilt für Spenden.

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Schuhe

Mit Schuhen betritt man in Indien kein Haus und schon gar keinen Tempel. Schuhe gelten als unrein, da sie meist aus Leder gemacht sind und natürlich auch, weil sie schmutzig, staubig sind.

In grösseren Tempeln gibt es immer Stellen, wo man seine Schuhe für einige Rupees abgeben kann. Man erhält dann einen Token, so kann man seine Schuhe nach dem Tempelbesuch wieder abholen.

Manchmal kann man die Schuhe auch in einem kleinen Geschäft oder bei den Blumenverkäuferinnen abgeben. Die passen gegen ein kleines Entgelt gerne darauf auf.

Wer um seine teuren Schuhe Angst hat, sollte für den Besuch im Tempel einfach ein paar einfache Flip-Flops anziehen. Im Meenakshi-Tempel in Madurai beobachtete ich, wie eine Ausländerin ihre Schuhe in ihre Tasche stopfte. Bei der Taschenkontrolle wurde sie jedoch sehr unfreundlich und mit zornigen Blicken umgehend zurückgeschickt.

Wie sieht es aus mit Socken? Da streiten sich die Geister. Einige finden dies absolut unproblematisch und für andere gehören Socken zu den Schuhen. Ich gehe immer barfuss in einen Tempel.

 

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Rameshwaram

Fotografieren

In vielen berühmten Tempeln ist fotografieren verboten. Oft darf man nicht mal die Kamera mitnehmen. Mit den Smartphones hat sich nun alles verändert. Viele InderInnen und TouristInnen setzen sich leider schamlos über diese Verbote hinweg, da sie nicht mehr zu kontrollieren sind. Wenn man Fotos macht, sollte man sehr mit Bedacht und Respekt vorgehen und andere Tempelbesucher nicht stören oder ablenken. Wenn es untersagt ist, dann würde ich mir als Gast niemals erlauben zu fotografieren, auch wenn viele andere sich darüber hinwegsetzen. Betende Menschen zu fotografieren, finde ich persönlich nicht in Ordnung. Bei einem Tempelbesuch darf es nicht darum gehen, möglichst tolle Bilder zu knipsen, sondern in sich zu gehen und die Andacht und die Stimmung zu geniessen oder zu erleben.

 

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Tiruvannamalai

Im Tempel

Tempel sind in der Regel immer ähnlich aufgebaut. Meistens steht links Lord Ganesha. Ihm gehören immer die ersten Gebete. Er ist der Gott des Anfangs und der Überwindung aller Hindernisse. Danach geht man im Uhrzeigersinn durch den Tempel. Statuen von Gottheiten sollte man nicht berühren. In grossen Tempeln gibt es vor den Hauptschreinen oft separate Reihen für Frauen und Männer. Einfach gut beobachten und sich in die richtige Reihe stellen. Bei Unsicherheiten helfen die Besucher oder auch die Priester in der Regel gerne weiter.

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Priester

Priester sind auch nur Menschen und obwohl sie äusserst religiös sind, leuchten die Augen oft auf, wenn sie AusländerInnen erblicken. Geschäftstüchtig erhoffen sie sich einen grossen Batzen. So können sich Priester manchmal aufdringlich und geldgierig zeigen. Oft wollen sie Ausländern private Pooja-Zeremonien aufschwatzen oder sie zu unverschämten Spenden drängen. Manchmal offerieren sie sogar gegen eine entsprechend hohe Summe doch einen Blick ins Allerheiligste. Hier sollte man sich gänzlich zurückhalten, kein Interesse zeigen und nicht zahlen.

Es gibt leider auch sehr konservative Priester, die gar keine Freude haben, wenn AusländerInnen ihren Tempel besuchen. Ich wurde nach einem Darshan schon bewusst übergangen als ich mit offener rechter Hand vorbeiging um Vibhuti zu erhalten. Doch solche Erlebnisse sind nicht die Norm und kommen selten vor.

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Wunschbaum (vor allem für Kinderwünsche)

Beim Gott, Darshan

Vor dem Schrein faltet man seine Hände zum Namaste und verbeugt sich leicht. Wem dies zuviel ist oder wer sich dabei unwohl fühlt, sollte das Ganze aus der Entfernung beobachten. In grossen Tempeln hat es oft viele Menschen, die Gott sehen und sich segnen lassen wollen. Der Hinduismus und seine Rituale sind sehr vielfältig und oft sogar für Hindus undurchschaubar. Je nach Tempel läuft der Darshan, die Lobpreisung Gottes durch die Priester etwas anders ab. Meistens werden Lobgesänge und Mantras angestimmt und die Gottheit wird mit Flammen umkreist. Danach kommt der Priester zu den Gläubigen und überreicht je nach verehrter Gottheit Vibhuti, heilige Asche (Shiva) Kumkumpulver (Parvati), Sandelholzpaste (oft an Festtagen), Blumen oder Tulsi Wasser, heiliges Basilikum (Vishnu). Oft bekommt man auch Prasad, gesegnete Speisen (meist Süssigkeiten oder Hülsenfrüchte).

Wichtig hierbei ist, dass man es immer mit der rechten Hand entgegen nimmt. Die linke darf die rechte Hand stützen. Wer dies nicht beachtet, zieht mit Sicherheit den Zorn des Priesters auf sich.

Am besten man beobachtet genau und macht es einfach nach, dann geht in der Regel alles problemlos.

Nach dem Darshan verlässt man den Tempel nicht sofort. Man setzt sich ausserhalb noch etwas hin und verweilt eine Weile im Tempel.

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Madurai

 Bettler

Wenn man den Tempel verlässt, sitzen meistens Bettler da, die um Almosen bitten. Oft sind es alte Frauen und Männer oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Viele Tempelbesucher ignorieren diese und laufen einfach vorbei. Ich jedoch tue mich sehr schwer damit. Schon aus der Ferne beobachten und fixieren mich ihre Blicke. Das verzweifelte, hilflose „Amma, please!“ kann ich nicht übergehen. Aus diesem Grund schaue ich immer, dass ich Kleingeld dabei habe, so dass ich jedem einen 5er geben kann. Mehr als 10 Rupien sollte man nicht geben.

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