Der liegende Shiva in Surutapalli

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Letzten Sonntag fuhren wir wiedermal zum Pallikondeswara Tempel in Surutapalli. Der Tempel liegt in Andhra Pradesh in der Nähe zum Bundesstaat Tamil Nadu und man erreicht ihn in rund zwei Autostunden von Chennai aus.

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Renovierungsarbeiten in Surutapalli

Die Gegend ist voller spannender Geschichten. Lord Brahma wollte hier in der Nähe seine Sünden mit einem Opferfeuer wieder gut machen und zu Shiva beten. Mitten im Urwald suchte er Feuerholz und wollte mit dem Arani-Holz ein Feuer entfachen. Doch aus dem Holz entsprang kein Feuer, sondern ein Fluss, der Arani-Fluss. Tatsächlich erschien Shiva und er fragte Brahma, was er für ihn tun könnte. Brahma bat Shiva, sich am Fluss Arani entlang den Menschen fünfmal zu offenbaren und zu zeigen. Shiva erfüllte ihm diesen Wunsch und so entstanden fünf Tempel am Arani-Fluss. Einer davon ist in Surutapalli.

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Der Nandi-Bulle, das Reittier von Lord Shiva beim Tempeleingang

Der Tempel ist etwas Besonderes in ganz Indien. Hier findet man den einzigen liegenden Shiva auf dem Schoss von Parvati und den einzigen Dakshinamurthy (ein Aspekt von Lord Shiva als Guru), der mit seiner Frau dargestellt ist. Auch das Prinzip von Pradosham soll hier entstanden sein. Pradosham ist die günstige Zeit, die zweimal im Monat stattfindet, um seine Sünden Lord Shiva zu übergeben. Immer am 13. Tag von jeder Fortnight (14 Tage), 1,5 Stunden vor und nach dem Sonnenuntergang herrscht eine besonders günstige Zeit um sich mit Lord Shiva zu verbinden und ihm die Sünden und Fehler zu übergeben.

Nachdem die Devas (Götter) und die Asuras (Dämonen) den Milchozean aufgerührt hatten, um den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen, entstand auch das tödliche Gift Halahala. Um die Menschheit zu retten, trank Lord Shiva das Gift. Parvati hielt ihm jedoch die Kehle zu damit er es nicht runterschlucken konnte, das Gift stoppte in seinem Hals und färbte ihn blau.

Der Legende nach erreichte er ganz erschöpft und schwach Surutapalli. Hier lag er auf der Schoss seiner Frau Parvati und ruhte er sich aus. Die gesamte Götterwelt und viele Weise versammelten sich besorgt um den liegenden Shiva. Ganesha, Murugan mit seinen Frauen Valli und Deivanai, Vishnu, Brahma, Surya (Sonnengott), Chandra (Mondgott), Narada (Götterbote) und viele mehr standen um ihn herum und sorgten sich.

Ich finde diesen Tempel immer wieder schön und irgendwie kommt man hier zur Ruhe. Wir hatten einen wunderbaren Darshan und mit Sicherheit waren wir nicht zum letzten Mal in Surutapalli.

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Vijayadasami – aus meinem Tagebuch vom 21. Oktober 2007

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Suriyan sieht aus wie ein kleiner Prinz in seiner traditionellen indischen Kurta und der dicken Goldkette, die er von seinen Grosseltern geschenkt bekommen hat.

In der Playschool feiern wir heute Vijayadasami, es ist der Tag des Neustarts. Eigentlich der ideale Zeitpunkt um ein Geschäft zu gründen oder eine Ausbildung anzufangen. An der Schule werden neue Kinder aufgenommen und alle Schüler dürfen an einer Segnung teilnehmen. Vijayadasami ist der zehnte und letzte Tag von Navaratri und in Tamil Nadu ist die Schirmherrin die Göttin Saraswati. Sie ist die Göttin des Wissens und der Künste. Wenn es um Lernen, Erziehung, Ausbildung und Kunst geht, ist sie die richtige Ansprechperson.

Im Unterrichtsraum haben die Lehrerinnen einen schönen Altar aufgebaut. Bilder von Saraswati und Gansha stehen mit Blumengirlanden geschmückt darauf. Lord Ganesha darf an diesem Tag natürlich auch nicht fehlen, denn er beseitigt alle Hindernisse.

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Am Boden sind wunderschöne farbige Rangoli gestreut. Suriyan darf seiner Playschool-Auntie auf den Schoss sitzen und in eine grosse, silberne Schüssel gefüllt mit Reis das heilige Zeichen OM schreiben. Bevor die Kinder beginnen zu schreiben, wird dieses Ritual durchgeführt.

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Suriyan faltet vor dem Altar kurz seine Hände zum Gebet und danach bekommt er ein kleines Geschenk.

Für die Lehrerinnen haben wir Früchte und einen grosszügigen Batzen mitgebracht, denn es ist auch ein Tag um sich beim Guru (Lehrer) zu bedanken, ihn zu ehren und zu beschenken.

Navaratri – neun Nächte für die Göttinnen

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Navaratri sind wichtige Feiertage im hinduistischen Jahreslauf. Das Fest dauert neun Nächte und wird nach dem Hindukalender im Monat Ashwin gefeiert. Das Fest richtet sich nach dem Mond und findet in der hellen Mondphase statt.

In Indien wird Navaratri sehr unterschiedlich gefeiert. Doch ein gemeinsames Thema zeigt sich überall: Der Sieg des Guten über das Böse.

In Tamil Nadu stehen die drei Göttinnen Durga, Lakshmi und Saraswati im Zentrum.

Es gibt viele Inkarnationen der Göttin Durga. Mit mindestens 108 Namen wird sie aufgerufen. Die wichtigste Funktion der Göttin ist es, das Böse zu zerstören und das Gute zu wahren. Sie gilt als Mutter des Universums. Sie ist die Kraft hinter der Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung des Universums. Sie wird mit acht oder sogar zehn Armen dargestellt, trägt Waffen und reitet auf einem Löwen oder Tiger. In Tamil Nadu wird sie Amman genannt.

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Lakshmi ist die Göttin des Wohlstandes, des Glücks und der Schönheit. Sie ist die Frau Vishnus und eine gütige und gnädige Göttin.

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Saraswati ist die Göttin der Künste, des Wissens und der Weisheit. Sie ist die Frau von Brahma und wird mit vier Armen dargestellt. Sie hält die heiligen Schriften, eine Lotusblüte und mit zwei Händen spielt sie das indische Saiteninstrument Veena. Sie schliesst das zehntägige Navaratri-Fest am letzten Tag ab. An Vijayadashami legen die Schüler und Studenten ihre Bücher vor ihr nieder und bitten sie um ihren Segen.

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Während des Navaratri-Festivals bekomme ich immer wieder Einladungen. Viele Familien, vor allem Brahmanen, stellen während Navaratri in ihren Häusern Golus auf. Dabei handelt es sich um eine schöne Tradition in Tamil Nadu. Auf Treppenstufen werden farbige Figuren aufgestellt. Die Stufen symbolisieren quasi die Entwicklungsstufen. Auf den untersten Stufen stehen Steine, Pflanzen, Tiere und danach wird oft das ländliche Alltagsleben der Menschen dargestellt. Wieder eine Stufe höher stehen dann die Gurus, die Lehrer und die obersten Stufen sind für die Götter und Göttinnen.

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Liebevolle Details aus dem Alltagsleben

 

Ein Golu bleibt während der ganzen Navaratri-Zeit stehen. Man lädt Familie, Freunde und Bekannte ein. Meistens wird den Gästen Sundal (Hülsenfrüchte) und eine Süssigkeit angeboten. Verabschiedet wird man dann mit Sandelholzpaste, Kumkumpulver und Vibhuti, die man sich auf der Stirn aufträgt und immer gibt es auch noch ein kleines Geschenk.

An Suriyan’s Schule findet während Navaratri auch immer die Garba-Night statt. Dies ist ein Brauch aus dem Norden. Man tanzt gemeinsam, viele bringen Dandiya-Stöcke mit, die zum traditionellen nordindischen Garba-Tanz gehören.

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Kanyakumari – die südlichste Stadt Indiens

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Dröhnend erschallten harsche, unfreundliche Parkanweisungen über Lautsprecher als wir die Kleinstadt Kanyakumari erreichten. Eine Heerschar von geparkten Bussen und Autos liessen mich schon Böses ahnen. Jährlich zieht es Millionen von Pilgern und Touristen nach Kanyakumari. Hässliche Neubauten reihten sich ohne Charme aneinander und der bedeckte Himmel, der bereits am Nachmittag für düstere Stimmung sorgte, machte es auch nicht wirklich besser.

Das soll dieser besondere Ort sein, wo man Sonnenaufgang und –untergang vom gleichen Platz beobachten kann?

Hier sollen sich die Bengalische See, der Indische Ozean und das Arabische Meer vereinen?

Meine Vorstellungen und Erwartungen waren eindeutig zu romantisch!

Die Lautsprecher dröhnten nervend weiter und wir suchten unser Hotel, das im Stadtzentrum lag, natürlich in einem dieser hässlichen Gebäudekomplexe. Wenigstens hatte Prabhu die Zimmer im obersten Stock gebucht und auf der riesigen Dachterrasse bot sich eine wunderschöne Aussicht auf das Meer. Auf den zwei Felsen, die nicht weit von der Küste liegen, sahen wir das Vivekananda Memorial. Hier soll der berühmte indische Philosoph Vivekananda 1893 drei Tage lang meditiert haben. Auf dem anderen Felsen steht die über 40m hohe Statue des tamilischen Dichters Tiruvallur. Beide Inseln kann man mit dem Boot besuchen. Auch entdeckten wir das Gandhi Mandapam, eine Gedenkstätte für den grossen Mahatma Gandhi, dessen Asche nach seinem Tod 1948 an dieser Stelle dem Meer übergeben wurde.

Insgeheim stellte ich mir den Sonnenuntergang und –aufgang schon in allen orange-roten Farbstufen vor. Das würde sicherlich tolle Fotos geben. Zuversichtlich hoffte ich, dass der Himmel gegen Abend aufklären würde.

Etwas später machten wir uns auf den Weg zum berühmten Kumari Amman Tempel. Kumari Amman ist die jungfräuliche Göttin, die viele zum Weinen bringt, wenn man zu ihr betet. Man glaubt, dass sie die Starrheit in unserem Geist auflösen kann. Dargestellt wird sie mit einer Gebetskette, einer Japamala und ihr Reittier ist ein Löwe oder ein Tiger.

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Eigentlich sollte die junge Prinzessin mit Lord Shiva vermählt werden. Der Hochzeitstag und die Uhrzeit, die man genau einhalten musste, waren schon ausgemacht und Shiva bereits auf dem Weg zu seiner Braut. Doch die Devas baten den Götterboten Narada inständig die Hochzeit zu verhindern, da nur eine Jungfrau den mächtigen Dämon Banasura vernichten könnte. So täuschte Narada in der Form eines Hahnes eine falsche Uhrzeit vor. Shiva, der dachte, dass er nicht pünktlich zur Hochzeit eintreffen würde, kehrte traurig um und die Hochzeit fand nicht statt. Kumari wurde sehr wütend, beschloss aber jungfräulich zu bleiben und weiterhin Lord Shiva die Treue zu halten. Ihr Zorn verlieh ihr ungeahnte Kräfte und später gelang es ihr den mächtigen Dämon Banasura zu töten.

Auf dem Weg zum Tempel säumten sich viele Marktstände. Aufdringliche Händler und Verkäufer boten lautstark ihre Waren feil. Die Menschenmassen nahmen immer mehr zu und der Tempel erschien eng und klein. Während unsere Gäste sich mit unserem Fahrer in den Tempel wagten, warteten wir geduldig bei den Ghats. Keiner von uns hatte Lust sich in diese Menschenmenge zu stürzen. Auch der Abend brachte uns kein Glück. Vom Sonnenuntergang war nichts zusehen und auch der Sonnenaufgang am nächsten Morgen wurde hinter einer dichten Wolkendecke versteckt.

Obwohl man Kanyakumari eine gewisse spirituelle Atmosphäre nicht absprechen kann, wurde ich nicht warm mit diesem Ort. Vielleicht müsste ich Kanyakumari nochmals bei schönem Wetter und in der Nebensaison eine Chance geben. Mit solchen Bildern könnte Kanyakumari dann auftrumpfen.

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Happy Vinayaka Chaturthi

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Heute feiern wir Vinayaka Chaturthi, Lord Ganeshas Geburtstag. Es ist ein wichtiger Feiertag im Hinduismus und die Schulen haben geschlossen. Ganesha, der elefantenköpfige Gott, ist mein Lieblingsgott in der hinduistischen Götterwelt. Für mich strahlt er Ruhe, Gemütlichkeit, Weisheit und unendliche Geduld aus. Scheinbar wird er niemals zornig und für alles, was neu beginnt und für die Bewältigung von Hindernissen ist er der ideale Begleiter. Besucht man einen Tempel, dann ist Ganesha meistens auf der linken Seite zu finden und die ersten Gebete gehören immer ihm.

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Über seine Geburt ranken sich viele Legenden. Eine erzählt davon, dass Parvati, Shivas Frau, Ganesha aus Lehm erschaffen hat. In der Abwesenheit von Shiva formte sie einen schönen Jungen und erweckte ihn mit Gangeswasser zum Leben. Sie nannte das reine Wesen Ganesha und beauftragte ihn ihr Badehaus zu bewachen. Als Lord Shiva nach Hause kam und Einlass verlangte, verwehrte ihm Ganesha diesen. Shiva wurde so zornig, dass er Ganesha den Kopf abschlug. Parvati war untröstlich über den Verlust und so befahl Shiva seinen Dienern den Kopf des ersten Lebewesens zu bringen auf welches sie treffen würden. Kurz darauf brachten diese den Kopf eines Elefanten. Shiva setzte den Kopf auf den enthaupteten Rumpf und brachte Ganesha ins Leben zurück.

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In der Küche wird heute einiges los sein. Modak, in Tamil Kozhukattai, Ganeshas Lieblingssüss-Speise wird zubereitet, eine Art Dumplin mit einer Nussfüllung. Schon gestern haben wir die Nussfüllung zubereitet.

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An den Strassenrändern werden schon seit Tagen Ganesha-Figuren aus ungebranntem Ton verkauft. Diese werden nach einer Pooja-Zeremonie einige Tage später dem Wasser, oft dem Meer, übergeben. Leider sind die Ganesha-Figuren oft auch bemalt oder es werden billigere Gipsfiguren verwendet. Die Leute werfen die Figuren dann mitsamt Dekorationen ins Meer- die immense Verschmutzung, die daraus resultiert kann man sich vorstellen.

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Der Tempel in unserer Nähe wird am Abend Lord Ganesha ausführen. Auf einem wunderschön mit Blumen geschmückten Götterwagen dreht er eine Runde durch unser Quartier. Hören die Leute die Trommler, die voran gehen, strömen sie aus ihren Häusern, bringen Opfergaben und beten zu Lord Ganesha.

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Mutter Ganga – der heilige Fluss

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Oh Mutter Ganga,

Du bist der Halsschmuck auf dem Kleid der Erde.

Du bist es, durch die man den Himmel erreicht.

Oh Bhagirathi, ich bitte dich, möge mein Körper vergehen, nachdem er an Deinen Ufern gelebt und Dein reines Wasser getrunken hat;

Nachdem ihn Deine Wellen geschaukelt und er Deinen Namen gedacht hat.

aus der Ramayana

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Der Ganges ist mit über 2600 km der zweitlängste Fluss Indiens. Er entspringt im Himalaya im Bundesstaat Uttarakhand, durchfliesst die grosse Ebene Nordindiens und mündet schliesslich in Bangladesch in die Bengalische See.

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Je länger er durch Indien fliesst, desto schmutziger wird er. Abwässer und Schadstofffe werden unbedacht in Indiens Flüsse geleitet. Mutter Ganga, wie der heiligste Fluss Indiens genannt und verehrt wird, ist davon nicht ausgeschlossen. Trotz der extremen Verschmutzung ist die Bedeutung des heiligen Wassers ungebrochen. Scheinbar hat man in Untersuchungen festgestellt, dass der Ganges im Vergleich zu anderen Flüssen Indiens über eine dreimal höhere Selbstreinigungskraft verfügt. Vielleicht wird der Fluss durch die vielen Gebete tatsächlich etwas gereinigt, wer weiss …

Der Ganges ist ein Strom des Lebens und für die Agrarwirtschaft sehr wichtig.

Doch warum ist der Ganges der heiligste Fluss Indiens und warum wird er so verehrt?

Über den Ganges finden sich zahlreichen Mythen und Legenden. Die wohl bekannteste erzählt von der Herabkunft der Ganga (Gangadhara-Murti).

Die Söhne des Königs Sagara waren sehr boshaft und unehrenhaft. Rishi Kapila, ein Weiser und Erleuchteter setzte dem schliesslich ein Ende. Mit seinem Feuerblick verbrannte er die Prinzen zu Asche. Der König war untröstlich, dass er für seine Söhne nicht die nötigen Totenrituale durchführen konnte und so ihre Seelen unerlöst blieben. Rishi Kapila meinte, dass die Prinzen nur durch die Hilfe der als Milchstrasse fliessenden Ganga Erlösung finden würden.

Doch erst ganze drei Generationen später wurde jemand geboren, der dazu imstande sein sollte Ganga vom Himmel zu holen.

König Bhagiratha versank viele Jahre in Askese und Meditation bis er genug Kraft gesammelt hatte, um die Göttin Ganga zu rufen. Tatsächlich erschien ihm die Göttin und war bereit zu helfen. Sie warnte jedoch König Bhagiratha vor den alles zerstörenden Wassermassen. Nur Gott Shiva wäre in der Lage die riesigen Wassermassen sanft aufzufangen.

1000 Jahre versank Bhagiratha auf dem heiligen Berg Kailash im Gebet zu Lord Shiva bis dieser endlich seine Hilfe zusagte. Mit seinem Haaren fing er die Wassermassen auf und teilte sie in sieben Ströme. Indien besitzt seither sieben heilige Flüsse, wobei der Ganges der heiligste ist.

Der Ganges ist die personifizierte Muttergöttin Ganga, sie ist lebendige Wasserform.

Die Mutter Ganga ist die Göttin der Reinheit, der Fruchtbarkeit, der Erlösung und der Gesundheit.

Dem heiligen Wasser werden heilende, erlösende Kräfte zugesprochen. Gangeswasser dient in vielen religiösen Riten zur spirituellen Reinigung. Von Pilgerreisen an den Ganges bringen die Pilger für die Daheimgebliebenen immer Gangeswasser mit. Oft wird es auch in die Tempelteiche gegossen, damit alle daran teilhaben. Mindestens einmal im Leben sollte jeder Hindu in die heiligen Fluten tauchen. Überall wird im Ganges gebadet. Man bittet Ganga um Schutz und Befreiung. Zur Lobpreisung und zum Dank werden dem Ganges oft Lichter und Blumen übergeben.

Auch im Tod hat der Fluss eine zentrale Bedeutung. Varanasi ist wohl die bekannteste Stadt am Ganges. Hier wird der Leichnam vor dem Verbrennen ins heilige Wasser getaucht und die Asche danach Mutter Ganga übergeben und in den Fluss gestreut.

Viele alte, kranke und sterbende pilgern als letzte Reise dorthin. In Sterbenshospizen warten sie auf den Tod und die Erlösung. Man sagt, wer in Varanasi stirbt, sei befreit von Karma und Wiedergeburt.

Mein Schwiegervater erzählte mir, dass in früheren Zeiten viele die letzte Reise nach Varanasi angetreten hätten. Doch diese Pilgerreisen waren anstrengend, man war zu Fuss unterwegs und oft dauerte die Reise, wenn man Varanasi überhaupt erreichte, viele Jahre.  Hab, Gut und familiäre Beziehungen wurden loslassen, das eigene Ego aufgegeben. So kamen scheinbar viele bereits geläutert in Varanasi an. Heutzutage ist dies natürlich ganz anders und ich kann mir kaum vorstellen, dass es die Erlösung, das Nirvana einfach so durch eine Verbrennung in Varanasi gibt.

Mutter Ganga wird als attraktive junge Frau dargestellt. Ihr Reittier ist ein krokodilähnliches Wesen. Darstellungen von Ganga findet man oft zusammen mit der anderen Flussgöttin Yamuna bei Tempelportalen. Sie soll Glück verheissen, Segen spenden, von Sünden befreien und Unheil abwenden.

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Haridwar – Baden im heiligen Ganges

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Von einer Reise nach Haridwar, einer wichtigen Pilgerstadt am heiligen Ganges, träumt jeder gläubige Hindu. In dieser Stadt dreht sich alles um Religion, Tempel, Poojas und natürlich um das rituelle Bad im heiligen Fluss.

Wir besuchten Haridwar während eines Tagesausfluges von Mussoorie aus. Nach den relaxten Tagen auf der Hillstation kam mir Haridwar wie ein riesiger Ameisenhaufen aus Menschen vor. Was für ein Gewusel und Gewimmel von Menschen! Ich konnte einfach nur staunen. Dabei waren während der Mittagszeit wohl verhältnismässig wenige Menschen hier.

Wo es viele Pilger hinzieht, sind natürlich auch die Bettler und Geschäftemacher nicht weit entfernt. Natürlich fiel ich zwischen all den indischen Pilgern auf wie ein bunter Hund und dementsprechend oft wurden wir auch angebettelt. Normalerweise sind wir eigentlich grosszügig und geben einen 5er oder 10er, wenn alte Menschen betteln. Hätten wir jedoch angefangen unser weniges Kleingeld zu verteilen, hätte es kein Ende gegeben. So beschlossen wir 20 Bettlern ein Mittagessen zu bezahlen. Das Menu war bereits gekocht und die Bettler schnell zu Stelle, so dass Prabhu nochmals für 10 nachzahlte.

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Auch die Grösse und Breite des Ganges hat mich sehr beeindruckt. Ich glaube kaum, dass ich je zuvor so einen breiten Fluss gesehen habe.

Das Har-ki-Pauri Ghat war voller Menschen. Während wir nur unsere Füsse im heiligen Fluss wuschen, nahmen die meisten Pilger ein rituelles Vollbad. Doch der Ganges ist nicht einfach so ein nettes Flüsschen zum kurz Reinspringen, starke Strömungen machen dieses Unterfangen gar nicht so einfach. Daher hat es überall Metalketten, wo sich die Pilger festhalten können. Als ich genauer hinsah, entdeckte ich unter der Brücke etwas flussabwärts überall Ketten zum Festhalten, scheinbar ist der eine oder andere Pilger auch schon von der Strömung mitgerissen worden. Da die meisten Inder nicht schwimmen können, scheint es mir gar nicht so ungefährlich.

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Doch nicht nur die Muttergöttin Ganga, wie der Ganges in Indien genannt wird, macht Haridwar für Pilger so bedeutsam. Man glaubt auch, dass in Haridwar ein Tropfen Amrit, Nektar der Unsterblichkeit auf die Erde fiel.

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Der Legende nach rührten die Devas (Götter) und die Asuras (Dämonen) mit Hilfe der Schlange Vasuki den Milchozean auf, um den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen. Dhanvantari, eine Inkarnation von Lord Vishnu, trug den Nektar in einem runden Krug aus dem Milchozean. Doch die Götter und die Dämonen gerieten darauf in einen heftigen Streit und so fielen vier Tropfen des Amrits auf die Erde. Allahabad, Haridwar, Ujjain und Nashik sind aus diesem Grund ganz besondere Pilgerstädte. Zu ganz bestimmten astrologischen Zeiten und Konstellationen, die schon vor langer Zeit berechnet wurden, sollen sich die Tropfen des Amrits manifestieren. Die Pilger glauben, dass an diesen Tagen die Auflösung der Sünden und des Karmas möglich ist.

Diese wichtigen Festtage finden an der Kumbh Mela, dem Krug-Fest statt. Die Kumbh Mela gilt als das grösste religiöse Fest im Hinduismus und auf der ganzen Welt. Die vier Städte wechseln sich bei der Ausrichtung des Festes ab. Es gibt 5 verschiedene Arten der Kumbh Mela und sie finden in einem 3-, 6-, und 12-Jahresrhythmus statt.

Viele Sadhus, die sonst in Abgeschiedenheit leben, reisen nur für diese Festlichkeiten von weit her an. Neben den rituellen Waschungen sind die oranggekleideten Bettelmönche oder die halb- oder ganz nackten Babas die Hauptattraktion der Kumbh Mela. Doch bei über 3 Millionen Besuchern möchte ich da ehrlich gesagt lieber nicht dabei sein.

Hat man Zeit in Haridwar etwas länger zu bleiben, sollte man unbedingt am Ganga Aarti teilnehmen. Nach Sonnenuntergang kommen viele Priester von allen Tempeln in Haridwar zusammen und lobpreisen die Götter mit Feuer und Blumen. Tausende von Öllichtern erhellen die Nacht und die Priester schwenken und kreisen mit ihren Öllampen. Auch die religiösen Gesänge, die Bhajans erklingen und viele legen als Dank und Ehrerbietung Blumen in den heiligen Fluss.

Mehr Informationen über den heiligen Ganges findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/08/30/mutter-ganga-der-heilige-fluss/