Kanchipuram – alle wollen Lord Athi Varadar sehen

Menschenmassen

Incredible India – ja, so ist es tatsächlich! Auch nach über zehn Jahren in diesem Land bringt mich Indien immer wieder zum Staunen.

In Kanchipuram durfte Lord Athi Varadar (Avatar Vishnus) nach 40 Jahren im Tempelteich wieder einmal an die frische Luft. Dieses große Ereignis bringt mehrere Hunderttausend Gläubige aus ganz Indien in den Varadaraja Perumal Tempel. Um einen kurzen Blick auf die Gottheit zu werfen, nehmen die Menschen vieles in Kauf. Barfuß stehen sie für viele Stunden fünf Kilometer lang in der heißen Sonne. Ein Carrom-Kollege von Prabhu hat dies tatsächlich auf sich genommen und meinte im Nachhinein, dass dies ein grosser Fehler war. Seine Fußsohlen waren voller Brandblasen und mehr als einen kurzen Blick konnte er nicht erhaschen.

Der Legende nach hatten Gott Brahma und seine Frau Saraswati einen Streit. Scheinbar vergaß Brahma, seine Liebste zu einer wichtigen Feuerzeremonie einzuladen. Darauf wurde die Göttin so wütend, dass die den Fluss anschwellen ließ, um die heiligen Feuer zu löschen. Brahma bat Lord Vishnu zu Hilfe und dieser legte sich als Athi Varadar in die Fluten und stoppte das Wasser.

Ursprünglich wurde die Götterstatue wohl im Tempelteich versenkt, um sie vor der Zerstörung durch islamische Eroberer zu bewahren. Die Leute glauben, dass das heilige Wasser vom Varadaraja Perumal Tempel unglaubliche Kräfte besitzt.

Vom 1. Juli bis zum 18. August darf die Gottheit an die Erdoberfläche. Da sie nur alle 40 Jahre für 45 Tage aus den Tempelteich geholt wird, ist ein Darshan von Lord Athi Varadar im Leben eines Menschen ein einmaliges Erlebnis. Nur wer ein hohes Alter erreicht, könnte es theoretisch zweimal schaffen.

Irgendwie wäre es verlockend, dies selbst zu erleben, aber wenn ich an die riesigen Menschenmassen, die brennende Sonne und die Brandblasen an den Fußsohlen denke, da schaue ich mir das Ganze doch lieber im Fernseher an.

Werbeanzeigen

Mein indisches ABC

A – wie Affen

Affenbanden streifen immer wieder durch unser Quartier. Die Mütter tragen ihre süßen Babies unter dem Bauch und die Teenager klettern draufgängerisch an Strom- und Wasserleitungen herum. Doch aufgepasst, denn so süß, wie sie aussehen, sind sie nicht!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein Affenmännchen zeigt seine gefährlichen Beisserchen.

B – wie Bananen

Lange Zeit kannte ich nur Chiquita-Bananen. Wie tat sich hier in Indien eine neue Bananen-Welt für mich auf. Hier gibt es über 20 verschiedene Bananensorten. Rote Bananen, Kochbananen, gelbe und grüne, kleine und große, …

Banane ist definitiv nicht Banane. Ich mag die Malai Vazhaiparam am liebsten. Das sind kleine, süße Bananen aus den Niligrisbergen. Wusstet ihr, dass Indien weltweit am meisten Bananen produziert?

037
Bananenstaude bei uns zu Hause.

C – wie Cricket

Cricket ist in Indien im Moment omnipräsent. Seit Ende Mai findet nämlich der Cricket World Cup 2019 statt. Heute spielt Indien gegen Neuseeland im Halbfinal. Mein Mann, der früher ein ausgezeichneter Cricket-Spieler war und für den Bundesstaat Tamil Nadu gespielt hat, ist absolut verrückt nach dieser Sportart. Er ist damit nicht der Einzige, denn die meisten Inder und Inderinnen stehen auf Cricket. Bis jetzt fand ich diesen Sport, der ein Mix zwischen Baseball und Brennball ist, eher langweilig. Doch ich muss gestehen, dass ich mir bei diesem World Cup einige Spiele angesehen habe. Und ja, manchmal war es sogar richtig spannend!

Cricket world cup

D – wie Dämonenfratzen

Diese findet man vor allem an Häusern und an Lastwagen. Diese scheußlichen Fratzen sind eigentlich zur Dämonenabwehr gedacht. Sie sollen das Böse und Schlechte abwenden. Auch an unserem Haus hängt eine Dämonenfratze.

007 (2)

E – wie Elefanten

Ich liebe Elefanten! Wir haben in Nationalparks schon oft wilde Elefanten gesehen. Gefangene Tiere, die zum Kommerz und zum Arbeiten brutal abgerichtet wurden, tun mir jedoch schrecklich leid.

Der Lebensraum dieser wunderschönen Tiere wird leider immer mehr eingeschränkt, sodass es häufig zu Konflikten kommt. Von 2015-2018 kamen in Indien mehr als 1700 Menschen durch Elefanten zu Tode. Im Gegenzug werden jährlich rund 80 Elefanten getötet.

Elefanten 4
Wilde Elefanten in Bandipur

F – wie Feiertage

An Feiertagen mangelt es hier nicht. Hat man schulpflichtige Kinder, sind im Jahresverlauf viele Tage schulfrei. Die indische Regierung hat neben nationalen und hinduistischen Feiertagen auch andere Religionen berücksichtigt.

So ist der Karfreitag und Weihnachten schulfrei. Auch an einigen muslimischen Feiertagen, wie Eid ul-Fitr und Eid ul-Adha müssen indische Kinder nicht zur Schule.

ochsengespann 1
Das wichtigste hinduistische Fest für die Tamilien ist das viertägige Erntedankfest Pongal.

 

G – wie Ganesha

Mein Lieblingsgott in der vielfältigen hinduistischen Götterwelt ist definitiv Lord Ganesha. Der Gott mit dem Elefantenkopf wird in Indien sehr verehrt. Er ist der Gott des guten Anfangs und der Überwinder aller Hindernisse. Für alle neuen Herausforderungen wird er um Hilfe gebeten und auf Hochzeitseinladungen ist er stets präsent, um den Beginn der Ehe zu unterstützen. Was ihn für mich so sympathisch macht, ist dass er nie ungeduldig oder zornig wird.

Wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam, erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/09/13/happy-vinayaka-chaturthi/

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

H – wie Hanuman

Ein anderer populärer Gott ist Hanuman. Er ist quasi der Superman der hinduistischen Götterwelt und ein treuer Anhänger von Lord Rama.

Im großen hinduistischen Epos Ramayana spielt er eine wichtige Rolle. Mit seinen übermenschlichen Kräften half er Lord Rama seine Frau Sita, die von dem bösen Dämonen Ravana entführt wurde, zu befreien.

481C75DE-89A1-4C02-8717-918DCAFF0038

I – wie Idly

Die kleinen Reis-Linsen-Küchlein sind aus der südindischen Küche nicht wegzudenken. In Tamil Nadu werden sie zum Frühstück oder zum Nachtessen zubereitet. Mit verschiedenen Chutneys und Sambar schmecken sie einfach herrlich.

stick schwarz 1149
Idly mit Sambar und Tomaten- und Kokosnuss-Chutney

J – wie Jackfruit

Eine Frucht, die ich erst in Indien kennenlernte, ist die Jackfruit. In den heißen Sommermonaten hat die süße Frucht Hochsaison. Ich liebe sie! Auch die Kerne kann man kochen und essen. Sie schmecken leicht nussig und passen gut zu Drumsticks.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Jackfruits auf dem Weg nach Ooty

K – wie Kingfisher

Der wunderschöne Eisvogel ziert das Label der indischen Bierfirma Kingfisher. Mein Mann mag dieses Bier mit Abstand am liebsten. Ich kann mit Bier, ob indisch, deutsch oder schweizerisch nichts anfangen. Doch Eisvögel in natura liebe ich über alles. Der White-throated Kingfischer lässt sich in unserem Quartier immer wieder blicken. Höre ich sein lautes, durchdringendes Geschnatter, dann entdecke ich ihn meistens auf einem Hausdach oder einer Stromleitung.

Kingfisher Beer

 

L – wie Lungi

Wie lustig und komplett neu fand ich am Anfang meiner Indienzeit die traditionelle Männermode in Tamil Nadu. Neben dem traditionellen weißen Wickelrock Dhoti, tragen viele Arbeiter oft karierte Lungis.

Auch der Lungi ist eine Art Wickelrock, der lang oder wie ein Minirock zur Hälfte gefaltet, getragen wird.

 

M – wie Monsun

In Tamil Nadu beginnt die Regenzeit normalerweise im Oktober, November manchmal auch erst im Dezember. Doch der Monsun kann es den Menschen kaum recht machen. Da gibt es Jahre, wo die riesigen Wassermassen Häuser fluten, Strassen zu Flüssen anschwellen lassen und wo Menschen Hab und Gut verlieren. Und dann gibt es Jahre, wie das letzte, wo es kaum regnet. 2018 hatten wir nur 45 Prozent der normalen Niederschläge. Wie abhängig das Land und die Menschen vom Monsun sind, zeigt sich momentan besorgniserregend in Tamil Nadu. Meine neue Heimatstadt Chennai leidet unter akutem Wassermangel. Die Wasser-Reservoirs sind leer und die Grundwasserspiegel auf Tiefstand. Vielerorts hat es kein Wasser mehr und die Menschen müssen Wasser in schweren Wasserbottichen nach Hause schleppen. Wasser ist für viele nicht mehr selbstverständlich.

image (2)
Unsere Quartierstrasse

 

N – wie No problem

„No problem, Madam!“ Diese drei kleinen Worte höre ich in meiner neuen Heimat immer wieder. Sei es die Schneiderin, die den Halsausschnitt meiner Kurta zu eng geschneidert hat oder der Elektriker, der die vorgängig bestellte LED-Lampe auswechseln sollte, aber die falsche mitbringt. In Indien gibt es keine Probleme, sondern nur Lösungen. Manchmal sind diese nicht perfekt und zufriedenstellend, aber Lösungen.

 

O – wie Old Monk

Der indische Rum Old Monk ist inzwischen fester Bestandteil in unserem Haushalt.

In heissem Wasser und mit etwas Honig wirkt er super bei allen Erkältungs- und Durchfallerkrankungen.

Er schmeckt uns jedoch auch zum Cricketmatch mit Cola und Zitrone ;-).

Old Monk

 

P – wie persönliche Fragen

Für Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind, wirken die indischen Landsleute manchmal ungehobelt und frech. Während man bei uns die Konversation mit unbekannten Menschen sorgfältig beginnt und sich über das Wetter austauscht, so fällt der Inder sofort mit der Tür ins Haus. „Are you married? Do you have children? What’s your profession? What’s your husband’s profession? Is this your own house? How much rent do you pay?“ Ich wurde sogar schon noch dem Gehalt meines Mannes gefragt! Ehrlich gesagt, finde ich dies immer noch gewöhnungsbedürftig und nicht grade kommunikationsfördernd.

 

Q – wie Qualität

In meiner alten Heimat ist gute Qualität immer und überall die Norm. Als Schweizerin bin ich damit aufgewachsen, dass Wände gerade sind, dass Fenster auf den Millimeter genau passen, dass Fließen perfekt gelegt und dass sanitäre Installationen funktionieren. Tja, in Indien werden Perfektionisten hart auf die Probe gestellt und manch ausgebildeter Handwerker würde sich hier die Haare raufen und nach zwei Wochen kahlköpfig nach Hause reisen.

Den Vogel hat bei uns ein Sanitär abgeschossen, der weil das WC-Rohr nicht genau passte, still und heimlich zu breitem Klebeband griff. Das Ende der Geschichte: ein riesiger Wasserschaden, der mit viel Geld und Aufwand behoben werden musste.

Quality

 

R – wie Rangoli

Rangoli oder auch Kolams sind Muster, die indische Frauen jeweils am Morgen und am späten Nachmittag mit weissem Kalk- oder Reispulver vor den Hauseingang streuen.

Die Muster sollen Besucher willkommen heißen und das Böse abwenden. Zuerst wird der Boden mit Wasser gereinigt und gewischt. Danach werden die Dots, die Punkte, die sich je nach Kolam oder Rangoli unterschiedlich anordnen, in gleichmäßigen Abständen ausgelegt.

An Festtagen werden die Rangoli bedeutend aufwendiger und es werden teilweise auch farbige Pulver eingesetzt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

S – sehr scharf

Karam bedeutet in Tamil scharf und so muss das Essen in meiner indischen Familie sein. Bei fast allen Gerichten kommen Chilis oder Chilipulver dran. Als mein Schwiegervater im Spital lag, war er gänzlich unzufrieden mit dem Essen, das serviert wurde. „Karam ille!“, hörte man ihn bei jeder Mahlzeit jammern. Das bedeutet, dass es nicht scharf ist, dass es keinen Geschmack hat.

Schließlich bekam der Arme dann sein gewohntes, scharfes Essen von Zuhause. Ich habe mich inzwischen sehr an das scharfe Essen gewöhnt und liebe es.

Chili

 

T – wie Tuk-Tuk

Die gelb-schwarzen Tuk-Tuks sind aus dem Straßenbild Chennais kaum wegzudenken. Die wendigen, dreirädrigen Rikshas werden hier in Tamil Nadu jedoch Outo genannt, was anfänglich durchaus zu Missverständnissen führen kann. Im dichten Straßenverkehr finden sie jede Lücke und drängeln sich überall durch. Sehr praktisch kann man sich ein Tuk-Tuk nun über Ola oder Uber buchen. So entfällt das nervige Handeln um den Fahrpreis und man ist, da man den Namen des Fahrers und die Autonummer bekommt sicher unterwegs.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

U – wie unpünktlich

Nach über 10 Jahren in Chennai sollte ich es eigentlich wissen.

Habe ich Gäste eingeladen, kommen die in der Regel eine halbe bis eine Stunde zu spät. Punkto Zeit bin und werde ich wohl immer Schweizerin bleiben. Es könnte ja sein, dass plötzlich die Gäste doch pünktlich oder früher als erwartet eintreffen.

Auch bei Schulanlässen kommen viele immer zu spät und so verzögert sich der Beginn immer um mindestens eine Viertelstunde. Die Indian Stretchable Time werde ich wohl nie lieb gewinnen.

 

V – wie Vishnu

Der Gott Vishnu ist einer der Hauptgötter im Hinduismus. Er ist mit Brahma und Shiva Teil der Trimurti, einem Konzept, das den Kosmos in drei verschiedene Kräfte (Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung) aufteilt. Brahma ist der Schöpfer, Shiva der Zerstörer und Vishnu der Erhalter. Er sorgt auf der Erde für ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse.

Um die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten, hat sich Vishnu immer wieder inkarniert. Berühmte Inkarnationen sind Rama und Krishna.

Vishnu

 

W – wie was kriecht und fleucht

Ich mag krabbelnde Insekten überhaupt nicht. Inzwischen bin ich jedoch viel relaxter im Umgang mit Kakerlaken, Ameisen und sonstigem Ungeziefer geworden. Da ich mit Gifteinsatz sehr zurückhaltend bin, gibt es in unserem Haus immer wieder mal eine Kakerlake, die den Abfluss rauf krabbelt oder eine Ameisenstraße, die durch unseren Küchenschrank führt. Manchmal kommt es auch vor, dass ich trotz vorsichtigem Check beim Einkaufen irgendwelche Käferchen einschleppe. Am schlimmsten war es jedoch, als Suriyan die Playschool besuchte. Da wurden wir immer wieder mit Läusen beglückt.

Kakerlake

 

X – wie Xerox

Anfangs schnallte ich es überhaupt nicht.

„I need a Xerox of this document.“

So wie die Firma Google nun zum Verb googeln geworden ist, so ist es mit der US-Firma Xerox, die die Drucktechnologie nach Indien brachte. Lasst euch also nicht verwirren. Eine Kopie bedeutet a Xerox!

Xerox

 

Y – wie YES, Madam

Eines habe ich inzwischen auch gelernt. Sei dir nie sicher, ob dein Gegenüber dich auch wirklich verstanden hat. So frage ich immer: „Did you understand?“ Meistens kommt ein selbstbewusstes „YES, Mam!“ Doch ich kann euch versichern, dass auch ein selbstbewusstes YES keine Garantie ist, dass das eben sorgfältig Erklärte, verstanden wurde.

yes

 

Z – wie Zärtlichkeiten

Während es in der Schweiz selbstverständlich war, dass mein Mann und ich Hand in Hand spazieren gingen, benahm sich mein Mann in Indien plötzlich ganz sonderlich. In der Öffentlichkeit gab es ab sofort kein Hand in Hand-Gehen mehr und nicht mal ein Küsschen auf die Wange. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist in Indien ausschließlich Privatshäre und gehört ins Schlafzimmer.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der liegende Shiva in Surutapalli

9786834A-081F-4A27-90BB-02AA9D49C18B

Letzten Sonntag fuhren wir wiedermal zum Pallikondeswara Tempel in Surutapalli. Der Tempel liegt in Andhra Pradesh in der Nähe zum Bundesstaat Tamil Nadu und man erreicht ihn in rund zwei Autostunden von Chennai aus.

B10D91B6-45CD-4061-9E7F-6020A8AE10AC
Renovierungsarbeiten in Surutapalli

Die Gegend ist voller spannender Geschichten. Lord Brahma wollte hier in der Nähe seine Sünden mit einem Opferfeuer wieder gut machen und zu Shiva beten. Mitten im Urwald suchte er Feuerholz und wollte mit dem Arani-Holz ein Feuer entfachen. Doch aus dem Holz entsprang kein Feuer, sondern ein Fluss, der Arani-Fluss. Tatsächlich erschien Shiva und er fragte Brahma, was er für ihn tun könnte. Brahma bat Shiva, sich am Fluss Arani entlang den Menschen fünfmal zu offenbaren und zu zeigen. Shiva erfüllte ihm diesen Wunsch und so entstanden fünf Tempel am Arani-Fluss. Einer davon ist in Surutapalli.

BD3A5152-976B-4989-AAD3-4404BF284B6A
Der Nandi-Bulle, das Reittier von Lord Shiva beim Tempeleingang

Der Tempel ist etwas Besonderes in ganz Indien. Hier findet man den einzigen liegenden Shiva auf dem Schoss von Parvati und den einzigen Dakshinamurthy (ein Aspekt von Lord Shiva als Guru), der mit seiner Frau dargestellt ist. Auch das Prinzip von Pradosham soll hier entstanden sein. Pradosham ist die günstige Zeit, die zweimal im Monat stattfindet, um seine Sünden Lord Shiva zu übergeben. Immer am 13. Tag von jeder Fortnight (14 Tage), 1,5 Stunden vor und nach dem Sonnenuntergang herrscht eine besonders günstige Zeit um sich mit Lord Shiva zu verbinden und ihm die Sünden und Fehler zu übergeben.

Nachdem die Devas (Götter) und die Asuras (Dämonen) den Milchozean aufgerührt hatten, um den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen, entstand auch das tödliche Gift Halahala. Um die Menschheit zu retten, trank Lord Shiva das Gift. Parvati hielt ihm jedoch die Kehle zu damit er es nicht runterschlucken konnte, das Gift stoppte in seinem Hals und färbte ihn blau.

Der Legende nach erreichte er ganz erschöpft und schwach Surutapalli. Hier lag er auf der Schoss seiner Frau Parvati und ruhte er sich aus. Die gesamte Götterwelt und viele Weise versammelten sich besorgt um den liegenden Shiva. Ganesha, Murugan mit seinen Frauen Valli und Deivanai, Vishnu, Brahma, Surya (Sonnengott), Chandra (Mondgott), Narada (Götterbote) und viele mehr standen um ihn herum und sorgten sich.

Ich finde diesen Tempel immer wieder schön und irgendwie kommt man hier zur Ruhe. Wir hatten einen wunderbaren Darshan und mit Sicherheit waren wir nicht zum letzten Mal in Surutapalli.

Vijayadasami – aus meinem Tagebuch vom 21. Oktober 2007

1525CBD7-9E5A-4CA3-8A22-C0C4B18E21DF

Suriyan sieht aus wie ein kleiner Prinz in seiner traditionellen indischen Kurta und der dicken Goldkette, die er von seinen Grosseltern geschenkt bekommen hat.

In der Playschool feiern wir heute Vijayadasami, es ist der Tag des Neustarts. Eigentlich der ideale Zeitpunkt um ein Geschäft zu gründen oder eine Ausbildung anzufangen. An der Schule werden neue Kinder aufgenommen und alle Schüler dürfen an einer Segnung teilnehmen. Vijayadasami ist der zehnte und letzte Tag von Navaratri und in Tamil Nadu ist die Schirmherrin die Göttin Saraswati. Sie ist die Göttin des Wissens und der Künste. Wenn es um Lernen, Erziehung, Ausbildung und Kunst geht, ist sie die richtige Ansprechperson.

Im Unterrichtsraum haben die Lehrerinnen einen schönen Altar aufgebaut. Bilder von Saraswati und Gansha stehen mit Blumengirlanden geschmückt darauf. Lord Ganesha darf an diesem Tag natürlich auch nicht fehlen, denn er beseitigt alle Hindernisse.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Am Boden sind wunderschöne farbige Rangoli gestreut. Suriyan darf seiner Playschool-Auntie auf den Schoss sitzen und in eine grosse, silberne Schüssel gefüllt mit Reis das heilige Zeichen OM schreiben. Bevor die Kinder beginnen zu schreiben, wird dieses Ritual durchgeführt.

stick-schwarz-864.jpg

Suriyan faltet vor dem Altar kurz seine Hände zum Gebet und danach bekommt er ein kleines Geschenk.

Für die Lehrerinnen haben wir Früchte und einen grosszügigen Batzen mitgebracht, denn es ist auch ein Tag um sich beim Guru (Lehrer) zu bedanken, ihn zu ehren und zu beschenken.

Navaratri – neun Nächte für die Göttinnen

23496903-6a01-4576-89fb-6c6ea3a88a16.jpeg

Navaratri sind wichtige Feiertage im hinduistischen Jahreslauf. Das Fest dauert neun Nächte und wird nach dem Hindukalender im Monat Ashwin gefeiert. Das Fest richtet sich nach dem Mond und findet in der hellen Mondphase statt.

In Indien wird Navaratri sehr unterschiedlich gefeiert. Doch ein gemeinsames Thema zeigt sich überall: Der Sieg des Guten über das Böse.

In Tamil Nadu stehen die drei Göttinnen Durga, Lakshmi und Saraswati im Zentrum.

Es gibt viele Inkarnationen der Göttin Durga. Mit mindestens 108 Namen wird sie aufgerufen. Die wichtigste Funktion der Göttin ist es, das Böse zu zerstören und das Gute zu wahren. Sie gilt als Mutter des Universums. Sie ist die Kraft hinter der Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung des Universums. Sie wird mit acht oder sogar zehn Armen dargestellt, trägt Waffen und reitet auf einem Löwen oder Tiger. In Tamil Nadu wird sie Amman genannt.

3C68A32C-CAE9-4F6D-94F2-BB87915F6740

Lakshmi ist die Göttin des Wohlstandes, des Glücks und der Schönheit. Sie ist die Frau Vishnus und eine gütige und gnädige Göttin.

0AFA4DDB-2CE0-4A81-8560-401D56590C3D

Saraswati ist die Göttin der Künste, des Wissens und der Weisheit. Sie ist die Frau von Brahma und wird mit vier Armen dargestellt. Sie hält die heiligen Schriften, eine Lotusblüte und mit zwei Händen spielt sie das indische Saiteninstrument Veena. Sie schliesst das zehntägige Navaratri-Fest am letzten Tag ab. An Vijayadashami legen die Schüler und Studenten ihre Bücher vor ihr nieder und bitten sie um ihren Segen.

BAE8AAAE-5B1B-48AC-82D9-52A65C9058EC

Während des Navaratri-Festivals bekomme ich immer wieder Einladungen. Viele Familien, vor allem Brahmanen, stellen während Navaratri in ihren Häusern Golus auf. Dabei handelt es sich um eine schöne Tradition in Tamil Nadu. Auf Treppenstufen werden farbige Figuren aufgestellt. Die Stufen symbolisieren quasi die Entwicklungsstufen. Auf den untersten Stufen stehen Steine, Pflanzen, Tiere und danach wird oft das ländliche Alltagsleben der Menschen dargestellt. Wieder eine Stufe höher stehen dann die Gurus, die Lehrer und die obersten Stufen sind für die Götter und Göttinnen.

1C8840A5-F714-48CD-AB6D-CFF661293833

ABAA8370-8DF1-4C5A-983C-4659BD4A0521

792EC267-36BB-4987-9E88-4933B0D7ED18
Liebevolle Details aus dem Alltagsleben

 

Ein Golu bleibt während der ganzen Navaratri-Zeit stehen. Man lädt Familie, Freunde und Bekannte ein. Meistens wird den Gästen Sundal (Hülsenfrüchte) und eine Süssigkeit angeboten. Verabschiedet wird man dann mit Sandelholzpaste, Kumkumpulver und Vibhuti, die man sich auf der Stirn aufträgt und immer gibt es auch noch ein kleines Geschenk.

An Suriyan’s Schule findet während Navaratri auch immer die Garba-Night statt. Dies ist ein Brauch aus dem Norden. Man tanzt gemeinsam, viele bringen Dandiya-Stöcke mit, die zum traditionellen nordindischen Garba-Tanz gehören.

7FA8F99D-8070-449A-9E65-196C38675E9E

5B4AE966-1D71-4A6D-A163-773E6E702BCE

Kanyakumari – die südlichste Stadt Indiens

image (12)

Dröhnend erschallten harsche, unfreundliche Parkanweisungen über Lautsprecher als wir die Kleinstadt Kanyakumari erreichten. Eine Heerschar von geparkten Bussen und Autos liessen mich schon Böses ahnen. Jährlich zieht es Millionen von Pilgern und Touristen nach Kanyakumari. Hässliche Neubauten reihten sich ohne Charme aneinander und der bedeckte Himmel, der bereits am Nachmittag für düstere Stimmung sorgte, machte es auch nicht wirklich besser.

Das soll dieser besondere Ort sein, wo man Sonnenaufgang und –untergang vom gleichen Platz beobachten kann?

Hier sollen sich die Bengalische See, der Indische Ozean und das Arabische Meer vereinen?

Meine Vorstellungen und Erwartungen waren eindeutig zu romantisch!

Die Lautsprecher dröhnten nervend weiter und wir suchten unser Hotel, das im Stadtzentrum lag, natürlich in einem dieser hässlichen Gebäudekomplexe. Wenigstens hatte Prabhu die Zimmer im obersten Stock gebucht und auf der riesigen Dachterrasse bot sich eine wunderschöne Aussicht auf das Meer. Auf den zwei Felsen, die nicht weit von der Küste liegen, sahen wir das Vivekananda Memorial. Hier soll der berühmte indische Philosoph Vivekananda 1893 drei Tage lang meditiert haben. Auf dem anderen Felsen steht die über 40m hohe Statue des tamilischen Dichters Tiruvallur. Beide Inseln kann man mit dem Boot besuchen. Auch entdeckten wir das Gandhi Mandapam, eine Gedenkstätte für den grossen Mahatma Gandhi, dessen Asche nach seinem Tod 1948 an dieser Stelle dem Meer übergeben wurde.

Insgeheim stellte ich mir den Sonnenuntergang und –aufgang schon in allen orange-roten Farbstufen vor. Das würde sicherlich tolle Fotos geben. Zuversichtlich hoffte ich, dass der Himmel gegen Abend aufklären würde.

Etwas später machten wir uns auf den Weg zum berühmten Kumari Amman Tempel. Kumari Amman ist die jungfräuliche Göttin, die viele zum Weinen bringt, wenn man zu ihr betet. Man glaubt, dass sie die Starrheit in unserem Geist auflösen kann. Dargestellt wird sie mit einer Gebetskette, einer Japamala und ihr Reittier ist ein Löwe oder ein Tiger.

D62EA7E5-09E2-4169-BDB6-3D80749FAE69

Eigentlich sollte die junge Prinzessin mit Lord Shiva vermählt werden. Der Hochzeitstag und die Uhrzeit, die man genau einhalten musste, waren schon ausgemacht und Shiva bereits auf dem Weg zu seiner Braut. Doch die Devas baten den Götterboten Narada inständig die Hochzeit zu verhindern, da nur eine Jungfrau den mächtigen Dämon Banasura vernichten könnte. So täuschte Narada in der Form eines Hahnes eine falsche Uhrzeit vor. Shiva, der dachte, dass er nicht pünktlich zur Hochzeit eintreffen würde, kehrte traurig um und die Hochzeit fand nicht statt. Kumari wurde sehr wütend, beschloss aber jungfräulich zu bleiben und weiterhin Lord Shiva die Treue zu halten. Ihr Zorn verlieh ihr ungeahnte Kräfte und später gelang es ihr den mächtigen Dämon Banasura zu töten.

Auf dem Weg zum Tempel säumten sich viele Marktstände. Aufdringliche Händler und Verkäufer boten lautstark ihre Waren feil. Die Menschenmassen nahmen immer mehr zu und der Tempel erschien eng und klein. Während unsere Gäste sich mit unserem Fahrer in den Tempel wagten, warteten wir geduldig bei den Ghats. Keiner von uns hatte Lust sich in diese Menschenmenge zu stürzen. Auch der Abend brachte uns kein Glück. Vom Sonnenuntergang war nichts zusehen und auch der Sonnenaufgang am nächsten Morgen wurde hinter einer dichten Wolkendecke versteckt.

Obwohl man Kanyakumari eine gewisse spirituelle Atmosphäre nicht absprechen kann, wurde ich nicht warm mit diesem Ort. Vielleicht müsste ich Kanyakumari nochmals bei schönem Wetter und in der Nebensaison eine Chance geben. Mit solchen Bildern könnte Kanyakumari dann auftrumpfen.

C4B78C19-0437-4090-A8C8-E7BA131E016E

Happy Vinayaka Chaturthi

93625480-EADF-45F3-8814-130B3AA45275

Heute feiern wir Vinayaka Chaturthi, Lord Ganeshas Geburtstag. Es ist ein wichtiger Feiertag im Hinduismus und die Schulen haben geschlossen. Ganesha, der elefantenköpfige Gott, ist mein Lieblingsgott in der hinduistischen Götterwelt. Für mich strahlt er Ruhe, Gemütlichkeit, Weisheit und unendliche Geduld aus. Scheinbar wird er niemals zornig und für alles, was neu beginnt und für die Bewältigung von Hindernissen ist er der ideale Begleiter. Besucht man einen Tempel, dann ist Ganesha meistens auf der linken Seite zu finden und die ersten Gebete gehören immer ihm.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Über seine Geburt ranken sich viele Legenden. Eine erzählt davon, dass Parvati, Shivas Frau, Ganesha aus Lehm erschaffen hat. In der Abwesenheit von Shiva formte sie einen schönen Jungen und erweckte ihn mit Gangeswasser zum Leben. Sie nannte das reine Wesen Ganesha und beauftragte ihn ihr Badehaus zu bewachen. Als Lord Shiva nach Hause kam und Einlass verlangte, verwehrte ihm Ganesha diesen. Shiva wurde so zornig, dass er Ganesha den Kopf abschlug. Parvati war untröstlich über den Verlust und so befahl Shiva seinen Dienern den Kopf des ersten Lebewesens zu bringen auf welches sie treffen würden. Kurz darauf brachten diese den Kopf eines Elefanten. Shiva setzte den Kopf auf den enthaupteten Rumpf und brachte Ganesha ins Leben zurück.

011

In der Küche wird heute einiges los sein. Modak, in Tamil Kozhukattai, Ganeshas Lieblingssüss-Speise wird zubereitet, eine Art Dumplin mit einer Nussfüllung. Schon gestern haben wir die Nussfüllung zubereitet.

C5F83F99-C646-4821-B8D4-FB1EDA813F4B

An den Strassenrändern werden schon seit Tagen Ganesha-Figuren aus ungebranntem Ton verkauft. Diese werden nach einer Pooja-Zeremonie einige Tage später dem Wasser, oft dem Meer, übergeben. Leider sind die Ganesha-Figuren oft auch bemalt oder es werden billigere Gipsfiguren verwendet. Die Leute werfen die Figuren dann mitsamt Dekorationen ins Meer- die immense Verschmutzung, die daraus resultiert kann man sich vorstellen.

2008-09-20-003.jpg

025

Der Tempel in unserer Nähe wird am Abend Lord Ganesha ausführen. Auf einem wunderschön mit Blumen geschmückten Götterwagen dreht er eine Runde durch unser Quartier. Hören die Leute die Trommler, die voran gehen, strömen sie aus ihren Häusern, bringen Opfergaben und beten zu Lord Ganesha.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA