Die kleine hinduistische Götterkunde für Indienreisende

Wie im indischen Straßenverkehr geht es auch im hinduistischen Götterhimmel zu und her. Chaotisch, überbevölkert, knallbunt und undurchschaubar. Noch verwirrender finde ich die Tatsache, dass viele Götter mit unterschiedlichen Namen verehrt werden. Manche haben 108 Namen und einige sogar 1008! Auch die vielen Göttergeschichten machen es nicht einfacher, sich zurechtzufinden. Oft widersprechen sich diese und decken in Varianten wieder andere Aspekte auf.

Obwohl im Hinduismus Abertausende Gottheiten verehrt werden, ist im Grunde genommen alles Eins – alles ist Paramatma oder Brahman (nicht zu verwechseln mit dem Schöpfergott Brahma oder der Brahmanen-Kaste), das alldurchdringende kosmische, formlose Bewusstsein.

Die verschiedenen Gottheiten zeigen einfach verschiedene Formen, Eigenschaften und unterschiedliche Aspekte des Einen, des Allumfassenden.

Die drei Hauptgötter sind Brahma, Vishnu und Shiva. Gemeinsam bilden sie Trimurti, ein Konzept, das den Kosmos in drei verschiedene Kräfte (Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung) aufteilt. Brahma ist der Schöpfer, Vishnu der Erhalter und Shiva der Zerstörer.

Manchmal ist es gar nicht so einfach die verschiedenen Gottheiten in Darstellungen oder Skulpturen zu erkennen. Klarheit schaffen oft die Attribute und die Reittiere mit denen die Gottheiten dargestellt werden.

Die wichtigsten Götter und Göttinnen stelle ich dir hier kurz vor:

Brahma:

Brahma

Er ist der Schöpfergott und hat in tiefer Meditation das ganze Universum geschaffen. Dargestellt wird er meistens sitzend auf einer Lotusblüte. Sehr gut erkennt man ihn an seinen vier Köpfen, die in alle Himmelsrichtungen schauen. Obwohl Brahma zu Trimurti, der Dreieinigkeit gehört und somit ein Hauptgott darstellt, ist er bei den Menschen unpopulär. Es gibt kaum Brahma-Tempel und auch Statuen von ihm sieht man eher selten.

  • Attribute: Lotusblüte Veden (die heiligen Schriften, Gebetskette (Japamala), Bettelschale (Kamandalu)
  • Reittier: Gans, manchmal auch mit Schwan
  • Andere Namen: Vedanatha, Svayambhu

Saraswati:

Saraswati

Saraswati ist die Göttin der Künste, des Wissens und der Weisheit. Sie ist die Frau von Brahma und wird meistens mit vier Armen dargestellt. Sie hält die heiligen Schriften, eine Lotusblüte und mit zwei Händen spielt sie das indische Saiteninstrument Veena. Sie wird oft mit Lakshmi (Gefährtin von Vishnu) und Parvati (Gefährtin von Shiva) als Tridevi, die weibliche Dreieinigkeit dargestellt.

  • Attribute: Veden (heilige Schriften), Lotusblüte, Veena (indisches Saiteninstrument)
  • Reittier: Schwan
  • Andere Namen: Brahmi, Vani, Vakdevi, Mahavidya

Vishnu:

Vishnu

Vishnu sorgt auf der Erde für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse. Um die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten, hat sich Vishnu immer wieder inkarniert. Sehr berühmte Inkarnationen sind Rama und Krishna. Manchmal wird er auch auf der Weltenschlange Ananta dargestellt.

  • Attribute:    Wurfscheibe, Muschelhorn, Lotusblüte, Keule
  • Reittier: Adlergott Garuda (ein Wesen, das halb Adler und halb Mensch ist)
  • Andere Namen: Bhagavan, Hari, Jagannath, Narayana, Perumal

Lakshmi

Lakshmi

Lakshmi ist die Göttin des Wohlstandes, des Glücks und der Schönheit. Sie ist die liebevolle, treue Gefährtin von Vishnu und eine gütige und gnädige Göttin. Sie wird meist sitzend auf einer Lotusblüte dargestellt. In zwei Händen hält sie Lotusblüten und mit den zwei anderen segnet sie ihre Anhänger mit Wohlstand und innerem Reichtum. Oft hat sie einen Krug mit Goldmünzen bei sich.

  • Attribute: Lotus, oft Goldmünze oder Krug mit Gold
  • Reittier: Eule, oft ist sie mit zwei weißen Elefanten abgebildet.
  • Andere Namen: Lokamata, Jaladhija

Mehr über Lakshmi erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/11/01/freitag-der-tag-der-goettin-lakshmi/

Shiva

Shiva

Transformation, Vergehen und Zerstörung liegen in den Händen von Lord Shiva. Er zerstört im positiven Sinne, denn in jedem Ende liegt auch ein Neuanfang. Im Shivaismus gilt er als die Manifestation des Höchsten. Er verkörpert das Ideal der Entsagung und der spirituellen Askese. Oft wird er meditierend auf einem Tigerfell dargestellt. Um seinen Hals windet sich eine Kobra und sein Haar ist zu einem Knoten hochgebunden. Er ist auch Nataraja, König des Tanzes.

  • Attribute: Dreizack (Trishula), Sanduhrtrommel (Damaru)
  • Reittier: Nandi, ein Bulle
  • Andere Namen: Nataraja, Maheshvara, Mahadev, Nilakantha, Rudra, Sundareshwara

Parvati:

Heilige Familie

Sie ist die göttliche Mutter und die Gefährtin von Shiva. Sie ist Shakti, die weibliche Kraft Shivas. Parvati verkörpert die gütige, lebensspendende Mutter und die hingebungsvolle, treue Ehefrau. Mit Shiva und ihren beiden Söhnen Ganesha und Murugan zusammen bilden sie das perfekte Vorbild einer idealen hinduistischen Familie. Parvati hat jedoch auch andere Erscheinungsformen. Als Durga und Kali wird sie sehr kriegerisch und kämpft gegen das Böse und Dämonische.

  • Attribute: Lotusblüten, oft trägt sie einen Dreizack wie Shiva, Gebetskette (Japamala) oder eine Kobra
  • Reittier: Löwe, Tiger – oft reitet sie auch gemeinsam mit Shiva auf dem Bullen Nandi
  • Andere Namen: Mahadevi, Amba, Ambika, Bhagavati, Jagadamba, Sati, Gauri

Durga

Durga

Es gibt viele Inkarnationen der Göttin Durga. Sie ist die Shakti Shivas, eine andere Erscheinungsform von Parvati. Die wichtigste Aufgabe der Göttin ist es, das Böse zu bekämpfen und das Gute zu bewahren. Sie gilt als Mutter des Universums. Sie wird mit acht oder sogar zehn Armen dargestellt, trägt Waffen und reitet auf einem Löwen oder Tiger. In Tamil Nadu wird sie als Amman verehrt. Während Navaratri werden die verschiedenen Aspekte der Shakti verehrt.

  • Attribute: Verschiedene Waffen (Speer, Dreizack, Diskus, Pfeil und Bogen, Schwert, Keule, …), auch religiöse Gegenstände wie Gebetskette oder Glocke werden in einigen Darstellungen wiedergegeben.
  • Reittier: Löwe oder Tiger
  • Andere Namen: Kumari, Amman

Kali

Kali

Auch Kali ist eine andere Erscheinungsform von Parvati, von Shakti. Während bei Durga der schützende Aspekt im Vordergrund steht, so wird es bei Kali zerstörerisch. Sie ist die Schwarze, die Göttin des Todes und der Zerstörung. Kali wird vor allem in Bengalen sehr verehrt und ihr Anblick wirkt furchteinflößend. Trotz der schrecklichen Gestalt glauben ihre Anhänger auch an sie als Beschützerin und göttliche Mutter Kalima, die ihre Wut und ihren Zorn nicht gegen die Menschen, sondern gegen das Dämonische und Böse richtet.

  • Attribute: Verschiedene Waffen (Schwert, Dreizack, …)
  • Reittier: Tiger oder Löwe oft ohne Reittier dargestellt
  • Andere Namen: Kalima, Kulina, Siddha, Trikonastha

Ganesha:

Ganesha

Mit seinem Elefantenkopf ist Ganesha unverkennbar. Er wird in ganz Indien sehr verehrt und die ersten Gebete und Lobpreisungen gehen immer an ihn. Er ist der Gott des guten Anfangs und der Überwinder aller Hindernisse. Für alle neuen Herausforderung wird er um Hilfe gebeten und auf Hochzeitseinladungen ist er stets präsent, um den Beginn der Ehe zu unterstützen.

  • Attribute: Axt (Symbol für die Zerstörung aller Wünsche und Bindungen), Seil (Symbol für die Verbindung mit Glückseligkeit, mit dem Göttlichen), Süßigkeit (Lohn der spirituellen Suche), Lotusblüte (Symbol des höchsten Ziels, der Erleuchtung)
  • Reittier: Maus
  • Andere Namen: Ganapati, Vinayaka, Surpakarna

Wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam, erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/09/13/happy-vinayaka-chaturthi/

Murugan

Murugan

Murugan ist der Sohn von Lord Shiva und Parvati. Mit Ganesha zusammen bilden sie die göttliche Familie. Er wird in Tamil Nadu und den hinduistischen Teilen Sri Lanka sehr verehrt. Er ist der Gott des Krieges und des Sieges. Meistens wird er als Kind oder als schöner Jüngling dargestellt.

  • Attribute: Speer
  • Reittier: Pfau, auch der Hahn wird in Darstellungen oft abgebildet
  • Andere Namen: Skanda, Karttikeya, Subramanya

Rama und Sita

Rama

Rama gilt als die siebte Inkarnation von Vishnu. Vishnu und Lakshmi inkarnierten sich als Paar immer wieder. Bekannt ist Rama durch das hinduistische Epos Ramayana. Rama und Sita gelten als das perfekte Liebes- und Ehepaar. Rechtschaffen, vorbildlich und pflichtbewusst führte Rama ein Leben als Herrscher, Ehemann, Vater und Freund. Rama wird mit seinem Pfeilbogen dargestellt mit dem er das Gute verteidigt und das Böse bekämpft. Sein treuster Anhänger ist der Affengott Hanuman.

  • Attribute: Pfeile und Bogen
  • „Reittier“: Hanuman
  • Andere Namen: Ramachandra, Raghava

Hanuman

Hanuman

Ein sehr populärer Gott ist Hanuman. Er ist quasi der Superman der hinduistischen Götterwelt und ein treuer Anhänger von Lord Rama. Im großen hinduistischen Epos Ramayana spielt er eine wichtige Rolle. Mit seinen übermenschlichen Kräften half er Lord Rama seine Frau Sita, die von dem bösen Dämonen Ravana entführt wurde zu befreien.

  • Attribute: Keule (Gada)
  • Reittier: keines – Hanuman kann jede Gestalt annehmen und fliegen
  • Andere Namen: Maruti, Pawansuta, Bajranbali

Krishna und Radha

Krishna

Krishna gilt als die achte Inkarnation. Für seine Anhänger ist er die höchste Manifestation des kosmischen Bewusstseins und der Glückseligkeit. Im Westen wurde Krishna vor allem durch die religiöse Bewegung der Hare Krishna bekannt. Seine Gemahlin Radha steht für Sanftmut und absolute Hingabe an Gott. Viele Darstellungen zeigen Krishna auch als Kind.

  • Attribute: Bambusflöte, Pfauenfeder im Haar
  • Reittier: Garuda (Adlerwesen), oft wird Krishna auch als Hirtenjunge mit einer Kuh dargestellt
  • Andere Namen: Gopala, Govinda, Madhava, Keshava

Ganga

Ganga

Die Mutter Ganga ist die Göttin der Reinheit, der Fruchtbarkeit, der Erlösung und der Gesundheit. Durch den Fluss Ganges ist sie personifizierte, lebendige Wasserform. Sie soll Glück verheissen, Segen spenden, von Sünden befreien und Unheil abwenden. Daher ist der heilige Fluss für die Hindus so wichtig.

  • Attribute: Lotusblüte, meistens ein Gefäss
  • Reittier: Krokodil oder fischähnliches Wesen

Mehr über den Ganges erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/08/30/mutter-ganga-der-heilige-fluss/

Freitag – der Tag der Göttin Lakshmi

Geldsorgen? Dann ist heute der richtige Tag, um die hinduistische Göttin Lakshmi einzuladen oder wenigstens eine positive Energie für Glück und Geldsegen zu schaffen. Jeden Freitag wird Lakshmi besonders verehrt. Sie ist die Göttin des Wohlstands, des Reichtums und des Glücks. Sie ist die Gefährtin von Vishnu und eine bedeutsame Göttin im Hinduismus. Dargestellt wird sie als schöne, prächtig gekleidete junge Frau – meistens auf einer Lotusblüte sitzend. Zwei weiße Elefanten sind ihre treuen Begleiter. In Darstellungen hat sie meist vier Arme. In zwei Händen trägt sie pinke Lotusblüten, Symbole für die höchste Wirklichkeit, mit den anderen beiden zeigt sie eine segnende und eine trostspendende Handstellung. Eine Goldmünze in der Hand oder sogar ein Goldregen, der aus ihrer Hand fließt, darf natürlich nicht fehlen.

Viele Frauen gehen am Freitag in den Tempel, um zu beten. Die Göttin versinnbildlicht das Bild der treuen, liebenden und gehorsamen Ehefrau, wie sie dem klassischen Ideal im Hinduismus entspricht.

Lakshmi ist immer kurz vor der Dämmerung unterwegs. Um sie einzuladen und willkommen zu heißen, wird das Haus sauber gehalten und bevor es dunkel wird, werden im Haus die Lichter angemacht und die Haustür weit geöffnet.

Freitags werden in der Regel keine größeren Geldausgaben getätigt oder Rechnungen bezahlt. Man versucht, die Lakshmi-Energie im Haus zu behalten.

Nachdem es dunkel geworden ist, wischt eine indische Hausfrau die Böden nicht mehr auf. Man glaubt, dass man so den Wohlstand mit dem Schmutz zusammen regelrecht zum Haus raus wischen würde.

Die Göttin Alakshmi, die Schwester von Lakshmi, versucht man hingegen nicht ins Haus einzuladen. Sie bringt Unglück und Pech. Alakshmi mag es schmutzig und liebt Streitigkeiten. Um zu verhindern, dass sie ins Haus oder ins Geschäft kommt, sieht man oft die Chili-Limetten-Abwehr „Nimbu-Mirchi“.

Da sie scheinbar eine Vorliebe für Scharfes und Saures hat, versucht man sie bereits vor der Haustür zu verköstigen, damit sie ja nicht ins Haus kommt.

Möchtest du gerne mehr über die hinduistische Götterwelt erfahren? Hier bekommst du einen kurzen Überblick:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/11/16/die-kleine-hinduistische-goetterkunde-fuer-indienreisende/

Das Kastensystem in Indien

Lange habe ich mich nicht an dieses komplexe und vielschichtige Thema herangewagt. Aus einer westlich-christlichen Kultur stammend, fällt es auch unheimlich schwer, einigermaßen einen Durchblick zu gewinnen.

Nach über 10 Jahren in einer hinduistischen Familie wage ich nun mal einen Versuch.

Meine indische Familie gehört zu der Kaste der Saiva Mudaliar, einer höheren Kaste in Tamil Nadu. Wie die Brahmanen sind die Saiva Mudaliar Vegetarier und essen kein Fleisch und auch keine Eier. Meine Schwiegereltern sind sehr gläubig und fromme Hindus. Von Anfang an habe ich gemerkt, dass die gesamte Sippschaft stolz auf ihre Kastenzugehörigkeit ist und diese von andern auch respektvoll behandelt werden. Die Saiva Mudaliars sind vernetzt und es gibt auch immer wieder große Kastenversammlungen, wo man sich trifft. „Er ist auch ein Mudailar, aber kein Saiva Mudaliar, denn er isst Fleisch“, erklärte mir mein Mann manchmal. So gibt es auch in Kasten Subkasten und von diesen nicht wenige. Das Ganze ist für Außenstehende undurchschaubar. Mein Mann kann in Tamil Nadu von der Art, wie jemand spricht, wie er heißt und wie er angezogen ist, ungefähr einschätzen aus welcher Kaste jemand stammt. Ich finde dies echt beängstigend. Mir ist es höchstens möglich aufgrund der Kleidung einzuschätzen, ob jemand eher arm oder reich ist.

Entstehung des Kastensystems

Das Kastensystem entstand ursprünglich in der hinduistischen Mythologie. In der Rig Veda, einer alten hinduistischen Schrift werden die vier Hauptkasten, die Varnas erklärt. Demzufolge sind die Varnas aus dem Ur-Menschen Purusha entstanden, der sich selbst zerstörte, um eine menschliche Gesellschaft zu schaffen.

Aus seinem Mund wurde die höchste Kaste erschaffen. Dies sind die Brahmanen. Es ist die Kaste des Wissens und Denkens. Zu ihnen gehören die Priester und die Gelehrten.

Aus der Schulter erschuf Purusha die Kaste der Kshatriya. Es sind die Krieger, Beschützer und Führer des Landes.

Aus dem Schenkel wurde die Kaste der Vaishya erschaffen. Es sind die Händler, Kaufleute und Großgrundbesitzer, die das Land mit dem Nötigen versorgen.

Aus der Fußsohle entstanden die Shudras. Die Shudras sind die Knechte, Dienstleister, Handwerker, Pachtbauern und Tagelöhner in der Gesellschaft.

Unter den 4 Varnas, die aus dem göttlichen Ur-Menschen Purusha entstanden sind, gibt es die Kastenlosen, die Dalits. Da sie nicht aus dem Göttlichen entsprungen sind, gelten diese Menschen als unrein. Es sind die Unberührbaren der Gesellschaft. Sie werden auch Parias, oder wie Gandhi sagte, Harijans (Kinder Gottes) genannt. Sie verrichten die unreinsten Arbeiten, die anfallen. Müllentsorgung, Latrinenreiniger, Wäscher. Auch unter den Dalits gibt es eine Art Kastensystem, in dem einige besser und höher gestellt sind als andere.

Im Zusammenhang mit dem Kastenwesen hört man oft auch den Begriff Varna Dharma. Dharma ist die Aufgabe, die Pflicht, die ein Mensch zu erfüllen hat. So werden die Varnas von vielen als vorgegebene Pflicht gesehen. Im Hinduismus glauben die Menschen an Karma und Reinkarnation. Sie glauben daran, dass ihre Taten und ihre Denkweisen Einfluss auf zukünftige Wiedergeburten haben. So wird das Geborenwerden in eine untere Kaste dadurch erklärt und gerechtfertigt, dass man im früheren Leben schlechtes Karma angesammelt hat.

Auch unter der 200 Jahren langen britischen Herrschaft blieb das Kastensystem bestehen. Die Engländer profitierten davon und hatten kein Interesse dieses aufzulösen. Der große Bedarf an vielen billigen Arbeitskräften konnte so problemlos gedeckt werden.

Nach der Unabhängigkeit 1947 wurde das Kastensystem in Indien offiziell abgeschafft. Laut indischer Verfassung sind alle Inderinnen und Inder gleich und haben die gleichen Rechte.

Viele Berufe und Hochschulen waren lange Zeit nur höheren Kasten zugänglich. Solche Ungerechtigkeiten führten dazu, dass gegen die alleinherrschende Macht der Brahmanen langsam Widerstand gärte.

Tamil Nadu war einer der ersten Bundesstaaten, der gegen die Brahmanen politisch aktiv wurde und in öffentlichen Ämtern und Universitäten Quoten für untere Kasten und Dalits einführte. So sind für untere Kasten (Shudras), Scheduled Castes (Dalits), Scheduled Tribes (Stämme Eingeborener), aber auch für andere religiöse Minderheiten in Tamil Nadu insgesamt 69 % der Plätze reserviert. Heute gilt eine Quotenregelung von 50 Prozent in allen andern Bundesstaaten. Dass die Brahmanen (rund 4.3 % der Bevölkerung) darüber nicht erfreut sind und sich benachteiligt fühlen, ist klar. Um seine Brahmanen-Wählerschaft wohlwollend zu stimmen, hat Premierminister Modi nun kürzlich eine spezielle Quote für höhere Kasten, die im Jahr weniger als 8 Lakhs (800‘000 Rupees/10‘000 Euro) verdienen, eingeführt.

Einflüsse des Kastenwesens im heutigen Alltag

Auch heute noch beeinflusst das Kastenwesen das Leben der Menschen in hohem Masse. Die Kasten oder Jatis, wie sie in Indien genannt werden, trennen die Gesellschaft in hierarchisch angeordnete Gruppen. Man schätzt, dass es in Indien über 2000 verschiedene Jatis gibt, die wiederum in Subkasten unterteilt sind. In eine Jati wird man hineingeboren und sie bleibt bis zum Tod unveränderbar bestehen.

Die Kastenzugehörigkeit muss heutzutage jedoch nicht mehr zwingend mit dem sozialen Status und den finanziellen Möglichkeiten übereinstimmen. So gibt es durchaus arme Brahmanen-Familien, aber auch reiche Shudras oder sogar Dalits. Durch die Quotenregelung haben es einige Dalits sogar in hohe Ämter geschafft. Ram Nath Kovind, der Staatspräsident Indiens stammt beispielsweise aus einer Dalit-Familie. Die Mehrzahl der unteren Kasten und die Dalits gehören jedoch immer noch den unteren, benachteiligen sozialen Schichten an.

Während in den Großstädten das Kastensystem langsam aufbricht, bleibt es in den Dörfern jedoch hartnäckig bestehen. In Indien werden 90 Prozent der Ehen arrangiert. Ob in der Stadt oder auf dem Land, es wird in der Regel in der gleichen Kaste geheiratet.

Unberührbare, die auf dem Land leben, haben ihre Hütten stets am Rande des Dorfes und sind nach wie vor riesigen Diskriminierungen ausgesetzt. Es schockiert mich immer wieder von Neuem, wenn ich über solche Vorfälle lese.

Verliebt sich beispielsweise ein Mädchen aus einer höheren Kaste in einen Jungen aus einer tieferen Kaste oder sogar in einen Dalit oder einen Andersgläubigen sind große Probleme vorprogrammiert. Dies findet in der Familie kaum Zustimmung und auf dem Land ist dies ein absolutes NO GO! Immer wieder hört und liest man in diesem Zusammenhang von schrecklichen Ehrenmorden. Auch wenn es dem Paar gelingen sollte zu fliehen, muss es alle familiären Kontakte abbrechen und in ständiger Angst leben, entdeckt zu werden.

In manchen Dörfern Indiens ist es den Unberührbaren immer noch verwehrt, den Dorftempel zu betreten. Prabhu hat mir erzählt, dass es in Tamil Nadu und sicherlich auch in anderen Bundesstaaten noch Dörfer gibt, in denen der Teeladen zwei separate Becher hat. Der Dalit-Becher darf mit keinem aus einer höheren Kaste in Berührung kommen und muss selbst gespült werden. Dalits dürfen beispielsweise auch keine Rüden besitzen. Ein Dalit-Rüde könnte ja eine Hündin eines Hundebesitzers begatten, der einer höheren Kaste angehört.

Erst neulich passierte es in Tamil Nadu, dass einem Trauerzug der Dalits der kürzeste Weg zur Verbrennungsanlage, der durch ein Quartier einer höheren Kaste führte, verwehrt wurde. Sie mussten schließlich einen Umweg von vielen Kilometern in Kauf nehmen, um den Leichnam zur Verbrennungsstätte zu bringen.

In den Köpfen vieler Inderinnen und Indier existiert das Kastensystem weiter, da ändert auch eine moderne Gesetzgebung nichts daran. Das Allerschlimmste ist, dass sogar Angehörige von unteren Kasten und Dalits die gleiche Diskriminierung weiterführen, unter der sie selbst so leiden.

So wird es noch sehr viel Zeit, Aufklärung und Bildung brauchen, bis sich dies verändern kann.

 

Kanchipuram – alle wollen Lord Athi Varadar sehen

Menschenmassen

Incredible India – ja, so ist es tatsächlich! Auch nach über zehn Jahren in diesem Land bringt mich Indien immer wieder zum Staunen.

In Kanchipuram durfte Lord Athi Varadar (Avatar Vishnus) nach 40 Jahren im Tempelteich wieder einmal an die frische Luft. Dieses große Ereignis bringt mehrere Hunderttausend Gläubige aus ganz Indien in den Varadaraja Perumal Tempel. Um einen kurzen Blick auf die Gottheit zu werfen, nehmen die Menschen vieles in Kauf. Barfuß stehen sie für viele Stunden fünf Kilometer lang in der heißen Sonne. Ein Carrom-Kollege von Prabhu hat dies tatsächlich auf sich genommen und meinte im Nachhinein, dass dies ein grosser Fehler war. Seine Fußsohlen waren voller Brandblasen und mehr als einen kurzen Blick konnte er nicht erhaschen.

Der Legende nach hatten Gott Brahma und seine Frau Saraswati einen Streit. Scheinbar vergaß Brahma, seine Liebste zu einer wichtigen Feuerzeremonie einzuladen. Darauf wurde die Göttin so wütend, dass die den Fluss anschwellen ließ, um die heiligen Feuer zu löschen. Brahma bat Lord Vishnu um Hilfe und dieser legte sich als Athi Varadar in die Fluten und stoppte das Wasser.

Ursprünglich wurde die Götterstatue wohl im Tempelteich versenkt, um sie vor der Zerstörung durch islamische Eroberer zu bewahren. Die Leute glauben, dass das heilige Wasser vom Varadaraja Perumal Tempel unglaubliche Kräfte besitzt.

Vom 1. Juli bis zum 18. August darf die Gottheit an die Erdoberfläche. Da sie nur alle 40 Jahre für 45 Tage aus den Tempelteich geholt wird, ist ein Darshan von Lord Athi Varadar im Leben eines Menschen ein einmaliges Erlebnis. Nur wer ein hohes Alter erreicht, könnte es theoretisch zweimal schaffen.

Irgendwie wäre es verlockend, dies selbst zu erleben, aber wenn ich an die riesigen Menschenmassen, die brennende Sonne und die Brandblasen an den Fußsohlen denke, da schaue ich mir das Ganze doch lieber im Fernseher an.