Wo Kaffee und Pfeffer wächst – die Hillstation Yercaud

 

Leuchtend rote Weihnachtssterne fallen mir ins Auge. Wie gewöhnlich und hässlich fand ich in meiner alten Heimat die überzüchtete Topfpflanze, die zur Weihnachtszeit in vielen Häusern steht. Doch hier sind es richtige Büsche – wild, überwuchernd und knallrot. Befreit von den gutbürgerlichen Töpfen erobern sie mein Herz im Nu.

Weihnachtsstern
Überall entdecke ich Büsche mit Weihnachtssternen.

Mit jeder Haarnadelkurve wird es grüner, üppiger und ich glücklicher. Engelstrompeten, Farne, Lantana, Wicken, Eukalyptus und Nandibäume mit orangeleuchtenden Blüten säumen die Straße. Unser Sohn will bei unserem Affenzählspiel nicht mehr mitmachen. Typisch Teenager! Lieber hört er auf seinem I-Phone Musik. So zählen mein Göttergatte und ich eifrig die Affen, die in Banden immer wieder am Straßenrand sitzen. Über hundert sind es, als wir Yercaud schließlich erreichen.

Engelstrompete
Engelstrompete

Affen

Die kleine Hillstation in Tamil Nadu lebt vor allem vom Kaffee- und Pfefferanbau. Überall sieht man Kaffeepflanzen und darin klettert der Pfeffer übermütig die Bäume hoch.

Der Ort bezaubert kaum, da helfen auch der künstlichangelegte See und der botanische Garten nicht. Unschön zieht sich das Dorf in die Länge, kein nettes Café oder Restaurant, das zum Verweilen einlädt. Trotzdem gefällt es mir. Ich tanke Grün und bin rundum zufrieden.

Suriyan jedoch findet es langweilig. Die Internetverbindung in unserem INDeco Hotel ist grottenschlecht, und so überredet er mich zu einen Spaziergang zum See. Er will Tretboot fahren. Ich opfere mich und als wir beim Bootshaus ankommen, wird schnell klar, dass wir nicht die Einzigen sind. Wir bezahlen je 40 Rupees Eintritt, um überhaupt ins Bootshaus zu gelangen und zusätzlich 60 Rupees für die Handykamera. Erneut stellen wir uns in die Reihe, um ein Tretboot zu mieten. Doch alle sind ausgebucht – 140 Rupees für nichts bezahlt! Suriyan ärgert sich und überschlägt grob, was die Betreiber ungefähr mit den Eintrittsgeldern verdienen. Ich nehme es gelassen, das viele Grün hat mich eindeutig entstresst. Wir kaufen uns ein Eis und schlendern langsam zum Hotel zurück.

Yercaud Lake
Das 60 Rupees teure Foto vom Yercaud Lake 😉

Am nächsten Tag besuchen wir die Kaffeeplantage Cauvery Peak. Erst trinken wir gemütlich den hauseigenen Kaffee und decken uns danach mit Kaffeepulver, Pfeffer, Muskat und Wildbienenhonig ein.

Um die Kaffeeplantage mit dem kleinen Museum zu besuchen, bezahlt man pro Person 420 Rupees (Oktober 2019) Für indische Verhältnisse ein stolzer Preis, doch der Ausflug lohnt sich. Neben dem vermittelten Wissen rund um die Produktion von Kaffee, kann man die Plantage besichtigen. Kaffee, Pfeffer, Orangen und Avocados werden geerntet. Allein für die tolle Aussicht auf die Ebene lohnt sich der Besuch von Cauvery Peak.

Gruene Kaffeebeeren
Grüne Kaffeebeeren
Rote Kaffeebeeren
Geerntet werden die Kaffeebeeren, wenn sie eine tiefrote Farbe haben. Die Haupternte ist im Frühjahr.
Aussicht auf die Ebene
Aussicht auf die Ebene

Die Arbeit, die in einer Tasse Kaffee steckt, ist unglaublich. Täglich und selbstverständlich trinken wir den braunen Muntermacher und überlegen wenig bis nichts dabei. Nur 200-300 Rupees pro Tag (2.50 -3.75 Euro) verdient eine Pflückerin ungefähr. Der Pfeffer, der mehrere Meter hochklettert, wird in dem oft abfallenden Gelände mit Leitern geerntet – definitiv keine ungefährliche Arbeit.

Pfefferpflanze
Pfefferpflanzen klettern überall in die Höhe
Pfeffer
Pfeffer

 

Am letzten Tag will Suriyan auf seine Kosten kommen. Im Internet hat er einen Kletterpark (Grange Tree Top Adventures) entdeckt. Mit Google Map machen wir uns auf den Weg und stellen bald fest, dass Yercaud nicht google-tauglich ist. Wie zu früheren Zeiten fragen wir nach dem Weg und erreichen schließlich unser Ziel. Suriyan klettert und danach entdecken wir noch ein kleines Café, das grade von einigen Frauen neu eröffnet wurde. Der Kaffee ist hervorragend und im kleinen, dazugehörigen Laden kaufen wir leckere homemade Schokolade, Aloevera-Gel und Rosenwasser.

Homemade Chocolate
Homemade Chocolate – yummy!

Nun will unser Sohn noch zu den Kiliyur Falls. Als wir nach dem Weg fragen, werden wir schon gewarnt, dass es heute sehr voll sein würde. Es ist Ayudha-Pooja, ein bedeutsamer Feiertag für die Hindus in Tamil Nadu. Und so ist es. Ich habe das Gefühl, dass sich die gesamte muslimische Bevölkerung Tamil Nadus auf den Weg zu den Wasserfällen befindet. Während die Hindus zu Hause feiern, unternehmen die andern Religionsgemeinschaften am freien Tag Ausflüge. Scheinbar endlos ziehen sich die steilen Treppen nach unten und ich fürchte mich schon beim Runtersteigen vor dem anstrengenden Rückweg. Meine Knie sind leider angeschlagen. Hätte ich Bescheid gewusst, hätte ich mir die Kiliyur-Fälle und das Gedränge geschenkt.

Wasserfall
Kiliyur Falls – viele junge Männer kletterten die Felsen hoch und nahmen ein Bad.

Yercaud ist touristisch bedeutend weniger überlaufen als Ooty und Kodaikanal. Außer Natur und Kaffeeplantagen hat es wenig zu bieten. Wer gerne guten Kaffee trinkt, Erholung braucht und die Natur liebt, dem wird es in Yercaud gefallen.