Von helvetischen Superkräften, der Hilflosigkeit und der indischen Polizei

Gestern kam mir plötzlich die junge Frau wieder in den Sinn, der ich vor ein paar Jahren geholfen habe oder jedenfalls helfen wollte oder eigentlich dazu gedrängt wurde zu helfen. Wie es ihr wohl ergangen ist?

Die Geschichte liegt schon etwas länger zurück, sicher 2 oder sogar 3 Jahre.

Ich war mit meiner indischen Freundin Anusha unterwegs. Während wir in ihrem Büro noch plauderten, beobachtete ihr Fahrer Bala auf der Straße, wie ein Mann eine junge Frau bedrängte und sie sogar schlug.

Erst einige Tage zuvor wurde am Bahnhof Chennai eine junge Frau niedergestochen, weil sie die Liebe eines Verehrers zurückgewiesen hatte. Absurderweise kommt es immer wieder zu solchen schrecklichen Szenarien. Die Liebste zu töten oder mit Säure zu verunstalteten, fällt den Tätern scheinbar leichter, als sie mit einem anderen Mann verheiratet zu wissen.

Doch zurück zu meiner Geschichte: Bala, Anushas Fahrer wollte der jungen Frau unbedingt helfen. Irgendwie hatte ich schon da das Gefühl, dass Bala wohl besser Polizist oder Superheld geworden wäre, aber auch mir tat die Frau natürlich leid. Eindringlich bat er meine Freundin, da er als Mann nicht vertrauenswürdig wäre, um Hilfe. Nun schritt Anusha, quasi im Auftrag ihres eigenen Fahrers, etwas zögerlich zur Tat. In Sichtweite ging sie zu dem Paar hin und fragte die junge Frau, ob sie Hilfe bräuchte. Diese verneinte klar und der Mann zerrte sie schnell weiter.

Wir diskutierten noch eine Weile und verabschiedeten uns. Es war ausgemacht, dass Bala mich nach Hause fahren würde und nur zwei Straßen weiter fuhren wir natürlich an dem Paar vorbei. Der Mann schlug wieder zu und Bala stoppte. „Mam, du musst ihr helfen!“

Irgendwie erwachte in diesem Moment eine helvetische Supermacht, von der ich bisher nichts wusste, aus dem Tiefschlaf. Eine Wilhelmine Tell im Kleinformat sozusagen! Ich weiß nicht mehr, was ich der jungen Frau alles sagte und welche unfreundlichen Worte ich dem schlagenden Mann zugeworfen hatte. Meine Argumente schienen jedoch so überzeugend, dass sie schließlich ins Auto einstieg und wir davon fuhren. Kaum saß die etwas über Zwanzigjährige sicher auf dem Rücksitz, begann Bala mit der polizeilichen Vernehmung. Ist das dein Mann? Dein Boyfriend? Nein, meinte sie völlig aufgelöst. Er sei nur ein Arbeitskollege. „Nur ein Arbeitskollege? Warum schlägt er dich dann? Das darf er nicht! Du musst zur Polizei gehen und ihn anzeigen!“ Während Wilhelmine wieder einschlummerte, erwachte die Heilpädagogin in mir. „Nur ruhig Bala! Lass ihr etwas Zeit!“ Etwas feinfühliger versuchte ich zu erspüren und zu erfragen, was vorgefallen sei. Doch Bala war von seinem Polizei-Trip nicht mehr abzubringen. Als wir neben einem Polizeiposten vorbeifuhren, hielt er an und meinte: „Mam, du musst jetzt mit ihr hereingehen. Du bist eine Weiße, dich werden sie ernst nehmen!“ Unsicher stiegen wir beide aus. Die junge Frau meinte, dass sie ihn nicht anzeigen wolle.

Betritt eine weiße Ausländerin in Indien einen Polizeiposten, dann hat sie definitiv die volle Aufmerksamkeit auf sich. Umgehend verstummten alle Gespräche und sofort wurde ein Stuhl herbeigeschafft. Ich erklärte kurz worum es ging und was Bala, der draußen im Auto wartete, und ich beobachtet hatten. Nun musste die junge Frau das zweite Polizeiverhör über sich ergehen lassen. Die Polizisten waren nett, gaben Ratschläge und akzeptierten am Schluss ihre Entscheidung, den Mann nicht anzuzeigen. Erleichtert verließen wir beide den Raum und stiegen ins Auto.

Plötzlich rief Bala laut. „Dort ist er!“ Die Polizisten kamen sofort herbeigeeilt und nahmen den jungen Mann fest. Neben mir im Auto begann die Frau laut zu schluchzen.

„Vikhram! Nein, lasst ihn in Ruhe! Tut ihm nicht weh! Vikhram!“ Erste Schlagstöcke prasselten auf den Mann nieder. Indische Polizisten schlagen hart zu, das habe ich leider schon öfters beobachten können.

Ein Drama spielte sich ab und ich war mitten drin. Ich versuchte, die Polizisten noch aufzuhalten, bat sie, ihn nicht zu schlagen. „Don’t worry Mam! We will take care!“ Sie packten ihn zu viert und fuhren in einem Polizeiauto davon. Dass dieser junge Täter nun selbst Opfer von Gewalt werden würde, war mir sofort klar. Die Frau neben mir weinte. Auch ich war den Tränen nah und ein Gefühl der Hilflosigkeit breitete sich in mir aus. Was hatten wir da nur angerichtet? Ich bat sie noch um ihre Telefonnummer und wir brachten sie zum Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten.

Mehrmals versuchte ich sie zu erreichen, um nachzufragen, wie es ihr ging. Doch niemals nahm jemand meinen Anruf entgegen. Ich weiß nicht, was aus der jungen Frau geworden ist. Ob ihr „Arbeitskollege“ sie danach in Ruhe gelassen hat? Oder ob sie erst recht Probleme bekam? 

Indien- ein gefährliches Land für Frauen?

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Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien seit einigen Jahren ein trauriges Dauerthema. Obwohl die Strafen gegen Sexualstraftäter verschärft wurden, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Immer wieder liest man von schrecklichen Gruppenvergewaltigungen, von Missbrauch an Kindern und von sexueller Gewalt gegen Frauen. Einige kehren dies schnell unter den Teppich und meinen die Medien würden solche Ereignisse gezielt ausschlachten, um bessere Einschaltquoten und Absatzmärkte zu erzielen. Das mag wohl zutreffen, aber so rückt ein wichtiges gesellschaftliches Thema in den Fokus: Die Sicherheit von Frauen und Kindern!

Auch ich persönlich habe schon einen sexuellen Übergriff erlebt. Wenn ich mich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, dann ist es schon einigen Frauen so ergangen. Bekannte mit Töchtern sind übervorsichtig und begleiten die Mädchen ständig und überall hin.

Als kürzlich die neuste Liste der gefährlichsten Länder für Frauen von der Stiftung Thomson Reuters herauskam, gab es großen Wirbel. Indien an erster Stelle! Indien ist das gefährlichste Land für Frauen! Das kann, darf doch nicht sein! Das schadet dem indischen Ansehen und der ganzen Tourismusbranche. Sofort wird mit Statistiken herumgewirbelt, argumentiert und vor allem kritisiert. Insgesamt wurden für diese Liste 548 Experten aus aller Welt detailliert befragt. Experten für Frauenrechte, Akademiker, Gesundheitsfachkräfte, Organisationen, Journalisten und Sozialexperten beurteilten die 193 Mitgliedstaaten der UNO nach den folgenden sechs Kriterien: Medizinische Versorgung, sexuelle und nicht sexuelle Gewalt, kulturelle Traditionen, Menschenhandel und Diskriminierung

Hier die Top Ten:

  1. Indien
  2. Afghanistan
  3. Syrien
  4. Somalia
  5. Saudi-Arabien
  6. Pakistan
  7. Demokratische Republik Kongo
  8. Jemen
  9. Nigeria
  10. USA

Indien ist laut der Stiftung für Frauen das gefährlichste Land, da eine hohe Wahrscheinlichkeit von sexueller Gewalt oder Belästigung besteht. Aber auch die außergewöhnlich hohe Sterblichkeitsrate von weiblichen Säuglingen und die illegale Abtreibungspraxis von weiblichen Föten hat zum ersten Platz geführt. Dadurch ist es in Indien zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern gekommen und es herrscht Frauenmangel. Außerdem sind Frauen in Indien immer wieder Säure-Attacken und Zwangsehen ausgesetzt und sie haben einen stark eingeschränkten Zugang zu Bildung. Auch im Bereich Menschenhandel hat Indien keine weiße Weste. Nach Angaben der staatlichen Ermittlungsbehörde gab es in Indien 2009 rund 3 Millionen Prostituierte, 40 Prozent davon minderjährig. Menschenhandel ist ein lukratives, schmutziges Geschäft. Durch die hohe Korruption wird oft verhindert, dass die Polizei ernsthaft aktiv wird.

Aus Indien kommt natürlich große Kritik an dem neuen Ranking. Klar muss und darf man solche Statistiken kritisch begutachten. Die Ergebnisse basieren lediglich auf den Meinungen von rund 548 Fachleuten und haben daher nur bedingt statistischen Wert. Und doch sagt diese Studie einiges über Indien aus und sollte zum Umdenken anregen.

Doch wo findet man zuverlässige Aussagen? Um Antworten zu finden, habe ich mir die letzte Statistik (2012) der United Nations Office on Drugs an Crime angesehen. Es ist eine Statistik, die gemeldete Vergewaltigungen im weltweiten Vergleich in einem Wert von 1/100‘000 abbildet. Diese Statistik zeigt nun wieder ein komplett anderes Bild auf. http://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/statistics/crime/CTS2013_SexualViolence.xls

Indien hat in den Jahren 2003  bis 2010 Werte zwischen 1.6 und 1.8. Seltsamerweise findet man für die Jahre 2011 und 2012 keine Angaben. Vergleicht man diese Werte mit andern Ländern, staunt man nicht schlecht. Indien (2010) 1.8, Schweiz (2012) 7.1, Deutschland (2012) 9.7, Russland (2011) 3.3, USA (2012) 26.6, Schweden (2012) 66.5!

Wo hat Indien da ein Problem mit Vergewaltigungen? Da sind ja die Vergewaltigungsraten in der sicheren Schweiz höher! Wie kann man solche Statistiken beurteilen?

Hier ein Versuch der Interpretation:

1. Jedes Land beurteilt Vergewaltigungen anders. Wird beispielsweise ein Mädchen in Schweden von seinem Onkel 18-mal vergewaltigt, dann sind dies 18 verschiedene Fälle. In Indien und teilweise auch in anderen Ländern wird dies nur als 1 Fall registriert.

In vielen europäischen Ländern wird Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anerkannt. Indien hält die Ehe als kulturelle und traditionelle Institution hoch und sieht hier keinen strafrechtlichen Handlungsbedarf.

2. Jedes Land hat hohe Dunkelziffern, wenn es um Vergewaltigungen geht. Ob eine Vergewaltigung zur Anzeige gebracht wird, hängt stark mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zusammen. Hier einige Gründe, weshalb indische Frauen und Mädchen Vergewaltigungen nicht anzeigen:

In Indien ist die Haltung noch sehr verbreitet, dass man glaubt, das Opfer hätte den Täter in irgendeiner Weise ermutigt oder sexuell erregt. Es ist das Mädchen oder die Frau, die einen Fehler gemacht hat. So werden viele Vergewaltigungen entschuldigt oder für den Täter wird sogar Verständnis aufgebracht. Mädchen und Frauen, die körperbetonte Kleider oder einfach nur Jeans und T-Shirt tragen und sich einem westlichen Lebensstil zuwenden, sind in vielen indischen Augen selbst Schuld, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt.

Dann kommt in Indien das Kastenwesen zum Tragen. Eine Frau aus einer unteren Kaste hat kaum Möglichkeiten, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen. Oft wird die ganze Familie des Opfers massiv bedroht. Es kann durchaus sein, dass alle Mädchen und Frauen der Familie brutal vergewaltigt werden oder sogar zu Tode kommen.

Auf dem Lande regeln diese Fälle die Dorfältesten. Als Hilflosigkeit und Unverständnis wird das Opfer nach einer Vergewaltigung oft zu einer Heirat mit dem Täter gedrängt.

Auch wenn der Täter aus der Oberschicht kommt und über gute Kontakte verfügt, hat das Opfer keine Chance Gerechtigkeit zu bekommen. Mit Drohungen an Leib und Leben wird jedes Opfer mundtot gemacht.

Der Weg vor Gericht ist für das Opfer extrem schwierig und frustrierend. Die meisten finden keine Gerechtigkeit.

Viele brutale Vergewaltigungen mit Todesfolge werden einfach als Gewaltverbrechen in die Statistik aufgenommen, es wird keine Biopsie vorgenommen, um die Ehre der Familie des Opfers hochzuhalten.

Eine andere Statistik findet man auf der Webseite des National Crime Records Bureau NCRB (www.ncrb.gov.in).

Nach den letzten erhobenen Daten (2016) hatte Indien täglich 106 Vergewaltigungen zu verzeichnen. Vier von zehn Opfern sind minderjährig. 94.6 Prozent der Opfer kannten ihre Täter. Sie stammten aus dem vertrauten familiären Umfeld des Opfers. Scheinbar steigen die Anzeigen jedes Jahr an. In 2016 kam es nur in einem von vier Fällen zu einer Verurteilung des Täters.

Doch wird durch Statistiken und Vergleiche die Situation für die Frauen und Kinder besser? Nein, die PolitikerInnen sollten endlich Verantwortung übernehmen, umdenken und Veränderungen auf den Weg bringen. Indien hat noch einen langen Weg vor sich, wenn es um Frauenrechte und Gleichstellung geht.