Pad Man – Tabuthema Menstruation in Indien

Film Pad Man

Endlich habe ich mir den Bollywood-Film Pad Man angeschaut. Der Film widmet sich dem Thema Menstruation in Indien. Ein trauriges Kapitel, denn in Indien ist die Monatsblutung mit viel Aberglauben, Scham und uralten Traditionen verknüpft. So gilt eine Frau während ihrer Tage als unrein. Ein Besuch im Tempel ist undenkbar und viele Frauen, vor allem auf dem Land, dürfen während ihrer Tage nicht einmal das Haus, geschweige denn die Küche betreten.

Eine andere erschreckende Tatsache ist, dass nur 18 Prozent der indischen Frauen Zugang zu sicheren Hygieneartikel während ihrer Menstruation haben. Viele helfen sich mit alten Lappen, Zeitungspapier, trockenen Blättern und Asche.

Dadurch erkrankten jährlich viele Frauen an Infektionskrankheiten und werden teilweise sogar unfruchtbar. Viele junge Mädchen bekommen ihre erste Menstruation völlig unvorbereitet und haben keine Ahnung, was mit ihrem Körper geschieht. Die Aufklärung, wenn sie in der Schule überhaupt unterrichtet wird, ist laut Lehrplan im zehnten Schuljahr geplant. Die meisten Mädchen bekommen ihre Menstruation aber viel früher.

Der Film Pad Man beruht auf einer wahren Begebenheit, die jedoch bollywoodmäßig noch etwas dramatisiert und mit Tänzen farbig aufgefrischt wird. Die Geschichte des Tamilen Arunachalam Muruganatham aus Coimbatore wird im Film aufgenommen. Sie erzählt von einem Mann, der seine Frau liebt, sich sorgt und etwas verändern will.

Als er die schmutzigen, alten Lappen sieht, die seine Frau während ihrer Tage verwendet, kauft er ihr in der Apotheke ein Päckchen Binden. Seine Frau freut sich erst darüber, aber als sie den hohen Preis sieht, schickt sie ihn umgehend zur Apotheke zurück. Die Familie kann sich diese teueren Hygieneprodukte nicht leisten.

Doch er gibt nicht auf, untersucht die Binden und stellt fest, dass die Materialkosten einen kleinen Bruchteil des Verkaufspreises ausmachen. So beginnt er mit Watte und Gazestoff selbst Binden herzustellen. Nach langem Überreden lässt sich seine Frau darauf ein, diese zu testen. Die ersten Versuche scheitern kläglich und seine Frau bittet ihn eindringlich aufzuhören und sich aus diesem mit grosser Scham verbundenen Frauenthema endlich rauszuhalten.

Doch Lakshmikank, wie der Held im Film heißt, gibt nicht auf und bleibt hartnäckig daran eine Binde zu entwickeln, die auch für arme Frauen bezahlbar ist. Er experimentiert selbst mit Ziegenblut und zunehmend wird er aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen und als verrückt erklärt. Die Scham ist so groß, dass seine Ehefrau und seine Mutter ihn schließlich verlassen.

In jahrelanger Entwicklungsarbeit hat er mit Cellulose endlich Erfolg, und er entwickelt einfache und preisgünstige Maschinen zur Herstellung von Binden. An einem Innovationswettbewerb in Delhi gewinnt er den Preis „Life-changing Innovation of the Year“ und gewinnt ein Preisgeld von 200‘000 Rupees.

Unser Held sucht jedoch mit seiner Erfindung nicht das große Geld, das er jetzt verdienen könnte. Nein, er bleibt seinen ursprünglichen Idealen treu. Sein Ziel ist es, Binden für unterprivilegierte Frauen preiswert und erschwinglich herzustellen. Mit seinen Maschinen zieht er von Dorf zu Dorf und verkauft seine Binden für nur 2 Rupees an die Frauen. Mit der Zeit entstehen Frauengemeinschaften, die mit Mikrokrediten den Verkauf und die Herstellung der Binden übernehmen. So kann er immer mehr Maschinen bauen und seine Idee fasst in vielen Dörfern in ganz Indien Fuss.

Pad Man wird langsam berühmt. Er wird sogar von der UNICEF nach New York eingeladen, um dort eine Rede zu halten. Durch seinen Erfolg kommt er auch mit seiner Ehefrau wieder ins Reine.

Mir hat der Film sehr gut gefallen und ich bewerte ihn mit 8 von 10 Punkten.

Pad Man
Der richtige Pad Man! Arunachalam Muruganantham mit dem Schauspieler Akshay Kumar

Hier noch ein Video mit dem wahren Pad Man. Arunachalam Muruganatham hat mich in diesem Video sehr berührt. Absolut sehenswert!

 

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Pubertätszeremonie in Tamil Nadu

Pubertätszeremonie

Am Sonntag in der Früh bekam Prabhu einen Telefonanruf. Sein Freund berichtete stolz und aufgeregt, dass seine Tochter nun groß geworden sei.

Bekommt ein Mädchen in Tamil Nadu seine erste Menstruation, ist dies ein Grund zum Feiern. So wurde auch ich zum Fest eingeladen, das vor allem von Frauen besucht wird. Eigentlich hatte ich keine Lust hinzugehen, aber da ich bereits eine Hochzeit der Familie nicht wahrgenommen hatte, fühlte ich mich doch verpflichtet, einen Kurzbesuch zu machen.

An Manjal Neerattu Vizha, dem Pubertätsfest, werden die Mädchen reich beschenkt und je nach Familie werden verschiedene Rituale durchgeführt.

Manche Familien feiern es ganz privat nur im engsten Familien- und Freundeskreis und andere im großen Stil mit vielen Gästen und gebuchter Wedding Hall.

Wie eine Prinzessin sah Gayathri in ihrem Halbsari aus. Am Boden ausgebreitet die vielen Geschenke. Schmuck, viele neue Kleider, Schuhe, Kosmetika, Früchte, … auch der erste richtige Sari lag sorgfältig verpackt dabei.

Ich legte mein Geschenk, eine Uhr und ein Parfüm, dazu und wartete ab. Langsam begann die Zeremonie. Gayathri wurde mit Blumen geschmückt und nahm auf einem kleinen Schemel Platz. Vor ihr die Öllichter, Gelbwurzpaste, Kumkumpulver (rotes Pulver), Rosenwasser, Blütenblätter, Reiskörner und eine Schüssel mit Kumkumwasser.

Es erinnerte mich sehr an das Fest, das vor der Hochzeit meiner Nichte stattgefunden hatte.

Die ersten Geschenke der nahen Verwandten wurden überreicht und ich versuchte genau zu beobachten und mir einzuprägen, wie die Frauen das Mädchen segneten.

– Zuerst die beiden Öllichter und danach Gayathri mit einem Punkt Kumkumpulver schmücken.

– Etwas Gelbwurzpaste auf beide Wangen und beide Hände des Mädchens gegeben.

– Rosenwasser über das Mädchen spritzen.

– Blüten mit Reis über das Mädchen streuen.

– Den Teller mit dem Kumkumwasser vor dem Mädchen schwenken und nochmals einen Punkt auf die Stirn geben. (Scheinbar ist dies ein Ritual, das vor den bösen Blicken schützen soll. Nach der Zeremonie schüttet man das restliche Kumkumwasser vor der Haustüre aus.)

Die nahen Verwandten beschenkten Gayathri mit Goldschmuck, den sie auch sofort anziehen durfte. Das Pubertätsfest ist auch ein Beitrag zur Mitgift, die eine Familie für ihre Tochter bei der Hochzeit aufbringen muss.

Als ich als Letzte an die Reihe kam, wusste ich recht genau, was ich tun musste. Ich segnete Gayathri und übergab mein Geschenk.

Das Mädchen strahlte glücklich. Sie schien es zu genießen, im Mittelpunkt zu stehen und so viele Geschenke zu erhalten.

Wie groß sind doch da die kulturellen Unterschiede! Mir wäre dies als junges Mädchen äusserst peinlich gewesen. Das gesamte Umfeld wissen zu lassen, dass ich meine Tage bekommen habe? Nein, das hätte ich mir wirklich nicht gewünscht.

Aus heutiger Sicht finde ich diesen Brauch jedoch sehr schön. Warum diese bedeutsamen Übergänge nicht feiern? Es ist doch etwas Schönes, wenn ein Mädchen zur Frau wird, wenn ein neuer Abschnitt beginnt.

Als Frau alleine in Indien

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Nein, das wäre definitiv nichts für mich. Ich genieße es zwar sehr, wenn ich zwischendurch Zeit für mich habe, bin auch gerne unterwegs und entdecke Neues, aber alleine durch Indien zu reisen, wäre mir zu anstrengend. Und alleine ist man in Indien, außer in den eigenen vier Wänden, ja nie! Im jungen Erwachsenenalter hätte ich mir durchaus vorstellen können mit einer Freundin mit dem Rucksack durch Indien zu reisen. Damals war ich irgendwie entspannter im Umgang mit Sauberkeit und Hygiene. Doch jetzt könnte ich nicht mehr als Low-Budget-Touristin durch die Welt ziehen, vor allem nicht durch Indien. Die Ansprüche haben sich doch wesentlich verändert.

Meiner Meinung nach ist Indien kein geeignetes Reiseland für allein reisende Frauen, aber ich höre und lese immer wieder von Frauen, die dieses Abenteuer tatsächlich genießen. Wenn man sich im Vorfeld etwas mit der indischen Kultur auseinandersetzt und gewisse Regeln befolgt, kann so eine Reise sicherlich gelingen.

Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe auf Reisende in den touristischen Regionen Indiens zwar gering ist, dennoch wird darauf hingewiesen, dass situationsangemessenes und kulturbewusstes Verhalten sich vor dem Hintergrund der Berichte über sexuelle Übergriffe vor allem auch für allein reisende Frauen empfiehlt.

Indische Frauen reisen in der Regel nicht alleine. Dies würden die Eltern und Ehemänner doch mit grosser Besorgnis sehen. Man ist sehr auf Sicherheit bedacht und will nichts riskieren. Weibliche Fahrgäste nutzen UBER nur mit GPS-Kontrolle und nachts ist man zu Hause oder sicherlich nicht alleine unterwegs. In den Großstädten Mumbai, Delhi und Bangalore sieht man indische Frauen in westlicher Kleidung, aber die große Mehrheit ist doch indisch gekleidet. Hier in Chennai (Tamil Nadu) ist man noch sehr traditionell und konservativ eingestellt. Im Alltag sieht man eigentlich nur Frauen in Saris oder Chudidars (Salwar Kameez). Nur wenn ich in eine Mall, ein 5-Sterne-Hotel oder eine Bar gehe, sehe ich westlichen Kleidungsstil. Da präsentieren sich auch einige indische Frauen der höheren Mittel- und Oberschicht gerne knapp und körperbetont. Ein ähnliches Bild präsentiert sich im geschützten Rahmen eines besseren Hotels oder Resorts, wo Indiens Mittelschicht ihre Urlaubstage verbringt. In Indien kennt man keine Badekultur. Eigentlich auch nicht erstaunlich, denn die meisten können nicht schwimmen. Eine indische Frau würde niemals in einem Bikini oder Badeanzug an einen normalen Strand gehen. Ist der Strand privat, gesichert oder sehr touristisch wie in Goa, dann sieht es wieder anders aus.

Sexualität ist in Indien ein grosses Tabu. In indischen Filmen sieht man nicht mal einen Kuss. Westliche Filme mit Sexszenen werden zensuriert und im Kino wird sofort eine Alterslimite von 18 gesetzt. Gewaltszenen und Brutalität hingegen sind kein Problem, damit werden schon Säuglinge und Kleinkinder berieselt. Indische Paare tauschen in der Öffentlichkeit keine Zärtlichkeiten aus, sie gehen nicht mal Hand in Hand. Höchstens wenn sie in den Flitterwochen weilen, sieht man händchenhaltende Paare.

Die indischen Mädchen werden sehr behütet und auf Sicherheit bedacht aufgezogen. Schon früh wird ihnen beigebracht, dass man fremden Männern mit Distanz begegnet, da wird nicht gelächelt und oft sogar der Blickkontakt vermieden. Anfangs meiner Indienzeit fand ich indische Frauen oft etwas arrogant und unfreundlich, aber es ist ihre Art Distanz zu wahren und keine undeutlichen Signale auszusenden.

Wenn ich hier in Chennai oder selbst auf Reisen manchmal Touristinnen begegne, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Junge, hübsche Frauen in Spaghettiträger-Tops und Hotpants, die jedem nett zulächeln. Fast jeder Inder dreht sich um, starrt und in den Gesichtern steht geschrieben, worum sich ihre Gedanken wohl kreisen. Ich habe ja grundsätzlich nichts gegen kurze Röcke und lachende Frauen und wären diese im 5-Sterne-Hotel oder in einer angesagten Bar, dann passt dies durchaus- auch hier in Indien. Auf offener Straße, in einem ungeschützten Raum würde ich dies jedoch nicht empfehlen. Genau dies meint das Auswärtige Amt mit situationsangemessenem und kulturbewusstem Verhalten.

Was würde ich allein reisenden Frauen für Tipps auf den Weg geben?

  • Es lohnt sich die Reise gut zu planen und vorzubereiten. Mit einer guten Reiseplanung kann man bereits im Vorfeld viele Risiken eliminieren. Dadurch verliert die Reise keineswegs an Spontanität, denn oft klappt in Indien nicht alles nach Plan und man muss vor Ort nach anderen Lösungen suchen.
  • Die innere Stimme warnt uns in der Regel sehr genau vor Gefahren und Ungereimtheiten. Man sollte immer darauf vertrauen und bei einem schlechten Gefühl eine andere Option suchen.
  • Sich eher „konservativ“ zu kleiden, ist zu empfehlen. Es müssen nicht unbedingt indische, traditionelle Kleider sein, aber die Knie und die Schultern sollten bedeckt sein. Es lohnt sich, einen Schal in Griffnähe zu haben. Der hilft, wenn man damit die Brust und den Ausschnitt abdeckt, nicht nur gegen aufdringliche Blicke, sondern ist auch sehr nützlich gegen eine Erkältung durch Zugluft oder die Klimaanlage. Auch bei einem Tempelbesuch unerlässlich.
  • Die Sicherheit sollte immer vorgehen. Sucht euch nicht aus Spargründen die billigsten Unterkünfte in einer schlechten Gegend, sondern achtet darauf, dass die Hotels oder Herbergen gute Empfehlungen haben und sicher sind. Das Zimmer sollte immer mit einem Riegel von innen zu schließen sein.
  • Fast alle die Indien bereisen, liegen einige Tage flach. Durchfall ist wohl die häufigste Erkrankung und kann sehr schwächen. Daher gut darauf achten wo und was ihr esst und trinkt (auf Eiswürfel besser verzichten). Ich würde mich auf jeden Fall mit einer guten Reiseapotheke ausstatten. Auch auf guten Moskitoschutz achten. Dengue und Chikungunya werden von tagaktiven Mücken übertragen. Hier könnt ihr günstig Moskito Repellent Spray oder Salbe kaufen. Ich empfehle Odomos, das bekommt ihr in jedem größeren Supermarkt oder in der Apotheke.
  • Reisen spät in der Nacht möglichst vermeiden. Wenn es nicht anders geht, sich am Ankunftsort abholen lassen. Auch sollte man nachts nicht alleine unterwegs sein und einsame Plätze meiden.
  • Jemanden über den Reiseverlauf informieren und auf dem Laufenden halten. Ein aufgeladenes Handy und eine Powerbank in der Tasche geben Sicherheit. Notiert euch auch die Adresse und Telefonnummer eurer Unterkunft.
  • Bei Bus- und Bahnreisen die Bereiche für Frauen oder Familien brauchen. Wenn es eng wird, empfiehlt es, sich den Rucksack oder die Tasche vorne an die Brust zu nehmen, so seid ihr wenigstens von vorne besser gegen sexuelle Belästigung und natürlich auch gegen Diebstahl geschützt. Wenn Drängler von hinten kommen, darf man ruhig auch mal den Ellbogen ausfahren. Die indische Bahn warnt auch immer wieder vor Trickbanden, die einem ganz nett als Mitfahrende Esswaren und Getränke mit Betäubungsmittel anbieten. Hier einfach gut auf eure innere Stimme hören, wachsam sein und nicht aus Höflichkeit etwas essen, wenn ihr ein schlechtes Gefühl habt. Grundsätzlich keine offenen Getränke annehmen.
  • Fahren mit dem Taxi oder der Rikscha: Wenn ihr etwas unsicher seid, macht einfach gut sichtbar ein Foto der Autonummer und verschickt diese per WhatsApp an eine Vertrauensperson. Den Preis immer vorher aushandeln und niemals einsteigen, wenn der Fahrer noch einen Freund oder Bekannten mitfahren lässt.
  • Kommt es zu grösseren Schwierigkeiten, könnt ihr die Tourist Police 100 anrufen. Die Reaktionszeiten sind scheinbar sehr unberechenbar. Wenn es ganz schlimm kommen sollte, informiert immer auch die für euch zuständige Botschaft (Nummer im Handy speichern). Oft ist die Botschaft leider die bessere Ansprechperson als die indische Polizei.

Ich hoffe sehr, dass ich durch diesen Bericht niemandem das geplante Abenteuer Indien vermiest habe. Falls ihr es wagt, wünsche ich euch eine gute und sichere Reise. Take care!

Indien- ein gefährliches Land für Frauen?

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Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien seit einigen Jahren ein trauriges Dauerthema. Obwohl die Strafen gegen Sexualstraftäter verschärft wurden, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Immer wieder liest man von schrecklichen Gruppenvergewaltigungen, von Missbrauch an Kindern und von sexueller Gewalt gegen Frauen. Einige kehren dies schnell unter den Teppich und meinen die Medien würden solche Ereignisse gezielt ausschlachten, um bessere Einschaltquoten und Absatzmärkte zu erzielen. Das mag wohl zutreffen, aber so rückt ein wichtiges gesellschaftliches Thema in den Fokus: Die Sicherheit von Frauen und Kindern!

Auch ich persönlich habe schon einen sexuellen Übergriff erlebt und wenn ich mich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, dann ist es schon einigen Frauen so ergangen. Bekannte mit Töchtern sind übervorsichtig und begleiten die Mädchen ständig und überall hin.

Als kürzlich die neuste Liste der gefährlichsten Länder für Frauen von der Stiftung Thomson Reuters herauskam, gab es großen Wirbel. Indien an erster Stelle! Indien ist das gefährlichste Land für Frauen! Das kann, darf doch nicht sein! Das schadet dem indischen Ansehen und der ganzen Tourismusbranche. Sofort wird mit Statistiken herumgewirbelt, argumentiert und vor allem kritisiert. Insgesamt wurden für diese Liste 548 Experten aus aller Welt detailliert befragt. Experten für Frauenrechte, Akademiker, Gesundheitsfachkräfte, Organisationen, Journalisten und Sozialexperten beurteilten die 193 Mitgliedstaaten der UNO nach den folgenden sechs Kriterien: Medizinische Versorgung, sexuelle und nicht sexuelle Gewalt, kulturelle Traditionen, Menschenhandel und Diskriminierung

Hier die Top Ten:

  1. Indien
  2. Afghanistan
  3. Syrien
  4. Somalia
  5. Saudi-Arabien
  6. Pakistan
  7. Demokratische Republik Kongo
  8. Jemen
  9. Nigeria
  10. USA

Indien ist laut der Stiftung für Frauen das gefährlichste Land, da eine hohe Wahrscheinlichkeit von sexueller Gewalt oder Belästigung besteht. Aber auch die außergewöhnlich hohe Sterblichkeitsrate von weiblichen Säuglingen und die illegale Abtreibungspraxis von weiblichen Föten hat zum ersten Platz geführt. Dadurch ist es in Indien zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern gekommen und es herrscht Frauenmangel. Außerdem sind Frauen in Indien immer wieder Säure-Attacken und Zwangsehen ausgesetzt und sie haben einen stark eingeschränkten Zugang zu Bildung. Auch im Bereich Menschenhandel hat Indien keine weiße Weste. Nach Angaben der staatlichen Ermittlungsbehörde gab es in Indien 2009 rund 3 Millionen Prostituierte, 40 Prozent davon minderjährig. Menschenhandel ist ein lukratives, schmutziges Geschäft. Durch die hohe Korruption wird oft verhindert, dass die Polizei ernsthaft aktiv wird.

Aus Indien kommt natürlich große Kritik an dem neuen Ranking. Klar muss und darf man solche Statistiken kritisch begutachten. Die Ergebnisse basieren lediglich auf den Meinungen von rund 548 Fachleuten und haben daher nur bedingt statistischen Wert. Und doch sagt diese Studie einiges über Indien aus und sollte zum Umdenken anregen.

Doch wo findet man zuverlässige Aussagen? Um Antworten zu finden, habe ich mir die letzte Statistik (2012) der United Nations Office on Drugs an Crime angesehen. Es ist eine Statistik, die gemeldete Vergewaltigungen im weltweiten Vergleich in einem Wert von 1/100‘000 abbildet. Diese Statistik zeigt nun wieder ein komplett anderes Bild auf. http://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/statistics/crime/CTS2013_SexualViolence.xls

Indien hat in den Jahren 2003  bis 2010 Werte zwischen 1.6 und 1.8. Seltsamerweise findet man für die Jahre 2011 und 2012 keine Angaben. Vergleicht man diese Werte mit andern Ländern, staunt man nicht schlecht. Indien (2010) 1.8, Schweiz (2012) 7.1, Deutschland (2012) 9.7, Russland (2011) 3.3, USA (2012) 26.6, Schweden (2012) 66.5!

Wo hat Indien da ein Problem mit Vergewaltigungen? Da sind ja die Vergewaltigungsraten in der sicheren Schweiz höher! Wie kann man solche Statistiken beurteilen?

Hier ein Versuch der Interpretation:

1. Jedes Land beurteilt Vergewaltigungen anders. Wird beispielsweise ein Mädchen in Schweden von seinem Onkel 18-mal vergewaltigt, dann sind dies 18 verschiedene Fälle. In Indien und teilweise auch in anderen Ländern wird dies nur als 1 Fall registriert.

In vielen europäischen Ländern wird Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anerkannt. Indien hält die Ehe als kulturelle und traditionelle Institution hoch und sieht hier keinen strafrechtlichen Handlungsbedarf.

2. Jedes Land hat hohe Dunkelziffern, wenn es um Vergewaltigungen geht. Ob eine Vergewaltigung zur Anzeige gebracht wird, hängt stark mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zusammen. Hier einige Gründe, weshalb indische Frauen und Mädchen Vergewaltigungen nicht anzeigen:

In Indien ist die Haltung noch sehr verbreitet, dass man glaubt, das Opfer hätte den Täter in irgendeiner Weise ermutigt oder sexuell erregt. Es ist das Mädchen oder die Frau, die einen Fehler gemacht hat. So werden viele Vergewaltigungen entschuldigt oder für den Täter wird sogar Verständnis aufgebracht. Mädchen und Frauen, die körperbetonte Kleider oder einfach nur Jeans und T-Shirt tragen und sich einem westlichen Lebensstil zuwenden, sind in vielen indischen Augen selbst Schuld, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt.

Dann kommt in Indien das Kastenwesen zum Tragen. Eine Frau aus einer unteren Kaste hat kaum Möglichkeiten, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen. Oft wird die ganze Familie des Opfers massiv bedroht. Es kann durchaus sein, dass alle Mädchen und Frauen der Familie brutal vergewaltigt werden oder sogar zu Tode kommen.

Auf dem Lande regeln diese Fälle die Dorfältesten. Als Hilflosigkeit und Unverständnis wird das Opfer nach einer Vergewaltigung oft zu einer Heirat mit dem Täter gedrängt.

Auch wenn der Täter aus der Oberschicht kommt und über gute Kontakte verfügt, hat das Opfer keine Chance Gerechtigkeit zu bekommen. Mit Drohungen an Leib und Leben wird jedes Opfer mundtot gemacht.

Der Weg vor Gericht ist für das Opfer extrem schwierig und frustrierend. Die meisten finden keine Gerechtigkeit.

Viele brutale Vergewaltigungen mit Todesfolge werden einfach als Gewaltverbrechen in die Statistik aufgenommen, es wird keine Biopsie vorgenommen, um die Ehre der Familie des Opfers hochzuhalten.

Eine andere Statistik findet man auf der Webseite des National Crime Records Bureau NCRB (www.ncrb.gov.in).

Nach den letzten erhobenen Daten (2016) hatte Indien täglich 106 Vergewaltigungen zu verzeichnen. Vier von zehn Opfern sind minderjährig. 94.6 Prozent der Opfer kannten ihre Täter. Sie stammten aus dem vertrauten familiären Umfeld des Opfers. Scheinbar steigen die Anzeigen jedes Jahr an. In 2016 kam es nur in einem von vier Fällen zu einer Verurteilung des Täters.

Doch wird durch Statistiken und Vergleiche die Situation für die Frauen und Kinder besser? Nein, die PolitikerInnen sollten endlich Verantwortung übernehmen, umdenken und Veränderungen auf den Weg bringen. Indien hat noch einen langen Weg vor sich, wenn es um Frauenrechte und Gleichstellung geht.