Oh, du heilige Kuh! Die traurige Wahrheit über Indiens Kühe

Kuehe am Strassenrand
Kuh mit Kalb am Strassenrand

Wer nach Indien reist, kommt manchmal aus dem Staunen nicht heraus. Mitten im dichten Stadtverkehr oder auf den schnell befahrenen Highways überqueren Kühe die Fahrbahn, durchwühlen den Müll oder liegen gemütlich wiederkäuend am Straßenrand. Die Menschen Indiens reagieren auf die großen Vierbeiner respektvoll und gelassen. Mehr oder weniger geduldig wird gewartet, bis die Kuh ihres Weges gegangen ist.
In Indien verehren die Hindus, die rund 80 % der indischen Bevölkerung ausmachen, die Kuh als heiliges Tier. Sie wird als Mutter aller angesehen und für die meisten Hindus ist es eine Sünde eine Kuh zu schlachten, geschweige denn ihr Fleisch zu essen. Die Gründe dafür finden sich vor allem in den hinduistischen Schriften und Mythologien.

Die Bedeutung der Kühe in der hinduistischen Mythologie

Lord Shiva wird von seinem Begleittier Nandi, einem Bullen begleitet. Nandi ist quasi die direkte Telefonverbindung zu Lord Shiva. Wenn man ihm seine Sorgen und Nöte ins Ohr flüstert, hört sie Shiva umgehend.

Nandi
Nandi -immer anzutreffen finde in Shivatempeln

Auch Lord Krishna war in seiner Jugend eng mit Kühen verbunden. Als Hirtenjunge hat er diese gehütet und sie und die Gopis (Hirtenmädchen) mit seinem Flötenspiel bezaubert. Daher wird er auch unter den Namen Gopala und Govinda (Herr und Beschützer der Kühe) verehrt.

Lord Krishna

Kamadhenu ist eine Kuhgöttin, die in den vedischen Schriften als Mutter aller Kühe beschrieben wird. Sie beschert Überfluss und erfüllt alle Wünsche. Dargestellt wird sie als weiße Kuh mit einem weiblichen Kopf oder als weiße Kuh, die verschiedene Gottheiten in ihrem Körper hat.

Kamadhenu

 

Die heiligen Produkte der Kuh

Alle Ausscheidungen der Kuh (Milch, Dung und Urin) gelten als heilig. Der Kuhdung wird getrocknet und als Brennmaterial, als Mörtel zum Bauen und natürlich auch als Dünger verwendet. Der Kuhurin findet in der ayurvedischen Medizin Anwendung. Panchagavya ist eine Mixtur, die aus fünf Kuhprodukten besteht und in hinduistischen Ritualen und für medizinische Zwecke gebraucht wird. Sie besteht aus Milch, Urin, Dung, Ghee (geklärte Butter) und Joghurt. Ohne Milch und Ghee wären viele hinduistische Andachten (Poojas) und Riten undenkbar.

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Schön geschmückter Bulle im Tempel von Madurai

Fakten über die Milch- und Fleischindustrie in Indien

Was viele im Land der heiligen Kühe nicht vermuten würden, ist die Tatsache, dass Indien ist einer der grössten Exporteure für Rindfleisch und Leder ist.
Dies wird in Indien sehr zwiespältig gesehen, einerseits bringt der Export viel Geld, andererseits geht es um die heilige Kuh, die doch eigentlich verehrt werden sollte.
Indien ist der größte Milchproduzent der Welt. Wenn 1.4 Milliarden Menschen mit Milch versorgt werden müssen, erstaunt dies nicht wirklich. Seit Narendra Modi mit der hindu-nationalistischen Partei BJP (Bharatiya Janata Party) an der Macht ist, wurden illegale Schlachtungen, Transporte und auch der illegale Handel von Rindern nach Bangladesch stark eingeschränkt. In 22 Bundesstaaten von 29 ist es verboten, Kühe zu schlachten. Wer dagegen verstößt, muss mit hohen Gefängnisstrafen rechnen. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu schrecklichen Lynchmorden gegen vermeintliche Schlachter oder Rindfleisch-Esser.
Das Geschäft mit Rindfleisch und Leder liegt vor allem in muslimischen Händen. Da diese Arbeiten, aus hinduistischer Sicht, als unrein angesehen werden, arbeiten vorwiegend Moslems und Dalits (Kastenlose) in Schlachthöfen und in der Lederverarbeitung. Unter der Herrschaft der BJP wurden vor allem im Norden viele Schlachthöfe geschlossen. Muslimische Dörfer und Städte, die von diesem Geschäft über mehrere Generationen gelebt hatten, stehen nun ohne Arbeit da.
Wenn man die Milchproduktion genauer unter die Lupe nimmt, dann sind auch die indischen Kühe plötzlich nicht mehr so heilig, sondern schlicht Business. Während es klar ist, dass Fleisch von geschlachteten Tieren stammt, wird die Milchproduktion doch sehr beschönigt. So stellen wir uns die Kühe friedlich grasend auf grünen Wiesen vor. Auch das Bild von der Kuh mit ihrem säugenden Kälbchen gibt uns das Gefühl, dass Milch für Kalb und Mensch im Überfluss vorhanden ist. Leider sieht die Realität anders aus. Damit die Milchwirtschaft finanziell rentabel ist, müssen die Kühe einmal im Jahr ein Kalb bekommen. Büffel, die einen Großteil der indischen Milchwirtschaft ausmachen und im Gegensatz zu den Kühen nicht heilig sind, müssen alle 15 Monate kalbern.

Bueffelherde
Eine Herde schwarzer Büffel, die in Indien nicht als heilig gelten

Die Kälbchen werden nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und auch danach haben sie nur erheblich eingeschränkt Kontakt zu ihren Müttern. Diese Trennung ist sowohl für das Muttertier, als auch für das Kalb traumatisch, führt jedoch zu einer Erhöhung der Milchproduktion. Nach der Trennung werden die Kälber hauptsächlich mit Milchersatz gefüttert und dürfen nur begrenzt beim Muttertier Milch saugen. Die Muttermilch wird stattdessen für den menschlichen Verzehr gebraucht.
Männliche Tiere sind wirtschaftlich unerwünscht. Eine begrenzte Anzahl wird für die Zucht verwendet und einige landen als Arbeitstiere in der Landwirtschaft. Diese werden ohne Betäubung kastriert. Um sie fügsam zu machen, bekommen sie Nasenseile. Schläge und harte Arbeit an der prallen Sonne sind für die Tiere meistens Alltag. Wenn sie alt und schwach sind, werden sie oft sich selbst überlassen oder an Zwischenhändler verkauft. Heutzutage werden sie nicht einmal mehr für die Besamung der Kühe eingesetzt. Auch dies geht in den Großbetrieben wirtschaftsfreundlich durch künstliche Befruchtung. Diese Technologie ist beliebt, weil sie effizient ist, die selektive Zucht ertragreicher Tiere ermöglicht und den Bedarf an männlichen Stieren verringert.

Arbeitstiere bei der Zuckerrohrernte
Arbeitstiere bei der Zuckerrohrernte in Nordindien

Gesunde Kühe werden für die Verwendung in der Milchindustrie am Leben erhalten. Für sie beginnt der stetig wiederholende Zyklus von Trächtigkeit, Geburt, Trennung vom Kalb, schmerzhaftes Melken und immer wieder Entzündungen am Euter. Die Milchproduktion beginnt nach drei bis vier Trächtigkeiten zu sinken. In diesem Stadium werden Kühe und Büffel zum Schlachten an Zwischenhändler oder an kleinere Landwirte verkauft. Der Kleinbauer behält die Kühe für rund zwei bis drei zusätzliche Trächtigkeiten, bevor er sie sich selbst überlässt oder zum Schlachten verkauft.
Aus diesem Grund sieht man in indischen Städten viele herrenlose, oft abgemagerte Kühe, die im Abfall nach Resten suchen. Milch geben viele dieser Kühe keine mehr.

Hier in Chennai gibt es auch Kühe. Mir zieht es beim Anblick jedes Mal das Herz zusammen. Die meiste Zeit an kurzen Seilen am Straßenrand und ohne Unterstand angebunden, fristen sie ihr Leben und die Kälbchen sind von den Müttern getrennt.

Kuehe am Strassenrand angebunden in unserem Quartier
Die Kühe bei uns im Quartier- kurz angebunden am Strassenrand
Die Kaelber von den Muttern getrennt in unserem Quartier
Die Kälber getrennt von den Muttertieren auf der gegenüberliegenden Strassenseite

Einige Kühe, die im Quartier herumstreifen und sich bei den Abfallcontainern verköstigen, haben jedoch einen Besitzer. Um Geld für Futter zu sparen, lassen einige die Kühe tagsüber frei und sammeln sie abends wieder ein. Manche Kühe gehen scheinbar auch von sich selbst nach Hause, um gemolken zu werden und etwas Futter zu bekommen. Die Kühe fressen leider auch allerhand Plastikmüll zusammen, was ihnen oft sehr schlecht bekommt und manchmal sogar tödlich endet.

Büffel, die mehr als die Hälfte der indischen Milch liefern, leiden genauso, wenn nicht noch mehr. Da sie nicht heilig sind, machen sich die Meisten kaum Gedanken über sie. Ich habe auf den Highways Richtung Kerala schon viele Viehtransporter mit Büffeln gesehen. Zusammengepfercht, ohne Wasser und Schatten werden sie stundenlang nach Kerala gefahren. Ein trauriger Anblick! In Kerala ist das Schlachten von Kühen erlaubt. Obwohl auch dort die Hindus in der Mehrzahl sind, wird der Umgang mit Kühen viel liberaler gesehen.

 

Die Politik und die heilige Kuh

Unter der Regierung der BJP hat sich einiges verändert. Viele Hindu-Nationalisten zeigen plötzlich grosses Engagement für die heilige Kuh. So kontrollieren sie eigenmächtig Straßen, um illegale Viehtransporte aufzuspüren. Wehe dem, den sie erwischen!
Für viel Geld wurden von der Regierung Modis neue Gnadenhöfe, sogenannte Gaushalas geschaffen. Dies sind traditionelle Einrichtungen in denen alte, unfruchtbare, erkrankte oder gerettete Kühe ihren letzten Lebensabschnitt verbringen. Man schätzt, dass es ungefähr 3000 Gaushalas in Indien gibt. 1837 Gnadenhöfe werden von der Regierung durch die staatliche Organisation Animal Welfare Board of India (AWBI) betrieben. Doch wie ergeht es den Kühen in den Gaushalas? Eine Studie, die im März 2019 veröffentlicht wurde, zeigt deutlich auf, dass auch hier großer Handlungsbedarf besteht. Die Studie weißt auf folgende Mängel hin:

– geringes Platzangebot pro Kuh
– geringe Bewegungsfreiheit
– mangelnder Zugang zu Weiden
– ungleichmäßiger Bodenbelag
– Schädigungen und Verletzungen an Gelenken und Haarausfall (bei der Hälfte der untersuchten Tiere)
– Probleme mit ansteckenden Infektionskrankheiten

Warum rückt die heilige Kuh grade jetzt unter der hindu-nationalistischen Regierung so sehr in den Fokus? Geht es wirklich, um die heilige Kuh oder ist es nicht auch eine Anti-Muslim-Bewegung? Oder geht es der BJP um Wählerstimmen? Gäbe es nicht dringendere Probleme zu bewältigen?

Indien hat mit mehr als 190 Millionen Rindern den weltweit größten Rinderbestand. Auf dem Land besitzt fast jeder ein paar Kühe, aber nicht alle haben Weideland. Dies führt dazu, dass Kühe oft frei auf Straßen umherstreifen, den Verkehr behindern und Unfälle verursachen. In vielen Bundesstaaten kommt es zu großen Konflikten zwischen frei laufenden Kühen und der Landwirtschaft. Denn natürlich machen die Kühe auch vor den Feldern nicht Halt und können in kurzer Zeit ganze Ernten vertilgen. Viele Bauern müssen nun sogar ihre Felder bewachen. Da es die Bauern in Indien sehr schwer haben und keine Entschädigungen vorgesehen sind, durchaus ein Grund zum Klagen. Dies dürfte mit Sicherheit auch ein Grund dafür sein, dass die Regierung viel Geld für neue Gaushalas ausgegeben hat.

Als überzeugte Vegetarierin schwanke ich hin und her. Einerseits freut es mich, dass es den Kühen unter Modi etwas besser ergeht, andererseits hinterlässt die Bewegung bei mir einen etwas bitteren Nachgeschmack. Geht es hier wirklich um die heilige Kuh? Oder sind es vielmehr politisch geschickte Strategien?
Auch würde ich mich freuen, wenn dieses Engagement für die heilige Kuh auf den gesamten Tierschutz übergreifen würde.

Quellenangaben und weitere Informationen:

https://www.thehindu.com/opinion/open-page/the-sorry-tale-of-the-milch-animals/article6578663.ece

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6523919/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/heilige-kuh-in-indien-die-geschundene-goettin.979.de.html?dram:article_id=320433

https://www.deutschlandfunk.de/indien-heilige-kuh-hungernde-kuh.886.de.html?dram:article_id=440720

Videos:

https://www.arte.tv/de/videos/082926-000-A/indien-im-namen-der-heiligen-kuh/