Bei Lichte betrachtet – die erste Zeit nach meiner Auswanderung nach Indien

Viele von euch scheint es zu interessieren, wie mein Abenteuer Indien damals, vor fast 14 Jahren, weiterging. Aus meinen Tagebucheinträgen habe ich folgende Fortsetzung zusammengestellt.

Bei Tageslicht sieht unser Häuschen nicht viel besser aus. Unsere Vermieter haben nur grade das Notwendigste machen lassen und die Arbeiter haben überall gepfuscht. Farbflecken hier und dort, Farbe bröckelt von den Wänden, die Abflüsse der Lavabos werden mit einem grauen Kunststoffschlauch in ein Loch geleitet, eine hässliche Lampe hängt in der Wohnstube und alle Räume werden mit einer Neonröhre beleuchtet. Zwei dunkelbraune Gestelle sind in der Wohnstube direkt in die Wand eingelassen und mit schmutzigen Schiebetüren aus Glas verschließbar. Die schwarzvergitterten, matten Fenster geben das Gefühl in einer Gefängniszelle zu sitzen.

Ich habe Prabhu gebeten, dass vor unserer Ankunft geputzt wird. Dies sei geschehen, bekommen wir zur Antwort, und ich merke, dass das Sauberkeitsempfinden hier ein anders sein muss. Ich denke an unsere alte Wohnung zurück, die wir vor fünf Tagen abgegeben haben. Wie pingelig da alles kontrolliert und durchgecheckt wurde. Auch Prabhu ist enttäuscht und meint, dass wir bald etwas anderes suchen werden. Wir legen beim Putzen nochmals selbst Hand an, sodass wir uns einigermaßen wohlfühlen können.

Nur der Hof draußen gefällt uns. Zwei alte Mangobäume und ein Neembaum spenden Schatten. Jasmin, Hibiskus, Nachtjasmin und viele mir unbekannte tropische Pflanzen säumen den Rand. Eine Kokospalme, Bananenstauden und Papaya stehen hinter dem Haus. Der Eingang zum Grundstück ist mit einem Gate geschlossen, so ist der Hof für unseren Sohn und Lara ideal zum Spielen.

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Neembaum
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Mangos vom eigenen Baum
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Und Bananenstauden hinter dem Haus

Ein Watchman bewacht das Grundstück, sieht zum Rechten, pflegt die Pflanzen und wischt zweimal täglich den Platz. Er schläft auf der kleinen Veranda unserer Vermieter, die in den USA leben und ab und zu hier Urlaub machen. Gottlob mag er Lara auf Anhieb und freundet sich schnell mit ihr an. So einen Hof mit Garten in Chennai zu finden, ist scheinbar nicht einfach und vor allem kaum bezahlbar. Lara ist noch unsicher und verängstigt. Nur langsam traut sie sich den neuen Ort zu erkunden.

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Unser Watchman mit S. und Lara

 

Natürlich lässt Prabhus Familie nicht lange auf sich warten. Alle wollen S. sehen. Prabhus Schwester besucht uns mit den zwei Töchtern. Sie bringen eine große Torte mit. „Happy Birthday to S.“, steht in dunkelbrauner Zierschrift drauf. Ich muss schmunzeln, denn der Geburtstag unseres Sohnes liegt noch in weiter Ferne. Wollen sie den verpassten ersten Geburtstag nachfeiern? Alle freuen sich riesig und plappern freudig in Tamil. Yamuna und Vanita, Prabhus Nichten, spielen mit S. und unterhalten sich mit mir in Englisch. Auch Prabhus Eltern kommen zu uns nach Hause. Sie sind sehr glücklich, endlich den einzigen Enkelsohn in die Arme zu schließen, aber irgendwie stehen sie dem Ganzen auch noch mit etwas Unbehagen und Skepsis gegenüber.

Natürlich ist immer wieder Shopping angesagt. Da unser Containergepäck erst in 5 Wochen eintreffen wird, und wir unseren Hausstand zu einem großen Teil aufgelöst oder auf dem Estrich meines Bruders gelagert haben, brauchen wir viele Dinge. Waschmaschine, Kochherd, Pfannen, Möbel, PC, Fernsehgerät, Stereoanlage, Bügeleisen mit Bügelbrett, Staubsauger, Mixer, … Eigentlich würde mir dies ja Spaß machen, aber hier ist alles anders. Von Pontius zu Pilatus müssen wir fahren, die Auswahl ist sehr eingeschränkt und alles braucht Zeit, viel Zeit. Dabei immer ein eineinhalbjähriges Kind zu betreuen, ist nicht grade das große Vergnügen. Es ist Stress pur und wir beschließen, das Ganze langsamer anzugehen.

Ich bin nicht das erste Mal und auch nicht ganz unvorbereitet in Indien, aber mit einem Kleinkind ist alles anders. Der Schmutz, die Hitze, die Moskitos, die ständige Angst vor Krankheiten setzen mir sehr zu. In jedem Restaurant achte ich pingelig auf jedes Detail. Nichts Ungekochtes, Ungeschältes, keine Eiscreme, keine Lassi, … Dazu kommt, dass es nicht zu scharf sein sollte. Gar nicht so einfach und S. macht es mir mit seinen ständigen oralen Erkundigungen auch nicht leichter.

Langsam, Schritt für Schritt geht es voran. Der Esstisch sollte in ein paar Tagen geliefert werden, und die Waschmaschine ist bereits in Betrieb. So essen wir auf dem Boden sitzend oder gehen ins Restaurant.

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Endlich ein Esstisch

S. meistert den Wechsel scheinbar problemlos. Er ist den Menschen hier sehr zugetan, fröhlich und kontaktfreudig, was natürlich alle riesig freut. Chella Kutty, kleiner Schatz, nennen sie ihn überall und kneifen ihn liebevoll in die Wange und küssen danach die Fingerspitzen, die ihn berührt haben. Mit seiner hellen Haut entspricht er hier einem Schönheitsideal. In der Schweiz hat S. nie diese Aufmerksamkeit von Fremden erhalten. Kinder sind hier die Könige der Welt und überall ist man herzlich willkommen. Wohin ich auch gehe, werde ich immer gefragt, wie unser Sonnenschein heißt. Der tamilische Name unseres Sohnes scheint Herz und Tür jedes Tamilen umgehend zu öffnen. „Hi S.“, werden wir überall freundlich begrüßt.

Lara dagegen ist immer noch ängstlich. Sie verlässt nur ungern das Haus und braucht viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Langsam wird alles gut. Möbel, Vorhänge, Bilder machen das Haus wohnlicher, gemütlicher. Als dann endlich mit grosser Verspätung der Container mit unseren Sachen eintrifft, ist es wie ein zweites Mal Weihnachten feiern. Ich entspanne mich, fühle mich endlich wohl, und so kommen auch Lara und ich in Indien an …

Wie mein Abenteuer begann, kannst du hier nachlesen:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/11/28/das-abenteuer-indien-beginnt/

Das Abenteuer Indien beginnt

Mit diesem Beitrag sind es nun genau 200 Blogartikel, die ich bereits veröffentlicht habe. Zeit zurückzuschauen, zu reflektieren und auch in meinem Tagebuch zu stöbern, das ich damals ziemlich regelmäßig geführt habe. Dabei bin ich bei meinem ersten Indieneintrag hängen geblieben. Was war das damals für ein Abenteuer und wie mutig habe ich mich auf die Auswanderung nach Indien eingelassen.

Welcome to Chennai – aus meinem Tagebuch vom Februar 2006

Angespannt, nervös schaue ich aus dem kleinen, runden Fenster. Es ist fast Mitternacht und wir fliegen über Chennai, unseren Zielort. Orange Lichter beleuchten die Millionenstadt und schon beginnt der Sinkflug. S. schläft selig in meinen Armen und spendet mir etwas Trost. Ich denke an Lara, unsere Hündin, die irgendwo im Flugzeugbauch zittert. Wie es ihr wohl geht? Hat sie die Reise gut überstanden? War es richtig, sie mitzunehmen? Was wird mich an diesem fremden Ort wohl erwarten? Haben wir uns richtig entschieden? Alles wird nochmals infrage gestellt.

Wir landen und suchen unser Handgepäck zusammen. Beim Ausgang wird uns der Kinderwagen ausgehändigt, so haben wir wieder die Hände frei. S. erwacht langsam und nimmt die neue Umgebung gespannt wahr. Sofort erkundigen wir uns nach Lara, die wir nach einiger Wartezeit in ihrer blauen Transport-Box in Empfang nehmen können. Sie freut sich riesig, uns zu sehen. Erleichtert und sehr durstig trinkt sie einen vollen Napf Wasser leer. Um durch den Zoll zu gelangen, muss sie leider wieder in die Kiste zurück, was sie gar nicht begeistert aufnimmt. Ich halte alle Papiere für Lara bereit. Zwei Männer begutachten sie wichtigtuerisch. Haben sie etwas von Quarantäne gesagt? Prabhu bleibt sichtlich gelassen und ruhig. Schließlich lassen sie uns passieren.

Ich schwitze, ziehe meinen und auch den Pulli von unserem Sonnenschein aus. Als wir den Flughafen verlassen, erfasst uns eine Hitzewelle, die mich fast erdrückt. Draußen ist ein Chaos, ein Durcheinander von Menschen. Namensschilder werden hochgehalten, Namen werden gerufen. „Pass gut auf deine Handtasche auf“, sagt mein Liebster zu mir. Da entdeckt er seinen Angestellten Bhava, der uns abholt. „Welcome to Chennai“, sagt er zu uns und schenkt S. und mir eine rosa Rose. Ein grosser Jeep mit Fahrer steht bereit. Sie heben das Gepäck auf das Dach, und ich gehe schnell mit Lara Gassi. Viele neugierige Blicke verfolgen mich, nehmen mich wahr. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Lara ist ganz verängstigt und durcheinander.

Wir fahren zu unserem Haus, das wir nie zuvor gesehen haben. Prabhus Vater und Bhava haben dies für uns gemietet und alles arrangiert. Die Fahrt ist schrecklich. Ängstlich drücke ich S. an mich. Es holpert, ständig hupt der Fahrer und er fährt wie ein Rowdy. Endlich kommen wir an. Ein kleines Haus erwartet uns, drei Zimmer, alles ist klein, schmuddelig. Ich finde es auf den ersten Blick nur fürchterlich. Prabhus Eltern haben uns das Allernotwendigste rein gestellt: Zwei braune Kunststoffstühle und ein kleiner roter für S. , drei Matratzen, die in Plastik verpackt im hinteren Zimmer liegen, etwas metallenes Kochgeschirr, vier Decken und Kissen, ein grosser, gefüllter 20 Liter Wasserbehälter, ein gebrauchter Gasherd, der alte Kühlschrank der Eltern …

Prabhu schaltet gleich die Klimaanlage ein, die sein Vater hat installieren lassen und ich packe die Matratzen aus. Das große Fixleintuch und die Kissenbezüge, die ich im Koffer mitgenommen habe, erfüllen ihren Dienst. „Wollen wir noch das Moskitonetz aufhängen?“, frage ich meinen Liebsten. Der verneint und meint, wenn die Klimaanlage eingeschaltet wäre, dann würden die nicht kommen. Tja, dem ist nicht so! Als wir endlich müde auf unseren Matratzen liegen, surrt es um uns herum. Prabhu ist immer noch optimistisch und meint, da würde es sich nur um eine Mücke handeln. Nachdem er einen Blutsauger mit seinen Händen zerquetscht hat, hoffen wir auf Ruhe. Vergeblich! Schließlich sieht auch er ein, dass es mehrere Mücken im Zimmer hat, die auf unser Blut warten. Das Moskitonetz wird aufgehängt. Kein leichtes Unterfangen ohne Nägel und Werkzeug. Gott sei Dank habe ich noch etwas Schnur eingepackt und wir befestigen das Netz provisorisch an der Neonröhre. Geschützt liegen wir unter dem Netz.

S. schläft ruhig zwischen uns und bald höre ich auch meinen Liebsten leise schnarchen. Nur ich finde keinen Schlaf. Die Klimaanlage surrt laut, ich höre fremde, ungewohnte Geräusche. Ein Flugzeug überfliegt unser Haus. „War dies wirklich die richtige Entscheidung?“

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Unser Haus bei Tageslicht. Dank dem schönen Garten mit genügend Raum zum Spielen für S. und Lara sind wir dann doch über zwei Jahre geblieben.