Im indischen Lockdown 4.0 – Tag 55

Mit der bisher höchsten Tagesanzahl von 5242 neuen Covid-19-Fällen hat bei uns heute der Lockdown 4.0 begonnen. Die indische Regierung hat die Maßnahmen gegen das Corona-Virus bis zum 31. Mai verlängert. In vielen Bundesstaaten und Distrikten kommt es zu Lockerungen. Die Bundesstaaten haben nun wieder mehr Entscheidungsgewalt und können Erleichterungen beschließen.

Bei uns in Chennai ändert sich leider kaum etwas. Wir haben immer noch steigende Fallzahlen. In 25 Distrikten in Tamil Nadu kommt es jedoch zu Lockerungen.

Hier die neusten Bestimmungen des Lockdowns 4.0

Keine Lockerungen in stark betroffenen Covid-19-Zonen. Die Bundesstaaten entscheiden über eventuelle Erleichterungen. Ausgangssperre von 19.00 bis 7.00 Uhr

Erlaubt:

  • Online Education
  • Heimlieferungen von Essen und Esswaren
  • Kantinen für Gestrandete und Bedürftige
  • Stadien dürfen geöffnet werden, jedoch ohne Zuschauer
  • Restaurants dürfen Heimlieferungen anbieten
  • Allein stehende Shops dürfen öffnen

Weiterhin geschlossen:

  • Schulen und Universitäten
  • Flugreisen und Metros
  • Religiöse Zentren
  • Fitness-Zentren, Malls, Kinos

Covid-19-Management:

  • „Social Distancing“ muss befolgt werden
  • Es ist obligatorisch eine Maske zu tragen.
  • Nur 5 Personen zur gleichen Zeit in einem Geschäft.
  • Nicht mehr als 50 Gäste an Hochzeiten

Die neusten Zahlen von heute:

Indien: 96‘492 Fälle, 36‘824 recovered, 3041 Tote

Am stärksten betroffen:

  • Maharashtra: 33‘053 Fälle, 1198 Tote
  • Gujarat: 11‘379 Fälle, 659 Tote
  • Tamil Nadu: 11‘224 Fälle, 78 Tote
  • Delhi: 10‘054 Fälle, 160 Tote

Immer noch sieht man tagtäglich erschreckende Bilder von Wanderarbeitern, die verzweifelt versuchen in ihre Dörfer zurückzukehren. Viele Verzweifelte sind zu Fuß, mit Fahrrädern und Fahrrad-Rikschas meist in der Nacht auf den Highways unterwegs. Einige haben auch ihre letzten Rupees zusammengelegt, um eng zusammengepfercht in Lastwagen mitzufahren. Wie sich rausstellte, zeigten die Truckfahrer jedoch kein Mitleid oder Verständnis für die Wanderarbeiter. Bis zu 2000 Rupees pro Person mussten sie bezahlen und Fahrer verdienten insgesamt 1 Lakh (100‘000 Rupees) – eine richtige Abzockerei!

In dieser Woche sind viele schreckliche Verkehrsunglücke passiert, bei denen viele Wanderarbeiter ums Leben kamen.

Über die Handhabung der Wanderarbeiter ist nun eine politische Auseinandersetzung entbrannt. Die Opposition, vor allem die Congress-Partei kritisiert die Zentrale Regierung massiv.

Die Bundesstaaten wurden nun angewiesen, dass sie mehr Busse und Züge zur Verfügung stellen müssen, um die Arbeiter endlich nach Hause zu lassen. Dies führte heute wieder zu Massenansammlungen an verschiedenen Zug- und Busbahnhöfen.

Sehr berührt hat mich die Geschichte eines Wanderarbeiters, der in seiner Not ein Fahrrad gestohlen hat, und dem Besitzer einen Brief hinterlassen hat.

Seit Tagen informiert die Finanzministerin Nirmala Sitharaman täglich live über die Verteilung der 20 Lakh Crore Rupees (250 Milliarden Euro), die die indische Regierung als Wirtschaftspaket geschnürt hat.

Die Aufteilung kommt jedoch eher einer neuen Budgetierung gleich, als einer Hilfe, die sofort zum Einsatz kommt. Viele bezeichnen das Ganze als Augenwischerei. Der Fokus soll vor allem auf lokalen Marken liegen und Indien möglichst unabhängig vom Ausland machen.

Maharashtra, vor allem Mumbai ist vom Corona-Virus am schlimmsten betroffen. Die Spitäler haben ihre Kapazitäten erreicht und alle Intensivbetten sind besetzt. Auch im Slum Dharavi steigen die Fälle weiter an. Gestern zählte man 1198 Fälle.

Wieder einmal zieht ein Zyklon nordwärts an uns vorbei. 2016 fegte Zyklon Fani über Chennai hinweg. Die Verwüstungen, die zurückblieben, werden mir immer in Erinnerung bleiben.

Der Zyklon Amphan bewegt sich nun auf die Ostküste von Odisha und Westbengalen zu.

Laut Meteorologen wird sich der Zyklon in den nächsten 12 Stunden zu einem Super-Zyklon aufbauen und am 20. Mai auf die Küste treffen. Ich hoffe nur, dass es die Menschen nicht zu sehr trifft.

Gestern mussten wir mit unserem Sohn zum Arzt. Eigentlich wollten wir einen Dermatologen aufsuchen, aber wegen der Corona-Situation ist dieser nicht im Dienst. Nach Fiebermessen und Handdesinfizierung konnten wir das Spital betreten. In der Notfallaufnahme sah sich eine Assistenzärztin in voller Corona-Montur den Hautausschlag an, und es war ziemlich klar, dass sie in diesem Fall nicht kompetent war. Der Kinderarzt, der danach dazu geholt wurde, schien etwas fachkundiger und verschrieb eine Lotion und Tabletten.

Jetzt versuchen wir es mal so, ansonsten müssen wir uns auf die große Suche nach einem Hautarzt machen.

Weiter geht es … stay home – stay safe!

Im indischen Lockdown – Tag 47

Während es in vielen europäischen Ländern nun zu Lockerungen kommt und die Planung zu „Back to the new normal“ in vollem Gange ist, stecken wir hier immer noch im Lockdown, bereits in der 2. Verlängerung.

Indien versucht, das Virus durch einen Covid-19-Zonenplan einzuschränken. Während es in den grünen und orangen Zonen keine oder nur wenige Fälle gibt, sind die roten Zonen die Corona-Hotspots. In den grünen und orangen Zonen sind bereits viele Lockerungen getroffen worden und industrielle Betriebe können unter Berücksichtigung des „Social Distancing“ und anderen Vorsichtsmaßnahmen wieder produzieren. In den roten Zonen hingegen sieht es anders aus. Hier wurde der Lockdown kaum gelockert. Wie fast alle indischen Großstädte ist auch Chennai tiefrot.

Die Hoffnung, dass das Virus die Hitze und tropisches Klima nicht mag, hat sich leider nicht bestätigt. Auch hier breitet es sich rapide aus. Die Fallzahlen steigen stetig. Am allerschlimmsten hat es Mumbai getroffen, aber auch Chennai hat täglich steigende Fallzahlen. Zu sehr vielen Ansteckungen hat der Großmarkt für Gemüse- und Früchte geführt. Nun wasche auch ich alle Früchte und Gemüse gründlich nach dem Kauf.

Diese Woche wurden viele gestrandete Inder aus dem Ausland mit Evakuierungsflügen nach Hause geholt. Alle müssen nun für 14 Tage in Quarantäne. Entweder können sie dies kostenlos in Unterkünften der Regierung oder kostenpflichtig in dafür vorgesehenen Hotels.

Anfangs Woche wurden in vielen Bundesstaaten die Likör- und Weinshops geöffnet. Die Bilder und Videos, die man kurz darauf überall sehen konnten, zeigten umgehend auf, dass dies ein Fehler war. Der riesige Ansturm auf Alkohol geriet vielerorts außer Kontrolle.

Mit etwas Menschenverstand wäre dies eigentlich voraussehbar gewesen, aber die Regierung braucht wohl dringend das Geld, das dadurch in die Staatskasse gespült wird.

Wer noch nie in Indien war, weiß vielleicht nicht, dass man Alkohol nur in bestimmten Shops kaufen kann. Da Spirituosen nicht unter essenzielle Lebensmittel fallen, hatten die Menschen seit über 40 Tagen keine Gelegenheit mehr Alkohol zu kaufen. Mein Mann hat mir erzählt, dass ein grosser Likör-Shop in Bangalore einen Tagesumsatz von 2 Millionen Schweizer Franken gemacht hat!

Hier in Chennai sind die Wine-Shops immer noch geschlossen. In Tamil Nadu wurde grade ein Gerichtsbeschluss erlassen, der besagt, dass die Wine-Shops geschlossen bleiben sollen, dass man jedoch einen Online-Verkauf in Betracht ziehen kann.

Unser Vorrat ist auch schon länger aufgebraucht. Anstelle von alkoholischen Drinks genehmigen mein Mann und ich uns nun täglich einen Immunbooster-Detox-Drink!

Keine Mango-Lassi 😉!

Unser Sohn rümpft darüber nur die Nase und erfreut sich an den komischen Gesichern, die wir bei der Einnahme machen.

Nach einem ayurvedischen Rezept mixe ich Ingwer, Amla, Zitrone, Tulsi-Blätter (indischer Basilikum) und Kurkuma.

Diese Mischung wird empfohlen, um das Immunsystem zu stärken und den Körper zu entgiften. Ich gebe zu, dass mir ein Gin Tonic definitiv besser schmecken würde.

Hier noch die neusten Zahlen von heute Morgen:

  • 19‘358 Recovered
  • Jeder 11. Tag eine Verdoppelung der Fälle
  • 62‘939 Fälle, 2108 Tote, Mortalitätsrate 3 %
  • In den letzten 24 Stunden:  3277 neue Fälle, 128 Tote

Stay home – Stay safe!

 

 

Im indischen Lockdown – Tag 39

Am Mittwoch ging unser strikter Lockdown in Chennai zu Ende. Da die Covid-19-Fälle zunehmend anstiegen und leider immer noch ansteigen, standen wir für 4 Tage unter einem totalen Lockdown. Um den großen Ansturm in den Lebensmittelgeschäften zu vermeiden, beschlossen wir erst gestern einkaufen zu gehen.

Ganz in der Nähe von uns wurde ein Corona-Fall gemeldet, so mussten wir einen Umweg nehmen, da die Straße gesperrt war. Prabhu bekam diese Nachricht per WhatsApp. Ein 70-jähriger Nordinder ist wahrscheinlich durch Community Spread angesteckt worden. Die Nachricht machte inklusive Adresse des Erkrankten umgehend die Runde. Von Datenschutz kann man in Indien nur träumen!

Im Supermarkt konnte ich mich erst in eine lange Reihe von Wartenden stellen.

Bei 37 Grad anstehen.

Bevor man den Laden überhaupt betreten darf, muss man neu seine Hände desinfizieren und natürlich eine Maske tragen. Verschwitzt und mit einer langen Einkaufsliste bewaffnet, betrat ich schließlich den Supermarkt. Halbleere und leere Regale gähnten mir entgegen. Kein einziges Brot, kein Dal, kein Mehl, kein Zucker, … Die lange Liste von meinem Schwiegervater wurde kaum kürzer. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt! Einige Dinge konnte ich noch ergattern und mein Mann holte mich wieder ab. In einem kleinen Laden am Straßenrand konnten wir noch ein paar fehlende Sachen kaufen.

Auf den Straßen tragen die meisten Masken oder binden sich wenigstens ein Taschentuch ums Gesicht. Trotzdem halten sich leider viele nicht an Social Distancing. Ich habe das Gefühl, dass die Leute echt genug haben von all diesen Corona-Maßnahmen. Viele werden nun zusätzlich von finanziellen Sorgen geplagt und dies nicht nur in der Unterschicht. Auch viele im Mittelstand mit einem regelmäßigen Einkommen kommen nach fast 2 Monaten nun an ihre Grenzen.

Auf dem Rückweg entdeckte ich dann ein Corona-Tuk-Tuk. Da musste ich doch wieder über die Kreativität und den Einfallsreichtum der Inder schmunzeln. Mit Lautsprecher bestückt, fährt das Virus-Gefährt durch die Straßen und klärt die Menschen auf.

Am Abend kam die Nachricht, dass der Lockdown um zwei Wochen verlängert wird. Ich hatte es nicht anders erwartet. Die Hotspots mit vielen Covid-19-Fällen bekommen kaum Erleichterungen. Das sind die roten Zonen. Lockerungen gibt es in den orangen und grünen Zonen, die nur wenige oder gar keine Fälle haben.

Wenigstens gibt es bei den Wanderarbeitern und all den Gestrandeten endlich eine Erleichterung. Viele Sonderzüge wurden bereitgestellt, um sie endlich nach Hause zu bringen. Trotzdem warten viele Tausende noch immer …

In Chennai werden nun alle Schulen zu Covid-19-Spitälern umgerüstet. Die Behörden erwarten scheinbar noch Schlimmeres. Hoffen wir, dass diese vielen Betten nicht gebraucht werden und die Fallzahlen endlich zurückgehen.

In den letzten 24 Stunden hatten wir mit 2293 Fällen den größten Anstieg bisher. Total haben wir heute Morgen 37‘336 Fälle und 1218 Tote.

Obwohl inzwischen jeder genug hat, geht es weiter mit dem sich ständig wiederholenden Mantra „Stay homeStay safe“!

Im indischen Lockdown- Tag 32

Das Coronavirus beherrscht unser Leben. Da in Tamil Nadu der Lockdown schon früher durchgesetzt wurde, sind wir fast seit 6 Wochen zu Hause.

Zwischendurch nehme ich bewusst Abstand von all den Corona-News, doch das Virus holt einem immer wieder ein. Unsere Papiermasken mussten wir endgültig entsorgen, so habe ich selbst einige Stoffmasken genäht. Masken sind nun Pflicht, wenn man nach draußen geht.

Gestern war ich zum dritten Mal im Supermarkt. Wir haben nun Temperaturen über 35 Grad und mit Maske und Sonnenbrille gerüstet, kommt es mir jeweils vor, als ob ich eine kleine Mini-Sauna oder ein Dampfbad vor dem Gesicht hätte. Die Läden haben von 6 Uhr bis 13 Uhr geöffnet. Nicht alles ist immer verfügbar. Während es das letzte Mal keine Eier gab, konnte ich gestern wieder einmal meine „Ökoeier“ kaufen. So habe ich mit vier Schachteln à 6 Eier zugeschlagen.

Auf dem Rückweg entdecke ich plötzlich „Hunde-Thaatha“ (Hunde-Großvater) auf dem Fahrrad. So nenne ich den alten Mann, der immer mit dem Fahrrad durch die Straßen fährt und die Straßenhunde füttert. Die Hunde lieben ihn, erkennen ihn schon von Weiten und freuen sich natürlich riesig, wenn sie einen Leckerbissen abbekommen. Wir verfolgen ihn mit unserem Auto, danken ihm für sein Engagement und geben ihm einen 500er. Ich mache ihn auch noch auf die abgemagerte Hündin mit den zwei Welpen aufmerksam, die ich neulich auf meiner Runde entdeckt habe. Er werde sich darum kümmern, verspricht er mir.

Um 14 Uhr, natürlich nach meinem Einkauf, kam die Nachricht, dass der Lockdown in Chennai und vier anderen Städten in Tamil Nadu verschärft wird. Ab Sonntag früh wird in Chennai für vier Tage dichtgemacht, auch die Lebensmittel-Läden. Nur Apotheken und Spitäler bleiben geöffnet. So kam es heute Morgen zu Hamsterkäufen. Prabhu wollte Milch und Gemüse kaufen und kam mit leeren Taschen zurück. Die Milch war seit 7 Uhr ausverkauft und in jedem kleinen Geschäft waren rund 50 Leute. „Social Distancing“ ging dabei natürlich vergessen. Was ein solcher strikter Lockdown nun bringen soll, ist mir rätselhaft.

Die Schule unseres Sohnes wird voraussichtlich aufs neue Schuljahr Mitte Juli wieder öffnen. Im Moment bietet die Schule bis zu den Sommerferien im Mai noch diverse Online-Kurse an.

So bleiben wir brav zu Hause, denn eine andere Möglichkeit steht nicht zur Wahl.

Stay home – stay safe!

Netflix-Zeit im Lockdown – der Film KD Karuppudurai

Wir haben heute den 29. Tag des landesweiten, verlängerten Lockdowns begonnen. Vielerorts in Indien steigen die Covid-19-Fälle weiterhin an. Im größten Slum Indiens, in Dharvani, hat es nun 5 Hotspots, die zu roten Zonen erklärt wurden. Mit insgesamt 113 Fällen ist Dharvani zu einem besorgniserregenden „Hotbed“ in Mumbai geworden. Währenddessen wurden in Goa und in Kerala die Restriktionen massiv gelockert. Goa hat scheinbar keinen CV-Fall mehr und in Kerala scheint alles unter Kontrolle. In Kerala haben sogar die Restaurants wieder geöffnet. Das gibt Mut zur Hoffnung, dass irgendwann auch hier in Chennai wieder etwas Normalität einkehrt.

Meine abendlichen Runden mit den Hunden verlaufen längst nicht mehr so einsam. Man merkt, dass die Leute genug haben, dass es sie nach draußen zieht. Jogger, Spaziergänger, Blumenverkäuferinnen ziehen wieder durchs Quartier. Auf der Straße wird teilweise Cricket oder Badminton gespielt. Ich kann es ja nachvollziehen, denn mir geht es ebenso.

Netflix und Amazon Prime kommt uns in dieser Zeit sehr entgegen. Mit meinem Mann zusammen schaue ich jetzt oft indische Filme. Ein ganz toller Film muss ich euch ans Herz legen. KD Karuppudurai ist ein tamilischer Film aus dem Jahr 2019 von der Regisseurin Madhumita. Mir sind die meisten indischen Filme ja zu kitschig und zu oberflächlich. KD jedoch ist komplett anders.

Zur Geschichte:

Karuppu Durai ist 80 Jahre alt, als er für drei Monate ins Wachkoma fällt. Seine fünf Kinder beschließen, dass sie das Thalaikoothal-Ritual durchführen möchten, um ihn ins Jenseits zu befördern.

Thalaikoothal ist quasi die Sterbehilfe EXIT in Tamil Nadu. Mit Öl und Kokosnusswasser wird der Körper der alten Person dermaßen runtergekühlt, dass sie sterben. Obwohl es eigentlich verboten ist, wird diese Praxis bei alten und gebrechlichen Leuten teilweise immer noch angewendet.

Karuppu Durai hört alles und wacht plötzlich aus seinem Koma auf. Mit gebrochenem Herzen und voller Angst läuft er von zu Hause fort. Bald trifft er auf den 8-jährigen Waisenjungen Kutty. Der Junge hat alles, was KD nicht hat. Er ist schlau, wortgewandt und sprüht vor Lebensfreude. Kutty ermuntert KD eine Bucketliste zu erstellen. Die weiteren Erlebnisse schweißen das ungleiche Paar auf besondere Art zusammen.

Die Geschichte wird mit so viel Witz, Charme und Liebenswürdigkeit erzählt, dass es nie langweilig wird. Ein unterhaltsamer Film mit Tiefgang, den ich nur empfehlen kann.

Von mir bekommt KD 8 von 10 Punkten.

Tamarind-Reis (Pulli Sadam) am 24. Tag im Lockdown

Der Lockdown in Indien wurde vor drei Tagen bis zum 3. Mai verlängert. Es ist leider noch nicht ausgestanden. Heute wurden 1007 neue Fälle gemeldet, und die registrierten Covid-19-Fälle klettern nun auf 13‘387. Für die Wanderarbeiter ist es besonders schwierig. Sie haben fest damit gerechnet, dass sie am 15. April endlich zu ihren Familien zurückkehren können. Die Versorgung der vielen armen Menschen, die ohne Geld und Arbeit dastehen, klappt vielerorts nicht. Viele hungern, werden schlecht versorgt und überleben mit knapp einer Mahlzeit pro Tag. Frustration und Wut macht sich breit und es kam auch schon zu Aggressionen gegen die Polizei und medizinische Fachkräfte. Die Regierung und viele Wohltätigkeitsorganisationen versuchen ihr Bestes, aber dies reicht definitiv nicht aus. Die Corona-Krise führt Indien immer mehr in eine humanitäre Katastrophe.

Ab dem 20. April können Distrikte, die keine oder nur wenig Covid-19-Fälle haben die Restriktionen etwas lockern und gewisse Branchen können ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Uns geht es gut. Die Ausgangssperre ist inzwischen zur Routine geworden. Gestern war ich zum zweiten Mal im Supermarkt, um einzukaufen. Die Öffnungszeiten wurden nochmals eingeschränkt und sind nun von 6 bis 13.00 Uhr. Die Angestellten scheinen müde zu sein, die Bestimmungen einzuhalten und umzusetzen. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch vor 2 Wochen wurde alles viel lockerer gehandhabt. Es gab keine Wartezeiten und bedeutend mehr Leute waren im Laden.

Um Social Distancing einzuhalten, hat es fast vor allen Läden aufgemalte Kreise .

Auf der Runde mit unseren Hunden begegne ich nun öfters Spaziergänger, die sich die Füße vertreten. Doch die meisten halten sich an die Regeln, bleiben zu Hause und gehen nur für das Notwendige nach draußen. Ich habe unser Quartier noch nie so still und sauber erlebt. Die Abfallcontainer werden täglich gelehrt und kaum Abfall liegt herum. Dies ist eigentlich erstaunlich, da dies in normalen Zeiten nie gelingt.

Unser Quartier am frühen Abend. Kaum jemand ist unterwegs.
Unsere Abfallstelle während der Corona-Krise.

Unsere Abfallstelle im normalen Alltag.

Vermehrt Zeit haben wir nun zum Kochen und neue Rezepte auszuprobieren. Eines davon ist Pulli Sadam, Tamarind-Reis. Die saure Tamarinde, die Frucht des Tamarind-Baums ist in der südindischen Küche nicht wegzudenken. Tamarind-Reis bleibt durch die Gewürze länger gut und wird oft eingepackt, wenn man auf Reisen ist. Da man die Paste und das Pulver aufbewahren kann, eignet sich Pulli Sadam auch als Mahlzeit, wenn es mal schnell gehen soll. Ich liebe es!

Gerne teile ich das Rezept mit euch.

Zutaten:

Für das Pulver:

  • 2 EL Pfeffer (wer es nicht zu scharf mag, kann den Pfeffer reduzieren oder weglassen und ihn mit Sesam ersetzen)
  • 2 EL Koriander-Samen
  • 1 EL Bockshornklee-Samen
  • 8-12 rote Chilis

Für die Paste:

  • Sesamöl (ca. eine Kelle)
  • Eine Handvoll Erdnüsse
  • 2 EL Chana- oder Bengal-Dal
  • 1 TL schwarze Senfsamen
  • 2 EL gesplitteter Urad Dal
  • 3-6 rote Chili
  • 12-15 Curryblätter
  • ½ TL Asafötida
  • ½ TL Kurkuma (Gelbwurz)
  • Salz
  • Ein Stück Tamarinde ungefähr in der Größe einer kleinen Mandarine.

Zubereitung der Paste:

1. Die Tamarinde in rund 2-3 dl heissem Wasser für rund 30 Minuten einweichen.

2. Eine kleine Kelle Sesamöl erhitzen, die Senfsamen dazugeben und warten bis sie springen.

3. Eine Handvoll Erdnüsse, 2 EL Chana-Dal, 2 EL gesplitteter Urad Dal, 12-15 Curryblätter und 3-6 rote Chili dazugeben und kurz frittieren bis der Dal leicht braun wird.

4. ½ TL Asafötida und ½ TL Kurkuma (Gelbwurz) dazugeben.

5. Die eingeweichte Tamarinde von Hand mit dem Einweichwasser gut vermengen und filtern, sodass rund 2-3 dl „Tamarind-Saft“ zurückbleibt.

6. Den Tamarind-Saft zugeben und köcheln lassen, bis das Ganze etwas eindickt. Nach Bedarf Salz zugeben.

Die Paste kann man in einem geschlossenen Einwegglas für mindestens 2 Wochen im Kühlschrank aufbewahren und so für weitere Portionen Tamarind-Reis verwenden.

Zubereitung Pulver:

1. Wenig Öl in einer Pfanne erhitzen und die Pfefferkörner nach Belieben (ev. Sesam), 2 EL Koriander-Samen, 1 EL Bockshornklee-Samen und 8-10 rote Chilis frittieren.

2. Das Ganze abkühlen lassen und zu einem feinen Pulver mahlen.

Auch das Pulver kann man in einem Schraubglas aufbewahren und für mehrere Portionen verwenden.

Zubereitung Tamarind-Reis:

Den Reis in einer Bratpfanne oder einer großen Schüssel verteilen und je nach Vorliebe eine bestimmte Menge der Paste darunter rühren und gut mischen. Am Schluss etwas Pulver darüberstreuen, mischen und heiß servieren. Gegessen wird Tamarind-Reis gerne mit Chips, Appalam, Vatal, aber natürlich kann man ihn auch mit einer Gemüse-Sabzi servieren.

Einen guten Appetit!

Lockdown in India – Tag 10

Heute ist bereits der 10. Tag des großen Lockdowns. Obwohl uns zu Hause manchmal die Decke auf den Kopf drückt, geht es uns allen gut.

Unser Sohn ist mit der Online-Schule beschäftigt und schreibt nächste Woche mit einem Vertrauensvertrag seine Schuljahresprüfungen. Ich bin schon seit fast drei Wochen nicht mehr draußen gewesen. Mein Mann ist der Einzige, der ab und zu einkaufen geht, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Seit Tagen versuche ich erfolglos, ein Zeitfenster für eine Online-Bestellung bei Big Basket zu ergattern. Abends bringe ich kurz den Müll zum Container und drehe mit den Hunden eine kleine Runde. So still und leer habe ich unser Quartier noch nie erlebt.Einerseits ist die Stille wohltuend und entspannend, andererseits fühlt es sich doch sehr fremd an, wenn ich ohne jemanden zu treffen eine Runde drehen kann.

Während meine Freundinnen über WhatsApp jammern, weil sie plötzlich selber putzen und kochen müssen, hat sich für mich nicht viel verändert. Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man ohne „Staff“ auskommt. Nur die Bügelwäsche durfte ich nach vielen bügelfreien Jahren wieder mal selbst von den Falten befreien. Wenn die Sonne untergeht, drehe ich auf unserer Dachterrasse eine halbe Stunde meine Runden. Das finde ich immer sehr amüsant, da auf allen Dächern rundum viele Gleichgesinnte zu sehen sind.

Die News besorgen mich zunehmend. Manchmal halte ich die Bilder, die auf den indischen News-Kanälen rund um die Uhr gesendet werden, kaum aus und muss etwas Abstand nehmen. In den letzten Tagen hat sich die Zahl der registrierten Fälle verdoppelt. Heute Morgen wurden 2069 aktive Fälle und 53 Tote gemeldet.

Auch in das größte Slum Indiens (Dharavi, Mumbai) hat das Virus bereits seinen Weg gefunden. Die Pandemie dort einzudämmen, stellt die Behörden vor das schier Unmögliche. Durchschnittlich leben in Dharavi 5 Personen in einem Raum und 70 Prozent sind auf öffentliche Toiletten angewiesen. Wie soll man da „Social Distancing“ praktizieren? Immer mehr wird mir bewusst, dass die Einhaltung des Lockdowns unter menschenwürdigen Bedingungen ein reiner Luxus ist.

Unter die Haut gehen mir auch die Bilder der Wanderarbeiter, die zu Tausenden versucht haben, ihre Heimatdörfer zu Fuß zu erreichen. Grade heute kam die Nachricht eines jungen Mannes aus Tamil Nadu, der nach 500 Kilometer Fußmarsch kollabierte und verstarb. Viele wurden aufgehalten, wie Ungeziefer mit Desinfektionsmittel besprüht und in Camps zur Quarantäne festgesetzt. Die Regierung versucht das Möglichste, um zu unterstützen und zu helfen, aber auch da sind die Ressourcen knapp, und es mangelt es an Vielem.

Erschüttert haben mich auch die Bilder und Videos von Angriffen auf Ärzte und Gesundheitsmitarbeiter. In einem Quartier in Indore wurde medizinisches Personal angegriffen und mit Steinen beworfen. „Ärzte sind wie Gott“, hat der Premierminister Modi gesagt, aber die Realität sieht anders aus. Bereits sind 50 Ärzte selbst am Virus erkrankt. Es fehlt am nötigen Equipment. Ärzte werden jetzt vermehrt durch die Polizei begleitet.

Durch diese Vorfälle wurden jetzt auch deftige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Wer gegen den Lockout verstößt, kann bis zu einem Jahr Gefängnis bekommen. Werden Menschen gefährdet sogar bis zu zwei Jahren. Ob diese Abschreckung zum Erfolg führt?

Heute um 9 Uhr wurde ein Video von Premierminister Modi ausgestrahlt. Er dankt allen für das Respektieren und Einhalten des Lockdowns. Die Leute hätten Disziplin gezeigt und Indien würde geeint gegen das Coronavirus kämpfen. „India has set an example for others to follow“ und „You are not allone!“, hört man immer wieder. Das Einschwören auf das vereinte Indien gegen das böse Coronavirus hat für mich einen schalen Nachgeschmack.

Modi setzt auf die heilige Zahl 9, die im Hinduismus sehr bedeutsam ist. Er fordert die Menschen dazu auf am Sonntag, 5.4. (auch die Quersumme 9) um 9 Uhr abends Öllichter und Kerzen rauszustellen und das elektrische Licht für neun Minuten zu löschen.

United India!

Ausnahmezustand in Indien – Tag 2 des Lockdowns

Das Sehen der Nachrichten ist zur täglichen Routine geworden.

Bereits seit dem 15. März ist unser alltägliches Leben in Chennai durch das Coronavirus auf den Kopf gestellt worden. Obwohl die Fallzahlen in Indien noch recht tief waren, hat Tamil Nadu schon recht früh Maßnahmen beschlossen. Schulen, Malls, Kinos, Restaurants, Tempel, … wurden geschlossen. So wird unser Sohn nun schon die zweite Woche online unterrichtet. Ich bin positiv überrascht, wie gut dies gelingt und wie viel Einsatz und Kreativität die Lehrkräfte an den Tag legen, um diese schwierige Zeit zu überbrücken. Per Google Meet werden Klassen gehalten, Aufgaben werden geschickt oder Erklärungsvideos geteilt.

Um Panik zu vermeiden, bereitete man uns langsam auf den großen Lockdown vor. In einem ersten Schritt verkündete Premierminister Modi in einer Fernsehansprache letzten Donnerstag eine freiwillige Ausgangssperre für Sonntag, den 22. März. Er bezeichnete die ganze Aktion als Übung für die indische Nation. Es gäbe keinen Grund für Hamsterkäufe und Panik, für die Grundversorgung sei gesorgt. Auch bat er die Leute, um 17 Uhr für 5 Minuten zu klatschen, trommeln oder mit einer Glocke zu bimmeln. Damit solle man seine Wertschätzung und seinen Dank für diejenigen ausdrücken, die tagtäglich dem Land dienen. Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten, Reinigungskräfte … In unserem Quartier verlief die sonntägliche Ausgangssperre ruhig, so ruhig, dass es schon fast unheimlich war. Um 17 Uhr standen wir natürlich alle auf der Terrasse und trommelten mit Küchenkellen rhythmisch auf unsere Metallteller und viele in der Nachbarschaft taten es uns gleich. Dass diese Danksagung mancherorts als Anlass zum gemeinsamen Tanzen und Party machen (natürlich ohne social distancing) verstanden wurde, war sich Modi wohl kaum bewusst. Auch das Ende der sonntäglichen Sperre wurde teilweise mit Knallkörper gefeiert, als ob Indien den World Cup im Cricket gewonnen hätte.

Die Geschwindigkeit mit der die weiteren Maßnahmen folgten, haben viele unterschätzt.

  • 22. 3.:alle internationalen Flüge eingestellt
  • 23. 3.: 80 Städte, viele Bezirke und teilweise sogar ganze Bundesstaaten sind im Lockdown und haben ihre Grenzen geschlossen. Darunter auch Tamil Nadu. Öffentliche Verkehrsmittel fahren in den betroffenen Bundesstaaten kaum noch.
  • Am Abend des 24. 3. erfolgte die zweite Ansprache von Premierminister Modi. Alle Inlandsflüge werden eingestellt und er ruft einen landesweiten Lockdown für 21 Tage aus. Das Gesetz „National Disaster Management Act“ tritt in Kraft, d. h. nun übernimmt die Zentralregierung das Zepter und alle Bundesstaaten müssen den Anweisungen und Maßnahmen Folge leisten.

Bereits am folgenden Tag kommt es zu Hamsterkäufen bei Lebensmitteln und Medikamenten. Ich bin froh, dass ich mich voraussehend bereits vorher etwas eingedeckt habe.

Heute ist der 2. Tag des landesweiten Lockdowns. Im Planen scheint die indische Regierung ihre Sache gut zu machen, aber wenn es zur praktischen Umsetzung kommt, hapert es an vielen Orten.

Die Bilder, die in den News gezeigt werden, erschüttern. Die Shelter, die für arme Tagelöhner eingerichtet wurden, sind absolut überfüllt und reichen bei Weitem nicht aus. Ein Porträt einer armen Familie, die sich mit Baby und Kleinkindern von Delhi zu Fuß auf den Weg in ihr Dorf machen, erschüttert mich. Keine Arbeit, kein Essen, kein Geld – die Armen trifft es wie immer am schlimmsten.

Shelter in Delhi, wo Arme gratis essen können. Von social distancing keine Spur!

 

Modi ruft dazu auf: „Show Karuna (Mitgefühl) to defeat Corona – Help poor people during the 21 days!“ Doch wie soll dies gelingen, wenn man doch zu Hause bleiben soll?

Im Punjab kam es zu Angriffen gegen die Polizei. Die Leute sind bereits jetzt unzufrieden. Vielerorts klappt es nicht mit der Versorgung des täglichen Bedarfs. Die Bauern können ihr Gemüse nicht liefern und die Waren verderben. Dass dies zu Unmut und Wut führt, ist nachzuvollziehen. Nun will Punjab auch online Lieferungen zulassen.

Die Maßnahmen sollen strikt umgesetzt werden. So zögern auch die Polizisten nicht, ihre Schlagstöcke einzusetzen. Erwachsene Männer, werden wie Schulkinder zu früheren Zeiten gemaßregelt. Schläge, Kniebeugen, am Boden rollen, … erniedrigende Maßnahmen, die mich immer wieder aufs Neue schockieren.

Auch viele Touristen wurden vom schnellen Lockdown überrascht und sitzen jetzt fest. Plötzlich ist man als weisser Tourist nicht mehr beliebt. Die Leute haben Angst und rufen teilweise „Corona, Corona!“, wenn sie Weiße erblicken. Schließlich waren es doch die bösen Ausländer, die das ganze Übel nach Indien gebracht haben. Auch ich spüre plötzlich zurückhaltende, ängstliche Blicke. Viele Touristen werden von Hotels nicht mehr aufgenommen, können die Bundesstaatsgrenzen nicht mehr passieren und sind unsäglich schwierigen Situationen ausgesetzt. Die Botschaften stehen vor einer Herkulesaufgabe ihre Leute aus Indien zu evakuieren.

Nur der Bundesstaat Kerala prescht wieder einmal positiv aus der Masse heraus. 20.000 Crore werden für finanzielle Hilfen ausgesprochen und alle bekommen für einen Monat gratis Reis.

Nun will Indien auch versuchen, dem Modell von Südkorea zu folgen. Man will die Rapid Covid-19-Tests zulassen, die schnellere Resultate liefern und preisgünstiger sind.

Heute Morgen hatten wir 606 registrierte Fälle und 10 Todesfälle.

Da die Regierung mit den Tests bisher eher zurückhaltend war, wird eine recht große Dunkelziffer befürchtet, v. a. da es jetzt auch zu Fällen kam, die mit keiner „Travel History“ in Verbindung gebracht werden konnten.

Es ist leider zu befürchten, dass Indien nicht nur eine Pandemie zu bekämpfen hat, sondern auch auf eine große humanitäre Krise zugeht.