Sieben Monate zu Hause – Plaudern aus meinem indischen Alltag

Fast sieben Monate sind wir nun zu Hause. Einmal pro Woche gehe ich gemeinsam mit meinem Mann einkaufen und abends drehe ich mit unseren Hunden eine Runde durchs Quartier. Das ist mein einziger Außenkontakt. Wenn wir das Haus verlassen, ist ein Mundschutz selbstverständlich, auch bei 35 Grad tropischen Temperaturen. Dass sich einige Menschen in Europa durch die Maskenpflicht in ihren persönlichen Freiheits- und Demokratierechten eingeschränkt fühlen, kann ich schlicht nicht nachvollziehen.

Hier in Chennai tragen schätzungsweise 80-90 Prozent eine Maske und halten sich somit an die Maskenpflicht. Wobei das richtige Tragen wieder eine andere Sache ist. Oft schaut die Nase raus oder die Maske dient eher dazu, den Hals zu schützen. Ich kann es ja auch verstehen, bei diesem Klima ist es wahrlich eine Herausforderung, vor allem wenn man die Maske lange tragen muss.

In den Supermärkten wird immer noch Fieber gemessen und man muss die Hände desinfizieren. Doch auch hier schleichen sich immer mehr indische Gewohnheiten ein, und vielerorts scheint man es damit nicht mehr so ernst zu nehmen. Klimaanlagen sind in allen Geschäften verboten, da diese die Verbreitung des Virus scheinbar erleichtern.

Qual der Wahl im Supermarkt Santosh

Mein Mann hat schon länger wieder mit Golf angefangen. Erst war nur eine private Range offen, wo man den Abschlag üben konnte, aber jetzt ist der Golfplatz offiziell wieder geöffnet worden. Ich bin echt froh, dass er wieder golfen kann. Dieser Ausgleich ist für ihn sehr wichtig. Auch seine Bauprojekte kommen langsam wieder in Gang und er kann wieder ohne Passierscheine seiner Arbeit nachgehen.

Immer noch sind mein Liebster und ich eifrig am Brändi Dog spielen. Die Covid-Brändi-Dog-Championship ist wohl noch lange nicht vorbei. Ich konnte 12 Siegpunkte wieder aufholen, habe aber heute Morgen leider verloren. Es steht nun 87 zu 86 für meinen Mann.

Unsere Freunde haben Suriyan und ich seit Mitte März nicht mehr gesehen. Einige Klassenkameraden unseres Sohnes haben nun angefangen, sich gegenseitig zu besuchen. Da unser Teenager seine Zeit fast nur noch vor dem Computer verbringt, war ich einverstanden, dass sein Freund N. uns letzten Freitag besuchte. Nur eine Bedingung habe ich gestellt. No Gadgets! Die Mutter von N. war darüber auch froh, denn sie hat die gleichen Probleme. So haben die beiden Brettspiele gespielt und sogar Suriyans Lego-Kiste aus der Versenkung geholt. Wahrscheinlich haben die Jungs einen heimlichen Wettbewerb am Laufen, wer nach Corona die längsten Haare hat. Denn N. und Suriyan hatten definitiv die gleiche Langhaarfrisur 😉.

Die Kids von den Bildschirmen wegzubekommen, ist eine Herausforderung und bereitet den meisten Eltern in unserem Umfeld Sorgen. Am Sonntag ist Suriyan bei einer Schulfreundin eingeladen. Seit langer Zeit wird er wieder mal das Haus verlassen. Irgendwie ein seltsames Gefühl.

Die Schulen sind weiterhin geschlossen. Viele Eltern der höheren Klassen sind besorgt, dass die Kids im Lehrplan nicht mithalten können. Daher plant die Schule für die zehnte bis zwölfte Klasse ab dem 2. November auf freiwilliger Basis zu öffnen. Eine Umfrage zeigt jedoch, dass die wenigsten Eltern im Moment bereit sind, die Kids zu schicken. Bei uns steht die Regenzeit vor der Tür, und dies wird höchstwahrscheinlich die Covid-19-Zahlen noch mehr ansteigen lassen. So bezweifle ich, dass die Schule im November öffnen wird.

Letzte Woche machte ich in unserem Quartier erstaunliche Beobachtungen. Endlich wurden die Müllcontainer ausgewechselt. Diesmal solche, die danach aussehen, als ob sie der indischen Müllabfuhr etwas länger standhalten.

Die neuen Container- nach dry und wet waste getrennt- doch das wird definitiv nicht funktionieren
So sah es vorher aus!

Die Stadt hat Reinigungsarbeiten nun an eine private Firma übergeben. Diese fahren mit Elektro-Tuk-Tuks nun in den Quartieren rum, sammeln eifrig Müll und putzen die Straßen. So sauber war es schon länger nicht mehr! „Neue Besen kehren gut!“, meinte mein Mann misstrauisch, als ich ihm von den Elektrowägelchen mit Mülltrennung vorschwärmte.

Hier wird der Müll getrennt- hoffentlich bleibt es so! 👍

Gestern haben sie auch alle Abflüsse freigemacht und gesäubert, denn der Monsun wird uns wohl bald mit Regen und tieferen Temperaturen beglücken.

In unserem Quartier ist auch ein kleiner Polizeiposten. Der ist nicht rund um die Uhr besetzt, aber immer wieder sind dort auch Polizisten vor Ort. Etwa vor 4 Tagen, als ich die Runde mit unseren Hunden machte, standen mehrere Leute davor. Den Grund dafür erfuhr ich, als ich näher kam, denn aus dem Innern hörte ich die Schläge. Der Posten mit Vorhängen zugemacht, sodass kein Einblick möglich war, kassierte da jemand heftige Prügel. Ein Schauer ging über meinen Rücken. Dies sind so Momente, wo ich echt bedauere, in Indien zu leben.

Ein weiteres trauriges Ereignis begegnete mir auch auf meinem Spaziergang mit den Hunden. Als ich zu unserem Haus zurückkehrte, lag regungslos ein Mann vor unserem Tor. „Ist der tot?“, fragte ich mich erschrocken. Prabhu war nicht zu Hause, also holte ich meinen Schwiegervater zu Hilfe. Der kam, ging kurz hin und meinte: „He’s drunk, just leave him.“ Die Angelegenheit war für ihn damit beendet, aber für mich natürlich nicht. Immer wieder ging ich zum Fenster und schaute nach, ob er sich noch bewegte. Als Prabhu dann nach Hause kam, meinte er, dass er grade davon getorkelt wäre. Dies ist nicht das erste Mal, dass ich solche Szenen erlebe. Da liegen scheinbar leblose Männer am Straßenrand und niemand kümmert sich, niemand ist besorgt und niemand interessiert es, ob die überhaupt noch leben. Dies ist für mich unbegreiflich. Ein Menschenleben scheint hier nichts zu zählen.

Diwali rückt langsam näher, und ich bin schon eifrig am Überlegen, was ich dieses Jahr für Geschenke machen soll. Gestern habe ich einen ersten Versuch mit selbstgemachten Karamel-Bonbons gemacht. Doch dies ging definitiv in die Hosen. Ich weiss auch nicht, woran es lag, habe mich strikt ans Rezept gehalten. Jetzt denke ich über Krachmandeln nach, die ich hübsch in Gläser verpacken möchte. Mal sehen ….

Immer noch lege ich meine Blütenmandalas.

Hast du gegessen?

South Indian Thali- dazu wird natürlich noch Reis serviert.

Wenn ich so nebenbei die Telefongespräche meines Mannes mitbekomme, dann muss ich oft schmunzeln. So auch gestern Abend. Der Anfang eines Gespräches, ob am Telefon oder nicht, verläuft eigentlich immer gleich. Nach dem Erkunden, wie es geht, folgt gleich die zweite wichtige Frage: „Hast du gegessen?“

Essen und gegessen haben, ist in Indien etwas sehr Wichtiges. Oft wird danach erzählt, was man gegessen hat oder was man gedenkt zu essen. „Ich hatte drei Dosai mit Sambar und danach noch etwas Rasam-Reis“, erzählt mein Liebster seelenruhig und ohne Motivationseinbuße bereits zum dritten Mal. Führt man einige Telefongespräche, dann ist der Menuplan für die nächsten Tage sicher gestellt.„Suresh hatte Pongal. Das könntest du auch wieder mal kochen!“, versucht mein Mann zu beeinflussen.

Die große Bedeutsamkeit, die dem Essen zufällt, ist für uns Westler manchmal nicht nachzuvollziehen. Da plappern und klagen wir doch lieber übers Wetter.

Doch das Essen ist in Indien auch ein sehr sensibles Thema. Traditionell und religiös bedingt, halten sich viele immer noch an die alten Regeln, die das Kastensystem vorgibt. So würde meine Schwiegermutter beispielsweise in keinem fremden Haus etwas essen. Auch im Restaurant tut sie sich schwer und isst nur, wenn das Essen auf einem Bananenblatt serviert wird. Natürlich betritt sie auch nur „Pure Veg Restaurants“, wo rein vegetarisch gekocht wird. Da hat kein Fleisch, Fisch oder Ei je einen Kochtopf berührt. Sogar zu Hause isst sie in der Regel nur vom Bananenblatt oder von ihrem eigenen persönlichen Teller.

Der Glaube, dass man sich durch Speisen und Getränke von unteren Kasten oder Kastenlosen verunreinigen könnte, ist in manchen Köpfen noch präsent. Für höhere Kasten, die vegetarisch leben, gelten auch Speisen mit Fleisch, Fisch und Eiern als unrein. Ob der Fleischkochtopf oder das Geschirr gereinigt wurde, ändert dabei gar nichts. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Kastenlose, die auch Dalits genannt werden, immer noch diskriminiert. So gibt es an Tee-Ständen oft zwei verschiedene Becher, denn viele wollen sich auch in der heutigen Zeit keinen Becher mit einem Dalit teilen.

In vielen Familien hat aus diesem Grund auch nicht jeder Zugang zur Küche. Viele Maids waschen das schmutzige Geschirr oft draußen auf dem Balkon oder im Hof und dürfen die Küche nicht betreten. Hat man einen Koch dann oft nur, wenn er der gleichen oder einer höheren Kaste angehört. Auf dem Land ist es häufig Brauch, dass menstruierende Frauen die Küche nicht betreten dürfen. Auch sie gelten in dieser Zeit als unrein und würden die Speisen verderben.

In Tamil Nadu überlegt man sich gut, wen man zum Essen einlädt. Hat man in einem Haus gegessen, dann gehört man quasi zur Familie. So gibt es auch den Spruch: „Ich kann nichts gegen diese Familie sagen, ich habe dort gegessen.“

In der Stadt brechen diese alten Strukturen glücklicherweise langsam auf und viele unserer Bekannten sind diesbezüglich weltoffen und modern eingestellt. Findet man kein Gesprächsthema, oder man möchte ein eher mühseliges Gespräch beenden und auf andere Bahnen lenken, dann bietet sich Essen immer an. Die Hausfrau einfach nach dem Rezept fragen und der unverfängliche Small Talk und die Schwärmerei übers Essen, insbesondere über das indische Essen beginnt.

Und ja, ich koche morgen für meinen Liebsten Pongal (breiiger Reis mit Dal und Sambar). Die Liebe geht schließlich durch den Magen!

Hier findest du übrigens unser Pongal-Rezept ;-)!

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/10/pongal-mit-sambar-suedindisches-fruehstueck/

Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0

95‘735 Covid-19-Fälle und 1‘172 Todesfälle wurden heute in Indien innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Beides neue Höchstwerte! Inzwischen hat Indien nach den USA die zweithöchste Anzahl an Covid-19-Fällen. Und wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Siegerpodest stehen.

Die Lockerungen schreiten zusehends voran. Inzwischen scheint schon fast alles wieder „normal“ oder eben „back to the new normal“. Viele tragen ihre Masken und viele leider auch nicht. Social Distancing scheint immer noch ein Fremdwort zu sein. Die Menschen wirken müde und vielen ist Covid-19 inzwischen egal. Ich merke es auch bei mir selbst. Nach fast einem halben Jahr ist es einfach genug! Ich versuche mir immer wieder Covid-Auszeiten zu nehmen, denn ständig mag dies niemand hören. Doch dies ist gar nicht so einfach und die Aluhut-Träger aus meiner alten Heimat und aus Deutschland scheinen mir überall zu begegnen und gehen mir unglaublich auf die Nerven. Irgendwie scheinen Verschwörungstheorien salonfähig geworden zu sein.

Inzwischen fahren die Busse wieder. Auch religiöse Stätten, Fitness-Center und auch die Golfplätze (da freut sich mein Liebster) sind wieder geöffnet. Scheinbar sollen sogar die 9. -12. Klässler bald wieder die Schulbank drücken, natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen. Von der Schule unseres Sohnes haben wir diesbezüglich noch nichts vernommen und seit Mitte März ist Online-Learning angesagt. Suriyan sehnt sich nach seinen Freunden und möchte sie gerne treffen. Einige tun dies scheinbar und so erhöht unser Teenager seinen Druck. Ich bin diesbezüglich immer noch unschlüssig. Macht es Sinn, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben, und dann, wenn die Fallzahlen am höchsten sind, Freunde zu treffen?

Regelmäßig kommt eine Frau der Regierung zum Fiebermessen und neu auch zum Messen des Sauerstoffgehalts im Blut vorbei.

Vor einigen Wochen stellten sie in unserer Straße sogar ein Zelt auf, um sich gratis auf Covid-19 testen zu lassen. Wir sind jedoch nicht hingegangen. Eine Erkältung mit Schnupfen und leichtem Fieber legte mich einige Tage flach. Ja, da macht man sich schon seine Gedanken. In eine Corona-Ward zu kommen, wo man keinen Besuch empfangen darf, wäre für mich ein absoluter Albtraum. Da würde ich nur hingehen, wenn es wirklich ganz schlimm wäre.

Die Frau von Prabhus Freund hat dies grade erlebt und gottlob überlebt. Sie musste sich im Spital einen Tumor entfernen lassen und war kurz darauf Covid-19 positiv. Im Spital hat sie sich angesteckt, denn vor dem Eintritt war sie negativ getestet worden. Einige Tage war ihr Zustand sehr kritisch und sie musste beatmet werden. Kurz darauf wurde von der Regierung die Wohnung desinfiziert und das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, wurde als Covid-19-Hotspot gekennzeichnet.

Für mich persönlich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin zu Hause, ab und zu begleite ich meinen Mann zum Einkaufen und mache die Runde mit unseren Hunden. Leider sind die Strände immer noch zu. Ich träume von einem Spaziergang am Strand, aber Geduld ist in Indien wohl immer gefragt.

Die Nachrichten auf den indischen Kanälen drehen sich schon seit Wochen um den verstorbenen Schauspieler Sushant Singh Rajput. Ob er Selbstmord begonnen hat oder ob er ermordet wurde, ist immer noch nicht klar.

Doch heute stehen die 5 neuen Kampfjets Rafale im Zentrum. Stolz präsentiert die Indian Air Force die neuen Flieger. 35 Jets für rund 7.8 Milliarden Euro hat Indien von Frankreich gekauft. Im Gegensatz zum Schweizerländchen, wo Ende September das Volk abstimmt, ob neue Kampfjets angeschafft werden, kann das indische Volk nur stolz zu dieser Entscheidung nicken. Die Jets kommen nicht ungelegen, denn Indien zeigt gerne militärische Stärke. Der Grenzkonflikt mit China ist noch nicht ausgestanden und scheint wieder zu eskalieren.

Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen. Seid herzlich gegrüßt und bleibt gesund!

Mein Leben mit der Corona-Situation in Indien – 23. Juli 2020

Das Coronavirus hat unser aller Leben mehr oder weniger durcheinandergebracht. In Tamil Nadu hat die Regierung bereits am 15. März einen strikten Lockdown durchgesetzt. Seitdem sind wir im Lockdown. Manchmal etwas lockerer und manchmal etwas strenger. Die Schulen sind immer noch geschlossen und unser Sohn hat nun das Schuljahr online begonnen.

Die Covid-19-Fälle steigen in Indien zur Zeit täglich um etwa 40‘000 Fälle und überschreiten inzwischen längst die Millionengrenze. Tamil Nadu liegt in Indien mit seinen Fallzahlen nach Maharashtra schon länger auf Platz 2. Weltweit gesehen liegt Indien nach den USA und Brasilien auf Platz 3. Olympisch gesehen wären dies endlich mal gute Ränge! Einigen Experten zufolge hat Indien sogar die besten Aussichten auf die Corona-Goldmedaille.

Die Situation setzt mir persönlich immer mehr zu. Als letzte Woche noch gesundheitliche Beschwerden dazu kamen, fand ich es ganz schwierig. Ich war nur noch schlecht gelaunt und bei jeder Kleinigkeit reagierte ich ärgerlich. Ich gehe wirklich nur zum Arzt, wenn es nicht anders geht. Nach einigen Tagen mit Schmerzen war ich widerwillig bereit unsere Ärztin aufzusuchen. Doch wegen dem Coronavirus arbeitet sie nicht mehr in der Klinik und die Notfallaufnahme wollte ich vermeiden. Gottlob hat mein Mann ihre Privatnummer. Schließlich verschrieb sie mir nach einem telefonischen Gespräch für 3 Tage Medikamente und wäre netterweise auch bereit gewesen mich privat zu treffen. Wir verblieben dabei, dass ich es vorerst mit den Tabletten versuchen würde. Ohne die Tabletten zu googeln, schluckte ich sie und tatsächlich ging es mir besser. Es ist noch nicht ganz okay, aber viel besser.

In einer Spezialsendung zum Thema „Corona – back to the new normal“ sprach ein Arzt vom Entstressen. Man solle Yoga machen und meditieren. Viele seien gestresst und scheinbar gehöre nun auch ich zu dieser Gruppe. Meine Blumenmeditation macht mich tatsächlich ruhiger.

Auch meine täglichen 10‘000 Schritte, die ich in unzähligen Runden auf unserer Dachterrasse ablaufe, sorgen nach über 10 Wochen für einen Ausgleich, für eine gewisse Balance. Ich habe meinen Newskonsum massiv eingeschränkt. Dauernd diese negativen Meldungen zu hören, hat mich zunehmend deprimiert.

Gestern machten wir einen kleinen Ausflug mit dem Auto. Unsere Hunde machten etwas erstaunte Gesichter, als wir alle gemeinsam das Haus verliessen. „Was soll das jetzt? Ihr könnt uns doch nicht alleine lassen!“, schienen sie zu sagen. Doch nach so vielen Wochen wollte ich wieder mal das Meer sehen. Der Strand in Besant Nagar war leider immer noch abgesperrt. Wir versuchten es in der Nähe von Akkarai. Auch dort waren alle Zugänge zum Meer blockiert. Eine Blockade jedoch hatte eine Lücke und wir beschlossen, diese zu nutzen.

Wie schön war es, wieder einmal das Meer zu sehen und über den Sand zu gehen. Nur wenige hatten die gleiche Idee und schlenderten gemütlich den Strand entlang oder sahen den Wellen zu. Glücklich badete ich meine Füße in der bengalischen See und knipste mit dem Handy einige Fotos.

Doch als ich mich umdrehte, winkte mir ein Polizist in einer sandfarbenen Uniform harsch zu. Aus dem Nichts war er plötzlich aufgetaucht und waltete seines Amtes. Es war unmissverständlich, dass er alle aufforderte, den Strand zu verlassen. Keine fünf Minuten waren uns vergönnt! Wenigstens klebte noch etwas Sand an meinen Füssen …

Zu Hause angekommen, wartete ein neuer Glücksmoment im Doppelpack auf uns. Wir wurden so freudig und aufgeregt begrüßt, als ob wir ein ganzes Jahr lang weggewesen wären.

Bei Lichte betrachtet – die erste Zeit nach meiner Auswanderung nach Indien

Viele von euch scheint es zu interessieren, wie mein Abenteuer Indien damals, vor fast 14 Jahren, weiterging. Aus meinen Tagebucheinträgen habe ich folgende Fortsetzung zusammengestellt.

Bei Tageslicht sieht unser Häuschen nicht viel besser aus. Unsere Vermieter haben nur grade das Notwendigste machen lassen und die Arbeiter haben überall gepfuscht. Farbflecken hier und dort, Farbe bröckelt von den Wänden, die Abflüsse der Lavabos werden mit einem grauen Kunststoffschlauch in ein Loch geleitet, eine hässliche Lampe hängt in der Wohnstube und alle Räume werden mit einer Neonröhre beleuchtet. Zwei dunkelbraune Gestelle sind in der Wohnstube direkt in die Wand eingelassen und mit schmutzigen Schiebetüren aus Glas verschließbar. Die schwarzvergitterten, matten Fenster geben das Gefühl in einer Gefängniszelle zu sitzen.

Ich habe Prabhu gebeten, dass vor unserer Ankunft geputzt wird. Dies sei geschehen, bekommen wir zur Antwort, und ich merke, dass das Sauberkeitsempfinden hier ein anders sein muss. Ich denke an unsere alte Wohnung zurück, die wir vor fünf Tagen abgegeben haben. Wie pingelig da alles kontrolliert und durchgecheckt wurde. Auch Prabhu ist enttäuscht und meint, dass wir bald etwas anderes suchen werden. Wir legen beim Putzen nochmals selbst Hand an, sodass wir uns einigermaßen wohlfühlen können.

Nur der Hof draußen gefällt uns. Zwei alte Mangobäume und ein Neembaum spenden Schatten. Jasmin, Hibiskus, Nachtjasmin und viele mir unbekannte tropische Pflanzen säumen den Rand. Eine Kokospalme, Bananenstauden und Papaya stehen hinter dem Haus. Der Eingang zum Grundstück ist mit einem Gate geschlossen, so ist der Hof für unseren Sohn und Lara ideal zum Spielen.

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Neembaum

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Mangos vom eigenen Baum

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Und Bananenstauden hinter dem Haus

Ein Watchman bewacht das Grundstück, sieht zum Rechten, pflegt die Pflanzen und wischt zweimal täglich den Platz. Er schläft auf der kleinen Veranda unserer Vermieter, die in den USA leben und ab und zu hier Urlaub machen. Gottlob mag er Lara auf Anhieb und freundet sich schnell mit ihr an. So einen Hof mit Garten in Chennai zu finden, ist scheinbar nicht einfach und vor allem kaum bezahlbar. Lara ist noch unsicher und verängstigt. Nur langsam traut sie sich den neuen Ort zu erkunden.

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Unser Watchman mit S. und Lara

 

Natürlich lässt Prabhus Familie nicht lange auf sich warten. Alle wollen S. sehen. Prabhus Schwester besucht uns mit den zwei Töchtern. Sie bringen eine große Torte mit. „Happy Birthday to S.“, steht in dunkelbrauner Zierschrift drauf. Ich muss schmunzeln, denn der Geburtstag unseres Sohnes liegt noch in weiter Ferne. Wollen sie den verpassten ersten Geburtstag nachfeiern? Alle freuen sich riesig und plappern freudig in Tamil. Yamuna und Vanita, Prabhus Nichten, spielen mit S. und unterhalten sich mit mir in Englisch. Auch Prabhus Eltern kommen zu uns nach Hause. Sie sind sehr glücklich, endlich den einzigen Enkelsohn in die Arme zu schließen, aber irgendwie stehen sie dem Ganzen auch noch mit etwas Unbehagen und Skepsis gegenüber.

Natürlich ist immer wieder Shopping angesagt. Da unser Containergepäck erst in 5 Wochen eintreffen wird, und wir unseren Hausstand zu einem großen Teil aufgelöst oder auf dem Estrich meines Bruders gelagert haben, brauchen wir viele Dinge. Waschmaschine, Kochherd, Pfannen, Möbel, PC, Fernsehgerät, Stereoanlage, Bügeleisen mit Bügelbrett, Staubsauger, Mixer, … Eigentlich würde mir dies ja Spaß machen, aber hier ist alles anders. Von Pontius zu Pilatus müssen wir fahren, die Auswahl ist sehr eingeschränkt und alles braucht Zeit, viel Zeit. Dabei immer ein eineinhalbjähriges Kind zu betreuen, ist nicht grade das große Vergnügen. Es ist Stress pur und wir beschließen, das Ganze langsamer anzugehen.

Ich bin nicht das erste Mal und auch nicht ganz unvorbereitet in Indien, aber mit einem Kleinkind ist alles anders. Der Schmutz, die Hitze, die Moskitos, die ständige Angst vor Krankheiten setzen mir sehr zu. In jedem Restaurant achte ich pingelig auf jedes Detail. Nichts Ungekochtes, Ungeschältes, keine Eiscreme, keine Lassi, … Dazu kommt, dass es nicht zu scharf sein sollte. Gar nicht so einfach und S. macht es mir mit seinen ständigen oralen Erkundigungen auch nicht leichter.

Langsam, Schritt für Schritt geht es voran. Der Esstisch sollte in ein paar Tagen geliefert werden, und die Waschmaschine ist bereits in Betrieb. So essen wir auf dem Boden sitzend oder gehen ins Restaurant.

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Endlich ein Esstisch

S. meistert den Wechsel scheinbar problemlos. Er ist den Menschen hier sehr zugetan, fröhlich und kontaktfreudig, was natürlich alle riesig freut. Chella Kutty, kleiner Schatz, nennen sie ihn überall und kneifen ihn liebevoll in die Wange und küssen danach die Fingerspitzen, die ihn berührt haben. Mit seiner hellen Haut entspricht er hier einem Schönheitsideal. In der Schweiz hat S. nie diese Aufmerksamkeit von Fremden erhalten. Kinder sind hier die Könige der Welt und überall ist man herzlich willkommen. Wohin ich auch gehe, werde ich immer gefragt, wie unser Sonnenschein heißt. Der tamilische Name unseres Sohnes scheint Herz und Tür jedes Tamilen umgehend zu öffnen. „Hi S.“, werden wir überall freundlich begrüßt.

Lara dagegen ist immer noch ängstlich. Sie verlässt nur ungern das Haus und braucht viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Langsam wird alles gut. Möbel, Vorhänge, Bilder machen das Haus wohnlicher, gemütlicher. Als dann endlich mit grosser Verspätung der Container mit unseren Sachen eintrifft, ist es wie ein zweites Mal Weihnachten feiern. Ich entspanne mich, fühle mich endlich wohl, und so kommen auch Lara und ich in Indien an …

Wie mein Abenteuer begann, kannst du hier nachlesen:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/11/28/das-abenteuer-indien-beginnt/

Von den Zuckeräpfeln der Göttin Sita

Mein Schwiegervater kommt lächelnd und mit Glanz in den Augen in die Küche zurück. Kumaran, der Fruchthändler, ist mit seinem Wagen vorbeigekommen und hatte heute Sugar Apples dabei. Die Früchte werden in Englisch auch Custard Apple oder in Tamil, nach der Göttin Sita, Sitapazham (die Frucht Sitas) genannt. Scheinbar sollen Sita und ihr Ehemann Lord Rama diese im 14-jährigen Exil im Wald gegessen haben.

Glücklich hält mein Schwiegervater vier Früchte in den Händen und erzählt von seiner Kindheit. Er ist in sehr bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Dorf aufgewachsen. In Erinnerungen schwelgend erzählt er: „Weißt du, in unserem Dorf lebte eine Witwe, die hatte hinter dem Haus ganz viele Seethapazham-Bäume. Wenn sie reif waren, kletterten wir Jungs immer auf die Bäume, um welche zu klauen. Manchmal sah sie uns, wurde zornig und verjagte uns. Dabei war sie eigentlich eine nette Frau, die uns sicherlich einige Früchte geschenkt hätte, wenn wir freundlich gefragt hätten. Für uns waren die gestohlenen Früchte, die wir dann gemeinsam im Versteckten gegessen hatten, eine richtige Leckerei.“

Ich stelle mir vor, wie unser Sohn und seine Freunde die Bäume hochklettern würden, um Sitapazham zu stibitzen. Suriyan würde mit Leichtigkeit die Bäume hochklettern, aber die Früchte danach mit Genuss essen? Nein, definitiv nicht!

Wie hat sich doch die Zeit verändert. Heute ist eine Frucht nichts Besonderes mehr.

Hier in Chennai könnte ich bei meinem Sohn höchstens mit teuren Import-Blaubeeren punkten, aber das finde ich so verrückt, dass sie nie im Einkaufskorb landen, obwohl auch ich wieder mal gerne Blaubeeren essen würde. Um die Kids in Suriyans Umfeld einigermaßen zu beeindrucken, müsste man schon Brownies mit einer Kugel Vanille-Glace von Haagen Dazs, die teuerste Premium Glace hier in Chennai, servieren.

Mein Schwiegervater drückt mir zwei Früchte in die Hände. Eine grüne und eine rosa Variante. „Die Rosafarbene ist noch nicht ganz reif, die kannst du erst Morgen essen!“, meint er fachkundig.

Ich habe die Sitapazham, seit ich hier in Indien bin, nur einmal probiert. Ich könnte nicht sagen, dass ich sie nicht mag, aber sie gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsfrüchten.

Natürlich habe ich die grüne Frucht gegessen. Mit Fingerspitzengefühl nahm ich Fruchttäschchen für Fruchttäschchen in den Mund, aß das süße Fruchtfleisch und spuckte die schwarzen Samen wieder aus. Übrigens eine durchaus gesunde Beschäftigung, denn der Zuckerapfel ist reich an wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidants. Liest man im Internet über die gesundheitlichen Vorzüge des Zuckerapfels, dann entdeckt man eine weitere Wunderfrucht, die man durchaus mehr essen sollte.

Die Sitapazham passt gut auf den indischen Subkontinent, denn es braucht etwas Geduld sie zu verzehren 😉.

Von helvetischen Superkräften, der Hilflosigkeit und der indischen Polizei

Gestern kam mir plötzlich die junge Frau wieder in den Sinn, der ich vor ein paar Jahren geholfen habe oder jedenfalls helfen wollte oder eigentlich dazu gedrängt wurde zu helfen. Wie es ihr wohl ergangen ist?

Die Geschichte liegt schon etwas länger zurück, sicher 2 oder sogar 3 Jahre.

Ich war mit meiner indischen Freundin Anusha unterwegs. Während wir in ihrem Büro noch plauderten, beobachtete ihr Fahrer Bala auf der Straße, wie ein Mann eine junge Frau bedrängte und sie sogar schlug.

Erst einige Tage zuvor wurde am Bahnhof Chennai eine junge Frau niedergestochen, weil sie die Liebe eines Verehrers zurückgewiesen hatte. Absurderweise kommt es immer wieder zu solchen schrecklichen Szenarien. Die Liebste zu töten oder mit Säure zu verunstalteten, fällt den Tätern scheinbar leichter, als sie mit einem anderen Mann verheiratet zu wissen.

Doch zurück zu meiner Geschichte: Bala, Anushas Fahrer wollte der jungen Frau unbedingt helfen. Irgendwie hatte ich schon da das Gefühl, dass Bala wohl besser Polizist oder Superheld geworden wäre, aber auch mir tat die Frau natürlich leid. Eindringlich bat er meine Freundin, da er als Mann nicht vertrauenswürdig wäre, um Hilfe. Nun schritt Anusha, quasi im Auftrag ihres eigenen Fahrers, etwas zögerlich zur Tat. In Sichtweite ging sie zu dem Paar hin und fragte die junge Frau, ob sie Hilfe bräuchte. Diese verneinte klar und der Mann zerrte sie schnell weiter.

Wir diskutierten noch eine Weile und verabschiedeten uns. Es war ausgemacht, dass Bala mich nach Hause fahren würde und nur zwei Straßen weiter fuhren wir natürlich an dem Paar vorbei. Der Mann schlug wieder zu und Bala stoppte. „Mam, du musst ihr helfen!“

Irgendwie erwachte in diesem Moment eine helvetische Supermacht, von der ich bisher nichts wusste, aus dem Tiefschlaf. Eine Wilhelmine Tell im Kleinformat sozusagen! Ich weiß nicht mehr, was ich der jungen Frau alles sagte und welche unfreundlichen Worte ich dem schlagenden Mann zugeworfen hatte. Meine Argumente schienen jedoch so überzeugend, dass sie schließlich ins Auto einstieg und wir davon fuhren. Kaum saß die etwas über Zwanzigjährige sicher auf dem Rücksitz, begann Bala mit der polizeilichen Vernehmung. Ist das dein Mann? Dein Boyfriend? Nein, meinte sie völlig aufgelöst. Er sei nur ein Arbeitskollege. „Nur ein Arbeitskollege? Warum schlägt er dich dann? Das darf er nicht! Du musst zur Polizei gehen und ihn anzeigen!“ Während Wilhelmine wieder einschlummerte, erwachte die Heilpädagogin in mir. „Nur ruhig Bala! Lass ihr etwas Zeit!“ Etwas feinfühliger versuchte ich zu erspüren und zu erfragen, was vorgefallen sei. Doch Bala war von seinem Polizei-Trip nicht mehr abzubringen. Als wir neben einem Polizeiposten vorbeifuhren, hielt er an und meinte: „Mam, du musst jetzt mit ihr hereingehen. Du bist eine Weiße, dich werden sie ernst nehmen!“ Unsicher stiegen wir beide aus. Die junge Frau meinte, dass sie ihn nicht anzeigen wolle.

Betritt eine weiße Ausländerin in Indien einen Polizeiposten, dann hat sie definitiv die volle Aufmerksamkeit auf sich. Umgehend verstummten alle Gespräche und sofort wurde ein Stuhl herbeigeschafft. Ich erklärte kurz worum es ging und was Bala, der draußen im Auto wartete, und ich beobachtet hatten. Nun musste die junge Frau das zweite Polizeiverhör über sich ergehen lassen. Die Polizisten waren nett, gaben Ratschläge und akzeptierten am Schluss ihre Entscheidung, den Mann nicht anzuzeigen. Erleichtert verließen wir beide den Raum und stiegen ins Auto.

Plötzlich rief Bala laut. „Dort ist er!“ Die Polizisten kamen sofort herbeigeeilt und nahmen den jungen Mann fest. Neben mir im Auto begann die Frau laut zu schluchzen.

„Vikhram! Nein, lasst ihn in Ruhe! Tut ihm nicht weh! Vikhram!“ Erste Schlagstöcke prasselten auf den Mann nieder. Indische Polizisten schlagen hart zu, das habe ich leider schon öfters beobachten können.

Ein Drama spielte sich ab und ich war mitten drin. Ich versuchte, die Polizisten noch aufzuhalten, bat sie, ihn nicht zu schlagen. „Don’t worry Mam! We will take care!“ Sie packten ihn zu viert und fuhren in einem Polizeiauto davon. Dass dieser junge Täter nun selbst Opfer von Gewalt werden würde, war mir sofort klar. Die Frau neben mir weinte. Auch ich war den Tränen nah und ein Gefühl der Hilflosigkeit breitete sich in mir aus. Was hatten wir da nur angerichtet? Ich bat sie noch um ihre Telefonnummer und wir brachten sie zum Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten.

Mehrmals versuchte ich sie zu erreichen, um nachzufragen, wie es ihr ging. Doch niemals nahm jemand meinen Anruf entgegen. Ich weiß nicht, was aus der jungen Frau geworden ist. Ob ihr „Arbeitskollege“ sie danach in Ruhe gelassen hat? Oder ob sie erst recht Probleme bekam?