Meine Freundinnen – die Klimaanlagen

Ich gebe es zu: Ohne AC (Air conditioning), wie man hier so schön sagt, hätte ich schon längst das Weite gesucht. Mit den subtropischen Temperaturen, die hier herrschen, konnte ich mich noch nie richtig anfreunden. So habe ich die Klimaanlagen schon länger zu meinen besten Freundinnen auserkoren. In den ganz heißen Monaten (April, Mai, Juni), die jetzt gottlob hinter uns liegen, werden unsere Freundschaften noch intensiviert und wir rücken noch enger zusammen. Doch meine Freundinnen haben wiederkehrende Macken und auch hier zeigt sich, dass Freundschaften gepflegt werden müssen. So hat mal eine ein Leck und heult lauter Wasser oder eine andere leidet an einer Gemütsverstimmung und läuft nicht mehr ganz richtig.

Alle 6-8 Wochen werden unsere Freundschaften jedoch auf die Probe gestellt. Immer dann, wenn die AC-Service-Männer aufkreuzen, hält sich meine Sympathie arg in Grenzen. Der viele Staub, der sich in den Filtern angesammelt hat, verteilt sich durchs Putzen im ganzen Raum und durchs Wegrücken der Möbel kommen plötzlich Stellen und Kabel zum Vorschein, die auch schon länger keinen Besen oder Staubtuch mehr gesehen haben.

So bescheren mir meine Freundinnen jeweils einen halben Frühjahrsputz, der mich mindestens drei Stunden beschäftigt. Wenn die Arbeit vollbracht ist, so wie heute,  bin ich ihnen jedoch wieder wohlgesinnt und manchmal sogar richtig dankbar.

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Der Goldesel-Effekt in Indien

Goldesel

Der Goldesel im Märchen „Tischlein deck dich“ hat mich immer besonders beeindruckt. Schnell „bricklebrit“ flüstern schon scheißt das Eselchen Goldtaler. Wer hätte nicht gerne so ein Grautier im Stall oder sogar im Haus? Und was könnte man nicht alles von diesem Gold kaufen?

Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud setzte zu seinen Lebzeiten wahrscheinlich nie einen Fuß auf indischen Boden. Ansonsten hätte er wohl den Bricklebrit-Komplex oder den Goldesel-Effekt in seinen Schriften erwähnt.

Ich jedenfalls leide darunter! Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es irgendwie. Überall wo ich hinkomme, meinen die Leute, dass ich Gold scheiße oder sogar unter goldiger Diarrhö leide. Komme ich daher, steigen die Preise rapide an, denn die weiße Maharani aus dem fernen Helvetien hat ja mehr als genug.

Natürlich hat es auch seine Vorteile, wenn man in den Genuss königlicher Verehrung kommt. Man wird bevorzugt und freundlicher behandelt. Auch werde ich überall wiedererkannt. In Indien kommt weiß definitiv vor braun. So werde ich manchmal in einer langen Warteschlange einfach durchgewunken oder der Manager kümmert sich höchstpersönlich um mich. Doch meine Wertvorstellungen legen sich bei solchen Sonderbehandlungen quer und mir sträuben sich die Nackenhaare. Warum soll ich schneller bedient werden? Das ist ungerecht und unfair. Das ist sogar rassistisch! Obwohl ich nicht gerne in der Schlange stehe, lehne ich inzwischen die Bevorzugungen dankend ab. Oft ernte ich erstaunte Blicke und manchmal sehen mich die Wartenden auch anerkennend an.

Auch weiße Touristen sind, wenn sie nicht grade wie Hippies rumlaufen, oft von dieser königlichen Aura umgeben. Nach der Indienreise schwärmen die meisten von der indischen Gastfreundlichkeit und Zuvorkommenheit, die sie erleben durften. Der Goldesel-Effekt lässt grüßen! Und da man so nett behandelt wird und der Service so ausgezeichnet ist, scheißt das ausländische, touristische Goldeselchen auch brav seine Goldmünzen in indischer Währung. Dass der nette, zuvorkommende Inder, die Angestellten unter ihm oft wie der letzte Dreck behandelt, bekommt der Gast selten mit.

Wie kann eine Nation, die jahrzehntelang von den Briten unterdrückt und ausgenommen wurde, die weiße Hautfarbe immer noch so bewundern?

Weiss vor braun, braun vor dunkelbraun und dunkelbraun vor schwarz. Wie krank ist dies denn?

Auch in der indischen Kosmetikindustrie lässt sich dies erkennen. “Fair and handsome” und “fair and lovely” sind hoch im Kurs. Hautcremes, Bodylotions und Deodorants, die dunkle Haut heller werden lassen, verkaufen sich wie warme Semmeln. Mit hellerer Haut hat man auch auf den Heiratsmarkt bessere Chancen. Bollywood zeigt es vor. Die großen Stars sind alle hellhäutig und die Bösewichte können oft nicht dunkel genug sein.

Obwohl in Indien das Kastensystem offiziell abgeschafft wurde, denken die Menschen immer noch in Kasten. Gut das Kästchen- oder Schubladen-Denken findet sich überall auf der Erde, aber in Indien ist es doch sehr ausgeprägt.

Wie war ich geschockt als ein mit uns befreundeter Brahmane, der sowohl in der USA und in England gelebt hat, meinem Mann gegenüber erwähnte, dass er eine private Krankenversicherung abgeschlossen hätte. Schon die Vorstellung mit Menschen aus unteren Kasten das Zimmer zu teilen, würde ihn ekeln. Ich konnte fast meinen Ohren nicht trauen, hatte ich diesen Mann doch weltoffen, aufgeschlossen, gebildet und durchaus sympathisch erlebt.

So denken insgeheim eben doch viele Inder und Inderinnen. Menschen aus unteren Kasten werden oft immer noch abgewertet und teilweise wie Abschaum behandelt. Auch werden Ehen in den gleichen Kasten arrangiert.

Ich will mich nicht beklagen. Mein Mann hat in der Schweiz lebend, meistens andere Blicke kassiert. Missmutige, unfreundliche und verächtliche Blicke. „Was tust du hier, du Ausländer“ – Blicke. Erst wenn er in seinem hervorragenden Deutsch gesprochen hat, bekam er Anerkennung und Respekt.

Da bin ich mit dem Goldesel-Effekt doch gesegnet!

Der alte Mönch um Mitternacht

Old Monk

Genervt liege ich im Bett und drehe mich unruhig von einer Seite auf die andere. Vor etwa 15 Minuten hat es laut „Piep“ gemacht und der Strom ist ausgefallen. Das inzwischen so beruhigende, vertraute Rauschen der Klimaanlage ist verstummt und ich höre sogar die Uhr ticken. Langsam und stetig wird es wärmer im Raum. „Ich hasse dieses Land“, murmle ich vor mich hin. Eigentlich wäre ich müde, kann aber keinen Schlaf finden. Nach einer Stunde des Hin- und Herwälzens beschließe ich, mir den letzten Rest aus der Old Monk Flasche zu genehmigen. „Ein Schlummertrunk wird mich etwas beruhigen“, denke ich mir. In der Küche sehe ich als erstes eine kleine Baby-Kakerlake im Spülbecken, die ich ohne Erbarmen ins Jenseits befördere.

Der indische Rum „Old Monk“ scheint nur darauf zu warten, von mir verinnerlicht zu werden. In kleinen Schlucken genieße ich es, wie der schöne braune Rum meine Kehle hinunterfließt. Aber auch der alte Mönch hilft mir nicht, in den Schlaf zu fallen. Endlich kurz nach Mitternacht kommt der Strom zurück. Doch meine Gedanken kreisen und hören nicht auf …

Hat sich Sachin Tendulkar, der berühmte Ex-Cricketstar, botoxen lassen oder bekomme nur ich Falten in diesem Land?

Warum bezahlen wir so viel für eine schnelle Internet-Verbindung, wenn sie dann nicht funktioniert?

Ich möchte zentrale Klimaanlage mit Generator-Backup, sodass ich Stromausfälle gar nicht mehr bemerke.

Schäm dich Irène! Millionen von Menschen leben in diesem Land ohne Klimaanlage und ohne Ventilator und du beschwerst dich über einen kleinen Stromausfall?

Ich hasse diese Hitze! Wäre es doch nicht so verdammt heiß!

Es reicht! Ich schnappe mein Handy und spiele Candy Crash. Ein schweres Level und meine fünf Leben sind schnell ausgehaucht.

Um ein Uhr höre ich die Trillerpfeife und das Schlagen des Stockes. „DRRRR, tätsch, tätsch, …“, tönt es von der Straße her. Der Gorkha macht seine Runde. Ursprünglich aus Nepal stammend waren die Gorkhas nepalesische Soldaten, die unter den Briten dienten. Jetzt arbeiten viele als Security Wachen. So ist auch einer in unserem Quartier unterwegs. Er macht einmal seine Trillerpfeife-Stock-Runde und von Zeit zu Zeit holt er sich von den Anwohnern sein Gehalt.

Ob dies wirklich zu mehr Sicherheit beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Für mich ist es eher Lärmbelästigung. Doch kurz nachdem ich die Trillerpfeife nicht mehr hören kann, falle ich endlich in einen tiefen Schlaf.

Schlechte Laune zum Endgame

Endgame

Endlich gelang es mir, zwei gute Sitzplätze zu ergattern. Das war gar nicht so einfach, da immer schon alles voll ausgebucht war. Es schien mir, dass ganz Chennai diesen Film sehen will. Letzten Dienstag war es dann so weit. Für Suriyan und mich hatte ich zwei Tickets IMAX 3D in den oberen Reihen mittig gebucht.

Rund 10 Minuten vor dem Filmstart sassen wir auf unseren Plätzen und standen auch brav für die Nationalhymne auf. Der Film startete pünktlich um 15:20. Indischer Kino ohne Indian stretchable time! Doch den Leuten schien dies nicht bewusst zu sein. Immer wieder suchten verspätete Zuschauer in einer Selbstverständlichkeit mit ihren Handy-Taschenlampen ihre Plätze und drängten sich zu ihren Sitzen durch.

Normalerweise bin ich diesbezüglich relativ relaxt, dies ist in Indien absolut normal. Letzten Dienstag nervte es mich jedoch dermaßen, dass ich alle Verspäteten am liebsten rausgeschmissen hätte.

Im Kinosaal sassen auffallend viele junge Männer, die ihre Semesterferien genossen. Immer wenn ein neuer Superstar die Kinoleinwand betrat, wurde gepfiffen und gejohlt, dass sich fast die Balken bogen. Ich fühlte wie der Ärger immer mehr in mir aufstieg und gerne hätte ich auch diese jungen Studenten zum Saal hinausbefördert. Immer wieder hörte man Handys klingeln und auch dafür konnte ich keinerlei Verständnis aufbringen.

Als Ironman im Sterben lag und ich, wie immer bei einer rührenden Szene, ein paar Tränchen vergoss, war es tatsächlich mal mucksmäuschenstill.

„Di-ding, di-ding, …“, klingelte es in die berührende Stille. Es war so absurd komisch, dass der ganze Saal in Gelächter ausbrach. Doch ich fand es nicht lustig.

Als der Film nach drei langen Stunden endlich zu Ende ging, suchte ich die Toiletten auf. Auch hier nervte ich mich. Inderinnen, die versuchten vorzudrängeln, schmutzige Klos und die Hälfte der Toiletten waren gesperrt.

Es sind im Moment Sommerferien in Chennai und die meisten Schulen und Colleges haben geschlossen. Die sonst schon überbevölkerte City scheint noch mehr bevölkert zu sein als üblich. Irgendwie vertrage ich diese Menschenmenge momentan schlecht.

Überall herrscht ein Gedränge und Gewimmel, dass es mir fast anders wird. Alles scheint mich zu nerven.

Sind es vielleicht die subtropischen Temperaturen, die jetzt gegen 40 Grad und drüber gehen, die mir so zusetzen?

Ist es mein zunehmendes Alter, dass mich kein Verständnis mehr aufbringen lässt?

Oder hatte ich letzten Dienstag einfach einen schlechten Tag?

Aus der Norm tanzend

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Heute habe ich Karotten gekocht. Schmunzelnd schaute ich mir die Karottenfamilie an, die es galt in kleine Stäbchen zu schnippeln. Was für eine vielfältige Truppe hat sich doch hier zusammengefunden! Hier dürfen kleine, abgebrochene, originellgewachsene und krumme Karotten und Karöttchen in den in den Verkauf und den Kochtopf.

Im Schweizerländchen und auch anderswo in Europa habe ich niemals solche Karotten zu Gesicht bekommen. Von Normgrößen und Richtlinien gebeutelt, können die Bauern diese nicht verkaufen. Wenn es hochkommt, landet das Obst und Gemüse, das nicht den verlangten Normen entspricht, in der Futterindustrie oder es bleibt auf dem Acker liegen und wird als Dünger wieder der Erde zugefügt.

Auf den Märkten der Wohlstandsländer ist jedoch nicht nur die passende Größe ausschlaggebend.
Nein, das Gemüse und das Obst darf auch keine Fleckchen und Schörfchen aufweisen. „Das entspricht dem Kundenwunsch! “, meinen die großen Supermarktketten. Die Welt des Wohlstandes verlangt perfektes Gemüse und Obst.

Diese Haltung tut mir im Innersten weh, und ich bin mir sicher, dass es auch vielen andern so geht. Wenigsten muss ich hier in der Ferne bei diesem Normperfektionismus nicht mitmachen. Im Gegenteil! Wenn ich eine besonders lustig-gewachsene Gemüsekreatur im Laden entdecke, dann landet sie absichtlich in meinem Einkaufskorb. Wie ein Bollywoodstar tanze ich gemüsetechnisch aus der Reihe!

 

 

Mangos – eine unglückliche Liebesgeschichte

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Unser Mangobaum am alten Wohnort. Die Blätter des Mangobaumes werden übrigens oft in Pooja-Zeremonien (Andachten) gebraucht.

 

Die Geschäfte und Märkte in Chennai haben ihre Regale und Körbe mit den schön arrangierten, fast schon göttlich-schmeckenden Früchten gefüllt.

Ja, sie sind da! Die Saison hat begonnen und von Woche zu Woche zeigen sich immer mehr Sorten der Nationalfrucht Indiens. Grüne, gelbliche und goldgelbe Früchte liegen in ihren Körben bereit und warten geduldig darauf bald mit Hochgenuss gegessen zu werden.

Die Preise sind zwar noch etwas hoch, aber gekauft werden sie trotzdem schon. Während die Temperaturen draußen immer unangenehmer und heisser werden, reifen die Mangos an den Bäumen und spenden mit ihrer Süße etwas Trost. Jetzt wird in den indischen Haushalten langsam Mango-Pickle, Mango-Sirup, Mango-Jam, Mango-Chutney und natürlich Mango-Lassi produziert. Vor allem aber werden die Früchte einfach so gegessen.

Mango ist definitiv nicht gleich Mango! Es gibt so viele unzählige Sorten, die im Verlauf des Sommers auf den Markt kommen. Ich staune immer darüber, dass die Verkäuferinnen an der Kasse auf Anhieb sehen, um welche Sorte es sich handelt.

Hier nur eine kleine Auswahl:

Alphonso
Die Königin der Mangos! Die Alphonso ist immer im höchsten Preissegment und kostet im Moment RS 240.00/-kg
Banganapalli
Banganapalli Mango RS 140/-kg
Himampasand
Himampasand Mango RS 240/-kg
Jawwathu Mango
Jawwathu Mango RS 180/-kg
Mango Kalapadi
Kalapadi Mango RS 160/-kg

Auch meine Schwiegereltern haben dieses Jahr schon Pickle zubereitet. Dazu werden die grünen, noch unreifen Früchte, die in Tamil Mangai (Mango-Gemüse) genannt werden, verwendet.

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Mangai- die unreifen grünen Früchte

Bei den Vorbereitungen habe ich sogar mitgeholfen und die 15 harten Mangai mit viel Liebe geschält und gewürfelt. Das weitere Prozedere haben dann die beiden übernommen.

Mango Pickle 2
Home-made Mango-Pickle! Mein Mann ist der Einzige in unserer Familie, der Pickle isst. Unser Sohn und ich mögen es überhaupt nicht.

Es gibt wohl keinen einzigen Menschen in Indien, der Mangos nicht mag. Nach den langen Monaten des Wartens, schmecken die ersten Früchte immer am besten.

Ich liebe Mangos!

Die Früchte, die man hier kaufen kann, lassen sich nicht annähernd mit dem Geschmack der Importfrüchte aus Südamerika vergleichen, die ich früher in der Schweiz aus ökologischen Gründen selten bis nie gekauft habe. Schon in der Vorstellung läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Doch leider beruht diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit. Ich habe vor zwei Jahren festgestellt, dass ich auf die wunderbare Frucht eine deftige Allergie entwickelt habe. Dabei sollten die Vitaminbomben doch so gesund sein! Esse ich nur ein wenig, dann beginnt es mich nach einer halben Stunde zu jucken und ein übler Hautausschlag breitet sich aus. Wie gemein ist das denn? Ich hätte dieses Jahr nochmals einen Versuch gewagt, aber nachdem ich vor etwa drei Wochen einen Früchtetee mit Mangoaroma getrunken und wieder heftig reagiert habe, lasse ich es lieber bleiben. So kaufe und schäle ich die Früchte für meine Liebsten, die sie mit Genuss verschlingen.

Das Leben ist wirklich ungerecht!

Die kleinen und großen Unterschiede meines Lebens in Südindien

Das Klima

Von einem mir entsprechenden, angenehmen Klima in der Schweiz bin ich klimatisch in einen Dampfkochtopf geraten. Verschwunden sind die geliebten vier Jahreszeiten und abgesehen von dem Monsun, der uns jeweils im Oktober, November heimsucht, gibt es hier nur eins: heiß, heißer, am heißesten! Bereits im Februar steigen die Temperaturen bis sie im April, Mai zu Höchsttemperaturen um oder sogar über 40 Grad ansteigen. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit bedingt, fühlt sich die Hitze schier unerträglich an. So ist die Mittel- und Oberschicht bestens mit Ventilatoren und Klimaanlagen gegen die heißen Temperaturen gerüstet. Bei uns hat es in jedem Zimmer eine Klimaanlage und diverse Fans, die an der Decke angebracht sind.

Diese funktionieren leider nur, wenn es Strom gibt. Die Stromversorgung ist in den letzten Jahren zwar viel besser geworden, aber Stromausfälle kommen immer wieder vor und gehören zum indischen Alltag. Auch für diese Fälle sind wir gerüstet und können den Ausfall mit einer Inverter-Batterie für einige Stunden überbrücken. Ich muss ehrlich eingestehen, dass ich hier ohne Ventilatoren und Klimaanlagen kaum leben könnte. Doch von diesem Luxus können die meisten nur träumen. Strom ist teuer und so versuchen viele, die Stromrechnung möglichst tief zu halten.

Überall hat es Menschen

Oft denke ich wehmütig an meine einsamen Spaziergänge im Auenwald meiner Heimat zurück. Wo man in Chennai auch ist, man ist niemals alleine. Überall hat es Menschen – viele Menschen. Die Überbevölkerung Indiens ist in den Metropolen deutlich sicht- und spürbar. Das bedeutet im Alltag, dass man viel Zeit und Geduld aufbringen muss. So ist mein Zuhause für mich eine wichtige, kleine Oase geworden, wo ich mich zurückziehen kann. Doch die meisten Inderinnen und Inder haben auch in ihren eigenen vier Wänden kaum Ruhe und Privatsphäre. Der Wohnraum in den Megacitys ist sehr teuer und oft leben drei Generationen auf engstem Raum.

Von Fenstern und Türen

Unlogisch, unpraktisch, unsinnig – das sind unsere Fenster! Obwohl wir im ersten Stock leben, sind sie alle vergittert. Ich sehe ein, dass dies in Indien aus sicherheitstechnischen Gründen Sinn macht, aber die Wahl dieser hässlichen Gitter, die damals meine Schwiegereltern getroffen haben, ist unverständlich. Vor jedem Fenster gibt es gefängniszellengleiche Vergitterungen. Anfangs waren die Grills, wie man hier sagt, schwarz gestrichen! Dabei gäbe es viel schönere Varianten in Form und Farbe.

 

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Meine Aussicht aus dem Küchenfenster, das natürlich auch vergittert ist.

Jetzt in Weiß und mit Vorhängen sieht es etwas freundlicher aus und das Gefängnis-Feeling ist etwas gewichen.

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Unsere Fenster lassen sich nur gegen Außen öffnen. Das hat den Vorteil, dass ich sie nicht putzen kann und den Nachteil, dass sie trotzdem schmutzig werden! So, schickt mir Prabhu drei- bis viermal pro Jahr zwei Arbeiter, die dann mit einer Bambusleiter, die ehrlich gesagt nicht sehr vertrauenswürdig aussieht, abenteuerlich meine Fenster reinigen.

Dafür habe ich eine wunderschöne geschnitzte Ganesha-Tür! Das macht das Übel mit den Fenstern nicht ganz wett, aber mildert das Ganze wenigstens etwas ab ;-).

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Im oberen Teil sitzt die Göttin Lakshmi mit zwei Elefanten, die Glück bringen soll.

 

Vom Fernsehen

Ja, wir haben hier auch Netflix und ich bin froh darüber. Mein Sohn und ich schauen uns gerne Filme an. Doch wenn ein bedeutsamer Cricketmatch läuft, dann besetzt mein Liebster den Fernseher für Stunden. Dabei sollte ich noch erwähnen, dass in seinen Augen die meisten Spiele wichtig sind. Ich habe Cricket eine Chance gegeben und mir ein oder sogar zwei Spiele angeschaut. Mein gewinnbringendes Fazit: Stinklangweilig und reine Zeitverschwendung! Für diese Aussage würden mich jedoch die meisten Inder und auch Inderinnen fast lynchen.

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In der Küche

Neben den südindischen Speisen und den entsprechenden Gewürzen, die in meiner Küche immer mehr Fuß fassen, gibt es noch andere Unterschiede. Mein Gasherd ist mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen und ich möchte nie wieder zurück zu einem Elektroherd.

Dafür vermisse ich das gute Wasser aus der Schweiz! Sorgenfrei Trinkwasser vom Hahn zu trinken, wäre hier undenkbar. Selbst mit unserem Water Purifier, der mit etlichen Kartuschen und Filtern gefüllt ist, traue ich der Wasserqualität nie ganz.

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Unser Wasserfilter, das gefilterte Wasser brauchen wir zum Trinken und zum Kochen.

Geschirr? Ja, es gibt das indische Stahlgeschirr in meinem Schrank, das alle Westler hässlich finden und an Gefängnisgeschirr erinnert. Zwar nur in einer bescheidenen Anzahl, aber es hat drei Stahlteller und einige Tumblers (Stahlbecher).

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Daneben habe ich auch einige praktische Geräte für die indische Küche angeschafft.

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Meine Limetten-Presse wird im Sommer oft gebraucht um den kühlenden Lime-Juice herzustellen
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Meine Tava, eine flache Bratpfanne. Unerlässlich, um Dosai und Chapati zu machen.
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Auch dieses Gitter brauche ich für Chapati – über die Gasflamme gehalten gegen sie nach dem Backen wunderbar auf.
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Indische Snacks gefällig? Mit dieser Presse werden Murukku oder Ribbon Pakoda hergestellt.

Von Hausangestellten

Ja, in Indien hat jeder aus dem Mittelstand eine Maid. Familien aus der höheren Mittel- und Oberschicht haben sogar Staff. „My maid is…, I’ve found a driver now …, do you know a good cook?, …” Wie oft geht mir dieses Wohlstandsgeplapper auf die Nerven! Eines habe ich jedoch schnell entdeckt, viele haben mit ihrem Staff Ärger und sind unzufrieden. Gutes und vertrauenswürdiges Personal zu finden, scheint wirklich schwierig zu sein.

Ich habe seit einigen Jahren eine Angestellte und mit ihr bin ich weitgehend zufrieden. Nur fehlt sie sehr oft, weil sie oder ihr Mann immer wieder krank sind. Eigentlich habe ich sie hauptsächlich zum Nähen meiner Rosenblatt-Produkte angestellt. Sie verdient für indische Verhältnisse hervorragend. Tatsächlich bezahle ich zu viel, aber ich will ihr bewusst einen guten Lohn geben, da sie ihre vierköpfige Familie alleine durchbringt. Morgens hilft sie mir rund eine bis zwei Stunden bei den Hausarbeiten und danach näht sie. Sie arbeitet 7 Stunden täglich, fünf Tage die Woche. Sie ist zuverlässig und ich muss nicht ständig hinterher kontrollieren. Oft sieht sie die Arbeit auch von selbst, worüber ich sehr glücklich bin. In Indien bin ich ein ganz schlechter Boss. Ich kann Leute nicht herumkommandieren und mit Strenge behandeln. Wenn ich jedoch beobachte wie die sogenannten Reichen und Gutausgebildeten dieses Landes mit ihrem Personal umgehen, dann bleibe ich sehr gerne eine schlechte, aber nette Chefin.

Obwohl das Kochen nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist, habe ich keinen Koch. Da wir eine offene Küche haben, wäre dies auch etwas schwierig. Das Mittagessen koche in der Wohnung meiner Schwiegereltern gemeinsam mit meinem Schwiegervater. Wenn ich mal gar nicht kochen mag, bestelle ich bei Swiggi. Das ist ein Essenslieferant, der praktisch alle Restaurants in der Nähe abdeckt. Man bestellt via App beim Lieblingsrestaurant und lässt sich das Essen nach Hause bringen.

Für einen festangestellten Fahrer hätten wir zu wenig Beschäftigung. Wenn ich weggehe, denn rufe ich einfach einen Calldriver, der mich dann mit unserem eigenen Auto herumchauffiert.

Was ich in Indien sehr genieße, ist die Tatsache, dass ich nie bügeln muss. Die gewaschene Wäsche gebe ich auswärts und gegen Abend wird mir alles schön gebügelt und gefaltet zurückgegeben.

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Meine gebügelte Wäsche in den Schrank legen und fertig! 

Als Hausfrau, die nicht so gerne Hausarbeiten macht, lebt es sich in Indien ganz famos!