Gedanken aus Indien

Das Lichterfest Deepavali ist vorbei. Eine überraschende und unglaubliche Erkenntnis: Indern fällt es schwer, Regeln einzuhalten. Feuerwerk wäre nur von 6 bis 7 und von 19 bis 20 Uhr erlaubt gewesen. Geknallt hat es aber auch außerhalb dieser Zeitfenster und auch bereits Tage vor und auch noch nach Diwali. Wenigstens wurden in Chennai etwas über 500 Bussen ausgestellt

Mein Mann hat sich über unsere Nachbarn, die bereits zwei Tage vor Diwali schrecklich laut geknallt haben, geärgert. So hat er kurzer Hand das Handy gezückt und wollte sie bei der Polizei anschwärzen. Tja, neue, erschreckende Erkenntnis: Die Polizei, dein Freund und Helfer, ist dauerbesetzt und nimmt keinen Anruf entgegen. Auch nach mehreren erfolglosen Versuchen ruft niemand zurück. Was wäre bei einem wirklichen Notfall? Oder verfügt die indische Polizei über telepathische Fähigkeiten und hört am Klingeln, ob es sich um einen Notfall handelt?

Eine Zahl, die mir auch zu denken gibt: An Deepavali wurde in Tamil Nadu für 70 Millionen Franken Alkohol verkauft. Erkenntnis: Nächstes Jahr mindestens eine Flasche Bombay Sapphire Gin kaufen! (Zehn Franken mehr oder weniger machen da keinen Unterschied.)

Neulich habe ich auf meinem Spaziergang mit den Hunden eine kleine Quartierstatistik übers Tragen von Masken durchgeführt.

Resultat:

Menschen mit korrekt getragener Maske 43 (45,7 %)

Menschen mit Maske, aber falsch getragen 23 (24.5 %)

Menschen ohne Maske 28 (29.78 %)

Die Corona-Zahlen in Tamil Nadu sind übrigens am Sinken. Hoffentlich bleibt es so!Vermutung, These: Steigen mit den sinkenden Covid-19-Zahlen die Menschen ohne Maske?

Gestern ließ unser Sohnemann abends die hintere Tür versehentlich offen stehen. Eines weiß ich jetzt mit Bestimmtheit: Die kleinen Blutsauger brauchen kein WhatsApp und kein Facebook, um zu kommunizieren, wo eine Party steigt.

Fast jede Mücke, die ich gestern Nacht ins Nirwana befördert habe, hatte bereits Blut gegessen, getrunken, genascht, gesaugt oder wie immer man es nennen mag. Nette Blutflecken auf dem Bettlaken und an der Wand erinnern an den Massenmord.

Ob dies mein eigenes Blut ist?

Vier Uhr morgens kratzt Simba an meiner Tür. Beide Hundedamen sind putzmunter und wollen nach draußen. Hunden wissen definitiv nicht, was Sonntag bedeutet oder jedenfalls nicht, was mir der Sonntag bedeutet.

Nach dem großen Morden bekommt mein Bett heute Morgen ein neues, frisches Gewand (ohne eklige Blutflecken und Moskito-Überreste). Warum freue ich mich jetzt schon darauf, dass die Sonne untergeht? Ist das normal?

Jedem Topf sein Deckel und jedem Löffel und Löffelchen seine bestimmte Aufgabe. Noch nach Jahren habe ich keinen Durchblick. Meine Schwiegereltern jedoch haben die Ordnung verinnerlicht und finden keine Ruhe, wenn ein Topf einen falschen Deckel hat. Erkenntnis der Woche: Brauche niemals den Milchlöffel für etwas anderes!

Diwali-Stress und Feuerwerk

Das kommende Lichterfest Diwali hat mich die letzten Tage beschäftigt. Es ist fast etwas wie der Weihnachtsstress, dem ich früher oft verfallen bin. Seit ich in Indien lebe, bin ich an Weihnachten relaxt, dafür hält mich jedoch Diwali auf Trab!

Endlich sind die Geschenke für meine Freundinnen bereit. In selbst genähten Stofftaschen verschenke ich Krachmandeln (gebrannte Mandeln) und ein hübsches Windlicht.

Diwali oder Deepavali, wie wir hier im Süden sagen, ist ein bedeutsamer Feiertag im hinduistischen Kalender. Man könnte es fast mit Weihnachten vergleichen. Unter Freunden und Familie werden Geschenke ausgetauscht, das Haus wird festlich geschmückt, man trägt neue, oft etwas festliche Kleidung und es gibt viele Süßigkeiten und Snacks, die speziell für diesen Anlass zubereitet werden. Viele kleine Öllichter aus Ton (Diyas) werden angezündet. Das Wort Diwali stammt aus dem Sanskritwort Deepavali und bedeutet „Reihe von Lichtern.“

Selbst bemalte und verzierte Diyas aus Ton.

Jede Region hat etwas andere historische oder mythische Hintergründe und Geschichten, die die Bedeutung von Diwali erklären. Manche sehen darin die glückliche Heimkehr von Rama und Sita nach dem 14-jährigen Exil und den Sieg über den Dämon Ravana, andere feiern den Tag im Gedenken daran, dass die Muttergöttin Durga den bösen Dämon Mahisha besiegt hat und hier im Süden wird es vor allem gefeiert, weil Krishna das Böse in der Gestalt von Narakaasura vernichtet und so sechzehntausend Frauen aus der Gefangenschaft befreit hat.

Eines haben diese Geschichten jedoch alle gemeinsam: Es geht immer um den Sieg des Guten über das Böse.

Natürlich darf auch Feuerwerk an diesem Tag nicht fehlen. Dieses Jahr gab es viele Diskussionen um Feuerwerk. In Delhi und umliegenden Bundesstaaten im Norden ist die Luft so schlecht wie nie zuvor. Die Menschen leiden unter der starken Luftverschmutzung und in Delhi steigen die Covid-19-Fälle wieder an. So haben viele Bundesstaaten den Verkauf und Gebrauch von Feuerwerk komplett verboten. Dies macht auch Sinn, denn die Luftverschmutzung nach Deepavali erreicht meistens Höchstwerte, die der Gesundheit massiv zusetzen. Auch der südliche Bundesstaat Karnataka wollte beim Verbot mitmachen und ich hoffte schon, dass auch Tamil Nadu mitziehen würde. Doch sie machten einen Rückzieher und erlauben nun „Green Crackers“ – scheinbar etwas umweltfreundlicheres Feuerwerk.

In Tamil Nadu gibt es wie bereits im letzten Jahr zwei Zeitfenster, wo man Feuerwerk entzünden darf. Krachen sollte es nur an Diwali von 6-7 Uhr morgens und von 19-20 Uhr abends. Bleibt zu hoffen, dass sich die Menschen daran halten werden. Doch bereits jetzt hört man zwischendurch laute Kracher, wobei bedeutend weniger als in den letzten Jahren. Wir machen bei diesem Irrsinn schon lange nicht mehr mit und geben keine einzige Rupie für Feuerwerk aus. Ich denke, dieses Jahr wird es sich auch in Grenzen halten, da viele durch die Corona-Krise bedingt dafür kein Geld übrig haben.

Zum Thema Feuerwerk kam es in Madhya Pradesh zu einem Eklat, der es in die indischen Medien schaffte. Muslimische Verkäufer von Feuerwerk wurden von Hindus bedroht, weil sie Feuerwerk mit Abbildungen von hinduistischen Gottheiten verkauft haben.

Jahrelang war dies gang und gäbe, denn die Firma „Lakshmi Firework“ hatte nun mal die Göttin Lakshmi als Cover für ihre Waren. Ausgehend von einigen hindu-nationalistischen Regierungsmitgliedern in Uttar Pradesh wurde dies nun in einigen Bundesstaaten verboten.

Das Fest rückt langsam näher und näher. Am Samstag feieren wir Deepavali. Ich werde heute nochmals Ladoo (indische Süßigkeit) zubereiten – wahrscheinlich ein neues Rezept mit Kokosnuss.

Happy Deepavali euch allen!

Sieben Monate zu Hause – Plaudern aus meinem indischen Alltag

Fast sieben Monate sind wir nun zu Hause. Einmal pro Woche gehe ich gemeinsam mit meinem Mann einkaufen und abends drehe ich mit unseren Hunden eine Runde durchs Quartier. Das ist mein einziger Außenkontakt. Wenn wir das Haus verlassen, ist ein Mundschutz selbstverständlich, auch bei 35 Grad tropischen Temperaturen. Dass sich einige Menschen in Europa durch die Maskenpflicht in ihren persönlichen Freiheits- und Demokratierechten eingeschränkt fühlen, kann ich schlicht nicht nachvollziehen.

Hier in Chennai tragen schätzungsweise 80-90 Prozent eine Maske und halten sich somit an die Maskenpflicht. Wobei das richtige Tragen wieder eine andere Sache ist. Oft schaut die Nase raus oder die Maske dient eher dazu, den Hals zu schützen. Ich kann es ja auch verstehen, bei diesem Klima ist es wahrlich eine Herausforderung, vor allem wenn man die Maske lange tragen muss.

In den Supermärkten wird immer noch Fieber gemessen und man muss die Hände desinfizieren. Doch auch hier schleichen sich immer mehr indische Gewohnheiten ein, und vielerorts scheint man es damit nicht mehr so ernst zu nehmen. Klimaanlagen sind in allen Geschäften verboten, da diese die Verbreitung des Virus scheinbar erleichtern.

Qual der Wahl im Supermarkt Santosh

Mein Mann hat schon länger wieder mit Golf angefangen. Erst war nur eine private Range offen, wo man den Abschlag üben konnte, aber jetzt ist der Golfplatz offiziell wieder geöffnet worden. Ich bin echt froh, dass er wieder golfen kann. Dieser Ausgleich ist für ihn sehr wichtig. Auch seine Bauprojekte kommen langsam wieder in Gang und er kann wieder ohne Passierscheine seiner Arbeit nachgehen.

Immer noch sind mein Liebster und ich eifrig am Brändi Dog spielen. Die Covid-Brändi-Dog-Championship ist wohl noch lange nicht vorbei. Ich konnte 12 Siegpunkte wieder aufholen, habe aber heute Morgen leider verloren. Es steht nun 87 zu 86 für meinen Mann.

Unsere Freunde haben Suriyan und ich seit Mitte März nicht mehr gesehen. Einige Klassenkameraden unseres Sohnes haben nun angefangen, sich gegenseitig zu besuchen. Da unser Teenager seine Zeit fast nur noch vor dem Computer verbringt, war ich einverstanden, dass sein Freund N. uns letzten Freitag besuchte. Nur eine Bedingung habe ich gestellt. No Gadgets! Die Mutter von N. war darüber auch froh, denn sie hat die gleichen Probleme. So haben die beiden Brettspiele gespielt und sogar Suriyans Lego-Kiste aus der Versenkung geholt. Wahrscheinlich haben die Jungs einen heimlichen Wettbewerb am Laufen, wer nach Corona die längsten Haare hat. Denn N. und Suriyan hatten definitiv die gleiche Langhaarfrisur 😉.

Die Kids von den Bildschirmen wegzubekommen, ist eine Herausforderung und bereitet den meisten Eltern in unserem Umfeld Sorgen. Am Sonntag ist Suriyan bei einer Schulfreundin eingeladen. Seit langer Zeit wird er wieder mal das Haus verlassen. Irgendwie ein seltsames Gefühl.

Die Schulen sind weiterhin geschlossen. Viele Eltern der höheren Klassen sind besorgt, dass die Kids im Lehrplan nicht mithalten können. Daher plant die Schule für die zehnte bis zwölfte Klasse ab dem 2. November auf freiwilliger Basis zu öffnen. Eine Umfrage zeigt jedoch, dass die wenigsten Eltern im Moment bereit sind, die Kids zu schicken. Bei uns steht die Regenzeit vor der Tür, und dies wird höchstwahrscheinlich die Covid-19-Zahlen noch mehr ansteigen lassen. So bezweifle ich, dass die Schule im November öffnen wird.

Letzte Woche machte ich in unserem Quartier erstaunliche Beobachtungen. Endlich wurden die Müllcontainer ausgewechselt. Diesmal solche, die danach aussehen, als ob sie der indischen Müllabfuhr etwas länger standhalten.

Die neuen Container- nach dry und wet waste getrennt- doch das wird definitiv nicht funktionieren
So sah es vorher aus!

Die Stadt hat Reinigungsarbeiten nun an eine private Firma übergeben. Diese fahren mit Elektro-Tuk-Tuks nun in den Quartieren rum, sammeln eifrig Müll und putzen die Straßen. So sauber war es schon länger nicht mehr! „Neue Besen kehren gut!“, meinte mein Mann misstrauisch, als ich ihm von den Elektrowägelchen mit Mülltrennung vorschwärmte.

Hier wird der Müll getrennt- hoffentlich bleibt es so! 👍

Gestern haben sie auch alle Abflüsse freigemacht und gesäubert, denn der Monsun wird uns wohl bald mit Regen und tieferen Temperaturen beglücken.

In unserem Quartier ist auch ein kleiner Polizeiposten. Der ist nicht rund um die Uhr besetzt, aber immer wieder sind dort auch Polizisten vor Ort. Etwa vor 4 Tagen, als ich die Runde mit unseren Hunden machte, standen mehrere Leute davor. Den Grund dafür erfuhr ich, als ich näher kam, denn aus dem Innern hörte ich die Schläge. Der Posten mit Vorhängen zugemacht, sodass kein Einblick möglich war, kassierte da jemand heftige Prügel. Ein Schauer ging über meinen Rücken. Dies sind so Momente, wo ich echt bedauere, in Indien zu leben.

Ein weiteres trauriges Ereignis begegnete mir auch auf meinem Spaziergang mit den Hunden. Als ich zu unserem Haus zurückkehrte, lag regungslos ein Mann vor unserem Tor. „Ist der tot?“, fragte ich mich erschrocken. Prabhu war nicht zu Hause, also holte ich meinen Schwiegervater zu Hilfe. Der kam, ging kurz hin und meinte: „He’s drunk, just leave him.“ Die Angelegenheit war für ihn damit beendet, aber für mich natürlich nicht. Immer wieder ging ich zum Fenster und schaute nach, ob er sich noch bewegte. Als Prabhu dann nach Hause kam, meinte er, dass er grade davon getorkelt wäre. Dies ist nicht das erste Mal, dass ich solche Szenen erlebe. Da liegen scheinbar leblose Männer am Straßenrand und niemand kümmert sich, niemand ist besorgt und niemand interessiert es, ob die überhaupt noch leben. Dies ist für mich unbegreiflich. Ein Menschenleben scheint hier nichts zu zählen.

Diwali rückt langsam näher, und ich bin schon eifrig am Überlegen, was ich dieses Jahr für Geschenke machen soll. Gestern habe ich einen ersten Versuch mit selbstgemachten Karamel-Bonbons gemacht. Doch dies ging definitiv in die Hosen. Ich weiss auch nicht, woran es lag, habe mich strikt ans Rezept gehalten. Jetzt denke ich über Krachmandeln nach, die ich hübsch in Gläser verpacken möchte. Mal sehen ….

Immer noch lege ich meine Blütenmandalas.

Hast du gegessen?

South Indian Thali- dazu wird natürlich noch Reis serviert.

Wenn ich so nebenbei die Telefongespräche meines Mannes mitbekomme, dann muss ich oft schmunzeln. So auch gestern Abend. Der Anfang eines Gespräches, ob am Telefon oder nicht, verläuft eigentlich immer gleich. Nach dem Erkunden, wie es geht, folgt gleich die zweite wichtige Frage: „Hast du gegessen?“

Essen und gegessen haben, ist in Indien etwas sehr Wichtiges. Oft wird danach erzählt, was man gegessen hat oder was man gedenkt zu essen. „Ich hatte drei Dosai mit Sambar und danach noch etwas Rasam-Reis“, erzählt mein Liebster seelenruhig und ohne Motivationseinbuße bereits zum dritten Mal. Führt man einige Telefongespräche, dann ist der Menuplan für die nächsten Tage sicher gestellt.„Suresh hatte Pongal. Das könntest du auch wieder mal kochen!“, versucht mein Mann zu beeinflussen.

Die große Bedeutsamkeit, die dem Essen zufällt, ist für uns Westler manchmal nicht nachzuvollziehen. Da plappern und klagen wir doch lieber übers Wetter.

Doch das Essen ist in Indien auch ein sehr sensibles Thema. Traditionell und religiös bedingt, halten sich viele immer noch an die alten Regeln, die das Kastensystem vorgibt. So würde meine Schwiegermutter beispielsweise in keinem fremden Haus etwas essen. Auch im Restaurant tut sie sich schwer und isst nur, wenn das Essen auf einem Bananenblatt serviert wird. Natürlich betritt sie auch nur „Pure Veg Restaurants“, wo rein vegetarisch gekocht wird. Da hat kein Fleisch, Fisch oder Ei je einen Kochtopf berührt. Sogar zu Hause isst sie in der Regel nur vom Bananenblatt oder von ihrem eigenen persönlichen Teller.

Der Glaube, dass man sich durch Speisen und Getränke von unteren Kasten oder Kastenlosen verunreinigen könnte, ist in manchen Köpfen noch präsent. Für höhere Kasten, die vegetarisch leben, gelten auch Speisen mit Fleisch, Fisch und Eiern als unrein. Ob der Fleischkochtopf oder das Geschirr gereinigt wurde, ändert dabei gar nichts. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Kastenlose, die auch Dalits genannt werden, immer noch diskriminiert. So gibt es an Tee-Ständen oft zwei verschiedene Becher, denn viele wollen sich auch in der heutigen Zeit keinen Becher mit einem Dalit teilen.

In vielen Familien hat aus diesem Grund auch nicht jeder Zugang zur Küche. Viele Maids waschen das schmutzige Geschirr oft draußen auf dem Balkon oder im Hof und dürfen die Küche nicht betreten. Hat man einen Koch dann oft nur, wenn er der gleichen oder einer höheren Kaste angehört. Auf dem Land ist es häufig Brauch, dass menstruierende Frauen die Küche nicht betreten dürfen. Auch sie gelten in dieser Zeit als unrein und würden die Speisen verderben.

In Tamil Nadu überlegt man sich gut, wen man zum Essen einlädt. Hat man in einem Haus gegessen, dann gehört man quasi zur Familie. So gibt es auch den Spruch: „Ich kann nichts gegen diese Familie sagen, ich habe dort gegessen.“

In der Stadt brechen diese alten Strukturen glücklicherweise langsam auf und viele unserer Bekannten sind diesbezüglich weltoffen und modern eingestellt. Findet man kein Gesprächsthema, oder man möchte ein eher mühseliges Gespräch beenden und auf andere Bahnen lenken, dann bietet sich Essen immer an. Die Hausfrau einfach nach dem Rezept fragen und der unverfängliche Small Talk und die Schwärmerei übers Essen, insbesondere über das indische Essen beginnt.

Und ja, ich koche morgen für meinen Liebsten Pongal (breiiger Reis mit Dal und Sambar). Die Liebe geht schließlich durch den Magen!

Hier findest du übrigens unser Pongal-Rezept ;-)!

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/10/pongal-mit-sambar-suedindisches-fruehstueck/

Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0

95‘735 Covid-19-Fälle und 1‘172 Todesfälle wurden heute in Indien innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Beides neue Höchstwerte! Inzwischen hat Indien nach den USA die zweithöchste Anzahl an Covid-19-Fällen. Und wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Siegerpodest stehen.

Die Lockerungen schreiten zusehends voran. Inzwischen scheint schon fast alles wieder „normal“ oder eben „back to the new normal“. Viele tragen ihre Masken und viele leider auch nicht. Social Distancing scheint immer noch ein Fremdwort zu sein. Die Menschen wirken müde und vielen ist Covid-19 inzwischen egal. Ich merke es auch bei mir selbst. Nach fast einem halben Jahr ist es einfach genug! Ich versuche mir immer wieder Covid-Auszeiten zu nehmen, denn ständig mag dies niemand hören. Doch dies ist gar nicht so einfach und die Aluhut-Träger aus meiner alten Heimat und aus Deutschland scheinen mir überall zu begegnen und gehen mir unglaublich auf die Nerven. Irgendwie scheinen Verschwörungstheorien salonfähig geworden zu sein.

Inzwischen fahren die Busse wieder. Auch religiöse Stätten, Fitness-Center und auch die Golfplätze (da freut sich mein Liebster) sind wieder geöffnet. Scheinbar sollen sogar die 9. -12. Klässler bald wieder die Schulbank drücken, natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen. Von der Schule unseres Sohnes haben wir diesbezüglich noch nichts vernommen und seit Mitte März ist Online-Learning angesagt. Suriyan sehnt sich nach seinen Freunden und möchte sie gerne treffen. Einige tun dies scheinbar und so erhöht unser Teenager seinen Druck. Ich bin diesbezüglich immer noch unschlüssig. Macht es Sinn, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben, und dann, wenn die Fallzahlen am höchsten sind, Freunde zu treffen?

Regelmäßig kommt eine Frau der Regierung zum Fiebermessen und neu auch zum Messen des Sauerstoffgehalts im Blut vorbei.

Vor einigen Wochen stellten sie in unserer Straße sogar ein Zelt auf, um sich gratis auf Covid-19 testen zu lassen. Wir sind jedoch nicht hingegangen. Eine Erkältung mit Schnupfen und leichtem Fieber legte mich einige Tage flach. Ja, da macht man sich schon seine Gedanken. In eine Corona-Ward zu kommen, wo man keinen Besuch empfangen darf, wäre für mich ein absoluter Albtraum. Da würde ich nur hingehen, wenn es wirklich ganz schlimm wäre.

Die Frau von Prabhus Freund hat dies grade erlebt und gottlob überlebt. Sie musste sich im Spital einen Tumor entfernen lassen und war kurz darauf Covid-19 positiv. Im Spital hat sie sich angesteckt, denn vor dem Eintritt war sie negativ getestet worden. Einige Tage war ihr Zustand sehr kritisch und sie musste beatmet werden. Kurz darauf wurde von der Regierung die Wohnung desinfiziert und das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, wurde als Covid-19-Hotspot gekennzeichnet.

Für mich persönlich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin zu Hause, ab und zu begleite ich meinen Mann zum Einkaufen und mache die Runde mit unseren Hunden. Leider sind die Strände immer noch zu. Ich träume von einem Spaziergang am Strand, aber Geduld ist in Indien wohl immer gefragt.

Die Nachrichten auf den indischen Kanälen drehen sich schon seit Wochen um den verstorbenen Schauspieler Sushant Singh Rajput. Ob er Selbstmord begonnen hat oder ob er ermordet wurde, ist immer noch nicht klar.

Doch heute stehen die 5 neuen Kampfjets Rafale im Zentrum. Stolz präsentiert die Indian Air Force die neuen Flieger. 35 Jets für rund 7.8 Milliarden Euro hat Indien von Frankreich gekauft. Im Gegensatz zum Schweizerländchen, wo Ende September das Volk abstimmt, ob neue Kampfjets angeschafft werden, kann das indische Volk nur stolz zu dieser Entscheidung nicken. Die Jets kommen nicht ungelegen, denn Indien zeigt gerne militärische Stärke. Der Grenzkonflikt mit China ist noch nicht ausgestanden und scheint wieder zu eskalieren.

Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen. Seid herzlich gegrüßt und bleibt gesund!

Trinkwasser ist in Indien Luxus

Jahrelang hatte er uns gute Dienste geleistet. Doch nun hat der weiße Kasten seinen Geist aufgegeben. Prabhu telefoniert lange mit dem Kundendienst und entscheidet sich schließlich dazu, einen neuen Water Purifier (Wasserfilter) zu kaufen. Wieder von der Firma Kent, aber das neue Modell mit Digital-Display.

„Hat dich Hema im hellblauen Saree wieder überzeugt?“, spotte ich. Die tamilische Schauspielerin Hema Malini trinkt schon jahrelang genüsslich das Filterwasser von Kent und lächelt dabei glücklich und gesund in die Kamera. Die Sarees wechseln ab und zu, aber immer in Shades of Blue – hygienische, saubere, gesunde Blautöne.

Bis alles geliefert wird, dauert es zwei Tage. Suriyan oder ich tragen in der Zwischenzeit unser Trinkwasser vom Purifier meiner Schwiegereltern im Parterre zu unserer Wohnung im ersten Stock. Jetzt wird ersichtlich, wie viel Trinkwasser wir täglich konsumieren. Es sind rund 15-20 Liter, die wir zum Kochen und Trinken verbrauchen. Der Sohnemann motzt bereits, wenn ich ihn nach unten schicke, und auch ich finde es mühsam.

Wie schön war dies doch in der Schweiz! Den Wasserhahn aufdrehen und sauberes Trinkwasser sprudelt ohne Ende. Trinkwasser zum Duschen, zum Pflanzen gießen, zum Auto waschen- ja, sogar das kleine und große Geschäft wird mit Trinkwasser runtergespült. Was für ein Luxus und eine Verschwendung dies ist, sind sich wohl die wenigsten SchweizerInnen bewusst. Trinkwasserqualität ist in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit.

Hier in Indien ist dies anders. Trinkwasser muss gekauft oder mit einem Wasserfilter aufbereitet werden. Auch das ist Luxus. Die vielen Menschen, die nicht gut betucht sind, holen sich das Wasser in großen Plasikkübeln bei Wasserstellen, die die Stadt zur Verfügung stellt, und schleppen diese in ihr Haus. In Chennai und den meisten Städten Indiens ist der Unterschied zwischen Wasser und Trinkwasser für die Gesundheit durchaus bedeutsam.

Als wir 2006 das erste Mal nach Indien auswanderten, musste dies auch unser Sohn lernen. Beim Planschen und Baden durfte er plötzlich kein Wasser mehr in den Mund nehmen und schlucken. Dies beschäftigte ihn so sehr, dass er mich mal mit einem ernsten Gesichtsausdruck fragte, ob denn in der Wassermelone Trinkwasser drin sei.

Inzwischen ist der neue Purifier übrigens eingetroffen und installiert worden. Natürlich mit Mundschutz und hoffentlich ohne Coronaviren. Neun Liter Wasser werden in einer halben Stunde gefiltert und zu Trinkwasser aufbereitet. Einmal sollte man es ganz durchlaufen lassen, ohne das Wasser zu trinken. Die Schweizerin im Hause befolgt diese Anweisung gleich dreimal. Sicher ist sicher!

Unser neuer Water Purifier mit Digital-Display 😉

Auch hier bleibt einem nichts anderes übrig, als der Firma und der Technik zu vertrauen. Aber wenn sogar Hema Malini das Wasser trinkt, ist alles gut!

Im indischen Lockdown – 10. Juli 2020

Wie die Zeit vergeht! Erst lag der Juli in weiter Ferne und ich war voller Zuversicht, dass dieser Spuk bis dahin ein Ende finden würde. Weit gefehlt. In Indien steigen die Covid-19-Fälle weiter an. Heute Morgen ein neuer Höchstwert von 26‘506 Fällen und 475 Toten in den letzten 24 Stunden. Weltweit steht Indien mittlerweile mit 793‘802 Fällen an 3. Stelle, und bis jetzt sind 21‘604 an Covid-19 gestorben. Einige Experten erwarten den Peak erst im November.

Hier in Chennai sieht es leider auch nicht gut aus. Wir haben täglich immer noch hohe Fallzahlen und Tamil Nadu hat nach Maharashtra am meisten Covid-19-Fälle. Auch in Assam, Westbengalen und vielen andern Bundesstaaten steigen die Zahlen. Karnataka, galt im Kampf gegen Corona lange als Vorzeigebundesstaat, nun auch dort ein massiver Anstieg. Bangalore hat den Lockdown gerade wieder verschärft. Immer mehr spitzt sich auch der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal zu. Schockierend der Hilferuf per Video von Dr. Taha Mateen vom HBS Spital in Bangalore: „Ich habe Betten, ich habe Betten mit Sauerstoff- und Beatmungsgeräten, aber keine Ärzte!“ Viele Ärzte sind scheinbar nicht willig zu arbeiten und andere sind erkrankt. So schieben die wenigen, die übrig geblieben sind lange, zu lange Schichten und sind völlig überarbeitet.

Am Montag ist der strikte Lockdown in Chennai wieder etwas gelockert worden. Neben den Lebensmittelgeschäften durften nun auch andere Läden wieder öffnen. Auf den Straßen ist wieder Leben eingekehrt.

Die meisten sind mit Masken unterwegs, viele halten die Abstände jedoch nicht ein. „Mit der Maske bin ich geschützt und mir kann nichts passieren“, scheinen viele zu denken. Regelmäßig kommen nun Angestellte der Regierung unangemeldet bei uns zu Hause vorbei, um Fieber zu messen. Alle müssen zur Fieberkontrolle antraben und ich bin immer erleichtert, wenn wir alle fieberfrei sind.

Die Schule unseres Sohnes wird Mitte Juli das Schuljahr online beginnen. Wann wird wohl wieder normaler Unterricht stattfinden? Mein Sohn und ich haben eine Wette laufen. Optimistisch habe ich auf November getippt – mein Sohn eher realistisch auf Januar 2021!

Wenn ich dran denke, dass wir nun fast vier Monate zu Hause sitzen, wird mir ganz anders. Ein Drittel des Jahres! Und es scheint noch kein Ende in Sicht.

Die indische Regierung hat bezüglich Schule nun auch reagiert. Der CBSE-Lehrplan (Central Board of Secondary Education) wurde für die Klassen 9 bis 12 um 30 % reduziert. Dies wird die Schulen und Lehrkräfte vor ein Dilemma stellen. Die Konzepte sollten nämlich trotzdem gelehrt, aber im kommenden Jahr nicht geprüft werden. Unser Sohn geht in eine internationale Schule mit dem Cambridge-Lehrplan (IGCSE). Ob auch da Anpassungen und Reduktionen vorgesehen sind?

Ein grosses Thema ist momentan auch die geplante Ausschaffung aller ausländischen Studenten aus den USA. Viele indische Studenten würden so ihre Studentenvisa und somit ihre Aufenthaltsbewilligungen in den Staaten verlieren.

Der schreckliche Fall von Jayaraj und seinem Sohn Fenix, die im Juni von der Polizei zu Tode geprügelt wurden, hat in ganz Indien hohe Wellen geworfen. Die Behörden haben schnell reagiert. Inzwischen steht die Mordanklage und 10 Polizisten wurden festgenommen. Eine Polizistin, die in dieser Nacht Dienst hatte, hat unter grosser Angst schließlich ausgesagt, dass Jayaraj und Fenix die ganze Nacht mit Schlagstöcken misshandelt wurden. Das Personal der gesamten Polizeistation wurde ausgewechselt.

Etwas Positives zum Schluss? Na ja, es wird wieder Cricket gespielt, aber wie beim Fußball ohne Publikum. Mein Mann findet dies toll, ich weniger 😉!

Back to Lockdown 1.0

Die Covid-19-Fälle in Indien steigen weiterhin rasant an. Fast täglich werden neue Spitzenwerte erreicht. Am schlimmsten trifft es die drei großen Metropolen Mumbai, Delhi und Chennai. Heute Morgen wurden für ganz Indien folgende Zahlen bekannt gegeben:

13‘586 neue Fälle, 380‘532 Fälle, bisher 12‘573 Tote

Ich vermute, dass die Zahlen um einiges höher liegen. Indien hat zwar die Testkapazitäten massiv gesteigert, aber diese reichen immer noch nicht aus.

Ab heute sind wir in Chennai und drei weiteren Distrikten in Tamil Nadu bis am 30. Juni wieder im Lockdown. Nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Tankstellen sind von 6.00 bis 14.00 geöffnet. Der Verkauf von Fleisch ist während des Lockdowns verboten, was uns als Vegetarier nicht betrifft. An den beiden Sonntagen wird ein kompletter Lockdown durchgesetzt werden. Sonntags dürfen nur die Milkshops offenbleiben. In Containment Zones, Zonen mit vielen Covid-19-Fällen, sind auch die Lebensmittelgeschäfte geschlossen und die Leute bekommen das Notwendigste an die Tür geliefert.

Für uns ändert sich dadurch eigentlich nichts. Wir gehen seit 3 Monaten nur für die notwendigsten Dinge nach draußen, ansonsten sind wir zu Hause. Ich hoffe, dass die 12 kommenden Tage die Corona-Ansteckungen tatsächlich bremsen werden. Wird der Lockdown in Chennai von Erfolg gekrönt, dann werden Mumbai und Delhi mit grosser Sicherheit nachziehen.

Gestern habe ich uns noch mit Lebensmittel eingedeckt und war im großen Supermarkt Spencer‘s, der wegen Corona für zwei Wochen gesperrt war. Nach Handdesinfektion und Temperatur messen, konnte ich den Laden betreten. Ich war positiv überrascht über die gut gefüllten Regale. Auch die Non-Food-Abteilungen waren wieder frei zugänglich. In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Engpässen bei bestimmten Produkten.

Einkaufen ist definitiv anstrengender geworden. Ich versuche, möglichst wenig anzufassen, und alle Dinge wasche ich zu Hause gründlich mit warmem Wasser ab. Auch unsere Smartphones, Schlüssel und Türklinken desinfiziere ich häufig. Sogar den Hunden wasche ich nun nach jeder Runde die Pfoten. Manchmal denke ich selbst, dass dies wohl etwas übertrieben ist. Aber die Krankenhausbetten werden knapp und es hat zu wenig Ärzte und Pflegepersonal. Die Vorstellung, ernsthaft krank zu werden, macht langsam Angst. Das Gesundheitssystem in Indien kann diese Pandemie eindeutig nicht stemmen.

In Kashmir und Ladakh kommt es immer wieder zu Spannungen. In Pampore, Kashmir wurden gestern 8 Terroristen, die sich in einer Moschee verschanzt hatten, getötet.

Die schlimmen Vorfälle in der Grenzzone zwischen Indien und China in Ladakh sind immer noch Thema in den indischen Nachrichten. Die 20 getöteten Soldaten wurden mit allen Ehren bestattet. Beide Regierungen machen sich gegenseitig Schuldvorwürfe. China hält sich immer noch bedeckt darüber, wie viele chinesische Soldaten ums Leben gekommen sind. Die Regierung Indiens reagiert sofort mit der Aufforderung, chinesische Produkte zu meiden.

Wenigstens sind sich beide Seiten einig, dass diplomatisch verantwortungsvolle Lösungen gesucht werden müssen.

Covid-19-Koller und Zitronenstreit

Seit meinem letzten Blogartikel war ich nicht mehr draußen. Langsam, aber sicher setzt mir das ewige zu Hause bleiben zu, und die täglichen Nachrichten deprimieren mich zunehmend.

Die Fallzahlen steigen weiterhin an und fast jeden Tag werden neue Spitzenwerte gemeldet. In Mumbai und Delhi sind die Spitalbetten knapp, und es werden Notfallpläne ausgearbeitet.

Indien steht in der weltweiten Pandemie mit 308‘993 Covid-19-Fällen nun an 4. Stelle. Heute Morgen habe ich wieder mal die Nachrichten geschaut. 11‘458 neue Fälle in ganz Indien und bisher 8884 Tote. In Tamil Nadu haben wir 42‘687 Fälle davon 30‘444 in Chennai. 1989 Fälle wurden in Tamil Nadu in den letzten 24 Stunden gemeldet.

Nachdem Indien und China lange diplomatische Verhandlungen über die Grenzzone in Ladakh geführt haben, wurde scheinbar ein friedlicher Konsens gefunden. Doch kaum ein Disput beigelegt, folgt bereits der nächste. Nepal erhebt Ansprüche auf indisches Territorium. Indien blockt diese kurz und bündig ab und meint nur, dies sei historisch nicht zu begründen.

Ich hingegen streite mich heute Morgen mit meinem Schwiegervater, ob die drei Limetten, die ich auspressen soll, noch gut sind. Ich bin ja nicht pingelig, aber diese bereits braunen Limetten sind wirklich verdorben. (Ein Beweisfoto zu schießen, habe ich mich dann jedoch nicht getraut.) Mein Schwiegervater schnaubt ärgerlich und meint, dass wir ja nur den Saft brauchen. Seiner Meinung nach bin ich sowieso eine Verschwenderin. Schließlich schneide ich die Limetten auf und lasse ihn daran riechen. Tatsächlich gibt er darauf klein bei und klaubt zwei gelbe, frische Limetten aus dem Kühlschrank und überreicht sie mir. 1:0 for Switzerland!

Die verdorbenen Limetten hingegen stellt er auf die Seite und schmeißt sie nicht in den Abfalleimer. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, denke ich für mich.

Ich presse den Saft aus. Nach indischer Weise drehe ich die Schale um, sodass ja kein Tropfen verloren geht und lege die Schalen zur Seite.

Wieder wird mein Schwiegervater ärgerlich und meint, ich müsste die Schalen noch in Wasser auspressen, dieses Wasser könne man auch noch brauchen …

Schweizerisches Verschwendertum gegen indische Sparsamkeit!

Ich würde mich selbst ja auch nicht als verschwenderisch bezeichnen und habe mich hier in vielen Dingen sehr angepasst, aber gegen meine Schwiegereltern komme ich definitiv nicht an. Da wird jeder Paisa zweimal umgedreht und jeder Milchbeutel zweimal mit Wasser ausgewaschen, um ja keinen Tropfen Milch zu verschwenden. Gottlob ist mein Göttergatte in diesen Dingen großzügiger, ansonsten hätte ich wohl schon lange das Weite gesucht.

Nun hoffe ich, dass meinem Mann das Zitronen-Ingwer-Rasam* auch schmeckt. Ich jedenfalls werde es nicht kosten – ich mag kein Rasam.

*Rasam ist eine scharfe Pfeffersauce, die hier in Tamil Nadu zum Mittagessen stets dazugehört.

Im indischen Lockdown 4.0 – Tag 67

Der 67. Tag im indischen Lockdown ist angebrochen. Langsam kann ich die Wörter Covid-19 und Coronavirus nicht mehr hören, aber so wird es mit Sicherheit nicht nur mir ergehen.

Da die Fallzahlen stetig steigen, kam es bei uns in Chennai kaum zu Lockerungen. Heute in Tamil Nadu ein Spitzenwert von 874 neuen Ansteckungen in den letzten 24 Stunden. Tamil Nadu meldet heute insgesamt 20‘246 Fälle, davon über 13‘362 in Chennai. So sind wir weiterhin zu Hause und gehen nur für die nötigsten Lebensmitteleinkäufe nach draußen.

Obwohl Mitte Mai die langen Sommerferien begonnen hätten, hat unser Sohn immer noch Online-Klassen. Er ist jetzt schon vor den Sommerferien ins 10. Schuljahr befördert worden. Viele Eltern machen sich Sorgen, dass der Lernplan nicht eingehalten wird, dass die Kids schulisch zurückfallen. Gottlob gibt es auch Eltern, die es etwas anders sehen und für Ferien plädieren. Jetzt wurde quasi ein Kompromiss gefunden, der beiden Parteien versucht, gerecht zu werden. Im Juni geht es weiter mit täglich einer Stunde Unterricht von 11 bis 12 Uhr. Die Schule hofft, dass sie Mitte Juli wieder öffnen kann. Wieder wird offensichtlich, wie privilegiert wir sind. Selbstverständlich hat jedes Kind Internetzugang, sodass Online-Learning überhaupt möglich ist. Andere Schulen in Indien haben jetzt bereits den Lehrplan reduziert und alle Kinder sind ins nächste Schuljahr befördert worden.

Gestern war ich wieder einmal draußen, um einzukaufen. Das Straßenbild hat sich schon wieder etwas verändert und mehr Menschen sind unterwegs. Neue Stände am Straßenrand verkaufen jetzt Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel.

Während vorher nur Lebensmittelgeschäfte offen waren, so sieht man jetzt auch geöffnete Kleidergeschäfte, Optiker, Fahrradgeschäfte, … Restaurants können „Parcels“ und „home delivery“ anbieten, so entdecke ich wieder Swiggy- und Zomato-Angestellte, die mit ihren Motorrädern Essen ausliefern.

Als wir bei unserem Supermarkt Spencers ankommen, sind wir überrascht, denn alles ist geschlossen. Der Wächter informiert uns von Weitem: „Seven days – closed – Corona!“ Holy Cow! Das hat uns noch gefehlt. Corona ist plötzlich wieder omnipräsent, und ich überlege schon, wann wir zum letzten Mal dort waren.

Wir machen noch eine kurze Fahrt durch die Stadt. Ich war schon so lange nicht mehr draußen. Der Mini-Ausflug im Auto führt uns an den Besant Nagar Beach. Normalerweise würde man am frühen Abend kaum durchkommen, aber jetzt ist es kein Problem. Der Strand ist immer noch abgeriegelt. Wie lange dies noch so weitergeht? Der Lockdown 4.0 geht morgen zu Ende, und alle warten schon auf Informationen. Ich denke, dass es in den Hotspots zu keinen Lockerungen kommen wird.

In ganz Indien steigen die Fälle. Heute Morgen ein neuer Spitzenwert von 7964 Fällen in 24 Stunden. In ganz Indien haben wir 173‘763 registrierte Fälle. Wie hoch die Schwarzziffer liegt, kann man nur erahnen. Die Zahl der Toten ist auf 4980 angestiegen. Ganz schlimm betroffen ist Mumbai. Hotels werden nun zu Krankenstationen umgebaut, und der Bundesstaat Kerala schickt Ärzte und Krankenpersonal zur Unterstützung.

Doch Indien kämpft nicht nur gegen Covid-19.

  • Eine Heuschreckenplage in Rajasthan, Delhi, Haryana und Punjab lässt die Bauern zittern. Mit Trommeln, Lärm, Sirenen versuchen sie, ihre Felder vor den gefräßigen Heuschrecken zu schützen. Einige setzen zeitgemäß auf DJs und lassen ihre Felder mit hohen Dezibels beschallen.
  • Der Zyklon Amphan, der am 20. Mai in Westbengalen auf Land getroffen ist, hat verheerende Schäden angerichtet. Viele Bäume wurden entwurzelt und Gebäude beschädigt. In den indischen Nachrichten ist Amphan jedoch kaum noch Thema. Das Militär hilft bei den Aufräumarbeiten.
  • Kashmir bleibt auch während Corona ein Konfliktgebiet. In Pulwama gab es eine Terrorattacke mit einer Autobombe und in Ladakh an der nördlichen Zone rüstet China auf. Donald Trump hat sich als Mediator zwischen beiden Parteien angeboten. Obwohl er in seinem eigenen Land viel zu tun hätte, hat er mit beiden Ländern gesprochen. Premierminister Modi sei „not in a good mood“, wenn es um China ginge. Die indische Regierung informierte darauf nur, dass man gedenke, die Probleme mit China friedlich zu lösen.
  • In Assam haben hefige Niederschläge zu Überschwemmungen geführt und die Menschen kämpfen gegen die Fluten.
  • In vielen Bundesstaaten kam es zu Hitzewellen. In Delhi war es vor einigen Tagen 46 Grad. In Rajasthan wurden sogar 50 Grad gemessen.
  • Viele Wanderarbeiter sind immer noch unterwegs und täglich kommt es zu menschlichen Tragödien. Tausende warten in brennender Hitze auf Züge und Busse. In Zügen ist es wegen der Hitze und zu wenig Wasser und Essen zu Todesfällen gekommen. Die Zentrale Regierung schiebt die Verantwortung auf die Bundesstaaten und die Bundesstaaten an die Zentrale Regierung. Immer noch sind Tausende ohne genügend Nahrung und Wasser zu Fuß unterwegs. Es ist eine Katastrophe!