Aberglauben im indischen Alltag

Ganapathi, Prabhus Freund, hat uns heute wohl vor der Armut bewahrt. Prabhu vergass nämlich sein Portemonnaie und Ganapathi holte es bei uns ab. Ich öffnete die Tür und streckte ihm das Geld entgegen, aber seltsamerweise nahm er es nicht an sich. Leicht verwirrt schaute ich zu, wie er einen Schritt über unsere Türschwelle machte und erst dann die Geldbörse an sich nahm. Jetzt dämmerte es mir langsam. Geld sollte man nie über die Türschwelle übergeben! Viele glauben, dass dies die eigenen Vermögenswerte schmälert und man auf diese Art sozusagen das eigene Geld zum Fenster rausschmeißt. So wird dies von den meisten im Alltag beherzigt.

Aberglaube ist in Indien sehr präsent und allgegenwärtig. Es gibt viele Alltagsrituale, die das Böse, das Unglück abwenden sollen. Die Fülle an abergläubischen Praktiken ist schier unendlich und früher erstaunte es mich, dass auch gebildete Menschen immer noch an diesen Ritualen festhalten. Erklärung fand ich bei meinem Göttergatten. Seit Kindheit ist er auf einige Sachen getrimmt worden und so wurde das abergläubische Ritual zur Gewohnheit. So beispielsweise seine Art die Füsse zu waschen. Am Schluss lässt er das Wasser auch immer noch von hinten über die Ferse laufen. Wenn man dies nicht tut, bringt es Unglück.

Um das Geld und den Wohlstand zu erhalten, gibt es im indischen Alltag kleine Dinge zu beachten. Wie oben schon erzählt, sollte man Geld niemals über die Türschwelle übergeben. Entweder man überreicht es draussen oder drinnen.

Am Freitag, am Tag der Göttin Lakshmi, zahlen die meisten Inder keine Rechnungen. Damit der Wohlstand erhalten bleibt oder sich die finanzielle Situation verbessert, sollte das Geld an diesem Tag Zuhause ruhen. Aus diesem Grund begleicht Prabhu seine Rechnungen und die Lohnzahlungen seiner Arbeiter immer am Samstag.

Bevor es ganz dunkel wird, gehen in Indien die Lichter an und die Haustüren werden weit geöffnet. Man will die Göttin Lakshmi ins Haus einladen und willkommen heissen. Lakshmi bringt Wohlstand und Glück ins Haus.

Nachdem es dunkel geworden ist, sollte man das Haus nicht mehr reinigen oder die Böden wischen, denn mit dem Schmutz würde man auch den Wohlstand zum Haus heraustragen.

Bei Geldgeschenken sollte man immer darauf achten, dass man eine Rupie als Glücksbringer dazu gibt. Auf manchen Geschenkumschlägen sind sie bereits aufgeklebt.

F3604B2D-3085-43BC-86E6-37B20952593D

In Indien glaubt man an das evil Eye – das böse Auge. Man geht davon aus, dass negative Gedanken, wie Hass und Neid, Einfluss auf unser Leben haben. Um sich davor zu schützen, gibt es viele Rituale und Schutzsymbole. Dämonenfratzen draussen vor dem Gate oder am Haus, soll das böse Auge ablenken. Auch ein aufgehängter Stein vor dem Hauseingang hat diese Schutzfunktion. Kollams oder Rangolis heissen nicht nur die Besucher willkommen, sondern halten auch negative Energien fern. Auch unser Haus ist mehrfach vor dem evil Eye geschützt.

Babies und Kleinkinder muss man besonders vor dem bösen Auge schützen. Aus diesem Grund werden ihnen mit Kohle schwarze Flecken ins Gesicht gemalt. Diese sollen den bösen Blick ablenken und vom Kind fernhalten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

An Autos und Lastwagen entdeckt man zum Schutz oft ein Kinderschuh oder schwarzen Schnüre. Natürlich stehen die Autos meistens auch unter göttlichem Schutz. Die kleinen Altäre, die viele in ihren Autos pflegen und mitfahren lassen, finde ich immer sehr berührend. Gehen Inder auf eine längere Reise wird in der Regel auch eine „spirituelle Reiseversicherung“ im Tempel abgeschlossen. Ohne Pooja, die Segnung der Götter, geht in Indien fast gar nichts.

Vor Geschäften sieht man oft die Chilli-Limetten Abwehr (Nimbu-Mirchi). Auch dies ein Symbol gegen das Böse. Es soll vor allem die unglücksbringende Göttin Alakshmi fernhalten. Da sie scheinbar eine Vorliebe für Scharfes und Saures hat, nimmt sie ihr Lieblingsessen bereits draussen ein und kommt so nicht ins Haus herein. Nimbu-Mirchi ist übrigens auch eine gute Abwehr gegen Moskitos.

Nimbu Mirchi

Auch Tiere werden als Glücks- oder Unglückssymbole gesehen. Auch hier in Indien kommt die Katze, insbesondere die schwarze Katze, schlecht weg. Überquert eine Katze die Strasse wird dies als schlechtes Omen gedeutet. Elefanten hingegen bringen Glück, da sie mit Lord Ganesha, dem Elefantengott, in Verbindung gebracht werden.

Auch um die Geckos, die hier in Südindien in jedem Haus leben, weben sich viele abergläubische Geschichten. Wenn jemand beispielsweise am Sprechen ist und ein Gecko seine Schnalzgeräusche macht, dann kann man sicher sein, dass dieser die Wahrheit spricht. Manchmal kommt es vor, dass Geckos sich nicht mehr halten können und auf Menschen herunterfallen. Je nach dem, wo der Gecko hinfällt, bringt es Glück oder Unglück.

Mehr über Geckos findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/05/22/geckos/

Krähen sind meistens Glücksboten und werden in Indien als Boten zwischen dem Jenseits und dem Diesseits gesehen. Kräht eine Krähe, so darf man Besuch von der Familie erwarten.

Mehr über Krähen findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/06/23/kraehen-verbindung-zwischen-leben-und-tod/

Sehr lustig finde ich das Ritual von Ganapathi, das ich eben neu entdeckt habe. Schreibt er etwas auf ein neues Blatt Papier, macht er, bevor er startet, immer ein kleines Ganesha-Symbol. Ganeshas Ohren und der angedeutete Rüssel sollen die Hindernisse überwinden und Glück bringen.

GaneshaSymbol

Eine Sonnen- oder Mondfinsternis ist ein sehr schlechtes Omen und man sollte zu diesen Zeiten vermeiden nach draussen zu gehen. Insbesondere schwangere Frauen sollten zu Hause bleiben, da sie ansonsten ihr ungeborenes Kind gefährden. Manche Familien kochen und essen an diesen Tagen nichts.

Ein trauriges Thema ist der Aberglaube, der sich um den Monatszyklus der Frau dreht. Die erste Menstruation eines Mädchens wird gross gefeiert und es bekommt viele Geschenke und Aufmerksamkeit. Doch der Glaube, dass eine Frau während ihrer Tage unrein ist, hält sich hartnäckig in vielen Köpfen fest. Frauen dürfen während der Tage keinen Tempel besuchen und manche, vor allem auf dem Land Lebende, dürfen nicht mal das Haus oder die Küche betreten. Viele glauben, dass Esswaren und Wasser durch eine menstruierende Frau schlecht werden. So wird die Menstruation für viele Frauen zum wahren Albtraum.

Aberglaube ist im indischen Alltag täglich zu beobachten. Man könnte als Außenstehende, aufgeklärte Frau aus dem Westen, leicht darüber lächeln und es als Unsinn, eben als Aberglaube abstempeln. Doch das wird den Indern in ihrer Frömmigkeit und ihrem Glauben einfach nicht gerecht. Irgendwie berühren mich diese kleinen Dinge, die niemandem schaden und bei uns schon längst aus dem Alltagsleben verschwunden sind. Es hat mich gerührt, dass es Ganapathi wichtig ist, dass ich unser Geld nicht einfach so über die Türschwelle herausgebe, dass er sich um uns sorgt. Ich finde er rührend, wie er auf jedes neue Blatt das Ganesha Symbol zeichnet. Ich glaube zwar nicht an solche Dinge, aber solange sie niemanden zu Schaden kommen lassen, respektiere ich sie. Mit dem Aberglauben über die Menstruation sieht dies natürlich wieder ganz anders aus. Doch auch hier findet in den Städten ein Wandel statt und ich hoffe, es ist eine Frage der Zeit bis sich die Situation auch für die Frauen in den Dörfern zum Positiven wandelt.

Advertisements

Kolams – vergängliche Kunst im Alltag -mit Anleitung zum Selbstversuch!

C4A88399-C638-4AAB-B3BF-31FB3F40DBC8 (2)

Der Alltag einer indischen Hausfrau beginnt in der Regel früh am Morgen. Bereits in der Früh sieht man Hausfrauen und Maids mit Palmreisig-Besen und Wasser den Hauseingang reinigen. Danach wird mit weissem Kalkpulver ein neues Kolam oder ein einfaches Rangoli vor den Eingang gestreut.

Die Muster sollen Besucher willkommen heissen und schlechte Energien fernhalten.

Früher streute man Reismehl um die Ameisen und Vögel zu füttern. Man glaubte an ein harmonisches Zusammenleben, an ein Geben und Nehmen mit allen Kreaturen.

Kolams zu streuen ist eine Kunstfertigkeit, die ich sehr bewundere. In Tamil Nadu sind es Muster, die nach einem systematisch angelegten Punktmuster entstehen. In der Regel wird jeder Punkt umflochten, d.h. umstreut. So entstehen wunderschöne Kunstwerke. Wer sich einmal selbst in dieser Kunst versucht hat, weiss wie schwierig es ist. Bereits für die Versuche auf dem Papier braucht man plötzlich Hirnwindungen, die man zuvor selten gebraucht hat.

Bei uns in der Stadt sind die Kolams des Alltags eher bescheiden und oft flüchtig, lieblos hingestreut. In vielen Haushalten übernimmt die Maid diese Aufgabe, denn viele Frauen sind heutzutage berufstätig und haben keine Zeit. Es hat jedoch einige wenige Häuser, wo ich auf meinem Morgenspaziergang immer kurz verweile und die Muster bewundere. Speziell eine alte Frau bei uns in der Nähe gibt sich täglich so viel Mühe. Wenn ich sie sehe, mache ich ihr oft ein Kompliment und sage: „*Rombe nallarke!“ Da freut sie sich immer sehr.

Viel einfacher finde in der Regel die Rangolis, auch die werden nach Punktmustern gestreut, aber man hat viel mehr gerade Linien, wo man absetzen kann und die Muster sind unseren oder wenigstens meinen Hirnwindungen viel vertrauter.

Wenn ich denke, dass ich ein neues Kolam wirklich verinnerlicht und auswendig gelernt habe, dann beginnt bei mir die Phase der Ernüchterung, wenn ich das Kolam streuen will.

Der Boden ist plötzlich uneben, die Verhältnisse viel grösser und die Orientierung viel schwieriger. Schon die Punkte in genauen und geraden Abständen hinzustreuen ist eine Herausforderung. Ist das Punktnetz nicht genau, dann ist bereits alles zum Scheitern verurteilt.

Auch hier gilt Übung macht den Meister!

Manche Frauen sind darin unglaublich geschickt und sie streuen sogar Doppellinien flüssig und ohne Unterbrüche. Prabhus Schwester kennt  viele Kolams und Rangolis auswendig. An Fest- und Feiertagen beteiligen sich meist alle Frauen des Hauses an riesigen und zeitaufwändigen Mustern bei denen dann oft auch andere Farben eingesetzt werden.

*Rombe nallarke – auf Tamil: sehr schön

Doch versuch es doch einfach selbst! Viel Spass beim Ausprobieren!

Hier eine kleine Anleitung:

  1. Lege ein 9er Punktgitter an6409ACAA-F2FA-4328-A9BD-78737A3EEFC3

Beginne das Muster vom Zentrum aus.

2.

CCD8FA11-124B-4263-A0DD-CDDC7DDBB684

3.

1BE269B3-8DF1-426D-A5DF-E92A8E31A79C

4.

D132F4B3-0157-4AC4-B2E2-D7F18090DE9C

5.

Die übrigen fünf Punkte an jeder Ecke umkreist du folgendermassen:

6325C979-1BE1-4D2E-BEA7-1BA957C99212

Beim freien Punkt, der am nächsten zum Zentrum liegt, musst du aufpassen! Hier werden zwei Punkte auf einmal umkreist.

5C6BAED7-785B-403F-9A56-5DE8E51D115C

6.

3A80BF60-2278-43CA-BC5F-6B77DEB6CD6F

7.

AD2F0D6D-3DE1-4FF9-A41B-B468500578D0 (1)

8.

C4A88399-C638-4AAB-B3BF-31FB3F40DBC8 (2)

Rajiv Gandhi – aus meinem Tagebuch vom März 2007

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es ist Sonntag. Für mich ist dieser Wochentag immer noch mit der westlich-christlichen Kultur verbunden und ein kleines Familienheiligtum. Doch hier in Indien sind nur grade 2,3 % Christen und so ist der Sonntag für viele ein ganz normaler Arbeitstag und es ist nicht mal unhöflich bereits um sieben Uhr morgens anzurufen und meinen Sonntagsfrieden zu stören. So wird mein Liebster, zu meinem Bedauern, auch sonntags nicht von vielen Geschäftsanrufen verschont. Heute, wir haben noch keine Pläne, ruft ausgerechnet ein Agent von Prabhu an und möchte ihm ein Stück Land ausserhalb von Chennai zeigen. Prabhu wäre bereit sich dies anzusehen, aber meine Sonntagsansichten stehen ihm natürlich im Weg. Elegant macht er mir die Landbesichtigung als Familienausflug schmackhaft. Da ich wenig Begeisterung zeige, zieht er noch den letzten Trumpf aus dem Ärmel: Das Rajiv Gandhi Denkmal! Schliesslich willige ich in die Pläne meines arbeitswütigen Ehegatten ein und wir fahren los. Suriyan ist immer begeistert, wenn es mit dem Auto irgendwohin geht.

Die Landbesichtigung erweist sich als schwierig, da der Agent die Parzellen nur vom Plan her kennt. Pläne und Wirklichkeiten liegen in Indien teilweise weit auseinander. Es beeindruckt mich immer wie hilfsbereit die Menschen hier sind. Wildfremde Menschen nehmen sich Zeit und versuchen zu helfen.

Schliesslich fahren wir zum Denkmal. Eine schöne, grosse und  gepflegte Anlage, die von vielen indischen Sonntagsausflüglern besucht wird, erwartet uns. Die sieben grossen Säulen, die mit Zitaten von Rajiv Gandhi beschrieben sind, fallen auf Anhieb ins Auge.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hier wurde Rajiv Gandhi an einer Kundgebung am 21. Mai 1991 von einer Selbstmordattentäterin der Tamil Tigers ermordet und mit ihm wurden 16 weitere Teilnehmer aus dem Leben gerissen. Rajiv Gandhi war von 1984 –1989  Premierminister von Indien und hatte gute Aussichten wieder ins begehrte Amt gewählt zu werden.

Eine tragische, politische Familiengeschichte tut sich hier auf:

Rajiv Gandhis Grossvater ist der berühmte Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister Indiens und damals enger Vertrauter von Mahatma Gandhi im gewaltlosen Widerstand gegen die Briten. Immer wieder wurde der gebildete Pandit, der in England Rechtswissenschaften studiert hat,  von den Briten ins Gefängnis gesteckt. Dort verfasste er 196 Briefe an seine einzige Tochter Indira und schilderte seine Ansichten und Ideologien. 1947 bis 1964 war Nehru im Amt und etablierte in Indien die demokratischen Werte und Strukturen, die er sehr an den Gesetzgebungen der ehemaligen Unterdrücker anglich.

Indira stieg, geprägt durch ihren Vater, schon in frühen Jahren in die Politik ein. Mit 21 Jahren war sie bereits Mitglied im Parlament. Sie heiratete den Politiker Feroze Gandhi, der nicht mit dem grossen Mahatma Gandhi verwandt war, aber dessen Name ihr für die spätere Politkarriere sehr zu Gute kam. Bald darauf erblickten die beiden Söhne Rajiv und Sanjay das Licht der Welt. Indira wurde die engste Vertraute ihres Vaters und nach seinem Tod 1964 wurde sie nach kurzer Zeit zur Premierministerin gewählt. Die Herausforderungen und Probleme, die es während ihrer Amtszeit von 1966 bis 1977 zu bewältigen gab, waren riesig.

Armut, Bevölkerungswachstum, schlechte Wirtschaftslage, Korruption, Unruhen, … machten ihr das Leben schwer. Sie begegnete den Schwierigkeiten mit Härte, Skrupellosigkeit und autoritärer Macht. Als sie vom Gericht wegen Korruption im Wahlkampf verurteilt wurde, verhängte sie kurzerhand den Ausnahmezustand, liess viele Oppositionsgegner verhaften und schränkte die Pressefreiheit ein.

Sanjay, ihren zweitgeborenen Lieblingssohn, baute sie zum Nachfolger auf. Dieser wurde in seinen Ansichten jedoch immer extremer. Er war Initiant für Millionen von Zwangssterilisationen, die im ganzen Land für Entsetzen sorgten. Indira Gandhi wurde schliesslich abgewählt, kämpfte sich 1980 jedoch wieder an die Regierungsspitze zurück.

Ein schwerer Schlag traf sie, als ihr Sohn Sanjay bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Böse Zungen hinterfragten jedoch den Unfall und wilde Spekulationen, ob nicht sogar die eigene Mutter die Hände im Spiel hatte, kursierten.

Nun wurde der ältere, zurückhaltendere Sohn Rajiv, der Pilot bei der Indian Airlines war, überredet in die Politik einzusteigen.

Die zweite Regierungszeit wurde von grossen Unruhen überschattet. In Punjab verhinderte Indira Gandhi die Bildung eines autonomen Sikhenstaates mit der Stürmung des Goldenen Tempels in Amritsar, dem grössten Heiligtum der Sikhen. Für diese Ungeheuerlichkeit bezahlte sie am 31. Oktober 1984 mit ihrem Leben. Sie wurde von zwei Sikhs ihrer eigenen Leibgarde erschossen.

Noch am selben Tag wurde Rajiv Gandhi als Premierminister vereidigt, während es in vielen Teilen des Landes zu blutigen Auseinandersetzung gegen die Sikhs kam. Rajiv Gandhi war mit Sonia Gandhi verheiratet und sie hatten zusammen zwei Kinder Rahul und Priyanka. Sonia Gandhi, ursprüngliche Italienerin, war gar nicht begeistert, als ihr Mann sich entschloss in die Politik einzusteigen. Sie hatte sich ihr Leben wohl anders vorgestellt, als sie Rajiv bei einem Sprachaufenthalt in Cambridge kennen lernte.

Nach dem tödlichen Attentat, wurde jedoch auch sie von der Kongress Partei gedrängt in die Politik einzusteigen.

Doch erst sechs Jahre später, als die Hindu-Nationalisten in Delhi an die Macht kamen, übernahm sie den Parteivorsitz. Sie fühlte sich durch ihre Angehörigen, die für die Kongress Partei gelebt und gestorben sind, verpflichtet. Obwohl sie wegen ihrer italienischen Herkunft immer wieder angegriffen wurde, führte sie die Kongress Partei wieder an die Spitze zurück.

2004 hat sie das Amt der Premierministerin jedoch ausgeschlagen und Manmohan Singh vorgeschlagen. Erstmals hatte das Land einen Sikhen zum Regierungschef und Sonja Gandhi, die scheinbar so selbstlos verzichtete, wird vom Volk schon fast als Heilige verehrt.

Ihr Sohn Rahul mischt in der indischen Politik bereits mit. Dies erstaunt nicht, denn der Lebensweg des Stammhalters scheint vorbestimmt.

 

 

Neues von der Hörnchen-Baby Front

4a2d3805-f53e-48b3-b6c9-5ceed18e92ea.jpeg

Ich habe mich wohl selten über Kacke so sehr gefreut wie gestern. Endlich kamen nach der Bauchmassage wieder schöne schwarze Kackwürstchen heraus. Der Durchfall der beiden hat mir schon etwas Sorgen bereitet. Nach Tipps, die ich von drei verschiedenen Hörnchen-Facebook-Gruppen erhalten habe, brachte dann Zwieback und Aktivkohle den Erfolg.

40C47219-B782-454F-936A-3E01351E7BA0

Nun liegt seit gestern Abend Suriyan mit Durchfall und Fieber im Bett! Es geht also heiter weiter mit Zwieback und Aktivkohle…

Die beiden Hörnchen, ein Geschwisterpaar, entwickeln sich sehr unterschiedlich. Während das Männchen, das ich heute mit dem Namen Speedy Gonzales beglückte, Gas gibt und ein kleiner Nimmersatt ist, so zeigt sich das Mädchen Rosa, im Moment eher Kleinröschen, doch eher bescheiden.

Röschen trinkt, rollt sich zusammen und schläft umgehend in meiner Hand ein. Da muss ich immer schauen, wie ich noch an das kleine Bäuchlein ran komme um zu massieren. Röschen ist auch kleiner und die Äuglein sind noch geschlossen.

5C88DDAA-9C19-4E03-9BF9-5C36DC067071

73503382-C7F9-454B-B905-248A1B72543F

Der Wirbelwind Speedy hingegen ist schon jetzt ein kleiner Draufgänger. Vorgestern öffnete er sein erstes Äuglein und guckte vorsichtig heraus. Der kleine Pirat entzückte uns mit seinem linken Auge. Doch seit heute Morgen sieht er die Welt bereits mit beiden Äuglein und will schon, noch etwas steif auf seinen Beinchen, auf Entdeckungsreise. Speedy beginnt schon zu nuckeln, wenn ich ihn aus dem Nest herausnehme. Bei ihm muss wirklich alles bereit stehen, denn der Kleine wird sofort ungeduldig, wenn es nicht umgehend Milch gibt.

C6D81EB1-CB1D-49BE-A648-E88D3B7795CD

C72AFD8D-4C48-42BD-9648-446F9D37D43C

Hari – aus meinem Tagenbuch vom Dezember 2007

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Baugrundstück gegenüber ist eine Wächterfamilie mit ihrem kleinen Sohn Hariharan, kurz Hari genannt, hergezogen. Obwohl älter als Suriyan, ist er ganz schmächtig und etwa einen Kopf kleiner. Der Junge ist mehrheitlich sich selbst überlassen und spielt unbeaufsichtigt auf der Baustelle. Natürlich hat mich sofort das Mitleid gepackt. Erst war ich etwas unsicher, ob ich den Jungen wirklich zum Spielen einladen soll und darf. Meine Schwiegermutter hätte bestimmt keine Freude daran, wenn sie wüsste, dass ihr einziger Enkelsohn mit  einem „verwahrlosten“ Jungen aus einer unteren Kaste spielt.  Ehrlich gestehe ich ein, dass auch ich einen Moment lang gezögert und an Krankheiten und Läuse gedacht habe. Doch Prabhu hat mich beruhigt. Die Kinder seien geimpft und dies würde Suriyans Abwehrkräfte nur stärken, seiner Mutter müssten wir dies jedoch nicht grade unter die Nase binden. Recht hat er! Hier in Indien bin ich irgendwie übervorsichtig und ängstlich geworden.  Wir laden Hari zum Spielen ein und er kommt sehr gerne. Die beiden Jungs spielen gemeinsam in unserem Hof und Hari staunt über Suriyans Dreirad und sein Auto. Jetzt hat Suriyan wenigstens ab und zu einen Spielkameraden in seinem Alter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Annual Concert – aus meinem Tagebuch vom März 2009

D51F1ED6-B56D-496D-A01B-C9354FEE98AA

Heute findet das Annual Concert von Suriyans Schule „Learning Tree“ statt.

Sogar Thaatha* und Yamuna Akka* kommen mit. Patti* hat sich kurzfristig dagegen entschieden, weil sie sich nicht wohlfühlte. Da Suriyan früher dort sein muss, bin ich mit ihm schon voraus gefahren. Langsam füllen sich die Sitzreihen und ich habe im vorderen Bereich Plätze reserviert. Ich wechsle einige Worte mit Jayants Mutter, warte und beobachte das Treiben. Der Anlass beginnt erstaunlicherweise pünktlich und natürlich kommen Prabhu und die anderen zu spät und verpassen den Anfang. Dabei habe ich noch angerufen, dass sie früher starten sollen. Nach den Bhajans* treffen auch sie endlich ein.

Erst werden viele Lieder gesungen und danach wird die Geschichte vom Zebra, das seine Streifen verloren hat, gespielt. Die Kinder strahlen in ihren Tierkostümen und manche geniessen den Auftritt sichtlich. Für einige Knöpfchen wird es dann aber doch zu viel. Nach einigen Minuten kommt unser Sonnenschein als Krokodil zum Zug. Der erste Satz: „Come on reptils and insekts, let’s go“, spricht er deutlich und hörbar ins Mikrofon, aber er ist sehr aufgeregt und hüpft auf der Bühne herum wie ein Pingpong-Ball. Beim zweiten Einsatz vergisst er prompt den Text und ärgert sich darüber, bis schliesslich eine Auntie weiter hilft. „The amimals, the birds and the fishes are fighting”, spricht er dann erleichtert ins Mikro. Das Üben Animals richtig auszusprechen, hat nicht gefruchtet, aber das ist ja auch nicht so wichtig.

0991EA6E-43A2-485C-BBD0-76780AA9D6C9

Die Tanzdarbietung hat mir am besten gefallen. Die Kinder sahen so schön aus in ihren Kostümen. Für wenig Geld kann man sich hier alles nähen lassen. Wirklich eindrücklich, was der Dance Master da zustande gebracht hat. Alles in allem ein gelungener Anlass, man spürt und merkt, dass viel Engagement und Arbeit dahinter steckt.

FB2415E9-AE86-4710-B29D-D18715D47664

Ein professioneller Fotograf macht Bilder und ein Video wird gedreht, trotzdem knipsen einige Väter und Mütter eifrig Bilder ihrer Sprösslinge und nehmen anderen Zuschauern die Sicht auf die Bühne. Die Schulleiterin hat in einem Schreiben ausdrücklich darum gebeten dies zu unterlassen, aber wie so oft in Indien hält man sich nicht an Anweisungen und Regeln. Beim Abholen der Kinder das Gleiche, es geht  indisch zu und her. Eine lange, chaotische Reihe bildet sich um die 95 Kinder abzuholen. Immer wieder drängeln Eltern nach vorne und müssen vom Hilfspersonal und den Lehrkräften zurechtgewiesen und gebeten werden sich doch hinten anzustellen und eine Lücke für den Rückweg frei zu lassen. Ich ärgere mich über dieses Verhalten. Gebildete Menschen ohne Disziplin und Anstand!

____________________________________________________________________________________________

*  Erklärungen

  1. Thaatha = Grossvater in Tamil
  2. Akka = grosse Schwester in Tamil, hier seine Cousine Yamuna, die auch so genannt wird
  3. Patti = Grossmutter in Tamil
  4. Bhajans = religiöse Lieder im Hinduismus

Kindermund hat Gold im Mund – aus meinem Tagebuch vom Oktober 2008

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, werum tüe üs aui immer so aaluege?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weissen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kes Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. „I tue di deheim brun amale!“

 

Wer eine Übersetzung in Standardsprache braucht:

Beim Spaziergang durch das Quartier fragt mich Suriyan (4 Jahre) plötzlich: „Amma, warum schauen uns alle immer an?“ Ich erkläre ihm, dass ich mit meiner weissen Haut anders aussehe und uns die Menschen aus diesem Grund anstarren würden.

„Kein Problem, Amma“, erklärt er darauf hin. “ Ich male dich zu Hause braun an!“