Verkehrsunfälle in Indien

Strassensicherheit

Es wurde spät gestern Nacht und eigentlich planten wir heute, etwas länger zu schlafen. Doch bereits vor sieben Uhr weckt mich Prabhu. Er ist angezogen und bereit zum Gehen. „Ganeshs Schwiegervater ist mit dem Motorrad tödlich verunglückt, ich muss los“, informiert er mich. Noch schlaftrunken dringt die Nachricht langsam zu mir durch. Erst Anfang des Monats ist ein Freund meines Mannes schwer verunfallt. Er ist immer noch im Spital. Mit schweren Kopfverletzungen, einem zertrümmerten Kiefer (er fuhr ohne Helm) und einem schlimmen Beinbruch lag er lange auf der Intensivstation und sein Leben hing an einem seidenen Faden.

Seit wir hier in Chennai leben, werden wir immer wieder mit schrecklichen Verkehrsunfällen konfrontiert. Vor zwei Jahren wurde der Vater von Prabhus bestem Freund, der zu Fuß unterwegs war, von einem Auto angefahren und verstarb noch auf der Unfallstelle. Es gibt so viele traurige Geschichten, die ich hier erzählen könnte.

Sehr erschüttert hatte uns damals (2012) die Nachricht über den Tod eines sympathischen jungen Mannes, der in der engeren Auswahl stand, meine Nichte zu heiraten. Er verunglückte schwer mit dem Motorrad. Wenn in Indien etwas passiert, sind zwar schnell viele Gaffer zu Stelle, aber couragierte Menschen zu finden, die wirklich helfen, sind leider rar. Alle befürchten, dass sie unter Umständen für die Spitalkosten aufkommen müssen und halten sich daher lieber zurück. In diesem Fall gab es jedoch einen solchen Helden. Ein mutiger Rikshafahrer brachte den Schwerverletzten ins nächste Spital. Dort wollte man jedoch ohne Vorauszahlung nichts unternehmen. Verzweifelt versuchte der Fahrer alles, was möglich war. Er bot dem Krankenhaus sogar seine eigene goldene Kette als Anzahlung an, was jedoch nicht akzeptiert wurde. Noch während des Kampfes um die Kostenübernahme, verstarb der Mann, das einzige Kind seiner Eltern, im Spital.

Wie viele Stoßgebete ich bereits himmelwärts geschickt habe, als wir selbst unterwegs waren, kann ich gar nicht sagen. Unzählige Male haben wir gefährlichste Überholmanöver miterlebt und sind an schlimmen Verkehrsunfällen vorbeigefahren. In den Städten kann man, durch die hohe Verkehrsdichte bedingt, nur langsam fahren und im Auto ist man sicher. Für Fußgänger und Motorräder sieht die Situation wieder anders aus. Es gibt beispielsweise kaum Zebrastreifen und auch Bürgersteige sind selten.

Die Sicherheit im Auto ändert sich jedoch abrupt, wenn man die Städte verlässt und auf die Highways gelangt. Viele können schnelle Geschwindigkeiten nicht einschätzen, halten viel zu geringe Abstände und es kommt immer wieder zu haarsträubenden Überholmanövern. In der Nacht fahren die meisten mit Scheinwerfer, ob ein Fahrzeug entgegenkommt, ist egal. Dazu kommt das große Problem, dass viele Fahrer angetrunken unterwegs sind. Aus diesem Grund versuchen wir Fahrten in der Dunkelheit zu vermeiden.

Statistisch gesehen sind Verkehrsunfälle in Indien die häufigste Todesursache. 2015 gab es 261‘367 Verkehrstote (16.6 Anzahl Verkehrstote je 100‘000 Einwohner) und 500‘279 Verletzte. 62 Prozent der Unfälle waren auf überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen. Nach China mit  einer Rate von 18.8 Verkehrstoten je 100‘000 Einwohnern steht Indien auf Platz zwei der Weltrangliste.

Zum Vergleich:

  • Deutschland: 4.3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern
  • Schweiz: 3,3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern

Mit dem Unfallrisiko-Rechner von Maki Car kann man das Unfallrisiko verschiedener Länder auf Grundlage der Anzahl Fahrzeuge vergleichen.

  • In Indien gibt es 19.13-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in Deutschland.
  • In Indien gibt es 27.68-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in der Schweiz.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Sicherheit auf indischen Straßen durch bessere Infrastruktur, Prävention, Bildungsmaßnahmen und durch vermehrtes Durchgreifen der Polizei verbessert.

 

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10 Jahre in Indien – Gedanken und Rückblick

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Wenn Menschen aus der Schweiz oder aus Deutschland erfahren, dass ich in Indien lebe, dann bekomme ich meistens mitleidige Blicke. Mit mitfühlender Stimme höre ich sie sagen: „ Oh, das ist sicherlich nicht einfach! In Indien könnte ich nie leben.“

Wenn Menschen aus Indien erfahren, dass ich aus der Schweiz stamme, dann bekomme ich interessierte, aber auch erstaunte Blicke. „Wie schaffst du es, in Indien zu leben? Ist dies nicht schwierig? Wie gefällt es dir hier? Die Schweiz ist doch so schön! Wann gehst du zurück?“

Seit Ende Dezember lebe ich insgesamt nun 10 Jahre in Chennai. Indien ist meine neue Heimat geworden und ich komme inzwischen sehr gut zurecht. Ich brauche kein Mitleid, denn ich leide hier nicht und es mangelt mir an nichts. Klar vermisse ich ab und zu meine alte Heimat, klar jammere ich während der Hitzemonate über das schier unerträgliche Klima. Natürlich gibt es auch in meinem indischen Alltag Hochs und Tiefs. Doch mein Leben ist hier so privilegiert, dass ich keinen Grund zum Klagen habe. Im Gegenteil – ich lebe hier weitgehend stressfrei und habe Zeit.

Ich kann es mir leisten meine Wäsche auswärts bügeln zu lassen, ich habe Sundari, die mir beim Putzen zur Hand geht, ich kann mir jeder Zeit einen Fahrer bestellen, um mich chauffieren zu lassen, und wir sind in der glücklichen Lage, Suriyan auf eine gute internationale Schule zu schicken. Einen Luxus, den wir uns in meiner alten Heimat niemals leisten könnten!

Indien hat meinen Horizont und meine Sichtweisen sehr verändert und erweitert. Vieles sehe ich nun mit ganz anderen Augen und viele Dinge habe ich erst hier richtig zu schätzen gelernt. Selbstverständlich ist hier nicht alles goldig und toll. Indien hat große Schattenseiten. Armut, Umweltverschmutzung, Korruption, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Überbevölkerung sind ständig präsent und oft ist es nicht einfach, diese Missstände auszuhalten. Doch wahrscheinlich ist der riesige Subkontinent genau aus diesem Grund so faszinierend und unglaublich. Es fällt wohl leichter das Licht, das Schöne zu sehen und zu entdecken, wenn es viel Schatten gibt.

Viele spirituell Suchende kommen nach Indien und praktizieren Yoga, meditieren, besuchen Ashrams und hoffen, Antworten von ihren Gurus zu bekommen. Sie scheinen auf der Suche nach dem Fehlenden, nach dem Sinn in ihren oft sehr gestressten Leben. Eines ist in Indien sicher, es entstresst und verlangsamt unseren Alltag. Wer hier gedenkt mit gleicher Geschwindigkeit weiterzumachen wie in der westlichen Welt, der wird seinen Albtraum erleben und wohl nie wieder zurückkehren. Wer hingegen versucht, mit Geduld und Gelassenheit auf oft widerliche und schwierige Umstände zu reagieren, der wird Indien faszinierend finden und in seinen Bann gezogen werden, der wird es vielleicht sogar lieben. Ich denke, erst wenn dies gelingt, kann man in diesem Land das Wunderbare und Schöne richtig entdecken.

Ich behaupte, dass ich heute ein dankbarer Mensch bin und mich auch über kleine Dinge freuen kann. Auch bezüglich Geduld war und ist mir Bharat Mata (Mutter Indien) eine gute Lehrmeisterin. Wenn nicht heute, dann halt morgen oder übermorgen. Man hat Zeit zum Warten, man muss sich notgedrungen immer wieder in Geduld üben. Vieles erscheint im Lande Gandhis nicht mehr ganz so wichtig und dringend. Man wird oft auf sich selbst zurückgeworfen, es wird einem der Spiegel vorgehalten und man wird mehr mit den eigenen Schattenseiten, den eigenen Grenzen konfrontiert.

Bevor ich meinen Liebsten kennenlernte, habe auch ich in Indien nach Antworten gesucht. Ich war überzeugt, dass Sathya Sai Baba ein Heiliger war, habe mehrmals seinen Ashram in Puttaparthi besucht. Doch auch hier entdeckte ich beim genauen Hinsehen große Schatten. Wo Licht ist, findet man Schatten. Das ist und bleibt einfach ein Universalgesetz. Auch diesbezüglich hat sich mein Denken komplett verändert. Meiner Meinung nach braucht man keinen Meister, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Beziehungen und unsere Leben sorgen von ganz alleine dafür, dass wir uns mehr oder weniger verändern. Alles liegt in uns selbst, und wir sind die Gestalter unseres Lebens.

Wenn ich das aktuelle Geschehen in der Schweiz mitverfolge, kann ich oft nicht mehr nachvollziehen, warum die Schweizer vieles so aufregt und beschäftigt. Manchmal kann ich mir das Jammern auf allerhöchstem Niveau nicht mehr anhören.

Die Schweiz ist so ein kleines Land. Indien ist fast 80-mal größer! Oft habe ich das Gefühl, dass das große Ganze vergessen geht, dass trotz Globalisierung gar nicht wahrgenommen wird.

Inzwischen mag ich mein Leben hier. Das war jedoch nicht immer so. Es hat mich viel Zeit und Geduld gekostet, um mich hier einzuleben, mich mit den Umständen zu arrangieren. Anfangs stand mir das ständige Vergleichen mit der Schweiz im Wege. „Das ist in der Schweiz schöner! Das ist in der Schweiz besser! Die Schweizer sind zuverlässiger, pünktlicher, organisierter, fleißiger,…“ Ich könnte die Liste endlos weiterführen! Jetzt habe ich das ständige Vergleichen weitgehend überwunden. Es bringt nämlich überhaupt nichts, sondern macht nur unglücklich und unzufrieden. Das Leben hier ist einfach anders!

Independence Day

Heute feiert Indien die Unabhängigkeit von den Briten. Im ganzen Land werden zeremoniell Flaggen gehisst. Die Hauptfeierlichkeiten finden in New-Delhi mit einer grossen Militärparade statt und Modi hält mit einem orangen Turban eine Rede….

An Suriyan’s Schule wurde das offizielle Flag hoisting wegen Regen abgesagt und wir sind ehrlich gesagt nicht traurig darüber. Mir ist dies alles etwas zu viel Nationalismus.

In meinem Tagebuch vom 14. August 2008 habe ich noch einen passenden Text gefunden:

Ich warte vor der Schule auf Suriyan. Strahlend und stolz kommt er mit seinem Körbchen schliesslich zum Tor. An seinem T-Shirt leuchtet eine kleine Indienfahne, die er selbst gemalt hat. „Weisch morn isch e bsundrige Tag“, erklärt er mir. „Äs isch Independence Day u i ha frei“.

Inspiriert malt er daheim eine weitere Fahne. Danach will er unbedingt einen Stock haben, um sie daran zu befestigen. Ich biete ihm grosszügig eine Kochkelle an, aber damit ist er gänzlich unzufrieden. Schliesslich findet er einen langen Pinsel und klebt die Flagge daran fest. „U-A, India“, ruft er begeistert.

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Happy Independence Day!

 

Klein, lästig und gefährlich

Mcke stechend Stechmcke, Gelse, Asiatische Tigermcke, Tigermoskito, Aedes albopictus

Regnet es, dann dauert es 4-5 Tage und die kleinen Plagegeister fliegen und stechen. Nach der Regenzeit ist es immer am schlimmsten. Moskitos sind nicht nur lästig, sondern können auch gefährliche Krankheiten wie Dengue, Chikungunya und Malaria übertragen. Je nach Art legen sie ihre Eier einzeln oder in ganzen Eierpaketen auf der Wasseroberfläche von stehenden Gewässern ab. Schon kleinste Pfützen oder Gefässe mit stehendem Wasser reichen aus um eine Moskitozucht zu betreiben. Hier in Chennai dauert es nur einige Tage bis die Larven schlüpfen. Nach dem Monsun laufen jeweils auf allen TV-Kanälen Kampagen zur Moskitobekämpfung. Rund ums Haus sollte man keine Töpfe, Kessel oder Pflanzenuntersätze mit Wasser stehen lassen oder diese abdecken. Steigen die Krankheitsfälle von Dengue oder Chikungunya an, dann setzen die Stadtbehörden Insektenvernichtungsmittel ein. Höre ich das laute Brummen und Zischen der Rauchmaschine auf der Strasse, dann beeile ich mich möglichst schnell alle Fenster und Türen zu schliessen und meine Hunde ins Haus zu rufen. Der weisse, giftige Rauch, der sofort in die Höhe steigt, ist nämlich auch für Mensch und Tier nicht zu empfehlen.

2006 gab es in Chennai eine regelrechte Chikungunya-Epidemie. Auch mich und meinen Mann hat es damals erwischt. Der Virus des Chikungunya-Fiebers wird von tagaktiven Mücken übertragen. Ich erinnere mich nicht gerne an diese Zeit zurück. Sehr hohes Fieber, schreckliche Glieder- und Kopfschmerzen, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte, plagten mich. Chikungunya bedeutet „der gekrümmt Gehende“ und so kam ich mir damals wirklich vor. Die Krankheit geht mit starken Glieder- und Gelenkschmerzen einher. Auch nach Abklingen des Fiebers können die Gelenkbeschwerden andauern. Ich hatte noch Monate Probleme mit meinen Fussgelenken und diese Zeit wird in meinen Memoiren wohl  als „Birkenstock-Monate“ einhergehen, denn andere Schuhe konnte ich nicht tragen. Das Gute daran, etwas Positives liegt ja in fast allem, ich bin nun lebenslang immun.

Wenn man hier lebt, kann man leider nicht jeden Mückenstich verhindern. Klar sprühe ich mich, wenn es ganz arg ist, mit Odomos (Moskito Repellent) ein.

Odomos Spray (RS 85.00, 2018) erhältlich in jedem Medical Shop oder in größeren Supermärkten

Auch achten wir darauf, dass unser Haus möglichst mückenfrei bleibt, aber die Moskitos finden immer einen Weg.

So kam es, dass mein Sohn und ich 2013 am Dengue-Fieber erkrankten. Wir waren beide 5 Tage im Spital. Ich fand den ganzen Krankheitsverlauf eigentlich recht erträglich. Mich hat es wie eine schwere Grippe getroffen, aber mit den Medikamenten, die mir im Spital verabreicht worden sind, war es wirklich auszuhalten. Suriyan hatte nur Fieber und gar keine Schmerzen. Das Gefährliche beim Dengue-Fieber ist jedoch die Phase nach der eigentlichen Erkrankung. Die Anzahl der Blutplättchen sinkt ab. Bei Suriyan war es eine Zeitlang in einem kritischen Bereich und er kam nur knapp an einer Bluttransfusion vorbei. Der Arme musste fünf Liter pro Tag trinken und hat wacker mitgemacht! So haben wir beide alles gut überstanden und nach einigen Wochen waren wir wieder fit. Leider gibt es vier verschiedene Dengue-Virustypen. Wenn man Pech hat, kann man durchaus mehrmals daran erkranken, wobei bei es bei einer zweiten Erkrankung durchaus gefährlicher werden kann, da unser Immunsystem die neuen Erreger nicht sofort erkennt und mit den Antikörpern der Ersterkrankung bekämpfen will.

Auch Dengue wird von übrigens von tagaktiven Mücken übertragen während die nachtaktiven Mücken für Malaria zuständig sind. Daher ist es auf Reisen wichtig auch tagsüber auf einen guten Mückenschutz zu achten, denn die Ferien möchte man nicht wirklich in einem indischen Spital verbringen.

6 Rupien gegen die Armut – aus meinem Tagebuch vom Mai 2007

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Wir stehen an der roten Ampel. Es wird heiss in der Autorikscha. Der Fahrtwind bleibt aus und die Abgase beginnen mich langsam einzunebeln. Sofort entdecke ich den alten Greis, der sich auf Auspuffhöhe am Strassenrand, auf Händen gehend, einige Rupien erbettelt. Seine Beine sind vollständig verkrüppelt, nur noch Haut und Knochen. Der Motorradfahrer neben uns gibt ihm zwei Rupien und als er mit mir Blickkontakt wechselt, suche ich schnell einige Münzen zusammen. 6 Rupien sind es insgesamt. Die Ampel wechselt auf grün und wir fahren los. Es fühlt sich nicht gut an. 6 Rupien gegen die Armut!

Die Schere zwischen Wohlstand und Armut auszuhalten, ist jedes Mal ein Bauchkrampf. In unserem Wohnquartier bin ich von solchen Bildern weitgehend verschont, habe einen gewissen Schutzraum. Täglich diese Bilder auszuhalten, würde ich längerfristig wohl nicht schaffen.

Ich bin froh, dass ich jeweils Prabhus Bettler-Regeln anwenden kann, denn in solchen Situationen bin ich emotional einfach überfordert.

Bettelnde Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm bekommen nichts. Oft werden die Kinder scheinbar gemietet und mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt. Auch Kinder bekommen in der Regel nichts, ganz sicher kein Geld. Manchmal gebe ich Biskuits oder Früchte, die ich grade in der Tasche habe oder ich kaufe etwas zum Essen im nächsten Laden. Ich achte darauf, dass die Päckchen stets geöffnet sind, denn ansonsten bringen es die schlauen Kerlchen einfach in den Laden und verkaufen es wahrscheinlich für einen geringeren Preis an den Ladenbesitzer zurück. Nur alte oder stark beeinträchtigte Menschen, bekommen von uns Geld. Meistens gebe ich je nach Kleingeldsituation in meinem Portemonnaie 5 bis 10 Rupien.  Diese Klarheit überträgt sich meistens und die Bettler geben auf und ziehen nach kurzer Zeit weiter. Diese Menschen haben einen sechsten Sinn ausgebildet, um ein kleinstes Zögern wahrzunehmen und können dann sehr hartnäckig und aufdringlich sein. Dieses Elend beschäftigt mich, lässt mich hilflos zurück.

Kehre ich jedoch in mein neues Zuhause zurück, erfüllt mich eine grosse Dankbarkeit für all den Reichtum und das Glück, das hier auf mich wartet…

 

Füttern durch Verfolgen – aus meinem Tagebuch vom April 2007

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Am Frühstückstisch ist es wieder der Fall, dass unser Sohn nicht richtig essen mag. Ich mache mir deswegen keine Sorgen, nehme es gelassen, vertraue darauf, dass unser Sonnenschein sich schon das nimmt, was er braucht und das tut er auch. Mein Mann hat jedoch ständig das Gefühl, dass unser Sohn zu wenig isst und stresst mit der Esserei. Dabei ist unser Sohn gewichtsmässig völlig in der Norm. Kaum ist Suriyan nur etwas erkältet, meinen unsere indischen Verwandten sofort, dass er Gewicht verloren hat!

Schnell merke ich, dass indische Mütter und Väter komplett anders ticken. Eine indische Mutter trägt das Essen dem Kind nach, überall hin und füttert es auf dem Sofa, auf dem Fahrrad, ….. Ob es sitzt, steht, rennt oder am Boden krabbelt, ist egal. Die Hauptsache ist, dass die Nahrung aufgenommen wird. Das Kind selber essen zu lassen, ist hier nicht üblich und die Fütterei dauert teilweise bis ins Schulalter. Ich, aus der Schweiz kommend, zweifle diese Methode natürlich an, finde dies, na ja wie soll ich sagen, eher Essensverwöhnung oder Essensverziehung? Ich vertrete die These „Üben der Tischsitten“, denn was gibt es Schöneres als harmonisch am Familientisch zu sitzen und gemeinsam das feine Essen zu geniessen? Das ist doch wahrlich ein Kulturgut, das es zu erhalten gibt. Hier in Indien findet gemeinsames Essen mit der ganzen Familie weniger statt. Meistens bedient die Hausfrau die Familie und isst dann später alleine.

Doch heute, ich weiss nicht, was mich dazu getrieben hat (war wohl indisch inspiriert), habe ich diese indische Fütterung durch Verfolgung ausprobiert. Resultat: Es funktioniert! Sogar sehr gut! Im Hof draussen hat unser Suriyan doch tatsächlich ein ganzes Dosai mit Drumsticks gegessen und Prabhu, der draussen die Zeitung las, murmelte etwas von Fitnessprogramm für die Mutter.

Arrangiert in die Ehe

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Ehen werden in Indien arrangiert. In den Städten kommt es zwar immer häufiger zu Love Marriages, aber die meisten Ehen werden immer noch von den Eltern angestiftet. Sonntags sind die Zeitungen voll mit Anzeigen von heiratswilligen Frauen und Männern. Wer mit möglichst guten Karten dastehen will, hat ein reiches Elternhaus, eine möglichst helle Haut, eine gute Ausbildung und noch besser Aussichten auf einen gut bezahlten Job im Ausland. Viele junge Frauen und Männer verwenden aufhellende Hautcremes, um dem Schönheitsideal der hellen Haut zu entsprechen und die moderne junge Frau trägt auf dem Motorrad lange Baumwollhandschuhe und verhüllt ihr Gesicht damit ihre Hände, Arme und Gesicht nicht von der Sonne gebräunt werden. Viele Westler dagegen legen sich trotz der gefährlichen UV-Strahlen an die Sonne oder gehen ins Solarium, um nicht wie Weichkäse auszusehen! Es scheint immer das attraktiv und schön zu sein, was von der Natur aus nicht so gedacht ist.

Obwohl das Kastensystem eigentlich als aufgelöst gilt, heiratet man immer noch in der gleichen Kaste. Praktisch sind die Inserate nach Religion und Kaste gegliedert, so dass man nicht lange suchen muss. Heutzutage werden natürlich auch moderne Medien wie  Dating Apps und spezialisierte Webseiten für die Wahl des zukünftigen Ehepartners genutzt. Die Firma Bharat Matrimony hat sich als Ehekuppler spezialisiert und ist in allen Medien stets präsent. Auch Dating wird angeboten. Die Interessierten bewerben sich und werden danach zum grossen Dating-Anlass geladen. Begleitet von den Eltern, natürlich mit der Horoskopzeichnung unter dem Arm, versucht man an den entsprechenden „Kastentischen“, die von der Firma hergerichtet wurden, den passenden Ehepartner zu finden. Wenn beide Parteien interessiert sind, geht es los. Die Horoskope werden von einem Astrologen gesichtet, verglichen und bewertet. Wenn die Sterne in der richtigen Konstellation stehen, dann werden die zukünftigen Eheleute und ihre Familien unter die Lupe genommen. Erkundigungen werden angestellt, gegenseitige Besuche finden statt, Verhandlungsgespräche werden aufgenommen … Wenn alles passt, kommt es schliesslich zur genauen Planung der Verlobungs- und schliesslich zur Hochzeitsfeier.

Obwohl die Mitgift eigentlich verboten ist, beginnt mit der Geburt eines Mädchens das grosse Sparen. Von der Seite der Braut werden nicht selten Hochzeitsgaben in der Höhe von mehreren Jahreseinkommen erwartet. Das dies für viele Familien, vor allem wenn mehrere Mädchen vorhanden sind, eine grosse finanzielle Belastung darstellt, liegt auf der Hand. Dazu kommt, dass die Tochter nach der Heirat das Elternhaus verlässt und in der Regel bei den Schwiegereltern lebt. Ein Sohn dagegen bleibt und ist für die Altersvorsorge der Eltern verantwortlich.

Die Bestimmung des Geschlechts durch Ultraschall ist in Indien inzwischen zwar streng verboten und unter hohe Strafen gestellt, trotzdem werden immer noch viele weibliche Föten illegal abgetrieben und in ländlichen Regionen scheiden viele weibliche Säuglinge nach der Geburt durch „Unfälle“ aus dem Leben.

Der Männerüberschuss ist in Indien bereits deutlich spürbar und auf 1000 Männer kommen noch 924 Frauen (Statistik 2015). In den nördlichen Bundesstaaten ist der Frauenmangel viel akuter als im Süden. In Haryana kommen laut der letzten Volkszählung im Jahr 2011 nur 877 Frauen auf 1000 Männer. Hier in Tamil Nadu ist das Verhältnis ziemlich ausgeglichen. Dazu beigetragen hat sicherlich auch ein Programm, das bedürftige Familien bei der Geburt eines Mädchens mit finanziellen Beträgen unterstützt. Als einmalige Spareinlage bekommt eine arme Familie mit einem Mädchen 22.000 Rupien, bei zwei Mädchen für jedes 15.200 Rupien. Dazu kommen monatlich 150 Rupien für Ausbildungskosten ab dem fünften Lebensjahr und wenn das Mädchen heiratet, bekommt es noch nochmals 25.000 – 50.000 Indische Rupien und vier Gram Gold.

Ich wünsche mir sehr, dass durch den Frauenmangel in Indien Veränderungen möglich werden. Das Kastenwesen und das vorherrschende Patriarchat sollten dringend erneuert und gelockert werden. Doch letztendlich sind es immer die Menschen und ihre Denkweisen, die Veränderungen zu lassen oder an alten Mustern festhalten.  Ich befürchte, dass dies wohl noch längere Zeit dauern wird.