Im indischen Lockdown- Tag 32

Das Coronavirus beherrscht unser Leben. Da in Tamil Nadu der Lockdown schon früher durchgesetzt wurde, sind wir fast seit 6 Wochen zu Hause.

Zwischendurch nehme ich bewusst Abstand von all den Corona-News, doch das Virus holt einem immer wieder ein. Unsere Papiermasken mussten wir endgültig entsorgen, so habe ich selbst einige Stoffmasken genäht. Masken sind nun Pflicht, wenn man nach draußen geht.

Gestern war ich zum dritten Mal im Supermarkt. Wir haben nun Temperaturen über 35 Grad und mit Maske und Sonnenbrille gerüstet, kommt es mir jeweils vor, als ob ich eine kleine Mini-Sauna oder ein Dampfbad vor dem Gesicht hätte. Die Läden haben von 6 Uhr bis 13 Uhr geöffnet. Nicht alles ist immer verfügbar. Während es das letzte Mal keine Eier gab, konnte ich gestern wieder einmal meine „Ökoeier“ kaufen. So habe ich mit vier Schachteln à 6 Eier zugeschlagen.

Auf dem Rückweg entdecke ich plötzlich „Hunde-Thaatha“ (Hunde-Großvater) auf dem Fahrrad. So nenne ich den alten Mann, der immer mit dem Fahrrad durch die Straßen fährt und die Straßenhunde füttert. Die Hunde lieben ihn, erkennen ihn schon von Weiten und freuen sich natürlich riesig, wenn sie einen Leckerbissen abbekommen. Wir verfolgen ihn mit unserem Auto, danken ihm für sein Engagement und geben ihm einen 500er. Ich mache ihn auch noch auf die abgemagerte Hündin mit den zwei Welpen aufmerksam, die ich neulich auf meiner Runde entdeckt habe. Er werde sich darum kümmern, verspricht er mir.

Um 14 Uhr, natürlich nach meinem Einkauf, kam die Nachricht, dass der Lockdown in Chennai und vier anderen Städten in Tamil Nadu verschärft wird. Ab Sonntag früh wird in Chennai für vier Tage dichtgemacht, auch die Lebensmittel-Läden. Nur Apotheken und Spitäler bleiben geöffnet. So kam es heute Morgen zu Hamsterkäufen. Prabhu wollte Milch und Gemüse kaufen und kam mit leeren Taschen zurück. Die Milch war seit 7 Uhr ausverkauft und in jedem kleinen Geschäft waren rund 50 Leute. „Social Distancing“ ging dabei natürlich vergessen. Was ein solcher strikter Lockdown nun bringen soll, ist mir rätselhaft.

Die Schule unseres Sohnes wird voraussichtlich aufs neue Schuljahr Mitte Juli wieder öffnen. Im Moment bietet die Schule bis zu den Sommerferien im Mai noch diverse Online-Kurse an.

So bleiben wir brav zu Hause, denn eine andere Möglichkeit steht nicht zur Wahl.

Stay home – stay safe!

Lockdown in India – Tag 10

Heute ist bereits der 10. Tag des großen Lockdowns. Obwohl uns zu Hause manchmal die Decke auf den Kopf drückt, geht es uns allen gut.

Unser Sohn ist mit der Online-Schule beschäftigt und schreibt nächste Woche mit einem Vertrauensvertrag seine Schuljahresprüfungen. Ich bin schon seit fast drei Wochen nicht mehr draußen gewesen. Mein Mann ist der Einzige, der ab und zu einkaufen geht, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Seit Tagen versuche ich erfolglos, ein Zeitfenster für eine Online-Bestellung bei Big Basket zu ergattern. Abends bringe ich kurz den Müll zum Container und drehe mit den Hunden eine kleine Runde. So still und leer habe ich unser Quartier noch nie erlebt.Einerseits ist die Stille wohltuend und entspannend, andererseits fühlt es sich doch sehr fremd an, wenn ich ohne jemanden zu treffen eine Runde drehen kann.

Während meine Freundinnen über WhatsApp jammern, weil sie plötzlich selber putzen und kochen müssen, hat sich für mich nicht viel verändert. Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man ohne „Staff“ auskommt. Nur die Bügelwäsche durfte ich nach vielen bügelfreien Jahren wieder mal selbst von den Falten befreien. Wenn die Sonne untergeht, drehe ich auf unserer Dachterrasse eine halbe Stunde meine Runden. Das finde ich immer sehr amüsant, da auf allen Dächern rundum viele Gleichgesinnte zu sehen sind.

Die News besorgen mich zunehmend. Manchmal halte ich die Bilder, die auf den indischen News-Kanälen rund um die Uhr gesendet werden, kaum aus und muss etwas Abstand nehmen. In den letzten Tagen hat sich die Zahl der registrierten Fälle verdoppelt. Heute Morgen wurden 2069 aktive Fälle und 53 Tote gemeldet.

Auch in das größte Slum Indiens (Dharavi, Mumbai) hat das Virus bereits seinen Weg gefunden. Die Pandemie dort einzudämmen, stellt die Behörden vor das schier Unmögliche. Durchschnittlich leben in Dharavi 5 Personen in einem Raum und 70 Prozent sind auf öffentliche Toiletten angewiesen. Wie soll man da „Social Distancing“ praktizieren? Immer mehr wird mir bewusst, dass die Einhaltung des Lockdowns unter menschenwürdigen Bedingungen ein reiner Luxus ist.

Unter die Haut gehen mir auch die Bilder der Wanderarbeiter, die zu Tausenden versucht haben, ihre Heimatdörfer zu Fuß zu erreichen. Grade heute kam die Nachricht eines jungen Mannes aus Tamil Nadu, der nach 500 Kilometer Fußmarsch kollabierte und verstarb. Viele wurden aufgehalten, wie Ungeziefer mit Desinfektionsmittel besprüht und in Camps zur Quarantäne festgesetzt. Die Regierung versucht das Möglichste, um zu unterstützen und zu helfen, aber auch da sind die Ressourcen knapp, und es mangelt es an Vielem.

Erschüttert haben mich auch die Bilder und Videos von Angriffen auf Ärzte und Gesundheitsmitarbeiter. In einem Quartier in Indore wurde medizinisches Personal angegriffen und mit Steinen beworfen. „Ärzte sind wie Gott“, hat der Premierminister Modi gesagt, aber die Realität sieht anders aus. Bereits sind 50 Ärzte selbst am Virus erkrankt. Es fehlt am nötigen Equipment. Ärzte werden jetzt vermehrt durch die Polizei begleitet.

Durch diese Vorfälle wurden jetzt auch deftige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Wer gegen den Lockout verstößt, kann bis zu einem Jahr Gefängnis bekommen. Werden Menschen gefährdet sogar bis zu zwei Jahren. Ob diese Abschreckung zum Erfolg führt?

Heute um 9 Uhr wurde ein Video von Premierminister Modi ausgestrahlt. Er dankt allen für das Respektieren und Einhalten des Lockdowns. Die Leute hätten Disziplin gezeigt und Indien würde geeint gegen das Coronavirus kämpfen. „India has set an example for others to follow“ und „You are not allone!“, hört man immer wieder. Das Einschwören auf das vereinte Indien gegen das böse Coronavirus hat für mich einen schalen Nachgeschmack.

Modi setzt auf die heilige Zahl 9, die im Hinduismus sehr bedeutsam ist. Er fordert die Menschen dazu auf am Sonntag, 5.4. (auch die Quersumme 9) um 9 Uhr abends Öllichter und Kerzen rauszustellen und das elektrische Licht für neun Minuten zu löschen.

United India!

Zwiebeln – Preise zum Heulen

 

„Weißt du, wie viel diese Zwiebel kostet?“, fragt mich mein Schwiegervater heute ganz aufgeregt. „14 Rupees! Das ist verrückt! Das Kilo 140 Rupees (1,75 Euro) – das ist wohl der höchste Preis, den ich je bezahlt habe.“

Vorsichtig und hochachtungsvoll schneide ich die teuren Zwiebeln, die wir heute zum Kochen brauchen, in dünne Streifen. Die Qualität lässt auch bei diesem hohen Preis zu wünschen übrig. Die äußerste Schicht ist oft angegraut und das Innere manchmal bereits verdorben. Tränen muss ich trotzdem keine vergießen, obwohl der hohe Preis dies eigentlich verlangen sollte. Die roten Zwiebeln, die wir hier in Indien brauchen, haben mich noch nie zum Weinen gebracht. In der indischen Küche sind Zwiebeln nicht wegzudenken. Inder lieben Zwiebeln! Ich schätze mal, dass wir bestimmt drei bis vier Kilo Zwiebeln pro Woche für 5 Personen verbrauchen.

Normalerweise bezahlen wir für ein Kilo Zwiebeln rund 30 Rupees. Doch in den letzten Wochen sind die Preise enorm angestiegen. Die großen Niederschläge und Überflutungen haben viele Zwiebelernten zunichte gemacht. Es herrscht ein absoluter Zwiebelmangel. Tamil Nadu ist bei Zwiebeln auf andere Bundesstaaten angewiesen und bezieht sie vor allem aus Maharashtra, Karnataka und Telangana. Nur die kleinen Sambar-Zwiebeln werden im Süden Tamil Nadus angebaut.

So schafft es die Zwiebel täglich in die News. Es wird gegen die hohen Zwiebelpreise demonstriert. Es werden Zwiebeln in großem Stil geklaut. Es werden Zwiebeln aus Ägypten und der Türkei importiert.

Die Zwiebel ist im Moment omnipräsent – News-Star Nummer 1 sozusagen. Um die Preise nicht noch höher werden zu lassen, hat die Regierung Restriktionen erlassen. So dürfen Großhändler nur 25‘000 Tonnen und Kleinhändler 5000 Tonnen lagern. Denn es gibt immer wieder Schlaumeier und Geldhungrige, die in solchen Momenten gerne spekulieren und sich durch den Mangel höhere Gewinne versprechen. Bis zur nächsten Ernte im Januar werden die Preise wohl hoch bleiben. Für viele Haushalte ist dies ein große Belastung.

Da bleibt nur zu hoffen, dass die Zwiebelkrise bald an uns vorbeizieht.

Mein indisches ABC

A – wie Affen

Affenbanden streifen immer wieder durch unser Quartier. Die Mütter tragen ihre süßen Babies unter dem Bauch und die Teenager klettern draufgängerisch an Strom- und Wasserleitungen herum. Doch aufgepasst, denn so süß, wie sie aussehen, sind sie nicht!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein Affenmännchen zeigt seine gefährlichen Beisserchen.

B – wie Bananen

Lange Zeit kannte ich nur Chiquita-Bananen. Wie tat sich hier in Indien eine neue Bananen-Welt für mich auf. Hier gibt es über 20 verschiedene Bananensorten. Rote Bananen, Kochbananen, gelbe und grüne, kleine und große, …

Banane ist definitiv nicht Banane. Ich mag die Malai Vazhaiparam am liebsten. Das sind kleine, süße Bananen aus den Niligrisbergen. Wusstet ihr, dass Indien weltweit am meisten Bananen produziert?

037
Bananenstaude bei uns zu Hause.

C – wie Cricket

Cricket ist in Indien omnipräsent. Bei Länderspielen sitzt wohl fast die halbe Nation vor den Bildschirmen und fiebert mit. Mein Mann, der früher ein ausgezeichneter Cricket-Spieler war und für den Bundesstaat Tamil Nadu gespielt hat, ist absolut verrückt nach dieser Sportart. Er ist damit nicht der Einzige, denn die meisten Inder und Inderinnen stehen auf Cricket. Bis jetzt fand ich diesen Sport, der ein Mix zwischen Baseball und Brennball ist, eher langweilig. Doch ich muss gestehen, dass ich mir bei letzten World Cup einige Spiele angesehen habe. Und ja, manchmal war es sogar richtig spannend!

Cricket world cup

D – wie Dämonenfratzen

Diese findet man vor allem an Häusern und an Lastwagen. Diese scheußlichen Fratzen sind eigentlich zur Dämonenabwehr gedacht. Sie sollen das Böse und Schlechte abwenden. Auch an unserem Haus hängt eine Dämonenfratze.

E – wie Elefanten

Ich liebe Elefanten! Wir haben in Nationalparks schon oft wilde Elefanten gesehen. Gefangene Tiere, die zum Kommerz und zum Arbeiten brutal abgerichtet wurden, tun mir jedoch schrecklich leid.

Der Lebensraum dieser wunderschönen Tiere wird leider immer mehr eingeschränkt, sodass es häufig zu Konflikten kommt. Von 2015-2018 kamen in Indien mehr als 1700 Menschen durch Elefanten zu Tode. Im Gegenzug werden jährlich rund 80 Elefanten getötet.

Elefanten 4
Wilde Elefanten in Bandipur

F – wie Feiertage

An Feiertagen mangelt es hier nicht. Hat man schulpflichtige Kinder, sind im Jahresverlauf viele Tage schulfrei. Die indische Regierung hat neben nationalen und hinduistischen Feiertagen auch andere Religionen berücksichtigt.

So ist der Karfreitag und Weihnachten schulfrei. Auch an einigen muslimischen Feiertagen, wie Eid ul-Fitr und Eid ul-Adha müssen indische Kinder nicht zur Schule.

ochsengespann 1
Das wichtigste hinduistische Fest für die Tamilien ist das viertägige Erntedankfest Pongal.

 

G – wie Ganesha

Mein Lieblingsgott in der vielfältigen hinduistischen Götterwelt ist definitiv Lord Ganesha. Der Gott mit dem Elefantenkopf wird in Indien sehr verehrt. Er ist der Gott des guten Anfangs und der Überwinder aller Hindernisse. Für alle neuen Herausforderungen wird er um Hilfe gebeten und auf Hochzeitseinladungen ist er stets präsent, um den Beginn der Ehe zu unterstützen. Was ihn für mich so sympathisch macht: Er wird scheinbar nie zornig und verfügt über unendliche Geduld 😉.

Wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam, erfährst du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/09/13/happy-vinayaka-chaturthi/

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

H – wie Hanuman

Ein anderer populärer Gott ist Hanuman. Er ist quasi der Superman der hinduistischen Götterwelt und ein treuer Anhänger von Lord Rama.

Im großen hinduistischen Epos Ramayana spielt er eine wichtige Rolle. Mit seinen übermenschlichen Kräften half er Lord Rama seine Frau Sita, die von dem bösen Dämonen Ravana entführt wurde, zu befreien.

481C75DE-89A1-4C02-8717-918DCAFF0038

I – wie Idly

Die kleinen Reis-Linsen-Küchlein sind aus der südindischen Küche nicht wegzudenken. In Tamil Nadu werden sie zum Frühstück oder zum Nachtessen zubereitet. Mit verschiedenen Chutneys und Sambar schmecken sie einfach herrlich.

stick schwarz 1149
Idly mit Sambar und Tomaten- und Kokosnuss-Chutney

J – wie Jackfruit

Eine Frucht, die ich erst in Indien kennenlernte, ist die Jackfruit. In den heißen Sommermonaten hat die süße Frucht Hochsaison. Ich liebe sie! Auch die Kerne kann man kochen und essen. Sie schmecken leicht nussig und passen gut zu Drumsticks.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Jackfruits auf dem Weg nach Ooty

K – wie Kingfisher

Der wunderschöne Eisvogel ziert das Label der indischen Bierfirma Kingfisher. Mein Mann mag dieses Bier mit Abstand am liebsten. Ich kann mit Bier, ob indisch, deutsch oder schweizerisch nichts anfangen. Doch Eisvögel in natura liebe ich über alles. Der White-throated Kingfischer lässt sich in unserem Quartier immer wieder blicken. Höre ich sein lautes, durchdringendes Geschnatter, dann entdecke ich ihn meistens auf einem Hausdach oder einer Stromleitung.

L – wie Lungi

Wie lustig und komplett neu fand ich am Anfang meiner Indienzeit die traditionelle Männermode in Tamil Nadu. Neben dem traditionellen weißen Wickelrock Dhoti, tragen viele Arbeiter oft karierte Lungis.

Auch der Lungi ist eine Art Wickelrock, der lang oder wie ein Minirock zur Hälfte gefaltet, getragen wird.

M – wie Monsun

In Tamil Nadu beginnt die Regenzeit normalerweise im Oktober, November manchmal auch erst im Dezember. Doch der Monsun kann es den Menschen kaum recht machen. Da gibt es Jahre, wo die riesigen Wassermassen Häuser fluten, Strassen zu Flüssen anschwellen lassen und wo Menschen Hab und Gut verlieren. Und dann gibt es Jahre, wie das letzte, wo es kaum regnet. 2018 hatten wir nur 45 Prozent der normalen Niederschläge. Wie abhängig das Land und die Menschen vom Monsun sind, zeigt sich momentan besorgniserregend in Tamil Nadu. Meine neue Heimatstadt Chennai leidet unter akutem Wassermangel. Die Wasser-Reservoirs sind leer und die Grundwasserspiegel auf Tiefstand. Vielerorts hat es kein Wasser mehr und die Menschen müssen Wasser in schweren Wasserbottichen nach Hause schleppen. Wasser ist für viele nicht mehr selbstverständlich.

image (2)
Unsere Quartierstrasse während dem Monsun

 

N – wie No problem

„No problem, Madam!“ Diese drei kleinen Worte höre ich in meiner neuen Heimat immer wieder. Sei es die Schneiderin, die den Halsausschnitt meiner Kurta zu eng geschneidert hat oder der Elektriker, der die vorgängig bestellte LED-Lampe auswechseln sollte, aber die falsche mitbringt. In Indien gibt es keine Probleme, sondern nur Lösungen. Manchmal sind diese nicht perfekt und zufriedenstellend, aber Lösungen.

 

O – wie Old Monk

Der indische Rum Old Monk ist inzwischen fester Bestandteil in unserem Haushalt.

In heissem Wasser und mit etwas Honig wirkt er super bei allen Erkältungs- und Durchfallerkrankungen.

Er schmeckt uns jedoch auch zum Cricketmatch mit Cola und Zitrone ;-).

Old Monk

 

P – wie persönliche Fragen

Für Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind, wirken die indischen Landsleute manchmal ungehobelt und frech. Während man bei uns die Konversation mit unbekannten Menschen sorgfältig beginnt und sich über das Wetter austauscht, so fällt der Inder sofort mit der Tür ins Haus. „Are you married? Do you have children? What’s your profession? What’s your husband’s profession? Is this your own house? How much rent do you pay?“ Ich wurde sogar schon noch dem Gehalt meines Mannes gefragt! Ehrlich gesagt, finde ich dies immer noch gewöhnungsbedürftig und nicht grade kommunikationsfördernd.

 

Q – wie Qualität

In meiner alten Heimat ist gute Qualität immer und überall die Norm. Als Schweizerin bin ich damit aufgewachsen, dass Wände gerade sind, dass Fenster auf den Millimeter genau passen, dass Fließen perfekt gelegt und dass sanitäre Installationen funktionieren. Tja, in Indien werden Perfektionisten hart auf die Probe gestellt und manch ausgebildeter Handwerker würde sich hier die Haare raufen und nach zwei Wochen kahlköpfig nach Hause reisen.

Den Vogel hat bei uns ein Sanitär abgeschossen, der weil das WC-Rohr nicht genau passte, still und heimlich zu breitem Klebeband griff. Das Ende der Geschichte: ein riesiger Wasserschaden, der mit viel Geld und Aufwand behoben werden musste.

Quality

 

R – wie Rangoli

Rangoli oder auch Kolams sind Muster, die indische Frauen jeweils am Morgen und am späten Nachmittag mit weissem Kalk- oder Reispulver vor den Hauseingang streuen.

Die Muster sollen Besucher willkommen heißen und das Böse abwenden. Zuerst wird der Boden mit Wasser gereinigt und gewischt. Danach werden die Dots, die Punkte, die sich je nach Kolam oder Rangoli unterschiedlich anordnen, in gleichmäßigen Abständen ausgelegt.

An Festtagen werden die Rangoli bedeutend aufwendiger und es werden teilweise auch farbige Pulver eingesetzt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

S – sehr scharf

Karam bedeutet in Tamil scharf und so muss das Essen in meiner indischen Familie sein. Bei fast allen Gerichten kommen Chilis oder Chilipulver dran. Als mein Schwiegervater im Spital lag, war er gänzlich unzufrieden mit dem Essen, das serviert wurde. „Karam ille!“, hörte man ihn bei jeder Mahlzeit jammern. Das bedeutet, dass es nicht scharf ist, dass es keinen Geschmack hat.

Schließlich bekam der Arme dann sein gewohntes, scharfes Essen von Zuhause. Ich habe mich inzwischen sehr an das scharfe Essen gewöhnt und liebe es.

Chili

 

T – wie Tuk-Tuk

Die gelb-schwarzen Tuk-Tuks sind aus dem Straßenbild Chennais kaum wegzudenken. Die wendigen, dreirädrigen Rikshas werden hier in Tamil Nadu jedoch Outo genannt, was anfänglich durchaus zu Missverständnissen führen kann. Im dichten Straßenverkehr finden sie jede Lücke und drängeln sich überall durch. Sehr praktisch kann man sich ein Tuk-Tuk nun über Ola oder Uber buchen. So entfällt das nervige Handeln um den Fahrpreis und man ist, da man den Namen des Fahrers und die Autonummer bekommt sicher unterwegs.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

U – wie unpünktlich

Nach über 10 Jahren in Chennai sollte ich es eigentlich wissen.

Habe ich Gäste eingeladen, kommen die in der Regel eine halbe bis eine Stunde zu spät. Punkto Zeit bin und werde ich wohl immer Schweizerin bleiben. Es könnte ja sein, dass plötzlich die Gäste doch pünktlich oder früher als erwartet eintreffen.

Auch bei Schulanlässen kommen viele immer zu spät und so verzögert sich der Beginn immer um mindestens eine Viertelstunde. Die Indian Stretchable Time werde ich wohl nie lieb gewinnen.

 

V – wie Vishnu

Der Gott Vishnu ist einer der Hauptgötter im Hinduismus. Er ist mit Brahma und Shiva Teil der Trimurti, einem Konzept, das den Kosmos in drei verschiedene Kräfte (Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung) aufteilt. Brahma ist der Schöpfer, Shiva der Zerstörer und Vishnu der Erhalter. Er sorgt auf der Erde für ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse.

Um die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten, hat sich Vishnu immer wieder inkarniert. Berühmte Inkarnationen sind Rama und Krishna.

Vishnu

 

W – wie was kriecht und fleucht

Ich mag krabbelnde Insekten überhaupt nicht. Inzwischen bin ich jedoch viel relaxter im Umgang mit Kakerlaken, Ameisen und sonstigem Ungeziefer geworden. Da ich mit Gifteinsatz sehr zurückhaltend bin, gibt es in unserem Haus immer wieder mal eine Kakerlake, die den Abfluss rauf krabbelt oder eine Ameisenstraße, die durch unseren Küchenschrank führt. Manchmal kommt es auch vor, dass ich trotz vorsichtigem Check beim Einkaufen irgendwelche Käferchen einschleppe. Am schlimmsten war es jedoch, als Suriyan die Playschool besuchte. Da wurden wir immer wieder mit Läusen beglückt.

Kakerlake

 

X – wie Xerox

Anfangs schnallte ich es überhaupt nicht.

„I need a Xerox of this document.“

So wie die Firma Google nun zum Verb googeln geworden ist, so ist es mit der US-Firma Xerox, die die Drucktechnologie nach Indien brachte. Lasst euch also nicht verwirren. Eine Kopie bedeutet a Xerox!

Xerox

 

Y – wie YES, Madam

Eines habe ich inzwischen auch gelernt. Sei dir nie sicher, ob dein Gegenüber dich auch wirklich verstanden hat. So frage ich immer: „Did you understand?“ Meistens kommt ein selbstbewusstes „YES, Mam!“ Doch ich kann euch versichern, dass auch ein selbstbewusstes YES keine Garantie ist, dass das eben sorgfältig Erklärte, verstanden wurde.

yes

 

Z – wie Zärtlichkeiten

Während es in der Schweiz selbstverständlich war, dass mein Mann und ich Hand in Hand spazieren gingen, benahm sich mein Mann in Indien plötzlich ganz sonderlich. In der Öffentlichkeit gab es ab sofort kein Hand in Hand-Gehen mehr und nicht mal ein Küsschen auf die Wange. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist in Indien ausschließlich privat und gehört ins Schlafzimmer.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wenn es pressiert …

Dringend aufs Klo
Es ist wieder unglaublich heiß. Mit einem scharfen Messer könnte ich die feuchtheiße Luft sicherlich in Würfel schneiden. Immer wieder tupfe ich mir mit meiner Dupatta (Schal) die Schweißtropfen von der Stirn.
Jammernd meine ich zu unserem Sohn: “Komm, lass uns ins Restaurant gehen und etwas trinken. Mir ist es zu heiß!” Sohnemann ist sofort einverstanden und fünf Minuten später sitzen wir gemütlich unter dem Ventilator und überlegen, was wir bestellen möchten. Das Restaurant erscheint sauber und vertrauenswürdig. So entscheidet Suriyan sich für einen Wassermelonensaft und ein Samosa (gefüllte Teigtasche mit Gemüsefüllung) und ich für eine Lassi. Das berühmte indische Joghurtgetränk kühlt und erfrischt. Eigentlich das Ideale bei diesem tropischen Klima. Genüsslich trinke ich das sämig-sü
Doch bereits auf der Rückfahrt nach Hause rumpelt es in meinem Magen. Die Lassi, denn etwas anderes kann es nicht gewesen sein, lässt grü
Ob die Zeit noch reicht bis wir daheim sind? Soll ich im Supermarkt die Toilette aufsuchen?
Eigentlich sollte ich nach zehn Jahren wissen, dass Indien und Eile nicht besonders gut miteinander harmonieren. Die kurze Fahrt vergeht im Zeitlupentempo und natürlich wechselt jede Ampel auf Rot. Meine Gedanken sind nur bei meinem Schließmuskel.
Endlich erreichen wir unser Haus, ich springe raus und laufe die Treppen hoch. Gott sei Dank! Es hat gereicht und eine riesige Erleichterung macht sich breit. Suriyan lacht und meint, dass er mich noch nie so schnell laufen gesehen hat.
Ja, meine neue Heimat hält viele nette Bakterien und Viren bereit, die einem plötzlich aus dem Nichts überrollen können. Schon länger hat es mich nicht mehr erwischt und ich bin ansonsten auch nicht sehr empfindlich.
In Indien sollte man sich immer gut überlegen, wo und was man konsumiert. Die Stromversorgung wird vor allem in den heißen Monaten immer wieder unterbrochen, so ist die Kühlkette oft nicht gewährleistet.

Der Goldesel-Effekt in Indien

Goldesel

Der Goldesel im Märchen „Tischlein deck dich“ hat mich immer besonders beeindruckt. Schnell „bricklebrit“ flüstern schon scheißt das Eselchen Goldtaler. Wer hätte nicht gerne so ein Grautier im Stall oder sogar im Haus? Und was könnte man nicht alles von diesem Gold kaufen?

Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud setzte zu seinen Lebzeiten wahrscheinlich nie einen Fuß auf indischen Boden. Ansonsten hätte er wohl den Bricklebrit-Komplex oder den Goldesel-Effekt in seinen Schriften erwähnt.

Ich jedenfalls leide darunter! Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es irgendwie. Überall wo ich hinkomme, meinen die Leute, dass ich Gold scheiße oder sogar unter goldiger Diarrhö leide. Komme ich daher, steigen die Preise rapide an, denn die weiße Maharani aus dem fernen Helvetien hat ja mehr als genug.

Natürlich hat es auch seine Vorteile, wenn man in den Genuss königlicher Verehrung kommt. Man wird bevorzugt und freundlicher behandelt. Auch werde ich überall wiedererkannt. In Indien kommt weiß definitiv vor braun. So werde ich manchmal in einer langen Warteschlange einfach durchgewunken oder der Manager kümmert sich höchstpersönlich um mich. Doch meine Wertvorstellungen legen sich bei solchen Sonderbehandlungen quer und mir sträuben sich die Nackenhaare. Warum soll ich schneller bedient werden? Das ist ungerecht und unfair. Das ist sogar rassistisch! Obwohl ich nicht gerne in der Schlange stehe, lehne ich inzwischen die Bevorzugungen dankend ab. Oft ernte ich erstaunte Blicke und manchmal sehen mich die Wartenden auch anerkennend an.

Auch weiße Touristen sind, wenn sie nicht grade wie Hippies rumlaufen, oft von dieser königlichen Aura umgeben. Nach der Indienreise schwärmen die meisten von der indischen Gastfreundlichkeit und Zuvorkommenheit, die sie erleben durften. Der Goldesel-Effekt lässt grüßen! Und da man so nett behandelt wird und der Service so ausgezeichnet ist, scheißt das ausländische, touristische Goldeselchen auch brav seine Goldmünzen in indischer Währung. Dass der nette, zuvorkommende Inder, die Angestellten unter ihm oft wie der letzte Dreck behandelt, bekommt der Gast selten mit.

Wie kann eine Nation, die jahrzehntelang von den Briten unterdrückt und ausgenommen wurde, die weiße Hautfarbe immer noch so bewundern?

Weiss vor braun, braun vor dunkelbraun und dunkelbraun vor schwarz. Wie krank ist dies denn?

Auch in der indischen Kosmetikindustrie lässt sich dies erkennen. “Fair and handsome” und “fair and lovely” sind hoch im Kurs. Hautcremes, Bodylotions und Deodorants, die dunkle Haut heller werden lassen, verkaufen sich wie warme Semmeln. Mit hellerer Haut hat man auch auf den Heiratsmarkt bessere Chancen. Bollywood zeigt es vor. Die großen Stars sind alle hellhäutig und die Bösewichte können oft nicht dunkel genug sein.

Obwohl in Indien das Kastensystem offiziell abgeschafft wurde, denken die Menschen immer noch in Kasten. Gut das Kästchen- oder Schubladen-Denken findet sich überall auf der Erde, aber in Indien ist es doch sehr ausgeprägt.

Wie war ich geschockt als ein mit uns befreundeter Brahmane, der sowohl in der USA und in England gelebt hat, meinem Mann gegenüber erwähnte, dass er eine private Krankenversicherung abgeschlossen hätte. Schon die Vorstellung mit Menschen aus unteren Kasten das Zimmer zu teilen, würde ihn ekeln. Ich konnte fast meinen Ohren nicht trauen, hatte ich diesen Mann doch weltoffen, aufgeschlossen, gebildet und durchaus sympathisch erlebt.

So denken insgeheim eben doch viele Inder und Inderinnen. Menschen aus unteren Kasten werden oft immer noch abgewertet und teilweise wie Abschaum behandelt. Auch werden Ehen in den gleichen Kasten arrangiert.

Ich will mich nicht beklagen. Mein Mann hat in der Schweiz lebend, meistens andere Blicke kassiert. Missmutige, unfreundliche und verächtliche Blicke. „Was tust du hier, du Ausländer“ – Blicke. Erst wenn er in seinem hervorragenden Deutsch gesprochen hat, bekam er Anerkennung und Respekt.

Da bin ich mit dem Goldesel-Effekt doch gesegnet!

Verkehrsunfälle in Indien

Strassensicherheit

Es wurde spät gestern Nacht und eigentlich planten wir heute, etwas länger zu schlafen. Doch bereits vor sieben Uhr weckt mich Prabhu. Er ist angezogen und bereit zum Gehen. „Ganeshs Schwiegervater ist mit dem Motorrad tödlich verunglückt, ich muss los“, informiert er mich. Noch schlaftrunken dringt die Nachricht langsam zu mir durch. Erst Anfang des Monats ist ein Freund meines Mannes schwer verunfallt. Er ist immer noch im Spital. Mit schweren Kopfverletzungen, einem zertrümmerten Kiefer (er fuhr ohne Helm) und einem schlimmen Beinbruch lag er lange auf der Intensivstation und sein Leben hing an einem seidenen Faden.

Seit wir hier in Chennai leben, werden wir immer wieder mit schrecklichen Verkehrsunfällen konfrontiert. Vor zwei Jahren wurde der Vater von Prabhus bestem Freund, der zu Fuß unterwegs war, von einem Auto angefahren und verstarb noch auf der Unfallstelle. Es gibt so viele traurige Geschichten, die ich hier erzählen könnte.

Sehr erschüttert hatte uns damals (2012) die Nachricht über den Tod eines sympathischen jungen Mannes, der in der engeren Auswahl stand, meine Nichte zu heiraten. Er verunglückte schwer mit dem Motorrad. Wenn in Indien etwas passiert, sind zwar schnell viele Gaffer zu Stelle, aber couragierte Menschen zu finden, die wirklich helfen, sind leider rar. Alle befürchten, dass sie unter Umständen für die Spitalkosten aufkommen müssen und halten sich daher lieber zurück. In diesem Fall gab es jedoch einen solchen Helden. Ein mutiger Rikshafahrer brachte den Schwerverletzten ins nächste Spital. Dort wollte man jedoch ohne Vorauszahlung nichts unternehmen. Verzweifelt versuchte der Fahrer alles, was möglich war. Er bot dem Krankenhaus sogar seine eigene goldene Kette als Anzahlung an, was jedoch nicht akzeptiert wurde. Noch während des Kampfes um die Kostenübernahme, verstarb der Mann, das einzige Kind seiner Eltern, im Spital.

Wie viele Stoßgebete ich bereits himmelwärts geschickt habe, als wir selbst unterwegs waren, kann ich gar nicht sagen. Unzählige Male haben wir gefährlichste Überholmanöver miterlebt und sind an schlimmen Verkehrsunfällen vorbeigefahren. In den Städten kann man, durch die hohe Verkehrsdichte bedingt, nur langsam fahren und im Auto ist man sicher. Für Fußgänger und Motorräder sieht die Situation wieder anders aus. Es gibt beispielsweise kaum Zebrastreifen und auch Bürgersteige sind selten.

Die Sicherheit im Auto ändert sich jedoch abrupt, wenn man die Städte verlässt und auf die Highways gelangt. Viele können schnelle Geschwindigkeiten nicht einschätzen, halten viel zu geringe Abstände und es kommt immer wieder zu haarsträubenden Überholmanövern. In der Nacht fahren die meisten mit Scheinwerfer, ob ein Fahrzeug entgegenkommt, ist egal. Dazu kommt das große Problem, dass viele Fahrer angetrunken unterwegs sind. Aus diesem Grund versuchen wir Fahrten in der Dunkelheit zu vermeiden.

Statistisch gesehen sind Verkehrsunfälle in Indien die häufigste Todesursache. 2015 gab es 261‘367 Verkehrstote (16.6 Anzahl Verkehrstote je 100‘000 Einwohner) und 500‘279 Verletzte. 62 Prozent der Unfälle waren auf überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zurückzuführen. Nach China mit  einer Rate von 18.8 Verkehrstoten je 100‘000 Einwohnern steht Indien auf Platz zwei der Weltrangliste.

Zum Vergleich:

  • Deutschland: 4.3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern
  • Schweiz: 3,3 Verkehrstote je 100‘000 Einwohnern

Mit dem Unfallrisiko-Rechner von Maki Car kann man das Unfallrisiko verschiedener Länder auf Grundlage der Anzahl Fahrzeuge vergleichen.

  • In Indien gibt es 19.13-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in Deutschland.
  • In Indien gibt es 27.68-mal mehr tödliche Verkehrsunfälle als in der Schweiz.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Sicherheit auf indischen Straßen durch bessere Infrastruktur, Prävention, Bildungsmaßnahmen und durch vermehrtes Durchgreifen der Polizei verbessert.

 

10 Jahre in Indien – Gedanken und Rückblick

stick schwarz 1266

Wenn Menschen aus der Schweiz oder aus Deutschland erfahren, dass ich in Indien lebe, dann bekomme ich meistens mitleidige Blicke. Mit mitfühlender Stimme höre ich sie sagen: „ Oh, das ist sicherlich nicht einfach! In Indien könnte ich nie leben.“

Wenn Menschen aus Indien erfahren, dass ich aus der Schweiz stamme, dann bekomme ich interessierte, aber auch erstaunte Blicke. „Wie schaffst du es, in Indien zu leben? Ist dies nicht schwierig? Wie gefällt es dir hier? Die Schweiz ist doch so schön! Wann gehst du zurück?“

Seit Ende Dezember lebe ich insgesamt nun 10 Jahre in Chennai. Indien ist meine neue Heimat geworden und ich komme inzwischen sehr gut zurecht. Ich brauche kein Mitleid, denn ich leide hier nicht und es mangelt mir an nichts. Klar vermisse ich ab und zu meine alte Heimat, klar jammere ich während der Hitzemonate über das schier unerträgliche Klima. Natürlich gibt es auch in meinem indischen Alltag Hochs und Tiefs. Doch mein Leben ist hier so privilegiert, dass ich keinen Grund zum Klagen habe. Im Gegenteil – ich lebe hier weitgehend stressfrei und habe Zeit.

Ich kann es mir leisten meine Wäsche auswärts bügeln zu lassen, ich habe Sundari, die mir beim Putzen zur Hand geht, ich kann mir jeder Zeit einen Fahrer bestellen, um mich chauffieren zu lassen, und wir sind in der glücklichen Lage, Suriyan auf eine gute internationale Schule zu schicken. Einen Luxus, den wir uns in meiner alten Heimat niemals leisten könnten!

Indien hat meinen Horizont und meine Sichtweisen sehr verändert und erweitert. Vieles sehe ich nun mit ganz anderen Augen und viele Dinge habe ich erst hier richtig zu schätzen gelernt. Selbstverständlich ist hier nicht alles goldig und toll. Indien hat große Schattenseiten. Armut, Umweltverschmutzung, Korruption, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Überbevölkerung sind ständig präsent und oft ist es nicht einfach, diese Missstände auszuhalten. Doch wahrscheinlich ist der riesige Subkontinent genau aus diesem Grund so faszinierend und unglaublich. Es fällt wohl leichter das Licht, das Schöne zu sehen und zu entdecken, wenn es viel Schatten gibt.

Viele spirituell Suchende kommen nach Indien und praktizieren Yoga, meditieren, besuchen Ashrams und hoffen, Antworten von ihren Gurus zu bekommen. Sie scheinen auf der Suche nach dem Fehlenden, nach dem Sinn in ihren oft sehr gestressten Leben. Eines ist in Indien sicher, es entstresst und verlangsamt unseren Alltag. Wer hier gedenkt mit gleicher Geschwindigkeit weiterzumachen wie in der westlichen Welt, der wird seinen Albtraum erleben und wohl nie wieder zurückkehren. Wer hingegen versucht, mit Geduld und Gelassenheit auf oft widerliche und schwierige Umstände zu reagieren, der wird Indien faszinierend finden und in seinen Bann gezogen werden, der wird es vielleicht sogar lieben. Ich denke, erst wenn dies gelingt, kann man in diesem Land das Wunderbare und Schöne richtig entdecken.

Ich behaupte, dass ich heute ein dankbarer Mensch bin und mich auch über kleine Dinge freuen kann. Auch bezüglich Geduld war und ist mir Bharat Mata (Mutter Indien) eine gute Lehrmeisterin. Wenn nicht heute, dann halt morgen oder übermorgen. Man hat Zeit zum Warten, man muss sich notgedrungen immer wieder in Geduld üben. Vieles erscheint im Lande Gandhis nicht mehr ganz so wichtig und dringend. Man wird oft auf sich selbst zurückgeworfen, es wird einem der Spiegel vorgehalten und man wird mehr mit den eigenen Schattenseiten, den eigenen Grenzen konfrontiert.

Bevor ich meinen Liebsten kennenlernte, habe auch ich in Indien nach Antworten gesucht. Ich war überzeugt, dass Sathya Sai Baba ein Heiliger war, habe mehrmals seinen Ashram in Puttaparthi besucht. Doch auch hier entdeckte ich beim genauen Hinsehen große Schatten. Wo Licht ist, findet man Schatten. Das ist und bleibt einfach ein Universalgesetz. Auch diesbezüglich hat sich mein Denken komplett verändert. Meiner Meinung nach braucht man keinen Meister, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Beziehungen und unsere Leben sorgen von ganz alleine dafür, dass wir uns mehr oder weniger verändern. Alles liegt in uns selbst, und wir sind die Gestalter unseres Lebens.

Wenn ich das aktuelle Geschehen in der Schweiz mitverfolge, kann ich oft nicht mehr nachvollziehen, warum die Schweizer vieles so aufregt und beschäftigt. Manchmal kann ich mir das Jammern auf allerhöchstem Niveau nicht mehr anhören.

Die Schweiz ist so ein kleines Land. Indien ist fast 80-mal größer! Oft habe ich das Gefühl, dass das große Ganze vergessen geht, dass trotz Globalisierung gar nicht wahrgenommen wird.

Inzwischen mag ich mein Leben hier. Das war jedoch nicht immer so. Es hat mich viel Zeit und Geduld gekostet, um mich hier einzuleben, mich mit den Umständen zu arrangieren. Anfangs stand mir das ständige Vergleichen mit der Schweiz im Wege. „Das ist in der Schweiz schöner! Das ist in der Schweiz besser! Die Schweizer sind zuverlässiger, pünktlicher, organisierter, fleißiger,…“ Ich könnte die Liste endlos weiterführen! Jetzt habe ich das ständige Vergleichen weitgehend überwunden. Es bringt nämlich überhaupt nichts, sondern macht nur unglücklich und unzufrieden. Das Leben hier ist einfach anders!

Independence Day

Heute feiert Indien die Unabhängigkeit von den Briten. Im ganzen Land werden zeremoniell Flaggen gehisst. Die Hauptfeierlichkeiten finden in New-Delhi mit einer grossen Militärparade statt und Modi hält mit einem orangen Turban eine Rede….

An Suriyan’s Schule wurde das offizielle Flag hoisting wegen Regen abgesagt und wir sind ehrlich gesagt nicht traurig darüber. Mir ist dies alles etwas zu viel Nationalismus.

In meinem Tagebuch vom 14. August 2008 habe ich noch einen passenden Text gefunden:

Ich warte vor der Schule auf Suriyan. Strahlend und stolz kommt er mit seinem Körbchen schliesslich zum Tor. An seinem T-Shirt leuchtet eine kleine Indienfahne, die er selbst gemalt hat. „Weisch morn isch e bsundrige Tag“, erklärt er mir. „Äs isch Independence Day u i ha frei“.

Inspiriert malt er daheim eine weitere Fahne. Danach will er unbedingt einen Stock haben, um sie daran zu befestigen. Ich biete ihm grosszügig eine Kochkelle an, aber damit ist er gänzlich unzufrieden. Schliesslich findet er einen langen Pinsel und klebt die Flagge daran fest. „U-A, India“, ruft er begeistert.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Happy Independence Day!

 

You know you are INDIAN because …

fded11b4-7804-4f36-8077-d9adc8f43aac.jpeg

Wohl jeder Nation werden gewisse Stereotypen und Eigenschaften zugeordnet. Manchmal entpuppen sich diese beim genauen Beobachten schnell als Vorurteile und manchmal erkennt man tatsächlich einen wahren Kern darin. In Witzen sorgen diese immer wieder für Lacher. So gelten Schweizer als pünktlich, Schotten als geizig, Italiener als temperamentvoll, Franzosen als modebewusst, …

Natürlich gibt es auch jede Menge solcher Stereotypen über InderInnen. Bei Chumbak, einem indischen Geschäft, habe ich eine ganz lustige Büchse erstanden, die ich für mein Kaffeepulver brauche.

„You know you are Indian because“ steht oben auf dem Deckel und im comic-style werden viele lustige Witze über InderInnen dargestellt. Bei vielen Abbildungen musste ich tatsächlich laut lachen, da ich dies genauso erlebe. So wird Neues erst mal in der Plastikverpackung gelassen und am Flughafen beobachte ich tatsächlich, dass neben den größten Koffern und Schachteln InderInnen stehen ;-).

956B61C0-D22B-4CDB-BB0E-35C536E2F6EC

In einem kleinen Artikel in der Tageszeitung “The Hindu“ bringt es ein indischer Journalist auf den Punkt. Humorvoll, witzig und mit einem Augenzwinkern beschreibt er seine Mitbürger. You are an Indian if …  lautet die Überschrift:

Du bist Inder, …

  • wenn dein Essen nach Knoblauch, Zwiebeln und Tomaten schmeckt.
  • wenn du am Flughafen neben den zwei grössten Koffern stehst.
  • wenn du eine oder zwei Stunden zu spät bei einer Party eintriffst und denkst, dies sei normal.
  • wenn du Marken, die nicht abgestempelt wurden, vom Brief ablöst.
  • wenn die Namen deiner Kinder sich reimen. (Sita – Gita, Ram – Shyan)
  • wenn du Hochzeitsgeschenke weiter verschenkst.
  • wenn deine Kinder Übernamen haben, die dem richtigen Namen in keiner Art und Weise ähnlich sind.
  • wenn du Neues in deinem Haus mit Plastik abdeckst, beispielsweise die Fernbedienung, das Videogerät, der Teppich oder das neue Sofa.