Independence Day

Heute feiert Indien die Unabhängigkeit von den Briten. Im ganzen Land werden zeremoniell Flaggen gehisst. Die Hauptfeierlichkeiten finden in New-Delhi mit einer grossen Militärparade statt und Modi hält mit einem orangen Turban eine Rede….

An Suriyan’s Schule wurde das offizielle Flag hoisting wegen Regen abgesagt und wir sind ehrlich gesagt nicht traurig darüber. Mir ist dies alles etwas zu viel Nationalismus.

In meinem Tagebuch vom 14. August 2008 habe ich noch einen passenden Text gefunden:

Ich warte vor der Schule auf Suriyan. Strahlend und stolz kommt er mit seinem Körbchen schliesslich zum Tor. An seinem T-Shirt leuchtet eine kleine Indienfahne, die er selbst gemalt hat. „Weisch morn isch e bsundrige Tag“, erklärt er mir. „Äs isch Independence Day u i ha frei“.

Inspiriert malt er daheim eine weitere Fahne. Danach will er unbedingt einen Stock haben, um sie daran zu befestigen. Ich biete ihm grosszügig eine Kochkelle an, aber damit ist er gänzlich unzufrieden. Schliesslich findet er einen langen Pinsel und klebt die Flagge daran fest. „U-A, India“, ruft er begeistert.

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Happy Independence Day!

 

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Klein, lästig und gefährlich

Mcke stechend Stechmcke, Gelse, Asiatische Tigermcke, Tigermoskito, Aedes albopictus

Regnet es, dann dauert es 4-5 Tage und die kleinen Plagegeister fliegen und stechen. Nach der Regenzeit ist es immer am schlimmsten. Moskitos sind nicht nur lästig, sondern können auch gefährliche Krankheiten wie Dengue, Chikungunya und Malaria übertragen. Je nach Art legen sie ihre Eier einzeln oder in ganzen Eierpaketen auf der Wasseroberfläche von stehenden Gewässern ab. Schon kleinste Pfützen oder Gefässe mit stehendem Wasser reichen aus um eine Moskitozucht zu betreiben. Hier in Chennai dauert es nur einige Tage bis die Larven schlüpfen. Nach dem Monsun laufen jeweils auf allen TV-Kanälen Kampagen zur Moskitobekämpfung. Rund ums Haus sollte man keine Töpfe, Kessel oder Pflanzenuntersätze mit Wasser stehen lassen oder diese abdecken. Steigen die Krankheitsfälle von Dengue oder Chikungunya an, dann setzen die Stadtbehörden Insektenvernichtungsmittel ein. Höre ich das laute Brummen und Zischen der Rauchmaschine auf der Strasse, dann beeile ich mich möglichst schnell alle Fenster und Türen zu schliessen und meine Hunde ins Haus zu rufen. Der weisse, giftige Rauch, der sofort in die Höhe steigt, ist nämlich auch für Mensch und Tier nicht zu empfehlen.

2006 gab es in Chennai eine regelrechte Chikungunya-Epidemie. Auch mich und meinen Mann hat es damals erwischt. Der Virus des Chikungunya-Fiebers wird von tagaktiven Mücken übertragen. Ich erinnere mich nicht gerne an diese Zeit zurück. Sehr hohes Fieber, schreckliche Glieder- und Kopfschmerzen, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte, plagten mich. Chikungunya bedeutet „der gekrümmt Gehende“ und so kam ich mir damals wirklich vor. Die Krankheit geht mit starken Glieder- und Gelenkschmerzen einher. Auch nach Abklingen des Fiebers können die Gelenkbeschwerden andauern. Ich hatte noch Monate Probleme mit meinen Fussgelenken und diese Zeit wird in meinen Memoiren wohl  als „Birkenstock-Monate“ einhergehen, denn andere Schuhe konnte ich nicht tragen. Das Gute daran, etwas Positives liegt ja in fast allem, ich bin nun lebenslang immun.

Wenn man hier lebt, kann man leider nicht jeden Mückenstich verhindern. Klar sprühe ich mich, wenn es ganz arg ist, mit Odomos (Moskito Repellent) ein.

Odomos Spray (RS 85.00, 2018) erhältlich in jedem Medical Shop oder in größeren Supermärkten

Auch achten wir darauf, dass unser Haus möglichst mückenfrei bleibt, aber die Moskitos finden immer einen Weg.

So kam es, dass mein Sohn und ich 2013 am Dengue-Fieber erkrankten. Wir waren beide 5 Tage im Spital. Ich fand den ganzen Krankheitsverlauf eigentlich recht erträglich. Mich hat es wie eine schwere Grippe getroffen, aber mit den Medikamenten, die mir im Spital verabreicht worden sind, war es wirklich auszuhalten. Suriyan hatte nur Fieber und gar keine Schmerzen. Das Gefährliche beim Dengue-Fieber ist jedoch die Phase nach der eigentlichen Erkrankung. Die Anzahl der Blutplättchen sinkt ab. Bei Suriyan war es eine Zeitlang in einem kritischen Bereich und er kam nur knapp an einer Bluttransfusion vorbei. Der Arme musste fünf Liter pro Tag trinken und hat wacker mitgemacht! So haben wir beide alles gut überstanden und nach einigen Wochen waren wir wieder fit. Leider gibt es vier verschiedene Dengue-Virustypen. Wenn man Pech hat, kann man durchaus mehrmals daran erkranken, wobei bei es bei einer zweiten Erkrankung durchaus gefährlicher werden kann, da unser Immunsystem die neuen Erreger nicht sofort erkennt und mit den Antikörpern der Ersterkrankung bekämpfen will.

Auch Dengue wird von übrigens von tagaktiven Mücken übertragen während die nachtaktiven Mücken für Malaria zuständig sind. Daher ist es auf Reisen wichtig auch tagsüber auf einen guten Mückenschutz zu achten, denn die Ferien möchte man nicht wirklich in einem indischen Spital verbringen.

6 Rupien gegen die Armut – aus meinem Tagebuch vom Mai 2007

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Wir stehen an der roten Ampel. Es wird heiss in der Autorikscha. Der Fahrtwind bleibt aus und die Abgase beginnen mich langsam einzunebeln. Sofort entdecke ich den alten Greis, der sich auf Auspuffhöhe am Strassenrand, auf Händen gehend, einige Rupien erbettelt. Seine Beine sind vollständig verkrüppelt, nur noch Haut und Knochen. Der Motorradfahrer neben uns gibt ihm zwei Rupien und als er mit mir Blickkontakt wechselt, suche ich schnell einige Münzen zusammen. 6 Rupien sind es insgesamt. Die Ampel wechselt auf grün und wir fahren los. Es fühlt sich nicht gut an. 6 Rupien gegen die Armut!

Die Schere zwischen Wohlstand und Armut auszuhalten, ist jedes Mal ein Bauchkrampf. In unserem Wohnquartier bin ich von solchen Bildern weitgehend verschont, habe einen gewissen Schutzraum. Täglich diese Bilder auszuhalten, würde ich längerfristig wohl nicht schaffen.

Ich bin froh, dass ich jeweils Prabhus Bettler-Regeln anwenden kann, denn in solchen Situationen bin ich emotional einfach überfordert.

Bettelnde Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm bekommen nichts. Oft werden die Kinder scheinbar gemietet und mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt. Auch Kinder bekommen in der Regel nichts, ganz sicher kein Geld. Manchmal gebe ich Biskuits oder Früchte, die ich grade in der Tasche habe oder ich kaufe etwas zum Essen im nächsten Laden. Ich achte darauf, dass die Päckchen stets geöffnet sind, denn ansonsten bringen es die schlauen Kerlchen einfach in den Laden und verkaufen es wahrscheinlich für einen geringeren Preis an den Ladenbesitzer zurück. Nur alte oder stark beeinträchtigte Menschen, bekommen von uns Geld. Meistens gebe ich je nach Kleingeldsituation in meinem Portemonnaie 5 bis 10 Rupien.  Diese Klarheit überträgt sich meistens und die Bettler geben auf und ziehen nach kurzer Zeit weiter. Diese Menschen haben einen sechsten Sinn ausgebildet, um ein kleinstes Zögern wahrzunehmen und können dann sehr hartnäckig und aufdringlich sein. Dieses Elend beschäftigt mich, lässt mich hilflos zurück.

Kehre ich jedoch in mein neues Zuhause zurück, erfüllt mich eine grosse Dankbarkeit für all den Reichtum und das Glück, das hier auf mich wartet…

 

Füttern durch Verfolgen – aus meinem Tagebuch vom April 2007

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Am Frühstückstisch ist es wieder der Fall, dass unser Sohn nicht richtig essen mag. Ich mache mir deswegen keine Sorgen, nehme es gelassen, vertraue darauf, dass unser Sonnenschein sich schon das nimmt, was er braucht und das tut er auch. Mein Mann hat jedoch ständig das Gefühl, dass unser Sohn zu wenig isst und stresst mit der Esserei. Dabei ist unser Sohn gewichtsmässig völlig in der Norm. Kaum ist Suriyan nur etwas erkältet, meinen unsere indischen Verwandten sofort, dass er Gewicht verloren hat!

Schnell merke ich, dass indische Mütter und Väter komplett anders ticken. Eine indische Mutter trägt das Essen dem Kind nach, überall hin und füttert es auf dem Sofa, auf dem Fahrrad, ….. Ob es sitzt, steht, rennt oder am Boden krabbelt, ist egal. Die Hauptsache ist, dass die Nahrung aufgenommen wird. Das Kind selber essen zu lassen, ist hier nicht üblich und die Fütterei dauert teilweise bis ins Schulalter. Ich, aus der Schweiz kommend, zweifle diese Methode natürlich an, finde dies, na ja wie soll ich sagen, eher Essensverwöhnung oder Essensverziehung? Ich vertrete die These „Üben der Tischsitten“, denn was gibt es Schöneres als harmonisch am Familientisch zu sitzen und gemeinsam das feine Essen zu geniessen? Das ist doch wahrlich ein Kulturgut, das es zu erhalten gibt. Hier in Indien findet gemeinsames Essen mit der ganzen Familie weniger statt. Meistens bedient die Hausfrau die Familie und isst dann später alleine.

Doch heute, ich weiss nicht, was mich dazu getrieben hat (war wohl indisch inspiriert), habe ich diese indische Fütterung durch Verfolgung ausprobiert. Resultat: Es funktioniert! Sogar sehr gut! Im Hof draussen hat unser Suriyan doch tatsächlich ein ganzes Dosai mit Drumsticks gegessen und Prabhu, der draussen die Zeitung las, murmelte etwas von Fitnessprogramm für die Mutter.

Arrangiert in die Ehe

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Ehen werden in Indien arrangiert. In den Städten kommt es zwar immer häufiger zu Love Marriages, aber die meisten Ehen werden immer noch von den Eltern angestiftet. Sonntags sind die Zeitungen voll mit Anzeigen von heiratswilligen Frauen und Männern. Wer mit möglichst guten Karten dastehen will, hat ein reiches Elternhaus, eine möglichst helle Haut, eine gute Ausbildung und noch besser Aussichten auf einen gut bezahlten Job im Ausland. Viele junge Frauen und Männer verwenden aufhellende Hautcremes, um dem Schönheitsideal der hellen Haut zu entsprechen und die moderne junge Frau trägt auf dem Motorrad lange Baumwollhandschuhe und verhüllt ihr Gesicht damit ihre Hände, Arme und Gesicht nicht von der Sonne gebräunt werden. Viele Westler dagegen legen sich trotz der gefährlichen UV-Strahlen an die Sonne oder gehen ins Solarium, um nicht wie Weichkäse auszusehen! Es scheint immer das attraktiv und schön zu sein, was von der Natur aus nicht so gedacht ist.

Obwohl das Kastensystem eigentlich als aufgelöst gilt, heiratet man immer noch in der gleichen Kaste. Praktisch sind die Inserate nach Religion und Kaste gegliedert, so dass man nicht lange suchen muss. Heutzutage werden natürlich auch moderne Medien wie  Dating Apps und spezialisierte Webseiten für die Wahl des zukünftigen Ehepartners genutzt. Die Firma Bharat Matrimony hat sich als Ehekuppler spezialisiert und ist in allen Medien stets präsent. Auch Dating wird angeboten. Die Interessierten bewerben sich und werden danach zum grossen Dating-Anlass geladen. Begleitet von den Eltern, natürlich mit der Horoskopzeichnung unter dem Arm, versucht man an den entsprechenden „Kastentischen“, die von der Firma hergerichtet wurden, den passenden Ehepartner zu finden. Wenn beide Parteien interessiert sind, geht es los. Die Horoskope werden von einem Astrologen gesichtet, verglichen und bewertet. Wenn die Sterne in der richtigen Konstellation stehen, dann werden die zukünftigen Eheleute und ihre Familien unter die Lupe genommen. Erkundigungen werden angestellt, gegenseitige Besuche finden statt, Verhandlungsgespräche werden aufgenommen … Wenn alles passt, kommt es schliesslich zur genauen Planung der Verlobungs- und schliesslich zur Hochzeitsfeier.

Obwohl die Mitgift eigentlich verboten ist, beginnt mit der Geburt eines Mädchens das grosse Sparen. Von der Seite der Braut werden nicht selten Hochzeitsgaben in der Höhe von mehreren Jahreseinkommen erwartet. Das dies für viele Familien, vor allem wenn mehrere Mädchen vorhanden sind, eine grosse finanzielle Belastung darstellt, liegt auf der Hand. Dazu kommt, dass die Tochter nach der Heirat das Elternhaus verlässt und in der Regel bei den Schwiegereltern lebt. Ein Sohn dagegen bleibt und ist für die Altersvorsorge der Eltern verantwortlich.

Die Bestimmung des Geschlechts durch Ultraschall ist in Indien inzwischen zwar streng verboten und unter hohe Strafen gestellt, trotzdem werden immer noch viele weibliche Föten illegal abgetrieben und in ländlichen Regionen scheiden viele weibliche Säuglinge nach der Geburt durch „Unfälle“ aus dem Leben.

Der Männerüberschuss ist in Indien bereits deutlich spürbar und auf 1000 Männer kommen noch 924 Frauen (Statistik 2015). In den nördlichen Bundesstaaten ist der Frauenmangel viel akuter als im Süden. In Haryana kommen laut der letzten Volkszählung im Jahr 2011 nur 877 Frauen auf 1000 Männer. Hier in Tamil Nadu ist das Verhältnis ziemlich ausgeglichen. Dazu beigetragen hat sicherlich auch ein Programm, das bedürftige Familien bei der Geburt eines Mädchens mit finanziellen Beträgen unterstützt. Als einmalige Spareinlage bekommt eine arme Familie mit einem Mädchen 22.000 Rupien, bei zwei Mädchen für jedes 15.200 Rupien. Dazu kommen monatlich 150 Rupien für Ausbildungskosten ab dem fünften Lebensjahr und wenn das Mädchen heiratet, bekommt es noch nochmals 25.000 – 50.000 Indische Rupien und vier Gram Gold.

Ich wünsche mir sehr, dass durch den Frauenmangel in Indien Veränderungen möglich werden. Das Kastenwesen und das vorherrschende Patriarchat sollten dringend erneuert und gelockert werden. Doch letztendlich sind es immer die Menschen und ihre Denkweisen, die Veränderungen zu lassen oder an alten Mustern festhalten.  Ich befürchte, dass dies wohl noch längere Zeit dauern wird.

Gruppenerlebnis mit über 48’000 Menschen – aus meinem Tagebuch vom Januar 2007

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Cricket ist der Nationalsport Indiens. Das Interesse und die Begeisterung scheint alle zu packen vom Kleinkind bis zum Greis, unabhängig vom Geschlecht oder der Religionszugehörigkeit. Was keine politische Partei oder Religion schafft, gelingt dem Cricket-Sport problemlos, er verbindet alle Menschen Indiens zu einer Nation.

Da Cricket von den ehemaligen Kolonialherren nach Indien und auch in die andern Kolonien gebracht wurde, ist der Erfolg dieser englischen Sportart erstaunlich. Bei einer Länderspielübertragung sitzt die halbe Nation vor dem Fernseher und fiebert mit. 600 Millionen US Dollar wurden für die Ausstrahlungsrechte hingeblättert. Die Spieler der Nationalmannschaft werden gefeiert wie Nationalhelden und brauchen Bodyguards um sich in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Ende Januar erlebte ich meinen ersten Cricket-Match, ein Länderspiel West Indies (Karibik) gegen India. Ein Länderspiel dauert vier Spieltage und der dritte wurde in Chennai gespielt. Da Indien bereits zwei Siege zu verzeichnen hatte, stand für sie nicht viel auf dem Spiel, denn verlieren konnten sie im Gesamten gar nicht mehr. Mit der Autoriksha tuckerten wir zum Stadion, wo wir auf viele Fans in ausgelassener Stimmung trafen. Indienfähnchen und -fahnen wurden geschwungen und die ersten Schlachtrufe erhallten. Unsere Tickets, die Prabhu für den Preis von 240 Franken erstanden hatte, mussten wir sicherlich sechs Mal vorzeigen bis wir schliesslich auf unseren Plätzen sassen. Der Inhalt meiner Handtasche wurde zweimal durchsucht, als ob ich eine Waffe oder sonst was Verbotenes mitführen würde! Aber wahrscheinlich war es für die Polizistinnen einfach spannend ihre Neugier zu stillen und mal in eine Handtasche einer Weissen zu schauen. Habe meinem Ehegatten wegen der nicht ganz preisgünstigen Tickets, die mein Haushaltsbudget übersteigen, natürlich die Leviten gelesen, aber er hat sich elegant mit der Methode „Honig ums Maul schmieren“, die jede Frau gerne hört, herausgeredet. „Dies doch dein erster Cricketmatch. Für dich ist doch nichts zu teuer,….“ Dabei ist er schlicht und einfach ein indischer Cricketfanatiker!

Die Tickets waren übrigens zwei Stunden nach Verkaufsstart alle weg und wurden danach auf dem Schwarzmarkt zu stolzen Preisen weiterverkauft. Eigentlich habe ich für die teuren Tickets einen speziellen Logeplatz erwartet oder wenigstens einen kleinen Schwatz mit dem Superstar Rahul Dravid oder Sachin Tendulkar, aber daraus wurde nichts. Ganz gewöhnliche hellgrüne Kunststoffschalen-Sitze, in langen Reihen aneinander gehängt, erwarteten uns und da sah ich, dass sich viele 240 Franken für ein Cricketspiel leisten können. (Die billigsten Plätze kosten übrigens 12 Franken.) Im Publikum sassen viele Männer, aber auch kleine Gruppen von jungen Frauen, Ehepaare und ganze Familien von den Kids bis zu den Grosseltern.

Da ein Cricket-Match mindestens sieben Stunden dauert und ich mich nicht einen ganzen Tag auf einem hellgrünen Schalensitz langweilen wollte, musste ich mich wohl oder übel mit den Cricket-Spielregeln auseinandersetzen. Wikipedia hilft in solchen Fällen immer weiter und macht Unwissende etwas schlauer. Gerne verschone ich euch von einer langen Abhandlung der Spielregeln. Ganz kurz gesagt: Cricket ist eine komplizierte Form von Brennball. Die Stimmung des Matchs mitzuerleben, war wirklich ein Erlebnis. „U-A-India“ wurde geschrien, Wellen aus Menschenhänden gingen rundherum durchs Stadion, die geliebten Stars wurden angefeuert. Plötzlich standen alle um uns herum auf und spähten interessiert, neugierig zur linken Publikumstribühne. Ein Filmstar aus Tamil Nadu hat sich scheinbar den Cricketmatch mit seiner Familie angeschaut.

Auch für die Verpflegung wurde gesorgt. An vielen Ständen konnte man sich warmes Essen, Snacks und Getränke kaufen. Doch viele nahmen sich das Essen von daheim mit. Mutters Küche schmeckt eben doch am besten. Dass man innerhalb von 7 Stunden Spielzeit auch mal ein stilles Örtchen aufsuchen muss, liegt auf der Hand. Doch bei zwei Toiletten für die Ladies in unserem Sitzbereich, wo eine durch Verschmutzung ausser Betrieb war, zeigte sich dies gar nicht so einfach… Indien lässt wieder mal grüssen!

Die Inder starteten als Schlagmannschaft und mit dem jungen Spieler Robin Uthappa gelang ihnen ein fulminanter Anfang. Er erzielte mit genialen Schlägen 70 Runs, eine beachtliche Leistung. Doch die West-Indies entschieden das Spiel letztlich doch ziemlich klar für sich. Als sich zeigte, dass Indien mit grosser Wahrscheinlichkeit verlieren würde, leerte sich das Stadion zunehmend. Scheinbar können es die Inder nicht ertragen, ihre Helden verlieren zu sehen. Ganz toll fand ich, dass nicht nur für die eigene Mannschaft applaudiert wurde, gute Schläge der West Indies wurden auch Beifall spendend zur Kenntnis genommen und als der Superstar der West Indies, Lara (mal einen Namen, den ich mir gut merken kann!), das Spielfeld verliess, wurde ihm richtig zu gejubelt.

Als das Spiel zu Ende war, wurde der beste Spieler des Tages geehrt, die beiden Captains gaben ein Fernseh-Interview und wir fuhren mit dem Bus für je drei Rupien heimwärts…

Im weissen Saree – aus meinem Tagebuch vom 2. April 2007

 

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Die Mutter des Bräutigams macht auf jedem Bild ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Nur auf einem Gruppenfoto zieht es ihre Mundwinkel etwas nach oben. Die Hochzeit ihres Sohnes scheint sie nicht grade zu beglücken, dabei strahlt und lacht die schöne Braut in ihrem weissen Sari auf jedem Foto und der Bräutigam steht voller Stolz daneben. Ein schönes Paar, das sich da gefunden hat.

Mein Sohn Suriyan spielt am Boden mit den alten Spielsachen, die einst der Braut gehörten und ich sitze mit Shila, unserer Nachbarin von gegenüber, am Tisch und schaue mir das dicke Fotoalbum von der Hochzeit ihrer älteren Tochter an. Es ist eine Love Marriage, eine Liebesheirat. Ihre ältere Tochter hat erst kürzlich einen Brahmanen geheiratet und lebt nun in den USA. Wie üblich in Indien wurde bei der Hochzeitsfeier nicht gespart. Man sieht, dass beide Parteien nicht an Geldmangel leiden.

Mit mütterlichem Stolz zeigt mir Shila die zahlreichen Fotos. „That’s her friend from US, that’s his uncle from Mumbai, he’s a doctor, this is my sister and her family from Kerala, ….”

Es wurde eine christliche Hochzeit ausgerichtet, denn die Braut ist Christin. Für die traditionelle hinduistische Hochzeit, die den Bräutigam-Eltern natürlich lieber gewesen wäre, wurde kein passendes Datum mehr gefunden. Das Datum wird aufgrund der Horoskope des Brautpaares ausgerechnet, um für die Ehe den perfekten Start zu gewähren. Ich erfahre vieles, vielleicht grade, weil ich eine Ausländerin bin und schliesslich auch nicht traditionell geheiratet habe. Shilas Schwiegersohn ist ein Einzelkind und als Brahmane gehört er zur höchsten Hindukaste. Dass seinen Eltern eine arrangierte Ehe mit einer gläubigen Brahmanin lieber gewesen wäre, liegt auf der Hand. Aber die Macht der Liebe hat zugeschlagen! Wie ich von Shila erfahre, wollte das Paar eigentlich nur eine standesamtliche Hochzeit feiern, aber damit kamen sie scheinbar bei den Eltern nicht durch.

„Wenn dann ein Enkelkind unterwegs ist, wird sicher alles besser“, meine ich schliesslich zu Shila, die sich nicht hinter ihrem christlichen Glauben verschanzt und eine gewisse Offenheit und Toleranz zulässt. Doch sie schüttelt den Kopf. „Dann werden die Probleme erst richtig anfangen!“