Hast du gegessen?

South Indian Thali- dazu wird natürlich noch Reis serviert.

Wenn ich so nebenbei die Telefongespräche meines Mannes mitbekomme, dann muss ich oft schmunzeln. So auch gestern Abend. Der Anfang eines Gespräches, ob am Telefon oder nicht, verläuft eigentlich immer gleich. Nach dem Erkunden, wie es geht, folgt gleich die zweite wichtige Frage: „Hast du gegessen?“

Essen und gegessen haben, ist in Indien etwas sehr Wichtiges. Oft wird danach erzählt, was man gegessen hat oder was man gedenkt zu essen. „Ich hatte drei Dosai mit Sambar und danach noch etwas Rasam-Reis“, erzählt mein Liebster seelenruhig und ohne Motivationseinbuße bereits zum dritten Mal. Führt man einige Telefongespräche, dann ist der Menuplan für die nächsten Tage sicher gestellt.„Suresh hatte Pongal. Das könntest du auch wieder mal kochen!“, versucht mein Mann zu beeinflussen.

Die große Bedeutsamkeit, die dem Essen zufällt, ist für uns Westler manchmal nicht nachzuvollziehen. Da plappern und klagen wir doch lieber übers Wetter.

Doch das Essen ist in Indien auch ein sehr sensibles Thema. Traditionell und religiös bedingt, halten sich viele immer noch an die alten Regeln, die das Kastensystem vorgibt. So würde meine Schwiegermutter beispielsweise in keinem fremden Haus etwas essen. Auch im Restaurant tut sie sich schwer und isst nur, wenn das Essen auf einem Bananenblatt serviert wird. Natürlich betritt sie auch nur „Pure Veg Restaurants“, wo rein vegetarisch gekocht wird. Da hat kein Fleisch, Fisch oder Ei je einen Kochtopf berührt. Sogar zu Hause isst sie in der Regel nur vom Bananenblatt oder von ihrem eigenen persönlichen Teller.

Der Glaube, dass man sich durch Speisen und Getränke von unteren Kasten oder Kastenlosen verunreinigen könnte, ist in manchen Köpfen noch präsent. Für höhere Kasten, die vegetarisch leben, gelten auch Speisen mit Fleisch, Fisch und Eiern als unrein. Ob der Fleischkochtopf oder das Geschirr gereinigt wurde, ändert dabei gar nichts. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Kastenlose, die auch Dalits genannt werden, immer noch diskriminiert. So gibt es an Tee-Ständen oft zwei verschiedene Becher, denn viele wollen sich auch in der heutigen Zeit keinen Becher mit einem Dalit teilen.

In vielen Familien hat aus diesem Grund auch nicht jeder Zugang zur Küche. Viele Maids waschen das schmutzige Geschirr oft draußen auf dem Balkon oder im Hof und dürfen die Küche nicht betreten. Hat man einen Koch dann oft nur, wenn er der gleichen oder einer höheren Kaste angehört. Auf dem Land ist es häufig Brauch, dass menstruierende Frauen die Küche nicht betreten dürfen. Auch sie gelten in dieser Zeit als unrein und würden die Speisen verderben.

In Tamil Nadu überlegt man sich gut, wen man zum Essen einlädt. Hat man in einem Haus gegessen, dann gehört man quasi zur Familie. So gibt es auch den Spruch: „Ich kann nichts gegen diese Familie sagen, ich habe dort gegessen.“

In der Stadt brechen diese alten Strukturen glücklicherweise langsam auf und viele unserer Bekannten sind diesbezüglich weltoffen und modern eingestellt. Findet man kein Gesprächsthema, oder man möchte ein eher mühseliges Gespräch beenden und auf andere Bahnen lenken, dann bietet sich Essen immer an. Die Hausfrau einfach nach dem Rezept fragen und der unverfängliche Small Talk und die Schwärmerei übers Essen, insbesondere über das indische Essen beginnt.

Und ja, ich koche morgen für meinen Liebsten Pongal (breiiger Reis mit Dal und Sambar). Die Liebe geht schließlich durch den Magen!

Hier findest du übrigens unser Pongal-Rezept ;-)!

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/10/pongal-mit-sambar-suedindisches-fruehstueck/

Herzlichen Glückwunsch zur Geburt!

Über den Mundschutz hinweg strahlen die Augen des frischgebackenen jungen Vaters. Nochmals gratuliere ich herzlich und er überreicht uns Soan Papdi, indische Süßigkeiten zur glücklichen Geburt seines Sohnes.

In dieser schwierigen Corona-Zeit war die Schwangerschaft und Geburt eine besondere Herausforderung. Das Kindlein kam letzten Sonntag per Kaiserschnitt zur Welt. Der Arzt wollte nicht weiter zuwarten und der Sonntag war scheinbar astrologisch gesehen ein guter Tag. Bereits eine halbe Stunde nach der Geburt rief uns Ganesh an und überbrachte seinem Boss die guten Nachrichten.

Wir freuen uns alle mit dem jungen Paar. Endlich dürfen sie ein Kindlein in ihre Arme schließen.

Bei vielen Paaren klappt es mit dem Kinderwunsch schon lange nicht mehr auf Anhieb. Fertility Centers, Kinderwunsch-Kliniken schießen auch in Indien nur so aus dem Boden. Klappt es mit dem Kinderwunsch nicht, gehen indische Paare, vor allem die Frauen durch die Hölle. Bereits ein Jahr nach der Hochzeit wird man von Verwandten ungeniert auf eine mögliche Schwangerschaft angesprochen. Wenn man nicht vor Glück strahlend berichten kann, dass man in Erwartung ist, dann wird mit Tipps und Ratschlägen nicht gespart. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist sicherlich für jedes Paar schwierig. In Indien jedoch ist Elternschaft für die meisten ein selbstverständliches Lebensziel, das kaum infrage gestellt wird. Die Lebensbiografie ist klar vorgegeben: Man heiratet – man hat Kinder! Wer da nicht reinpasst, hat es oft nicht einfach.

Für untere Schichten ist ein Kind, vor allem ein Sohn auch immer die Vorsorge fürs Alter. In einem Land, wo die wenigsten Altersrenten beziehen und es kaum soziale Auffangnetze gibt, sorgen die Nachkommen, vor allem die Söhne für die betagten Eltern. Mädchen werden von vielen Familien als Belastung gesehen. Obwohl die Mitgift per Gesetz verboten ist, werden immer noch „Brautgeschenke“ in der Höhe von mehreren Jahresgehältern erwartet. So sind Mädchen mit immensen Kosten verbunden. Einen Sohn zu haben, ist für viele Familien sehr wichtig, denn oft ist er alleinige Altersvorsorge und nur so wird der Familienstamm weitergeführt.

Gerne hätte ich das Neugeborene und die frischgebackenen Eltern besucht, aber wegen Corona ist dies zur Zeit nicht möglich. Auch kein Foto gibt es. Ganesh erklärt mir, dass es in der tamilischen Tradition nicht üblich sei, in den ersten drei Lebensmonaten Bilder des Kindes zu machen. Man will das Kind vor Neid und dem „evil eye“, dem bösen Auge schützen. Zum Schutz gegen das Böse werden Kleinkindern auch immer hässliche schwarze Flecken ins Gesicht gemalt. Diese sollen den bösen Blick ablenken.

In Indien ist es üblich, dass die werdende Mutter Ende Schwangerschaft zurück ins Elternhaus zieht. Die eigene Mutter wird bei der Geburt dabei sein und die Tochter unterstützen. Ehemänner sind im Kreißsaal in der Regel nicht mit von der Partie.

Die meisten Mütter bleiben auch die ersten Wochen nach der Geburt im Haus der eigenen Eltern. Die Pflege des Kindes übernimmt meist die Großmutter. Bei meiner Nichte kam zum Baden und zur Babymassage sogar eine Frau aus dem Dorf vorbei.

Auch der Name des Sohnes ist noch nicht entschieden. Hier in Indien kann man sich dafür Zeit lassen. Viele Familien suchen auch für die Namensgebung einen Astrologen auf. Der Astrologe berechnet nach der Geburtszeit geeignete Anfangssilben.

So hoffe ich nun, dass ich das Büblein in einigen Monaten besuchen kann.

Weitere Informationen zu diesem Thema findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/06/20/arrangiert-in-die-ehe/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/03/18/von-grossmuettern-und-grossvaetern-und-der-tatsache-dass-wir-alle-miteinander-verwandt-sind/

Eine partielle Sonnenfinsternis in Indien

Zum zweiten Mal in meinem Leben durfte ich eine partielle Sonnenfinsternis miterleben. Ich erinnere mich noch gut an das Großereignis im August 1999. Mit einer spezieller Schutzbrille, die man in der Schweiz überall kaufen konnte, versuchte ich den Mondschatten auf der Sonne zu sehen. Doch das Ganze endete unspektakulär enttäuschend, denn außer einigen Wolken, war am Himmel nichts zu erkennen.

Heute hat sich das eindrückliche Naturphänomen in Südindien wiederholt. In Chennai haben wir eine 84.7-prozentige Sonnenfinsternis erlebt, die im Gesamten 3 Stunden und 11 Minuten gedauert hat. Doch dieses Mal waren wir gänzlich unvorbereitet. Ich wollte zwar im letzten Moment noch Brillen besorgen, aber Prabhu meinte, dass man vielen Brillen nicht trauen kann und er keine bleibenden Augenschäden riskieren möchte. Ich solle das Ereignis einfach am Fernseher beobachten.

Kurz nach 8 Uhr morgens begann die Sonnenfinsternis. Als ich gegen 9 Uhr meine Wäsche auf der Dachterrasse aufhängte, konnte ich nicht widerstehen und warf einen ganz winzigkleinen Blick zur Sonne. Ein schmaler Streifen war bereits verdeckt. Um 9 Uhr war Zeit zum Kochen. Da noch Reste von gestern übrig waren, ging es recht schnell. „Ihr solltet heute nicht vor 12 Uhr essen und vorher ein Bad nehmen.“, meinte mein Schwiegervater wohlwollend. Ich versuchte ihm nett zu erklären, dass ich nicht an solche Dinge glaube.

Manchmal denke ich, dass es wohl kein Land gibt, das so abergläubisch ist wie Indien. Sonnen- und Mondfinsternisse werden in der hinduistischen Mythologie als äußerst ungünstig beschrieben. Die Sonne, die als wichtigste Lebenskraft im Universum verehrt wird, verschwindet während der Sonnenfinsternis und ist ein Omen für alles Böse. Um sich vor den schlechten Energien zu schützen, gibt es eine Fülle an Dingen, die man tun oder eben gar nicht tun sollte. Obwohl die Naturwissenschaftler versuchen, die Menschen aufzuklären, halten sich sehr viele an diese Rituale und Gebräuche.

Was man bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis tun oder auf gar keinen Fall tun sollte:

  1. Während dieser Zeit sollte man keine Poojas (Andachten um Gott zu preisen) durchführen oder gar Götterstatuen oder -bilder berühren. Tempel bleiben während einer Mond- und Sonnenfinsternis geschlossen. Danach werden die Götter gewaschen, um sie zu reinigen und zu beruhigen.
  2. Meditation und das Singen von Mantras während einer Finsternis soll vor bösen Folgen schützen.
  3. Viele kochen und essen während einer Finsternis nichts.
  4. Ganz Abergläubische schlafen während einer Finsternis nicht und vermeiden es aufs Klo zu gehen.
  5. Schwangere gelten als besonders gefährdet. Um das ungeborene Kind zu schützen, sollte eine Schwangere das Haus nicht verlassen.
  6. Nach der Finsternis sollte man ein Bad nehmen und frische, saubere Kleidung anziehen.

Ich habe übrigens die 3 Stunden und 11 Minuten erfolgreich überlebt und das Geschehen teilweise am Fernseher mitverfolgt. Ungeduscht und vor 12 Uhr habe ich auch mein Frühstück gegessen ;-)!

Freitag – der Tag der Göttin Lakshmi

Geldsorgen? Dann ist heute der richtige Tag, um die hinduistische Göttin Lakshmi einzuladen oder wenigstens eine positive Energie für Glück und Geldsegen zu schaffen. Jeden Freitag wird Lakshmi besonders verehrt. Sie ist die Göttin des Wohlstands, des Reichtums und des Glücks. Sie ist die Gefährtin von Vishnu und eine bedeutsame Göttin im Hinduismus. Dargestellt wird sie als schöne, prächtig gekleidete junge Frau – meistens auf einer Lotusblüte sitzend. Zwei weiße Elefanten sind ihre treuen Begleiter. In Darstellungen hat sie meist vier Arme. In zwei Händen trägt sie pinke Lotusblüten, Symbole für die höchste Wirklichkeit, mit den anderen beiden zeigt sie eine segnende und eine trostspendende Handstellung. Eine Goldmünze in der Hand oder sogar ein Goldregen, der aus ihrer Hand fließt, darf natürlich nicht fehlen.

Viele Frauen gehen am Freitag in den Tempel, um zu beten. Die Göttin versinnbildlicht das Bild der treuen, liebenden und gehorsamen Ehefrau, wie sie dem klassischen Ideal im Hinduismus entspricht.

Lakshmi ist immer kurz vor der Dämmerung unterwegs. Um sie einzuladen und willkommen zu heißen, wird das Haus sauber gehalten und bevor es dunkel wird, werden im Haus die Lichter angemacht und die Haustür weit geöffnet.

Freitags werden in der Regel keine größeren Geldausgaben getätigt oder Rechnungen bezahlt. Man versucht, die Lakshmi-Energie im Haus zu behalten.

Nachdem es dunkel geworden ist, wischt eine indische Hausfrau die Böden nicht mehr auf. Man glaubt, dass man so den Wohlstand mit dem Schmutz zusammen regelrecht zum Haus raus wischen würde.

Die Göttin Alakshmi, die Schwester von Lakshmi, versucht man hingegen nicht ins Haus einzuladen. Sie bringt Unglück und Pech. Alakshmi mag es schmutzig und liebt Streitigkeiten. Um zu verhindern, dass sie ins Haus oder ins Geschäft kommt, sieht man oft die Chili-Limetten-Abwehr „Nimbu-Mirchi“.

Da sie scheinbar eine Vorliebe für Scharfes und Saures hat, versucht man sie bereits vor der Haustür zu verköstigen, damit sie ja nicht ins Haus kommt.

Möchtest du gerne mehr über die hinduistische Götterwelt erfahren? Hier bekommst du einen kurzen Überblick:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/11/16/die-kleine-hinduistische-goetterkunde-fuer-indienreisende/

Der böse Blick – über den Aberglauben in Indien

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Im indischen Alltag gehört Religiosität, Spiritualität und Aberglaube stets dazu. Die meisten Rituale sind ins tägliche Leben eingeflochten. Läuft ein Inder oder eine Inderin an einem Tempel vorbei, falten viele schnell die Hände zum Namaste, verweilen einen kurzen Augenblick im Gebet und gehen weiter. In jedem hinduistischen Haushalt gibt es einen Pooja-Raum, wo die meisten Bewohner täglich zur Andacht finden und die Gottheiten mit Früchten, Blumen und Räucherstäbchen verehren.

Doch in Indien glaubt man nicht nur an die vielen Götter und Göttinnen, auch das Böse und Negative ist omnipräsent. Sicher hat sich schon mancher wachsame Reisende gefragt, warum man auf dem indischen Subkontinent so vielen Dämonen begegnet. Die teufelsartigen Dämonenfratzen, die einem immer wieder anstarren, dienen als Abwehr gegen das Böse. Man findet sie an vielen Häusern, aber auch an Autos und Lastwagen. Aufgehängte Schuhe und Steine sind andere Hilfen gegen das Böse. Manchmal entdeckt man alte Kinderschuhe an Autokarosserien oder an Bäumen aufgehängt.

Der böse Blick wird oft mit Neid und Missgunst in Verbindung gebracht und viele glauben, dass dies negative Auswirkungen auf das eigene Leben und Wohlbefinden hat. So werden besonders Babys und Kleinkinder vom „evil Eye“ geschützt. Um das Böse abzulenken, werden den Kindern schwarze, hässliche Augen ins Gesicht gemalt. So trifft der erste, vielleicht negative Blick nicht in die unschuldigen, wehrlosen Kinderaugen.

178