Besuch im Murugan-Tempel in Tirutanni

Seltsame Träume hatten mich vor Wochen heimgesucht. In einer Nacht hatte ich tatsächlich eine Argumentation mit Lord Murugan. Der Sohn Shivas gehört wie sein Vater zur cholerischen Fraktion in der hinduistischen Götterwelt. Beide können schnell zornig werden. So war es auch in meinem Traum. Der göttliche Zorn richtete sich zwar nicht gegen mich, aber ich fand diesen Wutausbruch kleinlich und ziemlich übertrieben. Dies ließ ich den gut aussehenden Gott auch wissen. Ich argumentierte und diskutierte mit ihm. Wow, wie bin ich in meinen Träumen mutig!

Ein paar Nächte später erschien er mir wieder im Traum. Dieses Mal flog sein Transporttier, ein wunderschöner Pfau auf meine Schulter und schmiegte sich an mich. Lord Murugan stand mit seinem Speer daneben und lächelte mich an.

„Lord Murugan ruft mich zu sich“, verkündigte ich am folgenden Morgen. „Ich will ihn endlich in Tirutanni besuchen.“ Mein Mann hatte schnell Einsehen. Gegen solche Träume ist man, oder jedenfalls mein Mann chancenlos.

Eine Woche später fuhren wir also nach Tirutanni. Bereits auf der Hinfahrt schien mich Murugan überall zu begleiten. Ich entdeckte ihn auf Lastwagen, auf Autoscheiben und auf Plakaten. Ich war mir zuvor gar nicht bewusst, dass so viele Geschäfte und Shops Murugan im Namen haben. Murugan Electronics, Murugan Idly, Murugan Store, … Lord Murugan wird in Tamil Nadu, aber auch bei den Tamilen in Sri Lanka, Singapur und Malaysia sehr verehrt. Meistens wird er als Kind oder als schöner Jüngling dargestellt. Man erkennt ihn gut an seinem Vel, seinem Speer, den er immer bei sich trägt.

Der Subramanyaswami Tempel in Tirutanni ist ein wichtiger Pilgerort für die Tamilen. Er gehört zu den Arupadai Veedu, den sechs bedeutsamen Murugan-Tempeln in Tamil Nadu. Jeder dieser Tempel hat einen anderen spirituell-mythischen Hintergrund. Mehrere Legenden und Geschichten umranken den Murugan-Tempel in Tirutanni.

Eine erzählt davon, dass Subramanya (ein anderer Name für Murugan) den Dämonenkönig Sooran in einer langen Schlacht bekämpfte und ihn schließlich tötete. Subramanya war danach immer noch so aufgewühlt und zornig, dass er nach Tirutanni kam. Hier konnte er sich beruhigen, meditieren und inneren Frieden finden. Daher ist dieser Ort auch als Shantipuri (Ort des Friedens) bekannt.

Eine andere Geschichte erzählt davon, dass Lord Murugan in den nahe gelegenen Vallimalai-Hügeln seine zweite Frau Valli geheiratet hatte und sich mit beiden Frauen in Tirutanni niederließ.

Auch die erste Gemahlin Deivanai, die Tochter des Regengottes Indra, bleibt in den Legenden nicht unerwähnt. Als Teil der Mitgift überreichte Indra an Murugan auch seinen Elefanten Iravatham. Doch kaum hatte Indra seinen Elefanten verschenkt, schmälerte sich sein Reichtum. Murugan wollte daraufhin den Elefanten zurückgeben, aber Indra weigerte sich, das Geschenk zurückzunehmen. Stattdessen verlangte er, dass der Elefant in seine Richtung blicken sollte. Auch heute noch blickt eine Elefantenstatue Richtung Osten.

Der Tempel liegt auf einem kleinen Hügel. Es gibt eine Straße, aber viele Pilger gehen den Weg zu Fuß. 365 Treppenstufen führen durch den Wald zum Tempel hinauf. Im Heiligtum ist Murugan mit seinen beiden Gefährtinnen anzutreffen. An Adi Kirthigai, einem Festtag im Juli /August, pilgern Hunderttausende von Gläubigen nach Tirutanni. Sie tragen alle schwere Kavadis (Bürden), die sie Lord Murugan übergeben. Auch der Übergang ins neue Jahr wird in Tirutanni besonders gefeiert. Die 365 Stufen, die zum Tempel hinaufführen, repräsentieren das Jahr und die Pilger beten für ein gutes, neues Jahr.

Leider hatte Lord Murugan nicht nur mich zu sich gerufen. Zugegeben, für indische Verhältnisse waren es wenige Besucher, aber in Coronazeiten sind auch einige schon viel. Vor allem wenn kein Abstand eingehalten wird und keine Masken getragen werden. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl. Als ich dann in Andacht vor dem göttlichen Schrein stand, kehrte ein altes Mütterlein ohne Mundschutz um, um nochmals ihre Gebete innigst kundzutun und dies natürlich grade neben mir. Tja, hinweg war meine Andacht und dieses Mal wurde ich wütend über diese eigentlich entzückende alte, fromme Frau.

Als wir den Tempel verliessen, konnten wir noch einem Schauspiel beiwohnen, das ich bisher nur von Bildern kannte. Eine große Gruppe von Pilgern hatte scheinbar die 365 Stufen erklommen. Mit schweren Bürden waren sie unterwegs. Mehrere trugen schwere Holzgestelle, die mit Pfauenfedern und Blumen wunderschön geschmückt waren. Ein junges Mädchen schien wie in Trance und brach unter der schweren Last fast zusammen. Viele Männer waren mit kleinen Murugan-Speeren gepierct. Diese Art von Frömmigkeit und Glauben befremdete mich sehr.

Mit kleinen Haken in seiner Haut befestigte der hintere Mann all diese Limetten an seinem Körper.

Ich glaube, ich besuche Lord Murugan lieber nochmals in meinen Träumen – definitiv ungepierct und ohne schwere Bürde!

Von Irène in Indien

Seit über 12 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

13 Kommentare

  1. Götter auch in Indien
    kennen keine Moral

    nur das was ein Gott
    über einen Vermittler

    die Götter für gültig
    als Wahrheit
    der Menschheit erklären

    Götter lassen sich
    nicht besprechen

    was durch Ihre Reise
    nach Indien auch
    deutlich geworden ist

    Gefällt 1 Person

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