Sieben Monate zu Hause – Plaudern aus meinem indischen Alltag

Fast sieben Monate sind wir nun zu Hause. Einmal pro Woche gehe ich gemeinsam mit meinem Mann einkaufen und abends drehe ich mit unseren Hunden eine Runde durchs Quartier. Das ist mein einziger Außenkontakt. Wenn wir das Haus verlassen, ist ein Mundschutz selbstverständlich, auch bei 35 Grad tropischen Temperaturen. Dass sich einige Menschen in Europa durch die Maskenpflicht in ihren persönlichen Freiheits- und Demokratierechten eingeschränkt fühlen, kann ich schlicht nicht nachvollziehen.

Hier in Chennai tragen schätzungsweise 80-90 Prozent eine Maske und halten sich somit an die Maskenpflicht. Wobei das richtige Tragen wieder eine andere Sache ist. Oft schaut die Nase raus oder die Maske dient eher dazu, den Hals zu schützen. Ich kann es ja auch verstehen, bei diesem Klima ist es wahrlich eine Herausforderung, vor allem wenn man die Maske lange tragen muss.

In den Supermärkten wird immer noch Fieber gemessen und man muss die Hände desinfizieren. Doch auch hier schleichen sich immer mehr indische Gewohnheiten ein, und vielerorts scheint man es damit nicht mehr so ernst zu nehmen. Klimaanlagen sind in allen Geschäften verboten, da diese die Verbreitung des Virus scheinbar erleichtern.

Qual der Wahl im Supermarkt Santosh

Mein Mann hat schon länger wieder mit Golf angefangen. Erst war nur eine private Range offen, wo man den Abschlag üben konnte, aber jetzt ist der Golfplatz offiziell wieder geöffnet worden. Ich bin echt froh, dass er wieder golfen kann. Dieser Ausgleich ist für ihn sehr wichtig. Auch seine Bauprojekte kommen langsam wieder in Gang und er kann wieder ohne Passierscheine seiner Arbeit nachgehen.

Immer noch sind mein Liebster und ich eifrig am Brändi Dog spielen. Die Covid-Brändi-Dog-Championship ist wohl noch lange nicht vorbei. Ich konnte 12 Siegpunkte wieder aufholen, habe aber heute Morgen leider verloren. Es steht nun 87 zu 86 für meinen Mann.

Unsere Freunde haben Suriyan und ich seit Mitte März nicht mehr gesehen. Einige Klassenkameraden unseres Sohnes haben nun angefangen, sich gegenseitig zu besuchen. Da unser Teenager seine Zeit fast nur noch vor dem Computer verbringt, war ich einverstanden, dass sein Freund N. uns letzten Freitag besuchte. Nur eine Bedingung habe ich gestellt. No Gadgets! Die Mutter von N. war darüber auch froh, denn sie hat die gleichen Probleme. So haben die beiden Brettspiele gespielt und sogar Suriyans Lego-Kiste aus der Versenkung geholt. Wahrscheinlich haben die Jungs einen heimlichen Wettbewerb am Laufen, wer nach Corona die längsten Haare hat. Denn N. und Suriyan hatten definitiv die gleiche Langhaarfrisur 😉.

Die Kids von den Bildschirmen wegzubekommen, ist eine Herausforderung und bereitet den meisten Eltern in unserem Umfeld Sorgen. Am Sonntag ist Suriyan bei einer Schulfreundin eingeladen. Seit langer Zeit wird er wieder mal das Haus verlassen. Irgendwie ein seltsames Gefühl.

Die Schulen sind weiterhin geschlossen. Viele Eltern der höheren Klassen sind besorgt, dass die Kids im Lehrplan nicht mithalten können. Daher plant die Schule für die zehnte bis zwölfte Klasse ab dem 2. November auf freiwilliger Basis zu öffnen. Eine Umfrage zeigt jedoch, dass die wenigsten Eltern im Moment bereit sind, die Kids zu schicken. Bei uns steht die Regenzeit vor der Tür, und dies wird höchstwahrscheinlich die Covid-19-Zahlen noch mehr ansteigen lassen. So bezweifle ich, dass die Schule im November öffnen wird.

Letzte Woche machte ich in unserem Quartier erstaunliche Beobachtungen. Endlich wurden die Müllcontainer ausgewechselt. Diesmal solche, die danach aussehen, als ob sie der indischen Müllabfuhr etwas länger standhalten.

Die neuen Container- nach dry und wet waste getrennt- doch das wird definitiv nicht funktionieren
So sah es vorher aus!

Die Stadt hat Reinigungsarbeiten nun an eine private Firma übergeben. Diese fahren mit Elektro-Tuk-Tuks nun in den Quartieren rum, sammeln eifrig Müll und putzen die Straßen. So sauber war es schon länger nicht mehr! „Neue Besen kehren gut!“, meinte mein Mann misstrauisch, als ich ihm von den Elektrowägelchen mit Mülltrennung vorschwärmte.

Hier wird der Müll getrennt- hoffentlich bleibt es so! 👍

Gestern haben sie auch alle Abflüsse freigemacht und gesäubert, denn der Monsun wird uns wohl bald mit Regen und tieferen Temperaturen beglücken.

In unserem Quartier ist auch ein kleiner Polizeiposten. Der ist nicht rund um die Uhr besetzt, aber immer wieder sind dort auch Polizisten vor Ort. Etwa vor 4 Tagen, als ich die Runde mit unseren Hunden machte, standen mehrere Leute davor. Den Grund dafür erfuhr ich, als ich näher kam, denn aus dem Innern hörte ich die Schläge. Der Posten mit Vorhängen zugemacht, sodass kein Einblick möglich war, kassierte da jemand heftige Prügel. Ein Schauer ging über meinen Rücken. Dies sind so Momente, wo ich echt bedauere, in Indien zu leben.

Ein weiteres trauriges Ereignis begegnete mir auch auf meinem Spaziergang mit den Hunden. Als ich zu unserem Haus zurückkehrte, lag regungslos ein Mann vor unserem Tor. „Ist der tot?“, fragte ich mich erschrocken. Prabhu war nicht zu Hause, also holte ich meinen Schwiegervater zu Hilfe. Der kam, ging kurz hin und meinte: „He’s drunk, just leave him.“ Die Angelegenheit war für ihn damit beendet, aber für mich natürlich nicht. Immer wieder ging ich zum Fenster und schaute nach, ob er sich noch bewegte. Als Prabhu dann nach Hause kam, meinte er, dass er grade davon getorkelt wäre. Dies ist nicht das erste Mal, dass ich solche Szenen erlebe. Da liegen scheinbar leblose Männer am Straßenrand und niemand kümmert sich, niemand ist besorgt und niemand interessiert es, ob die überhaupt noch leben. Dies ist für mich unbegreiflich. Ein Menschenleben scheint hier nichts zu zählen.

Diwali rückt langsam näher, und ich bin schon eifrig am Überlegen, was ich dieses Jahr für Geschenke machen soll. Gestern habe ich einen ersten Versuch mit selbstgemachten Karamel-Bonbons gemacht. Doch dies ging definitiv in die Hosen. Ich weiss auch nicht, woran es lag, habe mich strikt ans Rezept gehalten. Jetzt denke ich über Krachmandeln nach, die ich hübsch in Gläser verpacken möchte. Mal sehen ….

Immer noch lege ich meine Blütenmandalas.

Veröffentlicht von

Irène in Indien

Seit über 11 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

2 Gedanken zu „Sieben Monate zu Hause – Plaudern aus meinem indischen Alltag“

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