Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0

95‘735 Covid-19-Fälle und 1‘172 Todesfälle wurden heute in Indien innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Beides neue Höchstwerte! Inzwischen hat Indien nach den USA die zweithöchste Anzahl an Covid-19-Fällen. Und wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Siegerpodest stehen.

Die Lockerungen schreiten zusehends voran. Inzwischen scheint schon fast alles wieder „normal“ oder eben „back to the new normal“. Viele tragen ihre Masken und viele leider auch nicht. Social Distancing scheint immer noch ein Fremdwort zu sein. Die Menschen wirken müde und vielen ist Covid-19 inzwischen egal. Ich merke es auch bei mir selbst. Nach fast einem halben Jahr ist es einfach genug! Ich versuche mir immer wieder Covid-Auszeiten zu nehmen, denn ständig mag dies niemand hören. Doch dies ist gar nicht so einfach und die Aluhut-Träger aus meiner alten Heimat und aus Deutschland scheinen mir überall zu begegnen und gehen mir unglaublich auf die Nerven. Irgendwie scheinen Verschwörungstheorien salonfähig geworden zu sein.

Inzwischen fahren die Busse wieder. Auch religiöse Stätten, Fitness-Center und auch die Golfplätze (da freut sich mein Liebster) sind wieder geöffnet. Scheinbar sollen sogar die 9. -12. Klässler bald wieder die Schulbank drücken, natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen. Von der Schule unseres Sohnes haben wir diesbezüglich noch nichts vernommen und seit Mitte März ist Online-Learning angesagt. Suriyan sehnt sich nach seinen Freunden und möchte sie gerne treffen. Einige tun dies scheinbar und so erhöht unser Teenager seinen Druck. Ich bin diesbezüglich immer noch unschlüssig. Macht es Sinn, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben, und dann, wenn die Fallzahlen am höchsten sind, Freunde zu treffen?

Regelmäßig kommt eine Frau der Regierung zum Fiebermessen und neu auch zum Messen des Sauerstoffgehalts im Blut vorbei.

Vor einigen Wochen stellten sie in unserer Straße sogar ein Zelt auf, um sich gratis auf Covid-19 testen zu lassen. Wir sind jedoch nicht hingegangen. Eine Erkältung mit Schnupfen und leichtem Fieber legte mich einige Tage flach. Ja, da macht man sich schon seine Gedanken. In eine Corona-Ward zu kommen, wo man keinen Besuch empfangen darf, wäre für mich ein absoluter Albtraum. Da würde ich nur hingehen, wenn es wirklich ganz schlimm wäre.

Die Frau von Prabhus Freund hat dies grade erlebt und gottlob überlebt. Sie musste sich im Spital einen Tumor entfernen lassen und war kurz darauf Covid-19 positiv. Im Spital hat sie sich angesteckt, denn vor dem Eintritt war sie negativ getestet worden. Einige Tage war ihr Zustand sehr kritisch und sie musste beatmet werden. Kurz darauf wurde von der Regierung die Wohnung desinfiziert und das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, wurde als Covid-19-Hotspot gekennzeichnet.

Für mich persönlich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin zu Hause, ab und zu begleite ich meinen Mann zum Einkaufen und mache die Runde mit unseren Hunden. Leider sind die Strände immer noch zu. Ich träume von einem Spaziergang am Strand, aber Geduld ist in Indien wohl immer gefragt.

Die Nachrichten auf den indischen Kanälen drehen sich schon seit Wochen um den verstorbenen Schauspieler Sushant Singh Rajput. Ob er Selbstmord begonnen hat oder ob er ermordet wurde, ist immer noch nicht klar.

Doch heute stehen die 5 neuen Kampfjets Rafale im Zentrum. Stolz präsentiert die Indian Air Force die neuen Flieger. 35 Jets für rund 7.8 Milliarden Euro hat Indien von Frankreich gekauft. Im Gegensatz zum Schweizerländchen, wo Ende September das Volk abstimmt, ob neue Kampfjets angeschafft werden, kann das indische Volk nur stolz zu dieser Entscheidung nicken. Die Jets kommen nicht ungelegen, denn Indien zeigt gerne militärische Stärke. Der Grenzkonflikt mit China ist noch nicht ausgestanden und scheint wieder zu eskalieren.

Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen. Seid herzlich gegrüßt und bleibt gesund!

Veröffentlicht von

Irène in Indien

Seit über 11 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

8 Gedanken zu „Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0“

  1. Liebe Irène,
    Ich druecke ganz fest die Daumen, dass dein Spaziergang am Strand bald Realitaet wird! Deine Bluetenmeditationen finde ich immer ganz zauberhaft. Wenn du anfaengst, ein Mandala zu legen, weisst du dann schon, wie es am Ende aussehen wird? Oder faengst du einfach in der Mitte an und laesst es „geschehen“?
    Viele Gruesse aus Kanada,
    Luisa

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    1. Das Blütenmandala beginnt eigentlich bereits beim Sammeln der Blüten und Blätter. Meistens pflücke ich zuerst die Blüte, die im Zentrum stehen soll und das Weitere ergibt sich von der Fülle, die sich präsentiert. Ganz liebe Grüße nach Kanada 🇨🇦

      Gefällt 2 Personen

  2. Danke Irène für den Bericht. Ich habe Ausgangssperre in Indien erlebt, aber das waren Tage … vielleicht zwei Wochen. Aus politischen oder Sicherheitsgründen. Aber ein halbes Jahr … kaum vorstellbar. Behaltet die Nerven dort!
    Zum Stichwort Aluhut: Wie gestaltet sich das in Indien/Chennai. gibt es da solche Bewegungen? Wie läuft das ab Alles virtuell im Netz? Demos?

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    1. Wir haben inzwischen ja schon länger keine Ausgangssperre mehr. Aber was soll man machen? In die Mall zum Shoppen gehen? Oder in ein Restaurant? Da hat man einfach keine Lust und auch kein Vertrauen. Ja, hier gibt es auch immer wieder Verschwörungstheorien oder Fake News über Corona. Vor allem als es um Heilmittel gegen Corona ging. Von einem homöopathischen Mittel eines Gurus bis über Kuhscheisse und – urin kursierte da einiges. Demos, wie in D gibt es nicht. Viele glauben auch, dass es ein tödliches Virus ist. Aber viele sind inzwischen so verzweifelt und verarmt, dass ihnen das egal ist. Viele Wanderarbeiter sind wieder in die Metropolen zurückgekehrt. Lieber an Corona sterben als an Hunger!

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  3. Ich habe auch von Kollegen aus Mumbai und Bengaluru gehört, dass es den vollen Lockdown so nicht mehr gibt. Mit meinem Bezug zu Ausgangssperre wollte ich nur mitfühlen, wie es ist nicht raus zu dürfen, zu sollen, zu wollen … oder vernünftigerweise drinnen zu bleiben.
    Beim Thema „Demo gegen Corona-Maßnahmen“ wird der krasse Unterschied sichtbar. Hier wurden Menschen aus dem Bundesgebiet mit Bussen nach Berlin gekarrt wurden, um gegen „allesmögliche“ zu demonstrieren, weil sie einen „Verlust“ fühlen und sich mal wieder aus der Hängematte erheben wollen.
    Dazu steht ihnen ausreichend Zeit und Budget zur Verfügung. Den Wanderarbeitern nicht.

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    1. Ja, ich habe das mitbekommen. Manchmal denke ich, dass es für alle sehr wohltuend wäre mal eine gewisse Zeit in einem Schwellen- oder Drittweltland zu leben. Da würden sich wohl einige Sichtweisen verändern und Vieles was vorher wichtig war, würde danach wohlwollend belächelt werden.
      Dir und deiner Family ein gutes Wochenende! LG Irène

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  4. Liebe Irène,
    ich achte deinen Mut, dein Vertrauen und dein Verantwortungsgefühl sehr!
    Namasté ….
    Mehr kann und will ich zu den Zuständen in Indien nicht sagen – denn, obwohl ober gerade weil ich das Leben in Indien kenne, weiß ich, dass so manche der Lebensumstände für uns in unseren nach allen Seiten abgesicherten Landen unvorstellbar sind.

    “ Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen“ – schreibst du. Die News-Auszeit nehme ich mir auch immer wieder, sonst ist es nicht aushaltbar – zumindest für mich.
    Ich habe gerade mein Morgenritual hinter mir – die Kerze vor der Buddhastatue brennt, das Räucherstäbchen verströmt meinen geliebten Sandelholzduft – und ich sitze hier mit meiner Tasse englischen morning tea with milk und schaue hinaus in den Garten …

    Ich bin dankbar, dass meine Lieben und ich gesund sind und das wünsche ich dir und deinen Lieben auch …

    Bei meinen Meditationen tauche ich ein in meinen Meditations-Namen und so unterschreibe ich auch mit
    Ma Prem Chandana

    Gefällt 1 Person

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