Hast du gegessen?

South Indian Thali- dazu wird natürlich noch Reis serviert.

Wenn ich so nebenbei die Telefongespräche meines Mannes mitbekomme, dann muss ich oft schmunzeln. So auch gestern Abend. Der Anfang eines Gespräches, ob am Telefon oder nicht, verläuft eigentlich immer gleich. Nach dem Erkunden, wie es geht, folgt gleich die zweite wichtige Frage: „Hast du gegessen?“

Essen und gegessen haben, ist in Indien etwas sehr Wichtiges. Oft wird danach erzählt, was man gegessen hat oder was man gedenkt zu essen. „Ich hatte drei Dosai mit Sambar und danach noch etwas Rasam-Reis“, erzählt mein Liebster seelenruhig und ohne Motivationseinbuße bereits zum dritten Mal. Führt man einige Telefongespräche, dann ist der Menuplan für die nächsten Tage sicher gestellt.„Suresh hatte Pongal. Das könntest du auch wieder mal kochen!“, versucht mein Mann zu beeinflussen.

Die große Bedeutsamkeit, die dem Essen zufällt, ist für uns Westler manchmal nicht nachzuvollziehen. Da plappern und klagen wir doch lieber übers Wetter.

Doch das Essen ist in Indien auch ein sehr sensibles Thema. Traditionell und religiös bedingt, halten sich viele immer noch an die alten Regeln, die das Kastensystem vorgibt. So würde meine Schwiegermutter beispielsweise in keinem fremden Haus etwas essen. Auch im Restaurant tut sie sich schwer und isst nur, wenn das Essen auf einem Bananenblatt serviert wird. Natürlich betritt sie auch nur „Pure Veg Restaurants“, wo rein vegetarisch gekocht wird. Da hat kein Fleisch, Fisch oder Ei je einen Kochtopf berührt. Sogar zu Hause isst sie in der Regel nur vom Bananenblatt oder von ihrem eigenen persönlichen Teller.

Der Glaube, dass man sich durch Speisen und Getränke von unteren Kasten oder Kastenlosen verunreinigen könnte, ist in manchen Köpfen noch präsent. Für höhere Kasten, die vegetarisch leben, gelten auch Speisen mit Fleisch, Fisch und Eiern als unrein. Ob der Fleischkochtopf oder das Geschirr gereinigt wurde, ändert dabei gar nichts. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Kastenlose, die auch Dalits genannt werden, immer noch diskriminiert. So gibt es an Tee-Ständen oft zwei verschiedene Becher, denn viele wollen sich auch in der heutigen Zeit keinen Becher mit einem Dalit teilen.

In vielen Familien hat aus diesem Grund auch nicht jeder Zugang zur Küche. Viele Maids waschen das schmutzige Geschirr oft draußen auf dem Balkon oder im Hof und dürfen die Küche nicht betreten. Hat man einen Koch dann oft nur, wenn er der gleichen oder einer höheren Kaste angehört. Auf dem Land ist es häufig Brauch, dass menstruierende Frauen die Küche nicht betreten dürfen. Auch sie gelten in dieser Zeit als unrein und würden die Speisen verderben.

In Tamil Nadu überlegt man sich gut, wen man zum Essen einlädt. Hat man in einem Haus gegessen, dann gehört man quasi zur Familie. So gibt es auch den Spruch: „Ich kann nichts gegen diese Familie sagen, ich habe dort gegessen.“

In der Stadt brechen diese alten Strukturen glücklicherweise langsam auf und viele unserer Bekannten sind diesbezüglich weltoffen und modern eingestellt. Findet man kein Gesprächsthema, oder man möchte ein eher mühseliges Gespräch beenden und auf andere Bahnen lenken, dann bietet sich Essen immer an. Die Hausfrau einfach nach dem Rezept fragen und der unverfängliche Small Talk und die Schwärmerei übers Essen, insbesondere über das indische Essen beginnt.

Und ja, ich koche morgen für meinen Liebsten Pongal (breiiger Reis mit Dal und Sambar). Die Liebe geht schließlich durch den Magen!

Hier findest du übrigens unser Pongal-Rezept ;-)!

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/10/pongal-mit-sambar-suedindisches-fruehstueck/

Wie sicher ist Indien?

Sicherheit ist immer ein subjektives, persönliches Empfinden. Wer Indien bereist oder sogar dort lebt, erwartet in der Regel auch nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

In diesem Artikel möchte ich die zwei großen Sicherheitsthemen „Sicherheit als Frau“ und „Straßenverkehr“ ausblenden, denn darüber habe ich schon mehrfach geschrieben und berichtet.

Sicherheit zu Hause und unterwegs

Als ich 2006 das erste Mal nach Indien auswanderte, staunte ich nicht schlecht, denn unser Haus war komplett vergittert. Das fand ich sehr gewöhnungsbedürftig und anfangs fühlte ich mich wie in einem Käfig. Auch unser Haus, in dem wir heute leben, hat vor jedem Fenster und vor jeder Tür ein hässliches Gitter.

Apartment-Häuser, in denen mehrere Parteien leben, haben in der Regel immer einen Watchman, der zum Rechten schaut und jeden Besucher kontrolliert. Oft muss man sich in ein Besucherbuch eintragen.

Ein Trend, der immer mehr aufkommt, ist das Leben in sogenannten Gated Communities. Das sind in sich geschlossene Gemeinschaften, wo jeder sein eigenes Haus oder seine Wohnung hat. Rund um die Uhr sorgen Security-Angestellte für Ordnung und Sicherheit. Inzwischen gibt es riesige Anlagen, wo Hunderte Familien in Hochhäusern leben. In solchen Großanlagen gibt es Spielplätze, ein Klubhaus, Einkaufsläden, Fitnesscenter, Swimmingpool, manchmal gibt es sogar eine eigene Community-Schule.

Nachrichten über Einbruchdiebstähle finden sich leider täglich in den Zeitungen. Oft sind diese auch sehr lukrativ, denn die meisten bewahren Schmuck und Wertsachen zu Hause auf.

Was auch häufig vorkommt, ist das Chain-Snatching. In Indien tragen viele Frauen Goldschmuck. Die Thali, die Hochzeitskette der verheirateten Frau, wird in der Regel nie abgelegt. Diese Goldketten sind wertvoll und so werden Frauen oft gezielt beraubt. Früher waren die Chain-Snatcher vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs, aber inzwischen gibt es auch tagsüber Raubfälle. Diese sind oft nicht harmlos, denn manchmal reißen die Ketten nicht sofort, und es kann zu schlimmen Verletzungen am Hals kommen. Ich trage meine Thali aus diesem Grund kaum mehr und halte mich mit Schmuck auch sonst zurück.

Nachts sind in vielen Quartieren Gorkha unterwegs. Die Vorfahren der Gorkha stammten ursprünglich aus Nepal und waren Soldaten. Viele dienten in der britischen Armee. Heutzutage sorgen sie mit Trillerpfeifen und Stöcken für Sicherheit. Als Lohn für ihre Dienste holen sie sich von Zeit zu Zeit von den Anwohnern kleinere Beträge.

Unterwegs und auf Reisen

Wenn wir in Indien auf Reisen sind, sagt mein Mann noch nach fast 12 Jahren zu mir: „Sei jetzt etwas präsent und pass auf deine Handtasche auf!“ Diese fürsorglichen und unnötigen Hinweise könnte er sich inzwischen sparen, denn ich bin grundsätzlich vorsichtig mit meinen Wertsachen. Wenn wir als Touristen unterwegs sind, trage ich meine Handtasche immer über der Schulter und nehme sie nach vorne.

Indien ist ein überbevölkertes Land und an Menschen mangelt es definitiv nicht. Es gibt hier leider viele, die sich mit schlecht bezahlten Jobs knapp über Wasser halten oder sich mit Betteln oder Taschendiebstahl ihr Überleben zu sichern versuchen. Diese Menschen haben nichts zu verlieren. Vor allem an touristischen Plätzen und im Gedränge treiben Taschendiebe ihr Unwesen. Wie überall auf der Welt sind sie überaus geschickt, organisiert und in Gruppen unterwegs.

Meinem Mann wurde vor Jahren in Tiruvannamalai die Tasche geklaut. Ein netter Mann machte ihn auf einige kleine Geldscheine aufmerksam, die plötzlich vor seinen Füssen am Boden lagen. „Sie haben Geld verloren“, meinte er hilfsbereit. Ein Blick nach unten und seine Tasche, die er kurz auf sein Motorrad gelegt hatte, war weg. Eine kleine Ablenkung genügt den Langfingern, um ihr Handwerk auszuführen.

Der Rat, „präsent zu sein“, kann ich jedem Indienreisenden ans Herz legen. Indien ist für uns oft so überfordernd und chaotisch, dass man sich tatsächlich etwas verlieren kann. Eine gewisse Aufmerksamkeit und Wachsamkeit sollte man stets aufrechterhalten.

Die wichtigsten Sachen wie Pass und Kreditkarte in einem Bauchgurt zu tragen, macht Sinn. Noch wichtiger wird dies, wenn man alleine unterwegs ist und keinen Reise-Buddy oder sogar eine ganze Reisegruppe als Back-up hat. Praktisch ist es, wenn man einige kleine Scheine schnell zur Hand hat, ohne dass man sein Portemonnaie erst mühsam aus der Handtasche oder dem Rucksack kramen muss.

Überrascht wird der Indienreisende über die Sicherheitsvorkehrungen in 5-Sterne-Hotels, Malls und bekannten Tempelanlagen sein. Denn da kommt Flughafen-Feeling auf. Mit Metalldetektoren wird man durchgecheckt und die Handtasche wird durchsucht. Doch wie mein Sohn oft sagt: „Feel safe and be safe sind zweierlei.“ Diese Maßnahmen geben zwar ein Gefühl der Sicherheit, aber um wirkliche Sicherheit zu gewährleisten, ist das Personal eindeutig nicht geschult.

Unvorhersehbare Ereignisse

Indien ist ein riesiger Subkontinent und die Sicherheitslage kann sich durch politische, terroristische Ereignisse schnell ändern. Daher ist wichtig, sich über die laufenden Geschehnisse immer etwas zu informieren.

In diesen Dingen tickt Indien wirklich anders. Schon viele Male habe ich erlebt, dass sich innerhalb von Stunden Situationen völlig verändert haben.

Da braucht nur eine Chiefministerin oder ein Ex-Chiefminister zu sterben und eine riesige Metropole wie Chennai steht still.

Am 8. November 2016 wurde am Abend plötzlich angekündigt, dass ab dem 9. 11. alle 500er und 1000er Rupienscheine ungültig wären. So versuchte Premierminister Modi gegen das viele Schwarzgeld vorzugehen. Diese Entscheidung hatte verheerende Folgen, denn ab sofort herrschte Mangel an Bargeld. Die ATMs waren dauernd leer und wer keine Kreditkarte hatte, war aufgeschmissen. Alte Scheine einzutauschen, wurde zur Tortur, denn man musste sich stundenlang anstellen. Die kleinen Leute traf diese unvorbereitete, meiner Ansicht nach völlig unsinnige Aktion hart. Auch als endlich die neuen 2000er Scheine in Umlauf kamen, gab es kaum Erleichterung, denn niemand hatte für einen 2000er Wechselgeld. Natürlich waren auch Reisende massiv davon betroffen.

Damals waren kleine Scheine Mangelware.

In Indien kochen die Gemüter schnell hoch, und es braucht oft wenig, damit es zu Ausschreitungen und Gewalt kommt. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als zwei politische Parteien, eine davon eine Dalit-Partei, aneinander gerieten. Häuser wurden in Brand gesetzt und darauf mit Gewalt reagiert. Wir fuhren damals nichts ahnend von Pondicherry nach Hause und waren plötzlich Mitten drin. Wütende Massen mit langen Stöcken bewaffnet, blockierten die Straße, stoppten und drohten uns. Angst überkam mich, aber mein Mann blieb ruhig und überlegt. Schließlich ließ man uns unbehelligt weiterfahren. Erst etwas später gestand mir mein Mann, dass er noch niemals so Angst um mich hatte wie damals.

Naturereignisse

Gottlob können die Wetterdienste heftige Niederschläge oder Zyklone heutzutage besser voraussagen. Immer wieder kommt es in ganz Indien zu flutartigen Monsun-Niederschlägen, die in kurzer Zeit alles überfluten. Im Dezember 2015 beispielsweise gab es in Chennai große Überschwemmungen. Sogar die Parterrewohnung meiner Schwiegereltern wurde mit rund 5-8 cm Wasser geflutet, so gesellten sich die beiden für einige Tage zu uns in den ersten Stock. Viele andere, tiefer gelegene Gebiete wurden total überschwemmt und mussten evakuiert werden.

Unsere Straße

Nur ein Jahr darauf fegte der Cyclon Vardah über Chennai hinweg. Er hinterließ Tausende von geknickten Bäumen und Stromleitungen und legte die Metropole innerhalb einiger Stunden lahm. Über eine Woche hatten wir keinen Strom, kein Handy funktionierte, kein Internet- keine Kommunikation mit der Außenwelt.

Auch in unserem Quartier gab es viele umgeknickte Bäume.

Indienreisende sollten die Reisezeit gut wählen und sich informieren. Ist man in der Regenzeit unterwegs, muss man damit rechnen, dass es durch heftige Niederschläge zu Verzögerungen oder Unannehmlichkeiten kommen kann. Wichtig finde ich auch, vor allem, wenn man alleine oder in Kleingruppen und unabhängig von einer Reiseorganisation reist, dass man jemanden regelmäßig über seinen Standort informiert. Große Menschenansammlungen sollte man in der Regel zu seiner eigenen Sicherheit meiden.

Möchtest du mehr zu den Themen „Sicherheit als Frau“ und „Straßenverkehr“ erfahren?

Dann lies hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/07/05/indien-ein-gefaehrliches-land-fuer-frauen/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2018/07/07/alleine-reisen-in-indien/

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/03/17/verkehrsunfaelle-in-indien/

Mein Leben in Chennai, Unlock 4.0

95‘735 Covid-19-Fälle und 1‘172 Todesfälle wurden heute in Indien innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Beides neue Höchstwerte! Inzwischen hat Indien nach den USA die zweithöchste Anzahl an Covid-19-Fällen. Und wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Siegerpodest stehen.

Die Lockerungen schreiten zusehends voran. Inzwischen scheint schon fast alles wieder „normal“ oder eben „back to the new normal“. Viele tragen ihre Masken und viele leider auch nicht. Social Distancing scheint immer noch ein Fremdwort zu sein. Die Menschen wirken müde und vielen ist Covid-19 inzwischen egal. Ich merke es auch bei mir selbst. Nach fast einem halben Jahr ist es einfach genug! Ich versuche mir immer wieder Covid-Auszeiten zu nehmen, denn ständig mag dies niemand hören. Doch dies ist gar nicht so einfach und die Aluhut-Träger aus meiner alten Heimat und aus Deutschland scheinen mir überall zu begegnen und gehen mir unglaublich auf die Nerven. Irgendwie scheinen Verschwörungstheorien salonfähig geworden zu sein.

Inzwischen fahren die Busse wieder. Auch religiöse Stätten, Fitness-Center und auch die Golfplätze (da freut sich mein Liebster) sind wieder geöffnet. Scheinbar sollen sogar die 9. -12. Klässler bald wieder die Schulbank drücken, natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen. Von der Schule unseres Sohnes haben wir diesbezüglich noch nichts vernommen und seit Mitte März ist Online-Learning angesagt. Suriyan sehnt sich nach seinen Freunden und möchte sie gerne treffen. Einige tun dies scheinbar und so erhöht unser Teenager seinen Druck. Ich bin diesbezüglich immer noch unschlüssig. Macht es Sinn, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben, und dann, wenn die Fallzahlen am höchsten sind, Freunde zu treffen?

Regelmäßig kommt eine Frau der Regierung zum Fiebermessen und neu auch zum Messen des Sauerstoffgehalts im Blut vorbei.

Vor einigen Wochen stellten sie in unserer Straße sogar ein Zelt auf, um sich gratis auf Covid-19 testen zu lassen. Wir sind jedoch nicht hingegangen. Eine Erkältung mit Schnupfen und leichtem Fieber legte mich einige Tage flach. Ja, da macht man sich schon seine Gedanken. In eine Corona-Ward zu kommen, wo man keinen Besuch empfangen darf, wäre für mich ein absoluter Albtraum. Da würde ich nur hingehen, wenn es wirklich ganz schlimm wäre.

Die Frau von Prabhus Freund hat dies grade erlebt und gottlob überlebt. Sie musste sich im Spital einen Tumor entfernen lassen und war kurz darauf Covid-19 positiv. Im Spital hat sie sich angesteckt, denn vor dem Eintritt war sie negativ getestet worden. Einige Tage war ihr Zustand sehr kritisch und sie musste beatmet werden. Kurz darauf wurde von der Regierung die Wohnung desinfiziert und das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen, wurde als Covid-19-Hotspot gekennzeichnet.

Für mich persönlich hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin zu Hause, ab und zu begleite ich meinen Mann zum Einkaufen und mache die Runde mit unseren Hunden. Leider sind die Strände immer noch zu. Ich träume von einem Spaziergang am Strand, aber Geduld ist in Indien wohl immer gefragt.

Die Nachrichten auf den indischen Kanälen drehen sich schon seit Wochen um den verstorbenen Schauspieler Sushant Singh Rajput. Ob er Selbstmord begonnen hat oder ob er ermordet wurde, ist immer noch nicht klar.

Doch heute stehen die 5 neuen Kampfjets Rafale im Zentrum. Stolz präsentiert die Indian Air Force die neuen Flieger. 35 Jets für rund 7.8 Milliarden Euro hat Indien von Frankreich gekauft. Im Gegensatz zum Schweizerländchen, wo Ende September das Volk abstimmt, ob neue Kampfjets angeschafft werden, kann das indische Volk nur stolz zu dieser Entscheidung nicken. Die Jets kommen nicht ungelegen, denn Indien zeigt gerne militärische Stärke. Der Grenzkonflikt mit China ist noch nicht ausgestanden und scheint wieder zu eskalieren.

Ich nehme nun wohl wieder eine News-Auszeit und widme mich meinen Liebsten und meinen Blumen. Seid herzlich gegrüßt und bleibt gesund!

„Entweder du liebst oder du hasst Indien!“ Stimmt das?

Diese Aussage hört und liest man von Indienreisenden immer wieder. Indien ist ein Land der Gegensätze, ein Land der Extreme. Wenn es am Straßenrand nach Pisse und Abfall stinkt, riecht es zwei Minuten später verführerisch nach leckeren Samosa oder ein wunderbarer Jasminduft liegt in der Luft.

Die Bettler, die an den Ampeln in schmutzigen Lumpen und mit traurigen Augen an die Autoscheibe klopfen, gehören ebenso dazu wie die vielen Reichen, die sich in Juweliergeschäften mit Goldschmuck eindecken oder sich in Fünfsterne-Hotels vom Buffet Berge auf die Teller schaufeln.

Indien kann durch neuzeitliche Technologien überraschen und gleichzeitig fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt.

Ob man Liebe oder Hass für dieses Land entwickelt, hängt wohl davon ab, was für Erfahrungen und Begegnungen man in Indien macht. Wer beklaut, sexuell belästigt, betrogen oder vielleicht in einen Unfall verwickelt wurde, dem wird es schwerer fallen, Indien etwas Gutes abzugewinnen. Je länger man in Indien unterwegs ist, desto mehr wird man die Licht- und Schattenseiten und die vielen Grauschattierungen entdecken. Für mich ist Indien wie ein riesiger Flickenteppich, indem alles zu finden ist.

Wer nur Liebe für dieses Land empfindet, der reist mit einem engen Röhrenblick herum. Obwohl mir mein neues Heimatland ans Herz gewachsen ist, gibt es tatsächlich viele Dinge, die ich überhaupt nicht mag, die ich in gewisser Weise wirklich hasse. Die Korruption, die vielen Umweltsünden, die Armut, das Patriarchat, das viele Frauen noch heute unterdrückt … ich könnte lange weiterfahren, denn Indien hat viele Baustellen, denen man sich annehmen sollte. Viele Schattenseiten wird der Indienreisende gar nicht bemerken.

Ich habe festgestellt, dass oft spirituell interessierte Touristinnen und Touristen die Tendenz haben, alles mit einer rosa Brille zu sehen. „Die Menschen in Indien sind so nett und herzlich!“ – „Wenn du positiv-denkend unterwegs bist, dann passiert dir nichts und du ziehst ausschließlich Gutes an!“ Auch Ratschläge wie „Geh einfach mit offenem Herzen und lies und informier dich nicht zu sehr. Die Nachrichten über Massenvergewaltigungen sind nur Sensationshascherei und spiegeln die Realität nicht ab. Ich war schon in Indien und mir ist nichts passiert!“

Ehrlich gesagt, bekomme ich bei solchen Aussagen Gänsehaut! Ja, die Menschen sind in der Regel westlichen Touristen gegenüber wohlgesinnt, gastfreundlich und hilfsbereit, aber es gibt eben wie überall auf der Welt auch andere. Eine positive Lebenseinstellung zu haben, ist immer hilfreich, aber in Indien sollte man wenigstens ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand und Realitätsbewusstsein mitbringen. Keine Frage, dass Angst ein schlechter Reisebegleiter ist, aber sich über die Begebenheiten und die kulturellen Unterschiede zu informieren, ist meiner Meinung nach ein Muss und trägt dazu bei, dass man sicher unterwegs ist und vorwiegend gute Reiseerfahrungen machen kann.

Natürlich hängt Hass oder Liebe zum Land auch davon ab, wie man gedenkt zu reisen. Wie heißt es so schön? „Jedem Tierchen sein Pläsierchen!“ Wer einen Putzfimmel hat und bei jeder Kakerlake, die den Abfluss hoch krabbelt, fast einen Herzinfarkt kriegt, der sollte mit Sicherheit nicht mit einem kleinen Budget als Backpacker reisen. Doch Indien hat für alle Reisende etwas zu bieten. Was der hart gesottene Backpacker wahrscheinlich abschätzend mit „India light“ abtun würde, entspricht vielen Touristen, die über etwas mehr Reisebudget verfügen. Der Tourismus im Mittel- und Hochpreis-Leistungssegment nimmt immer mehr zu, und im Vergleich zu Europa oder anderen Destinationen ist der Luxus bezahlbar.

Klar ist, dass der Backpacker und der Tourist mit dem größeren Geldbeutel Indien in einigen Bereichen unterschiedlich erleben werden, obwohl die Reiserouten vielleicht ähnlich oder sogar identisch sind.

Der Werbeslogan Indiens trifft jedoch für jeden Reisenden zu: Icredible India – unglaubliches Indien!

Trinkwasser ist in Indien Luxus

Jahrelang hatte er uns gute Dienste geleistet. Doch nun hat der weiße Kasten seinen Geist aufgegeben. Prabhu telefoniert lange mit dem Kundendienst und entscheidet sich schließlich dazu, einen neuen Water Purifier (Wasserfilter) zu kaufen. Wieder von der Firma Kent, aber das neue Modell mit Digital-Display.

„Hat dich Hema im hellblauen Saree wieder überzeugt?“, spotte ich. Die tamilische Schauspielerin Hema Malini trinkt schon jahrelang genüsslich das Filterwasser von Kent und lächelt dabei glücklich und gesund in die Kamera. Die Sarees wechseln ab und zu, aber immer in Shades of Blue – hygienische, saubere, gesunde Blautöne.

Bis alles geliefert wird, dauert es zwei Tage. Suriyan oder ich tragen in der Zwischenzeit unser Trinkwasser vom Purifier meiner Schwiegereltern im Parterre zu unserer Wohnung im ersten Stock. Jetzt wird ersichtlich, wie viel Trinkwasser wir täglich konsumieren. Es sind rund 15-20 Liter, die wir zum Kochen und Trinken verbrauchen. Der Sohnemann motzt bereits, wenn ich ihn nach unten schicke, und auch ich finde es mühsam.

Wie schön war dies doch in der Schweiz! Den Wasserhahn aufdrehen und sauberes Trinkwasser sprudelt ohne Ende. Trinkwasser zum Duschen, zum Pflanzen gießen, zum Auto waschen- ja, sogar das kleine und große Geschäft wird mit Trinkwasser runtergespült. Was für ein Luxus und eine Verschwendung dies ist, sind sich wohl die wenigsten SchweizerInnen bewusst. Trinkwasserqualität ist in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit.

Hier in Indien ist dies anders. Trinkwasser muss gekauft oder mit einem Wasserfilter aufbereitet werden. Auch das ist Luxus. Die vielen Menschen, die nicht gut betucht sind, holen sich das Wasser in großen Plasikkübeln bei Wasserstellen, die die Stadt zur Verfügung stellt, und schleppen diese in ihr Haus. In Chennai und den meisten Städten Indiens ist der Unterschied zwischen Wasser und Trinkwasser für die Gesundheit durchaus bedeutsam.

Als wir 2006 das erste Mal nach Indien auswanderten, musste dies auch unser Sohn lernen. Beim Planschen und Baden durfte er plötzlich kein Wasser mehr in den Mund nehmen und schlucken. Dies beschäftigte ihn so sehr, dass er mich mal mit einem ernsten Gesichtsausdruck fragte, ob denn in der Wassermelone Trinkwasser drin sei.

Inzwischen ist der neue Purifier übrigens eingetroffen und installiert worden. Natürlich mit Mundschutz und hoffentlich ohne Coronaviren. Neun Liter Wasser werden in einer halben Stunde gefiltert und zu Trinkwasser aufbereitet. Einmal sollte man es ganz durchlaufen lassen, ohne das Wasser zu trinken. Die Schweizerin im Hause befolgt diese Anweisung gleich dreimal. Sicher ist sicher!

Unser neuer Water Purifier mit Digital-Display 😉

Auch hier bleibt einem nichts anderes übrig, als der Firma und der Technik zu vertrauen. Aber wenn sogar Hema Malini das Wasser trinkt, ist alles gut!