Im indischen Lockdown – 30. Juni 2020

Seit dem 19. Juni stehen wir in Chennai wieder unter einem strikten Lockdown. Trotzdem steigen die Covid-19-Fälle weiterhin an. „Highest spike in a day, single biggest spike, …“, ich mag es kaum noch hören.

Heute Morgen liegen die offiziellen Fallzahlen Indiens bei 548‘318 mit 16‘475 Todesfällen. Wie hoch die Zahlen wirklich sind, kann man nur vermuten.

In den letzten 24 Stunden zählte Tamil Nadu 3949 neue Fälle und hat nun 86‘224 Covid-19-Fälle. Gestern folgte die Nachricht, dass der strikte Lockdown in Chennai, Madurai und einigen anderen Distrikten mindestens bis am 5. Juli verlängert wird.

Mein Mann hatte am 2. Juli einen Eintrag auf dem Grundbuchamt geplant, der nun erneut ins Wasser fällt. Seinen Kunden ist wichtig, dass der Eintrag nach Neumond stattfindet, der Mond sollte zunehmend sein. Doch leider richtet sich der Erdtrabant nicht nach unserem strikten Lockdown.

Auch Mumbai und einige andere Bundesstaaten ziehen mit und heben die Lockerungen teilweise wieder auf und wollen wieder zu einem strikten Lockdown zurückkehren. Der Lockdown bedeutet für viele keine Arbeit und vor allem kein Einkommen. Die Pandemie fordert auch im strikten Lockdown seine Opfer und diese leiden in erster Linie nicht an Covid-19.

Hier in Chennai rückt das Virus definitiv näher. Immer mehr vernimmt man durch Freunde und Bekannte von Covid-19-Fällen. Der Fahrer einer Bekannten ist an Covid-19 gestorben, ein Angestellter einer anderen Kollegin liegt mit Beatmungsgerät auf der Intensivstation. Im Gebäude meiner Freundin R. ist ein junger Mann asymptomatisch erkrankt und nun wurde der ganze Gebäudekomplex als Covid-Hotspot erklärt und mit einem Poster gekennzeichnet.

Justice for Jayaraj and Fenix

Diese Tage erschüttert mich jedoch eine Nachricht, die mit Corona eigentlich nichts zu tun hat. Jayaraj und sein Sohn Fenix führten ein kleines Geschäft für Mobilphones in Thoothukudi (Tamil Nadu). Am Abend des 19. Juni gerieten sie an die Polizei, da sie ihren Laden wegen dem Lockdown nicht rechtzeitig geschlossen hatten. Sie wurden auf den nächsten Polizeiposten gebracht. Drei Tage später, am 23. Juni, wurde die Familie darüber in Kenntnis gesetzt, dass die beiden im Kovilpatti Government Spital gestorben sind. Diagnose: Herzversagen und Fieber!

Die Verletzungen der beiden Verstorbenen sprechen jedoch für sich:

  • Ihre Knie waren komplett zerschlagen.
  • Ihre Gesichter wurden gegen eine Wand geschlagen.
  • Ihre nackten Körper waren von Blessuren und Wunden übersäet.
  • Auch Schläge an ihren Genitalien waren sichtbar.
  • Dreimal wurde von der Familie Ersatzwäsche verlangt.

Die unvorstellbaren Qualen und Schmerzen, die die beiden erlitten, können wir uns wohl nicht annähernd vorstellen. Wahrscheinlich ist dies der schlimmste Vorfall von Polizeigewalt und Brutalität in diesem Lockdown. Erschütternd! Im ganzen Land macht sich Empörung und Entsetzen breit. Einige involvierte Polizisten wurden inzwischen vom Dienst suspendiert. Die Untersuchungen laufen auf Hochtouren.

Hoffen wir, dass gegen die Polizisten gerechte Strafen gefällt werden. #Justice for Jayaraj and Fenix!

Spannungen mit China

Die Spannungen mit China nehmen weiter zu. Gestern Abend meldete das Ministerium für Information und Technologie, dass Indien 59 chinesische Apps ab sofort verbietet. Darunter auch die berühmte Videoapp Tiktok.

Heute Morgen berichten die indischen News darüber, dass China 423 Meter in indisches Territorium eingedrungen sei.

Black lives matter

Aus einem indischen Schulbuch aus den 80er Jahren

Die Black-lives-matter-Kampagne hat auch in Indien etwas bewirkt. In Indien gilt weiße oder möglichst helle Haut als Schönheitsideal. Aufhellende Kosmetikprodukte wie „Fair and Lovely“ finden bei Frauen und auch bei Männern Anklang. Die indische Filmindustrie unterstützt dieses Denken im großen Stil. Die Schönen und Guten strahlen hellhäutig von der Kinoleinwand, und die Bösewichte sind oft möglichst dunkelhäutig.

Heiratswillige junge Frauen und Männer werden bei der riesigen, indischen Partnervermittlungsplattform Shaadi.com aufgefordert, ihre Hautfarbe anzugeben. Hetal Lakhani, eine Inderin, die in Texas lebt, hat nun eine Petition ins Leben gerufen, die dieses diskriminierende Vorgehen stoppen will. Große Unterstützung erfährt Lakhani unter anderem von Bollywood-Schauspielerinnen.

Durch den Tod von George Floyd wird das Thema Rassismus weltweit wieder diskutiert. Es wird nun darüber nachgedacht und debattiert, ob die Aussage „Fair and lovely“ rassistisch ist. Fair, not lovely? Was machen solche Aussagen mit uns? Wie prägen sie unser Denken?

Ich habe mich schon länger über diese Produkte empört, aber für die indische Gesellschaft war dies lange Zeit nie wirklich ein Thema. Dies hat sich nun geändert. Die großen Kosmetikfirmen wurden zu einem Umdenken bewegt. L’Oreal beispielsweise will zukünftig auf Wörter wie white-whitening, fair-fairness, light-lightning von all ihren Hautprodukten entfernen. Die Produkte „Fair and lovely“ soll es zwar weiterhin geben, aber das Wort „fair“ soll definitiv von den Verpackungen verschwinden.

Johnson & Johnson geht sogar noch einen Schritt weiter und will zwei aufhellende Produkte vom asiatischen Markt nehmen. „This was never our intension. Healthy skin is beautiful skin!“

Es geht in kleinen Schritten vorwärts …

Back to Lockdown 1.0

Die Covid-19-Fälle in Indien steigen weiterhin rasant an. Fast täglich werden neue Spitzenwerte erreicht. Am schlimmsten trifft es die drei großen Metropolen Mumbai, Delhi und Chennai. Heute Morgen wurden für ganz Indien folgende Zahlen bekannt gegeben:

13‘586 neue Fälle, 380‘532 Fälle, bisher 12‘573 Tote

Ich vermute, dass die Zahlen um einiges höher liegen. Indien hat zwar die Testkapazitäten massiv gesteigert, aber diese reichen immer noch nicht aus.

Ab heute sind wir in Chennai und drei weiteren Distrikten in Tamil Nadu bis am 30. Juni wieder im Lockdown. Nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Tankstellen sind von 6.00 bis 14.00 geöffnet. Der Verkauf von Fleisch ist während des Lockdowns verboten, was uns als Vegetarier nicht betrifft. An den beiden Sonntagen wird ein kompletter Lockdown durchgesetzt werden. Sonntags dürfen nur die Milkshops offenbleiben. In Containment Zones, Zonen mit vielen Covid-19-Fällen, sind auch die Lebensmittelgeschäfte geschlossen und die Leute bekommen das Notwendigste an die Tür geliefert.

Für uns ändert sich dadurch eigentlich nichts. Wir gehen seit 3 Monaten nur für die notwendigsten Dinge nach draußen, ansonsten sind wir zu Hause. Ich hoffe, dass die 12 kommenden Tage die Corona-Ansteckungen tatsächlich bremsen werden. Wird der Lockdown in Chennai von Erfolg gekrönt, dann werden Mumbai und Delhi mit grosser Sicherheit nachziehen.

Gestern habe ich uns noch mit Lebensmittel eingedeckt und war im großen Supermarkt Spencer‘s, der wegen Corona für zwei Wochen gesperrt war. Nach Handdesinfektion und Temperatur messen, konnte ich den Laden betreten. Ich war positiv überrascht über die gut gefüllten Regale. Auch die Non-Food-Abteilungen waren wieder frei zugänglich. In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Engpässen bei bestimmten Produkten.

Einkaufen ist definitiv anstrengender geworden. Ich versuche, möglichst wenig anzufassen, und alle Dinge wasche ich zu Hause gründlich mit warmem Wasser ab. Auch unsere Smartphones, Schlüssel und Türklinken desinfiziere ich häufig. Sogar den Hunden wasche ich nun nach jeder Runde die Pfoten. Manchmal denke ich selbst, dass dies wohl etwas übertrieben ist. Aber die Krankenhausbetten werden knapp und es hat zu wenig Ärzte und Pflegepersonal. Die Vorstellung, ernsthaft krank zu werden, macht langsam Angst. Das Gesundheitssystem in Indien kann diese Pandemie eindeutig nicht stemmen.

In Kashmir und Ladakh kommt es immer wieder zu Spannungen. In Pampore, Kashmir wurden gestern 8 Terroristen, die sich in einer Moschee verschanzt hatten, getötet.

Die schlimmen Vorfälle in der Grenzzone zwischen Indien und China in Ladakh sind immer noch Thema in den indischen Nachrichten. Die 20 getöteten Soldaten wurden mit allen Ehren bestattet. Beide Regierungen machen sich gegenseitig Schuldvorwürfe. China hält sich immer noch bedeckt darüber, wie viele chinesische Soldaten ums Leben gekommen sind. Die Regierung Indiens reagiert sofort mit der Aufforderung, chinesische Produkte zu meiden.

Wenigstens sind sich beide Seiten einig, dass diplomatisch verantwortungsvolle Lösungen gesucht werden müssen.

Covid-19-Koller und Zitronenstreit

Seit meinem letzten Blogartikel war ich nicht mehr draußen. Langsam, aber sicher setzt mir das ewige zu Hause bleiben zu, und die täglichen Nachrichten deprimieren mich zunehmend.

Die Fallzahlen steigen weiterhin an und fast jeden Tag werden neue Spitzenwerte gemeldet. In Mumbai und Delhi sind die Spitalbetten knapp, und es werden Notfallpläne ausgearbeitet.

Indien steht in der weltweiten Pandemie mit 308‘993 Covid-19-Fällen nun an 4. Stelle. Heute Morgen habe ich wieder mal die Nachrichten geschaut. 11‘458 neue Fälle in ganz Indien und bisher 8884 Tote. In Tamil Nadu haben wir 42‘687 Fälle davon 30‘444 in Chennai. 1989 Fälle wurden in Tamil Nadu in den letzten 24 Stunden gemeldet.

Nachdem Indien und China lange diplomatische Verhandlungen über die Grenzzone in Ladakh geführt haben, wurde scheinbar ein friedlicher Konsens gefunden. Doch kaum ein Disput beigelegt, folgt bereits der nächste. Nepal erhebt Ansprüche auf indisches Territorium. Indien blockt diese kurz und bündig ab und meint nur, dies sei historisch nicht zu begründen.

Ich hingegen streite mich heute Morgen mit meinem Schwiegervater, ob die drei Limetten, die ich auspressen soll, noch gut sind. Ich bin ja nicht pingelig, aber diese bereits braunen Limetten sind wirklich verdorben. (Ein Beweisfoto zu schießen, habe ich mich dann jedoch nicht getraut.) Mein Schwiegervater schnaubt ärgerlich und meint, dass wir ja nur den Saft brauchen. Seiner Meinung nach bin ich sowieso eine Verschwenderin. Schließlich schneide ich die Limetten auf und lasse ihn daran riechen. Tatsächlich gibt er darauf klein bei und klaubt zwei gelbe, frische Limetten aus dem Kühlschrank und überreicht sie mir. 1:0 for Switzerland!

Die verdorbenen Limetten hingegen stellt er auf die Seite und schmeißt sie nicht in den Abfalleimer. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, denke ich für mich.

Ich presse den Saft aus. Nach indischer Weise drehe ich die Schale um, sodass ja kein Tropfen verloren geht und lege die Schalen zur Seite.

Wieder wird mein Schwiegervater ärgerlich und meint, ich müsste die Schalen noch in Wasser auspressen, dieses Wasser könne man auch noch brauchen …

Schweizerisches Verschwendertum gegen indische Sparsamkeit!

Ich würde mich selbst ja auch nicht als verschwenderisch bezeichnen und habe mich hier in vielen Dingen sehr angepasst, aber gegen meine Schwiegereltern komme ich definitiv nicht an. Da wird jeder Paisa zweimal umgedreht und jeder Milchbeutel zweimal mit Wasser ausgewaschen, um ja keinen Tropfen Milch zu verschwenden. Gottlob ist mein Göttergatte in diesen Dingen großzügiger, ansonsten hätte ich wohl schon lange das Weite gesucht.

Nun hoffe ich, dass meinem Mann das Zitronen-Ingwer-Rasam* auch schmeckt. Ich jedenfalls werde es nicht kosten – ich mag kein Rasam.

*Rasam ist eine scharfe Pfeffersauce, die hier in Tamil Nadu zum Mittagessen stets dazugehört.