10 Jahre in Indien – Gedanken und Rückblick

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Wenn Menschen aus der Schweiz oder aus Deutschland erfahren, dass ich in Indien lebe, dann bekomme ich meistens mitleidige Blicke. Mit mitfühlender Stimme höre ich sie sagen: „ Oh, das ist sicherlich nicht einfach! In Indien könnte ich nie leben.“

Wenn Menschen aus Indien erfahren, dass ich aus der Schweiz stamme, dann bekomme ich interessierte, aber auch erstaunte Blicke. „Wie schaffst du es, in Indien zu leben? Ist dies nicht schwierig? Wie gefällt es dir hier? Die Schweiz ist doch so schön! Wann gehst du zurück?“

Seit Ende Dezember lebe ich insgesamt nun 10 Jahre in Chennai. Indien ist meine neue Heimat geworden und ich komme inzwischen sehr gut zurecht. Ich brauche kein Mitleid, denn ich leide hier nicht und es mangelt mir an nichts. Klar vermisse ich ab und zu meine alte Heimat, klar jammere ich während der Hitzemonate über das schier unerträgliche Klima. Natürlich gibt es auch in meinem indischen Alltag Hochs und Tiefs. Doch mein Leben ist hier so privilegiert, dass ich keinen Grund zum Klagen habe. Im Gegenteil – ich lebe hier weitgehend stressfrei und habe Zeit.

Ich kann es mir leisten meine Wäsche auswärts bügeln zu lassen, ich habe Sundari, die mir beim Putzen zur Hand geht, ich kann mir jeder Zeit einen Fahrer bestellen, um mich chauffieren zu lassen, und wir sind in der glücklichen Lage, Suriyan auf eine gute internationale Schule zu schicken. Einen Luxus, den wir uns in meiner alten Heimat niemals leisten könnten!

Indien hat meinen Horizont und meine Sichtweisen sehr verändert und erweitert. Vieles sehe ich nun mit ganz anderen Augen und viele Dinge habe ich erst hier richtig zu schätzen gelernt. Selbstverständlich ist hier nicht alles goldig und toll. Indien hat große Schattenseiten. Armut, Umweltverschmutzung, Korruption, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Überbevölkerung sind ständig präsent und oft ist es nicht einfach, diese Missstände auszuhalten. Doch wahrscheinlich ist der riesige Subkontinent genau aus diesem Grund so faszinierend und unglaublich. Es fällt wohl leichter das Licht, das Schöne zu sehen und zu entdecken, wenn es viel Schatten gibt.

Viele spirituell Suchende kommen nach Indien und praktizieren Yoga, meditieren, besuchen Ashrams und hoffen, Antworten von ihren Gurus zu bekommen. Sie scheinen auf der Suche nach dem Fehlenden, nach dem Sinn in ihren oft sehr gestressten Leben. Eines ist in Indien sicher, es entstresst und verlangsamt unseren Alltag. Wer hier gedenkt mit gleicher Geschwindigkeit weiterzumachen wie in der westlichen Welt, der wird seinen Albtraum erleben und wohl nie wieder zurückkehren. Wer hingegen versucht, mit Geduld und Gelassenheit auf oft widerliche und schwierige Umstände zu reagieren, der wird Indien faszinierend finden und in seinen Bann gezogen werden, der wird es vielleicht sogar lieben. Ich denke, erst wenn dies gelingt, kann man in diesem Land das Wunderbare und Schöne richtig entdecken.

Ich behaupte, dass ich heute ein dankbarer Mensch bin und mich auch über kleine Dinge freuen kann. Auch bezüglich Geduld war und ist mir Bharat Mata (Mutter Indien) eine gute Lehrmeisterin. Wenn nicht heute, dann halt morgen oder übermorgen. Man hat Zeit zum Warten, man muss sich notgedrungen immer wieder in Geduld üben. Vieles erscheint im Lande Gandhis nicht mehr ganz so wichtig und dringend. Man wird oft auf sich selbst zurückgeworfen, es wird einem der Spiegel vorgehalten und man wird mehr mit den eigenen Schattenseiten, den eigenen Grenzen konfrontiert.

Bevor ich meinen Liebsten kennenlernte, habe auch ich in Indien nach Antworten gesucht. Ich war überzeugt, dass Sathya Sai Baba ein Heiliger war, habe mehrmals seinen Ashram in Puttaparthi besucht. Doch auch hier entdeckte ich beim genauen Hinsehen große Schatten. Wo Licht ist, findet man Schatten. Das ist und bleibt einfach ein Universalgesetz. Auch diesbezüglich hat sich mein Denken komplett verändert. Meiner Meinung nach braucht man keinen Meister, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Beziehungen und unsere Leben sorgen von ganz alleine dafür, dass wir uns mehr oder weniger verändern. Alles liegt in uns selbst, und wir sind die Gestalter unseres Lebens.

Wenn ich das aktuelle Geschehen in der Schweiz mitverfolge, kann ich oft nicht mehr nachvollziehen, warum die Schweizer vieles so aufregt und beschäftigt. Manchmal kann ich mir das Jammern auf allerhöchstem Niveau nicht mehr anhören.

Die Schweiz ist so ein kleines Land. Indien ist fast 80-mal größer! Oft habe ich das Gefühl, dass das große Ganze vergessen geht, dass trotz Globalisierung gar nicht wahrgenommen wird.

Inzwischen mag ich mein Leben hier. Das war jedoch nicht immer so. Es hat mich viel Zeit und Geduld gekostet, um mich hier einzuleben, mich mit den Umständen zu arrangieren. Anfangs stand mir das ständige Vergleichen mit der Schweiz im Wege. „Das ist in der Schweiz schöner! Das ist in der Schweiz besser! Die Schweizer sind zuverlässiger, pünktlicher, organisierter, fleißiger,…“ Ich könnte die Liste endlos weiterführen! Jetzt habe ich das ständige Vergleichen weitgehend überwunden. Es bringt nämlich überhaupt nichts, sondern macht nur unglücklich und unzufrieden. Das Leben hier ist einfach anders!

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Veröffentlicht von

Irène in Indien

Seit über neun Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

10 Gedanken zu „10 Jahre in Indien – Gedanken und Rückblick“

  1. Was du über deine Akklimatisierung schreibst klingt ermutigend und deprimiert mich gleichzeitig…
    Ich muss seit 13 Jahren in Bayern leben (ich bin Exil-Hessin) – nicht falsch verstehen, es ist gar nicht so, dass es hier nicht schön wäre – es ist nur schlicht und einfach nicht mein zu Hause…
    Deine offenbar willentlich eingegangene Bereitschaft dich einzulassen, bin ich nicht in der Lage aufzubringen…
    Vielleicht wäre es tatsächlich leichter wenn Ich mich auch im Ausland anpassen müsste…
    Ich weiß es nicht aber es ist schön zu lesen, dass es dir gelingt!

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      1. Das habe ich mich auch schon gefragt. Rein vom geschichtlichen Hintergrund kann ich dies auch nicht verstehen. Aber auch in den indischen Köpfen findest du Rassismus. Je heller, desto besser und schöner. Sehr dunkle Haut kommt nicht gut an. In Indien meint man Weiße seien ehrlich 😉. Als Weiße wird man mit Respekt und oft bevorzugt behandelt.

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  2. Das Internet hat meinen Kommentar gefressen 😭
    Ich schrieb, dass ich dein sich einlassen können einerseits ermutigend und andererseits deprimierend finde…
    Ich muss jetzt seit 13 Jahren in Bayern leben (ich bin Exil-Hessin), dass soll bitte keiner falsch verstehen, es ist nicht so, dass es hier nicht schön wäre, nur ist es einfach nicht mein zu Hause.
    Es wäre vielleicht einfacher sich wirklich zu akklimatisieren, wenn ich tatsächlich im Ausland wäre, dann müsste ich die Sprache lernen und irgendwie klar kommen…
    Ich finde es toll, dass es dir (zumindest größtenteils) gelingt, vielleicht spielt auch noch die Freiwilligkeit woanders hin zu gehen eine Rolle, die war bei mir auch nicht gegeben…

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    1. Dein erster Kommentar ist da 😉! Danke für deinen lieben Kommentar. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bayern etwas ticken wie die Schweizer. Expats, die in der CH leben, sagen oft, dass es sehr schwierig sei Freundschaften aufzubauen.

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  3. Ich bewundere deine Gelassenheit! Ich muss gestehen, dass mich im Auslandsurlaub gerade die oft vorherrschende Unpünktlichkeit sehr grummelig werden lässt. 🙂
    Beim nächsten Mal denke ich einfach an deinen Beitrag und versuche es mit mehr Gelassenheit zu nehmen!

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