Blumen auf dem letzten Weg – über den Tod

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Als ich in der Schweiz lebte, kam ich mit dem Thema Tod eigentlich selten in Berührung. Erst im jungen Erwachsenenalter sah ich einen toten Menschen, meinen Grossvater. Es war ein beängstigendes Gefühl diesen nun seelenlosen Körper zu sehen, und endgültig Abschied zu nehmen.

In der westlichen Welt ist der Tod und das Sterben ein grosses Tabuthema. Obwohl wir alle einmal gehen müssen und uns das Sterben und der Tod gewiss ist, sprechen die wenigsten darüber. Die Toten verschwinden schnell, leise und diskret in Särgen, grauen Leichenwagen und Aufbahrungshallen. Der Tod fällt nicht auf, er ist ganz leise und bescheiden. Erst wenn die Todesanzeige im Briefkasten liegt oder wir die Anzeige in der Zeitung lesen, realisieren wir, dass jemand von dieser Erde gegangen ist.

Hier in Chennai ist dies ganz anders. Bei den Hindus ist der Tod sichtbar und laut. Auch wenn man die verstorbene Person nicht gekannt hat, kommt man nicht darum herum den Tod zu sehen und wahrzunehmen.

Wenn in Indien jemand stirbt, findet sich die ganze Trauergemeinde am Wohnort des Verstorbenen ein. Meistens wird vor dem Haus ein Stoffzelt aufgebaut und viele Stühle werden arrangiert. Der Verstorbene wird aufgebahrt und alle nehmen Abschied und bringen Blumengirlanden. Es ist sehr wichtig, dass man den Körper nochmals sehen kann, um sich zu verabschieden und um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Durch das tropische Klima bedingt, geht es meistens schnell zum Krematorium. Auf einem Wagen wird der tote Mensch für alle sichtbar aufgebahrt und im Schritttempo zur nächsten Verbrennungsanlage gezogen oder gefahren. Hier im Süden gehen nur die Männer zum Krematorium. Je nach Kastenzugehörigkeit wird wild getanzt, getrommelt, Böller werden losgelassen und die Blumen der vielen Girlanden werden auf die Strasse gestreut. Manchmal geht es auch etwas ruhiger zu und man hört nur ein Muschelhorn.

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Am Verbrennungsort werden die letzten Rituale durchgeführt. In der Regel entzündet der älteste Sohn das Feuer für den Vater und der jüngste Sohn für die Mutter. Nach neun oder fünfzehn Tagen kommt die ganze Trauergemeinschaft nochmals zusammen um endgültig Abschied zu nehmen und bestimmte Rituale auszuführen.

An jedem Todestag wird dem Verstorbenen gedacht, man kocht seine Lieblingsspeise und führt eine Pooja durch. Da die Krähen als Boten zwischen der dies- und jenseitigen Welt angesehen werden, bekommen sie immer einen Leckerbissen davon ab.

Hier in Indien erlebe ich den Tod also immer wieder ganz nah, sehe die Toten auf dem Weg ins Krematorium, höre die Trommeln, die Böller, bemerke die gestreuten Blumen auf der Strasse, … und doch bin ich bis jetzt auch hier verschont geblieben und habe keine nahestehende Person verloren. Trotzdem wird einem die eigene Endlichkeit immer wieder präsent und ich habe mir auch schon überlegt, wie dies bei mir wohl sein wird, falls ich in Indien sterbe.

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Veröffentlicht von

Irène in Indien

Seit über neun Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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