Hochzeit in Indien – arrangiert in die Ehe

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Ehen werden in Indien arrangiert. In den Städten kommt es zwar immer häufiger zu Love Marriages, aber die meisten Ehen werden immer noch von den Eltern angestiftet. Sonntags sind die Zeitungen voll mit Anzeigen von heiratswilligen Frauen und Männern. Wer mit möglichst guten Karten dastehen will, hat ein reiches Elternhaus, eine möglichst helle Haut, eine gute Ausbildung und noch besser Aussichten auf einen gut bezahlten Job im Ausland. Viele junge Frauen und Männer verwenden aufhellende Hautcremes, um dem Schönheitsideal der hellen Haut zu entsprechen, und die moderne junge Frau trägt auf dem Motorrad lange Baumwollhandschuhe und verhüllt ihr Gesicht damit ihre Hände, Arme und Gesicht nicht von der Sonne gebräunt werden. Viele Westler dagegen legen sich trotz der gefährlichen UV-Strahlen an die Sonne oder gehen ins Solarium, um nicht wie Weichkäse auszusehen! Es scheint immer das attraktiv und schön zu sein, was von der Natur aus nicht so gedacht ist.

Obwohl das Kastensystem eigentlich als aufgelöst gilt, heiratet man immer noch in der gleichen Kaste. Praktisch sind die Inserate nach Religion und Kaste gegliedert, sodass man nicht lange suchen muss. Heutzutage werden natürlich auch moderne Medien wie  Dating Apps und spezialisierte Webseiten für die Wahl des zukünftigen Ehepartners genutzt. Die Firma Bharat Matrimony hat sich als Ehekuppler spezialisiert und ist in allen Medien stets präsent. Auch Dating wird angeboten. Die Interessierten bewerben sich und werden danach zum großen Dating-Anlass geladen. Begleitet von den Eltern, natürlich mit der Horoskopzeichnung unter dem Arm, versucht man an den entsprechenden „Kastentischen“, die von der Firma hergerichtet wurden, den passenden Ehepartner zu finden. Wenn beide Parteien interessiert sind, geht es los. Die Horoskope werden von einem Astrologen gesichtet, verglichen und bewertet. Wenn die Sterne in der richtigen Konstellation stehen, dann werden die zukünftigen Eheleute und ihre Familien unter die Lupe genommen. Erkundigungen werden angestellt, gegenseitige Besuche finden statt, Verhandlungsgespräche werden aufgenommen …

Wenn alles passt, kommt es zur genauen Planung der Verlobungs- und schließlich zur Hochzeitsfeier.

Obwohl die Mitgift eigentlich verboten ist, beginnt mit der Geburt eines Mädchens das Sparen. Von der Seite der Braut werden nicht selten Hochzeitsgaben in der Höhe von mehreren Jahreseinkommen erwartet. Das dies für viele Familien, vor allem wenn mehrere Mädchen vorhanden sind, eine große finanzielle Belastung darstellt, liegt auf der Hand. Dazu kommt, dass die Tochter nach der Heirat das Elternhaus verlässt und in der Regel bei den Schwiegereltern lebt. Ein Sohn dagegen bleibt und ist für die Altersvorsorge der Eltern verantwortlich.

Die Bestimmung des Geschlechts durch Ultraschall ist in Indien inzwischen zwar streng verboten und unter hohe Strafen gestellt, trotzdem werden immer noch viele weibliche Föten illegal abgetrieben und in ländlichen Regionen scheiden viele weibliche Säuglinge nach der Geburt durch „Unfälle“ aus dem Leben.

Der Männerüberschuss ist in Indien bereits deutlich spürbar und auf 1000 Männer kommen noch 924 Frauen (Statistik 2015). In den nördlichen Bundesstaaten ist der Frauenmangel viel akuter als im Süden. In Haryana kommen laut der letzten Volkszählung im Jahr 2011 nur 877 Frauen auf 1000 Männer. Hier in Tamil Nadu ist das Verhältnis ziemlich ausgeglichen. Dazu beigetragen hat sicherlich auch ein Programm, das bedürftige Familien bei der Geburt eines Mädchens mit finanziellen Beträgen unterstützt. Als einmalige Spareinlage bekommt eine arme Familie mit einem Mädchen 22.000 Rupien, bei zwei Mädchen für jedes 15.200 Rupien. Dazu kommen monatlich 150 Rupien für Ausbildungskosten ab dem fünften Lebensjahr und wenn das Mädchen heiratet, bekommt es noch nochmals 25.000 – 50.000 Indische Rupien und vier Gramm Gold.

Ich wünsche mir sehr, dass durch den Frauenmangel in Indien Veränderungen möglich werden. Das Kastenwesen und das vorherrschende Patriarchat sollten dringend erneuert und gelockert werden. Doch letztendlich sind es immer die Menschen und ihre Denkweisen, die Veränderungen zu lassen oder an alten Mustern festhalten. Ich befürchte, dass dies wohl noch längere Zeit dauern wird.

Veröffentlicht von

Irène in Indien

Seit über 11 Jahren lebe ich nun bereits mit meiner Familie in Chennai, meiner neuen Heimat.

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