Valentin lässt grüssen – aus meinem Tagebuch vom 14. Februar 2007

Valentinstag

Die Valentins-Tradition schwappt auch nach Indien über, schließlich ist man modern, aufstrebend und wo Inder ein gutes Geschäft wittern, sprich Geld riechen, da werden alle Register gezogen.

Bereits Tage vor dem 14. Februar sind die Zeitungen mit Werbeinseraten überfüllt, es wird geworben, dass sich die Balken biegen. Schmuck, Restaurants, Kleidergeschäfte, Reiseangebote, Events, … es nimmt kein Ende.

Mein Mann lässt sich von dieser Werbung leider nicht inspirieren. Die Fachtipps vom Profi im Valentine’s Special, einer Beilage unserer Wochenzeitung, lassen ihn kalt. Er findet solche Tage einfach „*Chabis“. Tja, so muss ich wohl oder übel auf den vom Valentins-Fachmann empfohlenen I-Pod, das romantische Wochenende in Malaysia und auf das neue Handy verzichten. Eigentlich teile ich ja die Meinung meines Liebsten und finde den Tag der Liebenden vor allem  eine Geschäftemacherei.

Trotzdem habe ich am Vortag bei Prabhu zur Sicherheit – unter Androhung eines Heimweh-Heulanfalls – Blumen bestellt. Es ist nicht so, dass ich nie Blumen bekomme, aber am Valentinstag ist dies quasi obligatorisch.

Es hat tatsächlich geklappt und ich bekam einen Strauss mit roten Rosen ;-)!

Am Abend hat er mich, d. h. uns, sogar zum Essen ausgeführt. Eigentlich wollten wir in unser Stammrestaurant in der Nähe, aber als ich unseren Sohn auf dem Weg fragte, was er denn essen möchte und ihm die ganze indische Palette schmackhaft machte, meinte er nur: „Pizza ässe!“. Der liebende Vater fuhr umgehend in der Pizza Hut, wo wir wegen Valentinsandrang etwa eine Viertelstunde warten mussten, bis wir einen Tisch bekamen.

Die Pizza schmeckte lecker und die vielen roten Herzballons mit der Aufschrift „I love you“, die uns überall entgegen leuchteten, stimmten unglaublich romantisch, oder eben auch nicht….

*Chabis bedeutet eigentlich Kohl. Im berndeutschen Sprachgebrauch wird es oft verwendet, wenn man etwas doof oder unsinnig findet.

 

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10 Jahre in Indien – Gedanken und Rückblick

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Wenn Menschen aus der Schweiz oder aus Deutschland erfahren, dass ich in Indien lebe, dann bekomme ich meistens mitleidige Blicke. Mit mitfühlender Stimme höre ich sie sagen: „ Oh, das ist sicherlich nicht einfach! In Indien könnte ich nie leben.“

Wenn Menschen aus Indien erfahren, dass ich aus der Schweiz stamme, dann bekomme ich interessierte, aber auch erstaunte Blicke. „Wie schaffst du es, in Indien zu leben? Ist dies nicht schwierig? Wie gefällt es dir hier? Die Schweiz ist doch so schön! Wann gehst du zurück?“

Seit Ende Dezember lebe ich insgesamt nun 10 Jahre in Chennai. Indien ist meine neue Heimat geworden und ich komme inzwischen sehr gut zurecht. Ich brauche kein Mitleid, denn ich leide hier nicht und es mangelt mir an nichts. Klar vermisse ich ab und zu meine alte Heimat, klar jammere ich während der Hitzemonate über das schier unerträgliche Klima. Natürlich gibt es auch in meinem indischen Alltag Hochs und Tiefs. Doch mein Leben ist hier so privilegiert, dass ich keinen Grund zum Klagen habe. Im Gegenteil – ich lebe hier weitgehend stressfrei und habe Zeit.

Ich kann es mir leisten meine Wäsche auswärts bügeln zu lassen, ich habe Sundari, die mir beim Putzen zur Hand geht, ich kann mir jeder Zeit einen Fahrer bestellen, um mich chauffieren zu lassen, und wir sind in der glücklichen Lage, Suriyan auf eine gute internationale Schule zu schicken. Einen Luxus, den wir uns in meiner alten Heimat niemals leisten könnten!

Indien hat meinen Horizont und meine Sichtweisen sehr verändert und erweitert. Vieles sehe ich nun mit ganz anderen Augen und viele Dinge habe ich erst hier richtig zu schätzen gelernt. Selbstverständlich ist hier nicht alles goldig und toll. Indien hat große Schattenseiten. Armut, Umweltverschmutzung, Korruption, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Überbevölkerung sind ständig präsent und oft ist es nicht einfach, diese Missstände auszuhalten. Doch wahrscheinlich ist der riesige Subkontinent genau aus diesem Grund so faszinierend und unglaublich. Es fällt wohl leichter das Licht, das Schöne zu sehen und zu entdecken, wenn es viel Schatten gibt.

Viele spirituell Suchende kommen nach Indien und praktizieren Yoga, meditieren, besuchen Ashrams und hoffen, Antworten von ihren Gurus zu bekommen. Sie scheinen auf der Suche nach dem Fehlenden, nach dem Sinn in ihren oft sehr gestressten Leben. Eines ist in Indien sicher, es entstresst und verlangsamt unseren Alltag. Wer hier gedenkt mit gleicher Geschwindigkeit weiterzumachen wie in der westlichen Welt, der wird seinen Albtraum erleben und wohl nie wieder zurückkehren. Wer hingegen versucht, mit Geduld und Gelassenheit auf oft widerliche und schwierige Umstände zu reagieren, der wird Indien faszinierend finden und in seinen Bann gezogen werden, der wird es vielleicht sogar lieben. Ich denke, erst wenn dies gelingt, kann man in diesem Land das Wunderbare und Schöne richtig entdecken.

Ich behaupte, dass ich heute ein dankbarer Mensch bin und mich auch über kleine Dinge freuen kann. Auch bezüglich Geduld war und ist mir Bharat Mata (Mutter Indien) eine gute Lehrmeisterin. Wenn nicht heute, dann halt morgen oder übermorgen. Man hat Zeit zum Warten, man muss sich notgedrungen immer wieder in Geduld üben. Vieles erscheint im Lande Gandhis nicht mehr ganz so wichtig und dringend. Man wird oft auf sich selbst zurückgeworfen, es wird einem der Spiegel vorgehalten und man wird mehr mit den eigenen Schattenseiten, den eigenen Grenzen konfrontiert.

Bevor ich meinen Liebsten kennenlernte, habe auch ich in Indien nach Antworten gesucht. Ich war überzeugt, dass Sathya Sai Baba ein Heiliger war, habe mehrmals seinen Ashram in Puttaparthi besucht. Doch auch hier entdeckte ich beim genauen Hinsehen große Schatten. Wo Licht ist, findet man Schatten. Das ist und bleibt einfach ein Universalgesetz. Auch diesbezüglich hat sich mein Denken komplett verändert. Meiner Meinung nach braucht man keinen Meister, um sich weiterzuentwickeln. Unsere Beziehungen und unsere Leben sorgen von ganz alleine dafür, dass wir uns mehr oder weniger verändern. Alles liegt in uns selbst, und wir sind die Gestalter unseres Lebens.

Wenn ich das aktuelle Geschehen in der Schweiz mitverfolge, kann ich oft nicht mehr nachvollziehen, warum die Schweizer vieles so aufregt und beschäftigt. Manchmal kann ich mir das Jammern auf allerhöchstem Niveau nicht mehr anhören.

Die Schweiz ist so ein kleines Land. Indien ist fast 80-mal größer! Oft habe ich das Gefühl, dass das große Ganze vergessen geht, dass trotz Globalisierung gar nicht wahrgenommen wird.

Inzwischen mag ich mein Leben hier. Das war jedoch nicht immer so. Es hat mich viel Zeit und Geduld gekostet, um mich hier einzuleben, mich mit den Umständen zu arrangieren. Anfangs stand mir das ständige Vergleichen mit der Schweiz im Wege. „Das ist in der Schweiz schöner! Das ist in der Schweiz besser! Die Schweizer sind zuverlässiger, pünktlicher, organisierter, fleißiger,…“ Ich könnte die Liste endlos weiterführen! Jetzt habe ich das ständige Vergleichen weitgehend überwunden. Es bringt nämlich überhaupt nichts, sondern macht nur unglücklich und unzufrieden. Das Leben hier ist einfach anders!

Attari-Wagah-Border

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Nach rund 45 Minuten Autofahrt erreichten wir von Amritsar aus den berühmten Grenzort Attari. Kurz vor der Ankunft wurden uns mehrmals Indienflaggen und Indien-Caps zum Verkauf angeboten. Als wir den riesigen Parkplatz erreichten, wurde sofort klar, dass wir nicht die Einzigen sein sollten, die das militärische Spektakel an der Grenze zu Pakistan besuchten. Kaum ausgestiegen, bemalte ein junger Mann bereits Suriyans Hand mit der Indienflagge und auch unsere indischen Freunde waren bemalt und hatten, ganz patriotisch, Caps und Fahnen gekauft.

Unsere Taschen mussten wir im Auto zurücklassen, denn diese darf man nicht mitnehmen. Nur das Handy und das Portemonnaie hatte ich in der Jackentasche dabei. In geschlechtsgetrennten Reihen passierten wir die strengen Sicherheitskontrollen. Vor mir wurde eine junge Frau mit einer Powerbank nicht durchgelassen.

Eine lange Allee führte zum Grenzübergang und immer wieder gab es Verkaufsstände mit allerhand grün- weiß-safran-gestreiften Souvenirs.

Als Prabhu und ich bei der Tribüne ankamen, waren unsere Freunde und Suriyan bereits außer Sichtweite. Die Grenzsoldaten wiesen uns, dank meiner weißen Haut, zu den besseren Plätzen auf die rechte Seite. In der 2. Sitzreihe setzten wir uns zwischen die vielen ausländischen Besucher. Da die Sonne sehr unangenehm blendete, kauften wir jetzt etwas widerwillig auch zwei Caps und mein Liebster entdeckte für meine Kühlschrank-Magnet-Sammlung auch noch einen Attari-Wagah-Border Magneten.

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Die Tribünen füllten sich immer mehr. Suriyan und unsere Reisegefährten entschlossen sich, den Platz nicht mehr zu wechseln. So erlebten wir die Grenzschließung aus der Nähe von der rechten, sonnigen Seite und sie aus der Ferne von der linken, schattigen Seite. Was für eine Symbolik!

Die meisten Inder sind Patrioten und sehr stolz auf ihre Armee und insbesondere auf die Border Security Force. Diese leisten an den Grenzen auch unglaubliche und gefährliche Dienste. Bei uns im Süden bekommt man davon, da wir so weit entfernt sind, natürlich kaum etwas mit.

Etwa 10 Minuten nachdem wir Platz genommen hatten, fuhr der letzte Reisebus dieses Tages mit grossem Jubel nach Lahore.

Kurz darauf ohrenbetäubende indische Musik! Die vielen Menschen auf den Tribünen jubelten und johlten. Frauen und Mädchen durften auf indischer Seite mit Nationalflaggen, die ihnen von Grenzsoldatinnen übergeben wurden, hin und her laufen und danach ausgelassen tanzen.

Danach begann die militärische Show. Die Border Security Force marschierte erst mit Hunden der Grenze zu. In den khakifarbenen Uniformen und den roten Fächerhüten erinnerten sie mich mit eher an Gockel, als an Soldaten. Synchronisiert mit der pakistanischen Grenzwache, die ähnliche Uniformen in Schwarz trugen, begann das Spektakel. In Stechschritten, bei denen ich schon fast beim Zuschauen einen Bandscheibenvorfall kriegte, marschierten sie aufeinander zu. Sie kickten theatralisch mit den Füssen in die Luft und zeigten einander die Fäuste. Die Zuschauer auf beiden Seiten wurde zusätzlich angeheizt. „*Bharat Mata ki Jai!“, schrie das indische Publikum immer wieder, sodass mir fast das Trommelfell platzte.

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Ich muss sagen, dass mich das Ganze etwas traurig stimmte und Prabhu ging es ebenso. Auch viele im Publikum erhoben Richtung Pakistan ihre Fäuste. Ich weiß, dass die beiden Länder eine schlimme, problematische Vergangenheit haben und bin mir bewusst, dass auch heute noch viele Konflikte bestehen. Doch die Wut gegeneinander so mitzuerleben, gab mir doch zu denken.

Endlich wurden dann die riesigen Flaggen auf beiden Seiten eingeholt und penibel gefaltet. Ich war froh, dass in der einstudierten Choreografie am Schluss noch ein Händedruck zwischen Indien und Pakistan zustande kam.

 

*Bharat Mata ist die Personifizierung Indiens als Mutter. Das Motto „Bharat Mata ki Jai“ bedeutet soviel wie „Sieg für Mutter Indien“. Es wird vor allem in der indischen Armee gebraucht.

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Informationen zum Goldenen Tempel von Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Mehr über die Geschichte des Punjabs findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

1984 wurde der Goldene Tempel von der indischen Armee gestürmt. Mehr Informationen dazu findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Jallianwallah Bagh, Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/30/jallianwala-bagh-in-amritsar/

 

 

 

 

 

 

Ausgezogen – Neues von meinen Palmhörnchen

rosa mit litschi

Das Interesse an meinen Palmhörnchen ist ungebrochen und immer wieder werde ich nach den beiden gefragt.

Seit meinem letzten Bericht anfangs Dezember hat sich viel verändert. Kurz nach meinem Blogartikel ist Speedy nicht mehr nach Hause gekommen. Leider weiß ich nicht, was passiert ist. Die beiden gingen oft aufs kleine Vordach unserer Nachbarin, um dort Reste zu schmausen. Neulich jedoch entdeckte ich dort eine Katze, die auf der Lauer lag. Ob Speedy nun im Magen der Katze gelandet ist, oder ob er von einem andern Männchen aus dem Revier vertrieben wurde – es wird ein Rätsel bleiben.

Meine kleine Rosa jedoch kehrte zuverlässig, wenn es dunkel wurde, zu ihrem Nest in zurück. Sie schien Speedy zu vermissen, wurde wieder zutraulicher, ließ sich von mir streicheln und natürlich habe ich angefangen, mein Mädchen zu verwöhnen. Da sie Litschis so gerne mag, kaufte ich die teuren Früchte wieder vermehrt. So gab ich ihr abends immer ein kleines *Bettmümpfeli, das sie liebend gern in ihr Nest nahm, um daran zu knabbern. So vergingen die Wochen. Wenn ich am Abend im Badezimmer das Licht anmachte, streckte mein Mädel umgehend ihr Köpfchen raus und wartete auf ihre Litschi oder auf eine Karottenscheibe.

Tja, nun fing das Nest langsam an, einen Geruch zu verbreiten, der meiner Nase zusehends nicht mehr gefiel. Ich hatte grade unsere Betten frisch bezogen und freute mich schon am Nachmittag auf die frischgewaschene Bettwäsche, in der ich wunderbar schlafen würde. So dachte ich, dass sich doch auch Rosa über ein neues, nicht mehr stinkendes Nest freuen würde. Ich hatte das ganze Nest schon zuvor, als Speedy noch da war, problemlos ausgewechselt. Doch dieses Mal war alles anders. Ich glaube, Rosa war stinksauer und empört. Obwohl ich die frischen Baumwollfäden an das alte Nestplätzchen gelegt hatte, kickte sie die Fäden auf den Boden und beschloss auszuziehen. Sie schnappte sich noch eine Litschi, kletterte aus dem Fenster und blieb die ganze Nacht über weg. Tja, ihr könnt euch vorstellen, dass ich mir da natürlich Vorwürfe gemacht habe. Die Kleine wird wohl bald Junge haben und das Risiko, dass ich das ganze Nest plötzlich entsorgen könnte, war ihr sicherlich zu gross. Ich legte die Fäden zurück und arrangierte sie sogar, aber wieder lagen sie auf dem Boden und einen Teil davon schleppte sie zum Fenstergitter raus. Wahrscheinlich ist meine Süße nun definitiv ausgezogen. Sie kommt zwar vorbei, um bei Mama, d. h. von Mamas Teller, zu fressen, aber hat nun irgendwo draußen eine eigene Wohnung.

Einerseits bin ich traurig über den Auszug, andererseits auch etwas erleichtert. Wenn ich mir den Trubel und das Chaos vorstelle, wie 2-4 junge Hörnchen mein Badezimmer erobern, dann bin ich doch froh über Rosas Entscheidung. Wobei die Kleinen wären doch sooo süß….

 

*ein Bettmümpfeli ist eine kleine Süssigkeit, die vor dem Zubettgehen gegessen wird. Die Deutschen sagen dazu Betthupferl, aber das schweizerische Bettmümpfeli gefällt mir viel besser ;-).

Jallianwala Bagh in Amritsar

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In der Nähe des Goldenen Tempels liegt Jallianwala Bagh. Die heutige Gedenkstätte erinnert an das Massaker von Amritsar. Am 13. April 1919 ließ der britische Brigadegeneral Reginald Dyer hier friedlich demonstrierende Männer, Frauen und Kinder von einem Trupp Soldaten unbarmherzig niederschießen.

Friedlich und unbewaffnet protestierten die Menschen gegen den Rowlatt Act, den die Briten im März 1919 eingeführt hatten. Das Gesetz, das nach dem Richter Sir Sidney Rowlatt benannt ist, erlaubte es den Briten, jede tatverdächtige Person in Britisch-Indien ohne Gerichtsverfahren festzunehmen und einzusperren.

Da die Anlage ummauert war, konnte sie nur durch einen schmalen Weg erreicht werden. Zu entkommen, war unmöglich, da die enge Gasse durch die britischen Soldaten blockiert wurde. Viele sprangen in ihrer Verzweiflung in den Brunnen, denn es gab keinen Weg zu entkommen.

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Die enge Gasse – damals einziger Zugang
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Der heutige Brunnen als Gedenkstätte

Nach offiziellen Angaben der Briten kamen dabei 379 Menschen ums Leben und 1200 wurden verletzt, darunter viele Frauen und Kinder. Andere schätzten die Zahl der Toten auf 1000. Viele der Patroneneinschüsse sind noch heute in den Ziegelmauern zu sehen.

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Der Indische Nationalkongress kaufte daraufhin das Land für 565‘000 Rupien und errichtete eine Gedenkstätte mit Gartenanlage. In ganz Indien und auch im Ausland wurde dafür Spenden gesammelt.

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Die ewige Flamme zum Gedenken der Toten

Nach dem Massaker erschütterten heftige Proteste gegen die Kolonialmacht das Land. Der berühmte indische Dichter Tagore gab darauf sogar seine britische Ritterwürde zurück.

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Informationen zum Goldenen Tempel von Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Mehr über die Geschichte des Punjabs findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

 

1984 wurde der Goldene Tempel von der indischen Armee gestürmt. Mehr Informationen dazu findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/02/01/attari-wagah-border/

Im Land der Sikhs – die Operation Blue Star

khalistan

Bereits in den 1940er Jahren gab es im Punjab Bestrebungen einen eigenen unabhängigen Staat zu gründen.

In den 70er und 80er Jahren bekam diese Idee neuen Auftrieb. Die religiösen Minderheiten fühlten sich von der zentralen Regierung kaum vertreten. Jarnail Singh Bhindranwale entpuppte sich immer mehr zum Kopf dieser extremistischen Separationsbewegung. In seinen Reden sprach er vor allem der Jugend aus der Seele und konnte bald eine große Gruppe junger Menschen für sich und seine Ziele gewinnen. Khalistan, so sollte das neue Land der Sikhs heißen, lag jedoch in weiter Ferne.

Indira Gandhi, damals Premierministerin, sah dies mit äußerster Besorgnis. Die Kongress Partei verlor im Punjab immer mehr an politischem Machteinfluss. Mit harter Hand griff sie ein, um die Abspaltung des fruchtbaren Punjabs auf jeden Fall zu verhindern. Um der immer angespannteren Lage Herr zu werden, verlegte sie im Mai 1984 Truppen nach Punjab. Viele Verhandlungen führten zu nichts und so verschanzten sich die radikalen Separatisten um Bhindranwale, bis zu den Zähnen bewaffnet, im Akal Takht. Das Gebäude im Tempelkomplex des Goldenen Tempels gilt als der Sitz des Einen, als Sitz Gottes. Unter dem Kommando von Bhindranwale wurde der Tempel des Friedens zu einer waffenstarren Festung.

Am 3. Juni 1984 wurde der Befehl gegeben, das Areal des Goldenen Tempels zu stürmen. Mit Panzern fuhr die indische Armee vor. Das Ziel der Operation war Bhindrawale zu töten und seine Anhänger zu vertreiben. Doch genau an diesem Tag feierten die Sikhs ein Fest und mehr als 10‘000 Menschen pilgerten zum Goldenen Tempel, dem Allerheiligsten der Sikhgemeinschaft.

In der Nacht zum 4. Juni begannen die Soldaten mit der Einvernahme des Goldenen Tempels. Es kam zu heftigen Feuergefechten, die vier Tage andauerten. Am 7. Juni hatte die indische Armee ihr Ziel erreicht: Bhindranwale war tot! Mit ihn starben, laut Angaben der indischen Armee, 493 Widerstandskämpfer und Zivilisten. Die Gemeinschaft der Sikhs ging jedoch von 5000 Toten aus.

Die Zerstörung der Tempelanlage war gewaltig. Der Akal Takht und viele wertvolle heilige Schriften wurden bei Angriff vernichtet.

Doch damit war es Indira Gandhi noch nicht genug. Sie verhängte eine Nachrichtensperre über den Punjab und ließ keine Journalisten in den Bundesstaat. Um die Unabhängigkeitsbewegung des Punjabs gänzlich auszumerzen, fanden in den nächsten Monaten mehrere militärische Aktionen statt. Jugendorganisationen, Studentenverbände und Parteien wurden aufgelöst und es fanden Massenverhaftungen statt.

Viereinhalb Monate später rächten sich die Extremisten, indem sie zwei Sikh-Leibwächter Indira Gandhis dazu anstifteten, die Premierministerin am 31. Oktober 1984 zu erschießen. Dies wiederum löste, insbesondere in der Hauptstadt Neu-Delhi, eine grausame Sikh-Verfolgung aus, bei der gegen 3000 Sikhs ihr Leben verloren.

Obwohl die indische Regierung später den Akal Takht reparieren ließ, wollten die Sikhs den entweihten Bau nicht mehr nutzen und errichteten einen neuen Turm.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese schlimmen Vorkommnisse erst 36 Jahre zurückliegen.

Was diese traurigen Ereignisse wohl in der Gemeinschaft der Sikhs ausgelöst haben und noch heute für Spuren hinterlassen?

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Willst du mehr über die Geschichte des Punjabs erfahren?

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/28/das-land-der-sikhs-blutgetraenkt-und-zweigeteilt/

Mehr über den Goldenen Tempel in Amritsar findest du hier:

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Jallianwallah Bagh, Amritsar:

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Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

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Das Land der Sikhs – blutgetränkt und zweigeteilt

Unsere Reise in den Punjab hat mir sehr gut gefallen. Nach zwei Tagen in Amritsar sind wir in die Nähe von Hoshiarpur gefahren und haben dort auf einer Farm übernachtet. Obwohl es regnete, war die Fahrt dorthin wunderschön. Ich konnte mich fast nicht sattsehen an den fast endlos erscheinenden, grünen Weizenfeldern. Ab und zu sorgten gelb leuchtende Streifen mit Raps und Pappelwälder für Abwechslung. Die Dörfer, die wir durchquerten, wirkten armselig und die Straßen waren in einem sehr schlechten Zustand. Der Punjab gehört zu den reichsten Bundesstaaten Indiens. Auf dem Land spürt man jedoch von diesem Wohlstand, bis auf einige herrschaftliche Farmhäuser, wenig.

In Citrus County übernachteten wir in gemütlichen Zelten. Der Bauer und seine Familie, die eine Orangenplantage besitzen, generieren mit diesen Unterkünften einen Zusatzverdienst. Auch stehen viele Pappeln auf seinem Land. Diese werden alle fünf Jahre abgeholzt und zu Sperrholz verarbeitet. Da gerade die Orangensaison begonnen hatte, konnten wir verschiedene Sorten probieren und uns die riesige Plantage ansehen.

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Der indische Bundesstaat, der an Pakistan grenzt, ist jedoch definitiv mehr als die Kornstube Indiens.

Punjab bedeutet „das Land der fünf Flüsse“ und ist das spirituelle Zuhause der Sikhs. Der Sikhismus ist eine relativ junge Religion, die erst im 15. Jahrhundert von Guru Nanak Dev ins Leben gerufen wurde. Es gibt rund 25 bis 27 Millionen Anhänger und davon leben 75 % im indischen Bundesstaat Punjab.

Überall sieht man die schönen Männer mit ihren knallbunten Turbanen und den gepflegten Bärten. Je mehr ich über den Sikhismus lese und erfahre, desto spannender finde ich diese Religion. Es ist eine weltoffene Gemeinschaft, die versucht religiöse Weisheit ohne Dogmen und Aberglauben im Alltag zu praktizieren. Sie glauben an einen gestaltlosen Schöpfergott, der weder weiblich noch männlich ist. Das Kastenwesen lehnen sie ab und betonen immer wieder die Gleichheit aller Menschen, auch Frauen nehmen bei den Sikhs eine gleichberechtigte Stellung ein.

In den Gurdwaras, den Tempeln der Sikhs, sind auch Andersgläubige stets Willkommen. Sikhs versuchen, allen Menschen als Bruder oder Schwester zu begegnen. Seinen Wohlstand und seine Erträge mit anderen zu teilen, ist ein wichtiger Grundsatz. So führt jeder Gurdwara einen Langar, eine ehrenamtliche Gemeinschaftsküche, die kostenlos vegetarisches Essen abgibt.

Schaut man jedoch in die geschichtliche Vergangenheit des Punjabs, dann tun sich tiefe Abgründe auf. Der Punjab wurde schon früh besiedelt und ist die Wiege der Induszivilisation. Um das fruchtbare Land wurde jedoch schon immer gekämpft. In seiner Geschichte hat es Griechen, Perser, Mongolen, Mogul-Kaiser, afghanische Könige, Sikh-Herrscher und natürlich die britische Besatzung gesehen.

Bis 1605 konnte sich der Sikhismus weitgehend ungestört entwickeln. Danach änderte sich dies abrupt. Unter dem Mogulkaiser Jahangir wurde ein Zeitalter der Gewalt gegen Andersgläubige eingeleitet und die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft wurden verfolgt und getötet. Als der fünfte Guru Arjan zu Tode gefoltert wurde, beschlossen die Sikhs sich zur Wehr zu setzen und bauten ihre Streitkräfte aus. 1675 wurde der neunte Guru von den Machthabern in Delhi hingerichtet.

Der zehnte und letzte Guru Gobind Singh gründete 1699 die Bruderschaft Khalsa. Diese machte es sich zum Ziel gegen Tyrannei und religiöse Intoleranz zu kämpfen.

Nach dem Zusammenbruch der Mogulherrschaft befand sich das Land wieder im Krieg. Nach den Marathen übernahmen 1759 die Afghanen die Herrschaft. In dieser unstabilen politischen Situation gelang es dem Sikh-Herrscher Ranjit Singh, die Macht im Punjab an sich zu bringen und ein Reich der Sikhs zu etablieren. Doch nach seinem Tod 1839 zerfiel das Reich rasch und nach weiteren Kriegen wurde der Punjab 1849 von der britischen Kolonialmacht eingenommen. Die Briten hatten grosses Interesse, die Sikhs zu fördern. Sie rekrutierten viele der tapferen Sikh-Kämpfer für ihre Armee. Der Punjab spielte für die Briten eine wichtige Rolle und sie investierten viel in die Infrastruktur und in Bildungsmaßnahmen.

Ab den 1920er Jahren entwickelte sich jedoch die Unabhängigkeitsbewegung.

Im August 1947 sah sich Großbritannien gezwungen sein indisches Kolonialreich in die Selbstständigkeit zu entlassen.

Am Kartentisch zog der englische Rechtsanwalt Cyril Radcliffe die Grenze zwischen Indien und Pakistan, wobei zu diesem auch noch Ostbengalen fiel, das heutige Bangladesch. Die Radcliffe-Linie teilte die großen Provinzen Punjab und Bengalen, deren Bevölkerung etwa zur Hälfte muslimisch und hinduistisch war, faktisch in der Mitte.

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Schreckliche Gewalt auf beiden Seiten waren die Folge. Schätzungen gehen davon aus, dass auf jeder Seite rund sieben Millionen Menschen ihre Heimat verlassen mussten, um in die neuen Landesteile zu fliehen. Bis zu einer Million sollen getötet worden sein. Die Sikh-Gemeinschaft war von der Teilung des Punjabs natürlich stark betroffen und viele Sikhs waren gezwungen alles zurückzulassen und aus dem neuen pakistanischen Punjab zu fliehen. Das Machtvakuum, das die Briten durch ihren schnellen Abzug hinterliessen, nutzten einflussreiche Menschen schamlos aus, um sich Land und Besitz anzueignen oder einfach vollendete Tatsachen zu schaffen. Noch Monate später fand man an Straßenrändern zerstückelte Leichen. Die indische Stadt Amritsar, die an der Grenze zu Pakistan liegt, wurde im Zuge der wochenlangen Ausschreitungen in Schutt und Asche gelegt. Es dauerte über 5 Jahre sie wieder aufzubauen.

Die tiefen Wunden, die den Menschen durch die Teilung zugefügt wurden, sind noch heute spürbar.

Auch die Operation Blue Star (1984), die von der damaligen Premierministerin Indira Gandhi genehmigt wurde, richtete ein erneutes Blutbad gegen die Sikhs an. Doch davon mehr in einem nächsten Artikel.

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Mehr über die Operation Blue Star findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/29/im-land-der-sikhs-die-operation-blue-star/

Möchtest du mehr über den Golden Tempel in Amritsar wissen?

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/22/der-goldene-tempel-von-amritsar/

Jallianwallah Bagh, Amritsar:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/01/30/jallianwala-bagh-in-amritsar/

Informationen zum militärischen Spektakel an der Attari-Wagah-Border findest du hier:

https://meinlebeninindiendotblog.wordpress.com/2019/02/01/attari-wagah-border/