6 Rupien gegen die Armut – aus meinem Tagebuch vom Mai 2007

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Wir stehen an der roten Ampel. Es wird heiss in der Autorikscha. Der Fahrtwind bleibt aus und die Abgase beginnen mich langsam einzunebeln. Sofort entdecke ich den alten Greis, der sich auf Auspuffhöhe am Strassenrand, auf Händen gehend, einige Rupien erbettelt. Seine Beine sind vollständig verkrüppelt, nur noch Haut und Knochen. Der Motorradfahrer neben uns gibt ihm zwei Rupien und als er mit mir Blickkontakt wechselt, suche ich schnell einige Münzen zusammen. 6 Rupien sind es insgesamt. Die Ampel wechselt auf grün und wir fahren los. Es fühlt sich nicht gut an. 6 Rupien gegen die Armut!

Die Schere zwischen Wohlstand und Armut auszuhalten, ist jedes Mal ein Bauchkrampf. In unserem Wohnquartier bin ich von solchen Bildern weitgehend verschont, habe einen gewissen Schutzraum. Täglich diese Bilder auszuhalten, würde ich längerfristig wohl nicht schaffen.

Ich bin froh, dass ich jeweils Prabhus Bettler-Regeln anwenden kann, denn in solchen Situationen bin ich emotional einfach überfordert.

Bettelnde Frauen mit Kleinkindern auf dem Arm bekommen nichts. Oft werden die Kinder scheinbar gemietet und mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt. Auch Kinder bekommen in der Regel nichts, ganz sicher kein Geld. Manchmal gebe ich Biskuits oder Früchte, die ich grade in der Tasche habe oder ich kaufe etwas zum Essen im nächsten Laden. Ich achte darauf, dass die Päckchen stets geöffnet sind, denn ansonsten bringen es die schlauen Kerlchen einfach in den Laden und verkaufen es wahrscheinlich für einen geringeren Preis an den Ladenbesitzer zurück. Nur alte oder stark beeinträchtigte Menschen, bekommen von uns Geld. Meistens gebe ich je nach Kleingeldsituation in meinem Portemonnaie 5 bis 10 Rupien.  Diese Klarheit überträgt sich meistens und die Bettler geben auf und ziehen nach kurzer Zeit weiter. Diese Menschen haben einen sechsten Sinn ausgebildet, um ein kleinstes Zögern wahrzunehmen und können dann sehr hartnäckig und aufdringlich sein. Dieses Elend beschäftigt mich, lässt mich hilflos zurück.

Kehre ich jedoch in mein neues Zuhause zurück, erfüllt mich eine grosse Dankbarkeit für all den Reichtum und das Glück, das hier auf mich wartet…

 

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Füttern durch Verfolgen – aus meinem Tagebuch vom April 2007

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Am Frühstückstisch ist es wieder der Fall, dass unser Sohn nicht richtig essen mag. Ich mache mir deswegen keine Sorgen, nehme es gelassen, vertraue darauf, dass unser Sonnenschein sich schon das nimmt, was er braucht und das tut er auch. Mein Mann hat jedoch ständig das Gefühl, dass unser Sohn zu wenig isst und stresst mit der Esserei. Dabei ist unser Sohn gewichtsmässig völlig in der Norm. Kaum ist Suriyan nur etwas erkältet, meinen unsere indischen Verwandten sofort, dass er Gewicht verloren hat!

Schnell merke ich, dass indische Mütter und Väter komplett anders ticken. Eine indische Mutter trägt das Essen dem Kind nach, überall hin und füttert es auf dem Sofa, auf dem Fahrrad, ….. Ob es sitzt, steht, rennt oder am Boden krabbelt, ist egal. Die Hauptsache ist, dass die Nahrung aufgenommen wird. Das Kind selber essen zu lassen, ist hier nicht üblich und die Fütterei dauert teilweise bis ins Schulalter. Ich, aus der Schweiz kommend, zweifle diese Methode natürlich an, finde dies, na ja wie soll ich sagen, eher Essensverwöhnung oder Essensverziehung? Ich vertrete die These „Üben der Tischsitten“, denn was gibt es Schöneres als harmonisch am Familientisch zu sitzen und gemeinsam das feine Essen zu geniessen? Das ist doch wahrlich ein Kulturgut, das es zu erhalten gibt. Hier in Indien findet gemeinsames Essen mit der ganzen Familie weniger statt. Meistens bedient die Hausfrau die Familie und isst dann später alleine.

Doch heute, ich weiss nicht, was mich dazu getrieben hat (war wohl indisch inspiriert), habe ich diese indische Fütterung durch Verfolgung ausprobiert. Resultat: Es funktioniert! Sogar sehr gut! Im Hof draussen hat unser Suriyan doch tatsächlich ein ganzes Dosai mit Drumsticks gegessen und Prabhu, der draussen die Zeitung las, murmelte etwas von Fitnessprogramm für die Mutter.

Arrangiert in die Ehe

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Ehen werden in Indien arrangiert. In den Städten kommt es zwar immer häufiger zu Love Marriages, aber die meisten Ehen werden immer noch von den Eltern angestiftet. Sonntags sind die Zeitungen voll mit Anzeigen von heiratswilligen Frauen und Männern. Wer mit möglichst guten Karten dastehen will, hat ein reiches Elternhaus, eine möglichst helle Haut, eine gute Ausbildung und noch besser Aussichten auf einen gut bezahlten Job im Ausland. Viele junge Frauen und Männer verwenden aufhellende Hautcremes, um dem Schönheitsideal der hellen Haut zu entsprechen und die moderne junge Frau trägt auf dem Motorrad lange Baumwollhandschuhe und verhüllt ihr Gesicht damit ihre Hände, Arme und Gesicht nicht von der Sonne gebräunt werden. Viele Westler dagegen legen sich trotz der gefährlichen UV-Strahlen an die Sonne oder gehen ins Solarium, um nicht wie Weichkäse auszusehen! Es scheint immer das attraktiv und schön zu sein, was von der Natur aus nicht so gedacht ist.

Obwohl das Kastensystem eigentlich als aufgelöst gilt, heiratet man immer noch in der gleichen Kaste. Praktisch sind die Inserate nach Religion und Kaste gegliedert, so dass man nicht lange suchen muss. Heutzutage werden natürlich auch moderne Medien wie  Dating Apps und spezialisierte Webseiten für die Wahl des zukünftigen Ehepartners genutzt. Die Firma Bharat Matrimony hat sich als Ehekuppler spezialisiert und ist in allen Medien stets präsent. Auch Dating wird angeboten. Die Interessierten bewerben sich und werden danach zum grossen Dating-Anlass geladen. Begleitet von den Eltern, natürlich mit der Horoskopzeichnung unter dem Arm, versucht man an den entsprechenden „Kastentischen“, die von der Firma hergerichtet wurden, den passenden Ehepartner zu finden. Wenn beide Parteien interessiert sind, geht es los. Die Horoskope werden von einem Astrologen gesichtet, verglichen und bewertet. Wenn die Sterne in der richtigen Konstellation stehen, dann werden die zukünftigen Eheleute und ihre Familien unter die Lupe genommen. Erkundigungen werden angestellt, gegenseitige Besuche finden statt, Verhandlungsgespräche werden aufgenommen … Wenn alles passt, kommt es schliesslich zur genauen Planung der Verlobungs- und schliesslich zur Hochzeitsfeier.

Obwohl die Mitgift eigentlich verboten ist, beginnt mit der Geburt eines Mädchens das grosse Sparen. Von der Seite der Braut werden nicht selten Hochzeitsgaben in der Höhe von mehreren Jahreseinkommen erwartet. Das dies für viele Familien, vor allem wenn mehrere Mädchen vorhanden sind, eine grosse finanzielle Belastung darstellt, liegt auf der Hand. Dazu kommt, dass die Tochter nach der Heirat das Elternhaus verlässt und in der Regel bei den Schwiegereltern lebt. Ein Sohn dagegen bleibt und ist für die Altersvorsorge der Eltern verantwortlich.

Die Bestimmung des Geschlechts durch Ultraschall ist in Indien inzwischen zwar streng verboten und unter hohe Strafen gestellt, trotzdem werden immer noch viele weibliche Föten illegal abgetrieben und in ländlichen Regionen scheiden viele weibliche Säuglinge nach der Geburt durch „Unfälle“ aus dem Leben.

Der Männerüberschuss ist in Indien bereits deutlich spürbar und auf 1000 Männer kommen noch 924 Frauen (Statistik 2015). In den nördlichen Bundesstaaten ist der Frauenmangel viel akuter als im Süden. In Haryana kommen laut der letzten Volkszählung im Jahr 2011 nur 877 Frauen auf 1000 Männer. Hier in Tamil Nadu ist das Verhältnis ziemlich ausgeglichen. Dazu beigetragen hat sicherlich auch ein Programm, das bedürftige Familien bei der Geburt eines Mädchens mit finanziellen Beträgen unterstützt. Als einmalige Spareinlage bekommt eine arme Familie mit einem Mädchen 22.000 Rupien, bei zwei Mädchen für jedes 15.200 Rupien. Dazu kommen monatlich 150 Rupien für Ausbildungskosten ab dem fünften Lebensjahr und wenn das Mädchen heiratet, bekommt es noch nochmals 25.000 – 50.000 Indische Rupien und vier Gram Gold.

Ich wünsche mir sehr, dass durch den Frauenmangel in Indien Veränderungen möglich werden. Das Kastenwesen und das vorherrschende Patriarchat sollten dringend erneuert und gelockert werden. Doch letztendlich sind es immer die Menschen und ihre Denkweisen, die Veränderungen zu lassen oder an alten Mustern festhalten.  Ich befürchte, dass dies wohl noch längere Zeit dauern wird.

Am Strand

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Heute äussert Suriyan wiedermal den Wunsch an den Strand zu fahren. So buche ich am späten Nachmittag einen Calldriver und wir fahren zum Besant Nagar Beach. Schon länger waren wir nicht mehr dort. Als Suriyan klein war, gingen wir regelmässig ans Meer und liessen ihn im Wasser plantschen und spielen. Es ist eigentlich alles immer noch genauso wie vor Jahren: Das Karussell mit den Holzpferdchen, das kleine Rad, der Ballon-Schiessstand und auch die Maiskolbenröster richten langsam ihre Stände ein. Irgendwie überkommen mich nostalgische Gefühle!

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Leider ist der Strand sehr verschmutzt, überall liegt Müll herum und ich ärgere mich, dass ich keinen Plastiksack und Handschuhe zum Sammeln mitgenommen habe. Ich hätte Zeit etwas für meine Umwelt zu tun. Ich merke, dass ich jetzt einfach ausblenden muss, denn ansonsten kann ich diese Stunden nicht geniessen. So richte ich meinen Blick einfach auf die schäumenden Wellen, den wunderbaren Wolkenhimmel und auf das heitere Treiben rundherum.

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Suriyan ist wie immer sofort im Wasser. Und auch hier staune ich wie sich mein fast 14-jähriger Sohn immer noch für Stunden mit Wasser, Muscheln und Sand beschäftigen kann. Ein richtiger Wassermensch!

In Indien kennt man keine Badekultur. Die meisten können nicht schwimmen und Frauen gehen höchstens mit der ganzen Kleidung ins Wasser. Das Meer hier ist gefährlich, es hat starke Strömungen und leider liest man immer wieder von Übermütigen, die nicht mehr ans Ufer zurück schwimmen können und ertrinken. So plantschen und vergnügen sich alle am Rand der Bengalischen See.

Ich setze mich auf meine Schuhe am Strand, höre dem Meeresrauschen zu, beobachte meinen Sohn und was um mich herum passiert und merke, wie es mich runterfährt und beruhigt. Es dauert nicht lange und die erste Handleserin kommt auf mich zu und will mir die Zukunft voraussagen. Sie meint mir was Wichtiges mitteilen zu müssen, aber ich wimmle sie schliesslich erfolgreich ab. Langsam kommen immer mehr Menschen an den Strand. In Chennai ist man niemals allein.  Viele Familien mit Kindern sind unterwegs, aber mit der kommenden Dunkelheit sieht man auch immer mehr verliebte Pärchen. In der Dunkelheit können sie das meist verbotene Zusammensein geniessen. Eine Glocke reisst mich aus meinen Gedanken. Der Zuckerwattenverkäufer! Immer noch gibt es diese künstlich, pinken Zuckerwatten, die ich nie und niemals essen würde.

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Der Strand ist voller Leben und natürlich ist es auch ein guter Ort um Geschäfte zu machen. Junge Männer sind mit Pferden eingetroffen um Kunden fürs Reiten zu gewinnen und der Ballonverkäufer quietscht eifrig mit seinen Ballons um sein Geschäft anzukurbeln. Es kommt ein Mädchen mit Wasserbeuteln vorbei, ein Mann mit Tee, ein Zukunftsleser mit einem Papagei, ein Flöten- und Seifenblasenverkäufer, eine weitere Handleserin, … Strand-Business!

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Langsam überzeuge ich meinen Sohn, der sich halb eingebuddelt von den Wellen umspülen lässt, diesen geschäftigen Ort zu verlassen…

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Kerzenlicht – aus meinem Tagebuch vom Februar 2007

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Draussen ist es bereits dunkel, als ich mit Suriyan bei unserem Gemüsehändler Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln, weisse Rüben und Chilischoten kaufe. Da flackert das Licht kurz auf und stockdunkel wird es. Das ist Indien! Unberechenbar, unzuverlässig, abenteuerlich und immer wieder schlägt es zu.

Langsam ertastend schleiche ich ins Haus mit dem Ziel die Taschenlampe im Schlafzimmer zu suchen, um etwas Licht ins Dunkle zu bringen. Nachdem ich die Hindernisse, die Suriyan spielender Weise auf dem Weg hinterlassen hat, erfolgreich überwunden habe, gelingt dies auch. Ein schwacher Lichtkegel spendet Licht. „Muss unbedingt die Batterien auswechseln“, denke ich und schnappe mein Portemonnaie. Unser Suriyan ist noch da, in guter Obhut bei Gemüse-Mama, Wächter-Thaatha und Mina-Paati, unserer Köchin. Er findet es spannend im Dunkeln und als ich mit der Taschenlampe auftauche, ist er begeistert und will sie umgehend in Besitz nehmen, aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Ich bezahle die 40 Rupien und  wir gehen ins Haus. Die Kerzen, die ich für solche Fälle stets bereit habe, werden angezündet und nun ist unser Goldschatz gänzlich happy. „Kerze blase“, meint er erfreut und ich erkläre ihm ruhig, dass dies nun wirklich nicht die Absicht sei. Da stehen wir nun und bevor ich mir Gedanken über den Energieverbrauch und die Selbstverständlichkeit des Konsums machen kann, wird  mütterliche Kreativität gefragt. Suriyan ist voll Power und das Abenteuer hat ihn gepackt. Was macht Mutter bei Stromausfall in der Dunkelheit?

Ich entscheide mich schliesslich ganz pädagogisch für Bilderbücher. Mit der Taschenlampe bewaffnet legen wir uns aufs Bett und suchen das imaginäre Abenteuer. Wir schwimmen mit Swimmy, dem kleinen Fisch durchs Meer, zaubern mit der Hexe Zilli und fahren mit Ted’s Traktor über die Äcker. Die Zeit vergeht,… stromlos.

Es ist Essenszeit geworden und ein Candle Light Dinner wird mit Taschenlampe vorbereitet. Suriyan ist mehr vom Candle Light fasziniert als von dem Essen, das auf seinem Teller liegt. Da, endlich wird es wieder hell, die Neonröhre erhellt den Raum in einem ungewöhnlich, grellen Licht. That’s India!

*In Indien ist es normal auch Menschen, die nicht mit einem verwandt sind mit Onkel, Schwester, Grossvater, … anzusprechen. Auf Tamil: Mama = Onkel, Thaatha = Grossvater, Paati = Grossmutter

So rufen mich hier wildfremde Kinder Aunty, was ich anfangs sehr befremdend fand.

Gruppenerlebnis mit über 48’000 Menschen – aus meinem Tagebuch vom Januar 2007

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Cricket ist der Nationalsport Indiens. Das Interesse und die Begeisterung scheint alle zu packen vom Kleinkind bis zum Greis, unabhängig vom Geschlecht oder der Religionszugehörigkeit. Was keine politische Partei oder Religion schafft, gelingt dem Cricket-Sport problemlos, er verbindet alle Menschen Indiens zu einer Nation.

Da Cricket von den ehemaligen Kolonialherren nach Indien und auch in die andern Kolonien gebracht wurde, ist der Erfolg dieser englischen Sportart erstaunlich. Bei einer Länderspielübertragung sitzt die halbe Nation vor dem Fernseher und fiebert mit. 600 Millionen US Dollar wurden für die Ausstrahlungsrechte hingeblättert. Die Spieler der Nationalmannschaft werden gefeiert wie Nationalhelden und brauchen Bodyguards um sich in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Ende Januar erlebte ich meinen ersten Cricket-Match, ein Länderspiel West Indies (Karibik) gegen India. Ein Länderspiel dauert vier Spieltage und der dritte wurde in Chennai gespielt. Da Indien bereits zwei Siege zu verzeichnen hatte, stand für sie nicht viel auf dem Spiel, denn verlieren konnten sie im Gesamten gar nicht mehr. Mit der Autoriksha tuckerten wir zum Stadion, wo wir auf viele Fans in ausgelassener Stimmung trafen. Indienfähnchen und -fahnen wurden geschwungen und die ersten Schlachtrufe erhallten. Unsere Tickets, die Prabhu für den Preis von 240 Franken erstanden hatte, mussten wir sicherlich sechs Mal vorzeigen bis wir schliesslich auf unseren Plätzen sassen. Der Inhalt meiner Handtasche wurde zweimal durchsucht, als ob ich eine Waffe oder sonst was Verbotenes mitführen würde! Aber wahrscheinlich war es für die Polizistinnen einfach spannend ihre Neugier zu stillen und mal in eine Handtasche einer Weissen zu schauen. Habe meinem Ehegatten wegen der nicht ganz preisgünstigen Tickets, die mein Haushaltsbudget übersteigen, natürlich die Leviten gelesen, aber er hat sich elegant mit der Methode „Honig ums Maul schmieren“, die jede Frau gerne hört, herausgeredet. „Dies doch dein erster Cricketmatch. Für dich ist doch nichts zu teuer,….“ Dabei ist er schlicht und einfach ein indischer Cricketfanatiker!

Die Tickets waren übrigens zwei Stunden nach Verkaufsstart alle weg und wurden danach auf dem Schwarzmarkt zu stolzen Preisen weiterverkauft. Eigentlich habe ich für die teuren Tickets einen speziellen Logeplatz erwartet oder wenigstens einen kleinen Schwatz mit dem Superstar Rahul Dravid oder Sachin Tendulkar, aber daraus wurde nichts. Ganz gewöhnliche hellgrüne Kunststoffschalen-Sitze, in langen Reihen aneinander gehängt, erwarteten uns und da sah ich, dass sich viele 240 Franken für ein Cricketspiel leisten können. (Die billigsten Plätze kosten übrigens 12 Franken.) Im Publikum sassen viele Männer, aber auch kleine Gruppen von jungen Frauen, Ehepaare und ganze Familien von den Kids bis zu den Grosseltern.

Da ein Cricket-Match mindestens sieben Stunden dauert und ich mich nicht einen ganzen Tag auf einem hellgrünen Schalensitz langweilen wollte, musste ich mich wohl oder übel mit den Cricket-Spielregeln auseinandersetzen. Wikipedia hilft in solchen Fällen immer weiter und macht Unwissende etwas schlauer. Gerne verschone ich euch von einer langen Abhandlung der Spielregeln. Ganz kurz gesagt: Cricket ist eine komplizierte Form von Brennball. Die Stimmung des Matchs mitzuerleben, war wirklich ein Erlebnis. „U-A-India“ wurde geschrien, Wellen aus Menschenhänden gingen rundherum durchs Stadion, die geliebten Stars wurden angefeuert. Plötzlich standen alle um uns herum auf und spähten interessiert, neugierig zur linken Publikumstribühne. Ein Filmstar aus Tamil Nadu hat sich scheinbar den Cricketmatch mit seiner Familie angeschaut.

Auch für die Verpflegung wurde gesorgt. An vielen Ständen konnte man sich warmes Essen, Snacks und Getränke kaufen. Doch viele nahmen sich das Essen von daheim mit. Mutters Küche schmeckt eben doch am besten. Dass man innerhalb von 7 Stunden Spielzeit auch mal ein stilles Örtchen aufsuchen muss, liegt auf der Hand. Doch bei zwei Toiletten für die Ladies in unserem Sitzbereich, wo eine durch Verschmutzung ausser Betrieb war, zeigte sich dies gar nicht so einfach… Indien lässt wieder mal grüssen!

Die Inder starteten als Schlagmannschaft und mit dem jungen Spieler Robin Uthappa gelang ihnen ein fulminanter Anfang. Er erzielte mit genialen Schlägen 70 Runs, eine beachtliche Leistung. Doch die West-Indies entschieden das Spiel letztlich doch ziemlich klar für sich. Als sich zeigte, dass Indien mit grosser Wahrscheinlichkeit verlieren würde, leerte sich das Stadion zunehmend. Scheinbar können es die Inder nicht ertragen, ihre Helden verlieren zu sehen. Ganz toll fand ich, dass nicht nur für die eigene Mannschaft applaudiert wurde, gute Schläge der West Indies wurden auch Beifall spendend zur Kenntnis genommen und als der Superstar der West Indies, Lara (mal einen Namen, den ich mir gut merken kann!), das Spielfeld verliess, wurde ihm richtig zu gejubelt.

Als das Spiel zu Ende war, wurde der beste Spieler des Tages geehrt, die beiden Captains gaben ein Fernseh-Interview und wir fuhren mit dem Bus für je drei Rupien heimwärts…

Schnipsen und klatschen im Tempel

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Vielleicht habt ihr beim Besuch eines Shivatempels auch schon beobachtet, dass Besucher bei einem bestimmten Gott immer die Finger schnipsen oder leise in die Hände klatschen. Als ich meinen Mann darauf ansprach, wusste der auch nicht so richtig Bescheid. In solchen Fällen hilft meistens mein Schwiegervater weiter, denn er verfügt über ein enormes Wissen, wenn es um die hinduistische Götterwelt geht.

„Das ist Chandikeswarar“, sagt er sofort. Er sei der Hüter und Bewacher des Tempels und eigentlich sei es falsch zu klatschen oder schnipsen, denn Sri Chandikeswarar sei in tiefer Meditation mit Lord Shiva verbunden und man sollte ihn nicht stören. Bevor man den Tempel verlasse, sollte man ihm einfach beide Hände hinhalten um zu zeigen, dass man nichts aus dem Tempel gestohlen hat.

In früheren Zeiten war es so, dass in den Tempeln der ganze Reichtum des Landes aufbewahrt wurde. So war es Brauch immer Chandikeswarar aufzusuchen, bevor man den Tempel verliess.

Chandikeswarar hält seine Waffen bereit um für Gott Shiva in den Krieg zu ziehen. Wer sich unsachgemäss an einem Tempel bereichert, begeht eine grosse Sünde und seine Nachkommen müssen dafür büssen.

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Natürlich gibt es auch über Lord Chandikeswarar eine wunderbare Geschichte.

Vichara Sarman wurde im Dorf Senganoor (Tamil Nadu) geboren. Schon als Kind war er Lord Shiva zugewandt. Als er fünf Jahre alt war, beobachtete er wie ein Mann eine Kuh schlug und sofort schritt er ein. „Weisst du eigentlich nicht, dass eine Kuh heilig ist? Alle Gottheiten ruhen in ihr! Unsere Aufgabe ist es die Kühe zu beschützen und nicht sie zu schlagen!“, rief er erbost und beschloss, dass er nun auf die Kühe acht geben würde.

Von diesem Tage an hütete der Junge die Kühe und sorgte für sie. Alle konnte beobachten, dass die Kühe nun gesünder waren und mehr Milch gaben.

Eines Tages formte er aus Schlamm und Erde des Flusses Manniyar einen Lingam für Lord Shiva. Täglich schmückte er den Lingam mit frischen Blumen und goss Milch darüber und betete und meditierte um Shiva zu ehren.

Dies blieb nicht unbemerkt und nach ein paar Tagen kam seinem Vater zu Ohren, dass sein Sohn Milch verschwenden würde. Am nächsten Tag folgte er seinem Sohn heimlich. Als er sah, wie er Milch über den Lingam schüttete, wurde er zornig und schlug seinen Sohn mit einem Stock und der Lingam fiel zu Boden. Da nahm der Junge den Stock und schlug auf das Bein seines Vater ein. Durch Shivas Willen verwandelte sich der Stock zu einer Axt und der Vater verlor dadurch sein Bein und sein Leben. Vichara war so in seinen Gebeten zu Lord Shiva vertieft, dass er dies nicht einmal bemerkte. Da erschien Lord Shiva und seine Frau Parvati.

Shiva sprach:“ Ich segne dich mein Kind. Meinetwillen hast du deinem Vater das Bein abgeschnitten. Doch er soll wieder leben und sein Bein zurückerhalten. Von jetzt an bin ich dein Vater. Du sollst Chandikeswarar genannt werden. Du hast mich mit Blumen und Milch geehrt und mich lobpreist, genauso sollst du jetzt verehrt werden.“

Seither wird Lord Chandikeswarar in jedem Shiva Tempel verehrt. Meistens findet man ihn, sein Blick immer gegen Süden gerichtet, in einer Ecke, wo er den Tempel bewacht.